Im Wettbewerb mit den Toten

Runderneuerung Das "Jahr der Innovation" (Gerhard Schröder über 2004) ist vorbei, aber das Neue keine Frage des Agenda-Settings. Ein Gespräch zum Jahresanfang mit dem Philosophen und Kunstwissenschaftler Boris Groys

Freitag: Boris Groys, was ist das Neue?
Boris Groys: Zunächst ist das Neue etwas ganz Altes. Es gibt nichts Traditionelleres als die Orientierung am Neuen. Um unsere Zeit und uns selbst von den vorangegangenen Generationen und Zeiten zu unterscheiden, brauchen wir das Neue. Und selbst wenn die Postmoderne behauptet, es gebe nichts Neues mehr, bleibt sie ex negativo noch der modernistischen Tradition unserer Kultur verhaftet. Auf der anderen Seite ist das Neue eine Konvention. Besonders deutlich wird das in der Mode, in der altbekannte Elemente neu kombiniert werden, verschiedene Rocklängen mit verschiedenen Mustern und Farben zum Beispiel. Damit ist die Modeindustrie die Reinform der Wirtschaft.

Was genau meinen Sie mit dem Neuen als Konvention?
Konvention im Sinne von Fiktionalisierung. Mein Vater war Spezialist für Stromübertragung, er hat mich schon früh das Phänomen des Stroms verstehen gelehrt. Elektrizität ist der Effekt einer Differenz ohne Ursprung; man kann nicht einen Ausgangspunkt für den Strom benennen, sondern es gibt zwei Pole. Es ist falsch, von einer Stromquelle zu sprechen, das ist eine Fiktionalisierung des Phänomens. Ein weiterer interessanter Schritt der Fiktionalisierung ist es dann, dem Strom eine Farbe zuzusprechen, zum Beispiel gelb.

Brauchen wir das Neue, als Fiktion oder als tatsächliche Innovation?
Die Wirtschaft, die Technik befinden sich im Zustand des ständigen Wechsels. Deswegen ist es schwierig, im Kontext der Wirtschaft über das Neue zu sprechen. In der Wirtschaft wird das Alte nämlich gleich entsorgt, sobald es sich nicht mehr verkauft. So kann das Neue mit dem Alten nicht verglichen werden. Aber wir brauchen den Vergleich, um festzustellen, ob das Neue wirklich neu ist. Die Kunst erlaubt einen solchen Vergleich, denn frühere Kunstwerke werden nicht entsorgt. In den Archiven der Kunst wird das Alte aufbewahrt und damit der Vergleich mit der neuen Kunst ermöglicht. Die Museen, die Archive sind schwarze Löcher der Wirtschaft. Was einmal ins Museum gekommen ist, darf nicht mehr verkauft werden, es ist dem Wirtschaftskreislauf für immer entzogen. So ist, streng genommen, die Innovation nur in der Kunst möglich. In anderen Lebensbereichen gibt es nur den Wechsel. Dort ist nicht das Neue, sondern das Alte ein Problem.

Wieso ist das Alte ein Problem, wenn es auf dem Markt nicht mehr existiert?
Eben weil es als Vergleichsobjekt fehlt. Im Museum kann ich zwei Bilder vergleichen, aber in der Wirtschaft steht mir immer nur das neueste, das aktuelle Angebot zur Verfügung, aber das historische Angebot nicht mehr. Mit dem Segelschiff kann ich den Atlantik heute nicht mehr überqueren außer in sportlicher Absicht, mit dem Dampfschiff auch nicht mehr. Und nicht einmal mehr mit der Concorde. Und da ich das Alte nicht mehr kenne, kann ich das Neue auch nicht richtig genießen.

Das nennen wir Fortschritt.
Der Fortschritt ist eine ideologische Konstruktion. Jeder Mensch wird geboren, lebt, wird glücklich oder unglücklich, und stirbt. So liest sich der Roman des Lebens, immer schon. Früher hatte jeder Mensch mit Bildung eine Köchin, einen Diener. Heute haben wir Küchenmaschinen und Staubsauger. Ist das Fortschritt? Ich spreche lieber von einem Wandel der Optionen - oder der Erweiterung von Optionen: Zum Brief sind Fax, Email und SMS dazugekommen. Die Archive haben die Aufgabe, diesen Wandel, diese Erweiterung zu dokumentieren. Sie schaffen eine überindividuelle, gesellschaftlich akzeptierte Grundlage für die Interpretation und Bewertung dieses Wandels.

