Im Zug nach Frankfurt

Im Andenken an Siegfried Unseld Siebter Januar 1952. Im Zug von Ulm nach Frankfurt, zum zweiten Mal. Das erste Mal hatte ich die Fahrt im Oktober des vorangegangenen Jahres ...

Siebter Januar 1952. Im Zug von Ulm nach Frankfurt, zum zweiten Mal. Das erste Mal hatte ich die Fahrt im Oktober des vorangegangenen Jahres unternommen. Diese Fahrt hätte es, wäre es nach meinem ursprünglichen Wunsch gegangen, nicht gegeben. Denn Anfang der fünfziger Jahre wollte ich in Ulm einen eigenen Verlag gründen, mit Autoren, die ich bei meiner Verlagslehre und meinem Studium kennengelernt hatte, aber ganz wohl war mir nicht dabei. Mit diesen Autoren, so schien mir, konnte man Verleger werden - aber konnte man Verleger bleiben? Ich schrieb an den Verleger Peter Suhrkamp und bat um die Lizenz für ein Buch von Hermann Hesse. Er antwortete mir und lud mich durch seine Sekretärin Helene Ritzerfeld ein, ihn in Frankfurt zu besuchen. An das, was wir damals besprachen, erinnere ich mich nicht mehr, außer einer Sache, die nichts mit meinem Anliegen zu tun hatte. Am Schluss bat Suhrkamp mich, in seinen Verlag einzutreten; er stellte mich also ein, und ich sollte am 7. Januar 1952 beginnen.

Alles war rasch gegangen, und wenn Helene Ritzerfeld, die mit Peter Suhrkamp ein Zimmer teilte, nicht den einen oder anderen Brief an mich geschrieben hätte - ich hätte diese Anstellung wohl kaum glauben können. Jetzt, in den Tagen des neuen Jahres, fuhr ich also zu Suhrkamp.

Was lag vor mir, was erwartete mich? Hinter mir, dem eben 27 Jahre alt Gewordenen, lagen Kriegsdienst, Verlagslehre, Gehilfenprüfung, Studium, Verlagsarbeit bei JCB Mohr, Promotion, ein Jahr Arbeit im Sortiment, Gespräche mit Hermann Hesse. Nun Suhrkamp. Genauer: Peter Suhrkamp. Was erwartete mich? Ich konnte es mir nicht so recht vorstellen. Ich war damals in diesen Januartagen 1952 das siebte Verlagsmitglied, das in einen der vier schönen Räume im ersten Stock des Schaumainkai 53 einzog. Suhrkamp selbst wies mir meinen Platz neben dem Geschäftsführer Andreas Wolff an. Ich saß an einem noch neuen Schreibtisch, an dem bis vor kurzem ein Herr Rosenthal gesessen hatte, der eigentlich Gesellschafter des Verlages war oder werden sollte, der aber im Dissens mit Suhrkamp ausgeschieden und dessen Rückkehr unbestimmt war.

Das Wort "Assistent" hätte Suhrkamp nicht in den Mund genommen. Und doch war ich so etwas Ähnliches, zuständig für jüngere deutsche Literatur, aber auch für die Abteilung Verkauf und Werbung, die es damals im Verlag noch gar nicht gab. Als Max Frisch Suhrkamp besuchte, stellte mich dieser ihm als seinen "jungen Hund" vor. Eine der wenigen Erwähnungen, die es in den acht Jahren im Briefwechsel gab, fiel gegenüber Rudolf Alexander Schröder: Ich sei ein "junger Wilder", den er noch zähmen müsse.

Suhrkamp war als Verleger ein Architekt des Buches. Sein Interesse galt dem Manuskript des Autors und dem Prozess des Werdens eines Buches. Lag das Buch fertig gebunden vor, hatte es die erste Kritikerrunde im Hause und bei den Freunden bestanden, schickte er es seinen wenigen Buchhandelsfreunden zu, den Herren Saucke in Hamburg, Jokusch in Hannover, Lincke in Düsseldorf, Frau Konz in Stuttgart. Kamen auch hier freundliche Antworten, war dem, was man noch nicht Werbung nannte, Genüge getan. So gab es durchaus Arbeit für mich. Es fanden - mit