Welche Erkenntnis bringt uns die Option, die Welt mit Kunst zu interpretieren?
Kunst gibt uns die Möglichkeit zu unterscheiden, Epochen einzuteilen, denn wir können Kunstwerke aller Zeiten aktuell vergleichen, ein Renaissance-Portrait zum Beispiel mit einer zeitgenössischen Fotografie. Historische Regierungssysteme können wir nicht vergleichen, sie haben einander abgelöst. Der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratieff hat versucht, technische Entwicklungsphasen analog zu künstlerischen Stilepochen zu konstruieren: Dampfmaschine, Eisenbahn, Automobil, Elektronik, Computer wie Klassizismus, Impressionismus, Expressionismus, Neue Sachlichkeit, abstrakter Expressionismus, Pop Art etc. Aber technische Epochen können wir nur bedingt vergleichen. Technisch leben wir immer auf dem aktuellen Stand der Möglichkeiten, selbst wenn es weniger entwickelte Weltgegenden gibt. Gerade wenn wir ein solches Land besuchen, gelangen wir dorthin mit der neuesten Stufe der Transporttechnik, per Flugzeug.

Aber es gibt doch Technik-Museen...
Genau. Mit der Überführung ins Museum werden technische Objekte zu künstlerischen, zu Readymades im Sinne von Marcel Duchamp. Der machte einen Flaschentrockner zur Skulptur, in dem er ihn in einem künstlerischen Kontext ausstellte. Was wir ästhetisieren, machen wir museumstauglich und damit vergleichbar - und jedes von seiner Funktion befreite Ding wird im Archiv zum ästhetischen Gegenstand, ob Kunst oder Technik. Aber nicht nur die Dinge sollen ins Museum und damit unsterblich werden, sondern vor allem wir selbst. Wir unterliegen heute einer ästhetischen Pflicht: Wir müssen unser eigenes Image schaffen, um uns zu unterscheiden. Insofern hat sich die Utopie von Joseph Beuys erfüllt: "Jeder Mensch ist ein Künstler." Heute produziert jeder Politiker, ob Bush oder Bin Laden, mehr Bilder als alle Künstler. Die totale Ästhetisierung, die Fähigkeit zur künstlerischen Selbst-Einschreibung ins Bild, ist unentbehrlich geworden. Und die Welt erscheint uns heute als eine Summe von künstlerischen Installationen.

Das Neue ist also vor allem Unterscheidungsmerkmal.
Der Beweggrund für Innovation ist der Distinktionsgestus. Wir wollen uns unterscheiden. Wir wollen jeweils aktueller, cooler, avancierter sein als die anderen. Wir wollen sichtbarer sein auf dem Hintergrund des Überkommenen. Wenn wir in die Welt kommen, ist das eine Welt, in der es uns nicht gibt; wir müssen uns erst schaffen. Bei bewusster Betrachtung der Welt stellen wir fest, dass wir so gut wie abwesend sind. Die meisten von uns, bis auf die Superstars, kommen in den Medien nicht vor. Unser Leben verbringen wir damit, ein Bild von uns zu erzeugen und es dann immer weiter zu korrigieren, zu präzisieren - und dabei sterben wir. Unser Ziel ist es, uns selbst ins Weltbild zu setzen, uns zu positionieren, wie die Futuristen es wollten, eine neue, nach uns benannte Epoche einzuleiten. Alle, die nach uns kommen, sollen so sein wie wir. Damit wollen wir uns vor der Zukunft schützen, dem Vergessenwerden. Wir leben also in einer Zeit umgekehrter Metanoia: Sokrates begann im Kleinen, wir beginnen mit dem großen Ganzen, der Epoche.

Gilt diese Selbstpositionierung für Individuen oder auch für Unternehmen?
Nur Individuen können als Autoren unsterblich werden. Unternehmen und ihre Produkte wandeln sich, sie tauchen auf und verschwinden wieder. Patente werden erteilt, erneuert, erlöschen. Bill Gates hat das erkannt. Was ist schon der reichste Mann der Welt? Der Chef von Microsoft? Der Erfinder von Windows? Gates ist zum Sammler geworden. Seine Bildagentur Corbis ist das größte Bildarchiv der Welt. Und er selbst sammelt Leonardo-Zeichnungen, weil er nicht verschwinden will.

Wir stehen also in einem Wettbewerb mit der Zukunft?
Heutzutage hat jeder ein Projekt. Eine massivere Besetzung der Zukunft gab es nie. Die Agentur für Arbeit verlangt von jeder Ich-AG einen Businessplan. Natürlich sind die meisten Businesspläne unrealisierbar, es gibt einfach zu viele. Aber darauf kommt es gar nicht an. Es gibt heute viele Menschen, die den ganzen Tag nur Proposals schreiben und andere, deren Job es ist, sie zu lesen - und abzulehnen. Wir produzieren einen ungeheuren Abfall an Zukunft, an future garbage. Wir haben heute mehr Zukunft als Vergangenheit in unserer Mülltonne.

Gleichzeitig, so haben Sie einmal gesagt, befinden wir uns in einem Wettbewerb mit den Toten.
Alles Lebendige ist vergänglich, darum ist es nicht besonders wichtig. Die Toten sind eine viel ernstere Angelegenheit für uns: Auf der einen Seite sind sie tot, Gott sei Dank, aber auf der anderen Seite gehen sie uns immer weiter auf die Nerven, denn wir werden mit ihnen verglichen. Darum arbeiten wir im Grunde für sie. Als Philosoph möchte ich, dass Hegel oder Kant mich lesen und sagen: "Auf diese neue Idee bin ich nicht gekommen."

Gilt das analog für einen Physiker im Wettbewerb mit Einstein oder einen Politiker im Wettbewerb mit Bismarck? Gilt das für jeden Neuerer, jede Neuerung?
Es gilt für alles Vergleichbare. Denn das Neue bedeutet weder die Überwindung des Alten noch die Lossagung davon. Wo das Alte überwunden wird und verschwunden ist, können wir das Neue nicht mehr erkennen. Woher kommt also der Drang nach dem Neuen? Weil es mir durch die Archive verboten ist, das Alte zu tun, das heißt, die älteren Rechte der Urheber vor mir auf das schon Gesagte oder Erfundene zu verletzen - die Rechte der Toten.

Weil die Archive immer größer werden, weil immer mehr aufgehoben wird, haben es die Neuerer also immer schwerer?
Im Gegenteil. Heutzutage scheint alles und jedes neu zu sein, weil die Archive zerfallen. Darum müssen wir die Idee des immer weiter wachsenden Archivs verabschieden. Wir können den materiellen Bestand der Vergangenheit nicht mehr sichern - paradoxerweise, weil die Techniken der Archivierung sich ständig erneuern. Babylonische Keilschrifttafeln, ägyptische Hieroglyphen sind noch Jahrtausende später lesbar. Technisch erzeugte Texte werden schnell unlesbar. Wir müssen also mit den Texten, den Patentschriften, den Werken alle Mittel zu ihrer Produktion aufbewahren und funktionstüchtig halten: die Lochkartenleser, die veralteten Rechner, die überholte Software. Weil es in der Kopiertechnik ständig Erneuerungen gibt, ist das Kopieren auf eine früher ungeahnte Weise ein Problem geworden.

Wenn also das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit seine Aura verliert, wie Walter Benjamin feststellt, dann erhalten die Reproduktionsmittel im Moment ihrer Obsoleszenz eine Aura.
Ja genau, die Technik widerlegt Benjamin. Je spezifischer und umfassender die technische Zivilisation sich entwickelt, desto mehr verschwinden die Archive. Das Medium wird die Message, die Technik ist wichtiger als das Produkt. Alles ist archivierbar, ist kopierbar. Damit kommen wir in den Zustand der Auflösung der Geschichte: Das historische Gedächtnis geht verloren durch die ständige Verbesserungen der Techniken seiner Aufbewahrung. Und Innovationen wie die Neuerfindung des Rades haben wieder eine Chance.

Das Gespräch führte Jan Linders


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00:00 07.01.2005

Ausgabe 39/2020

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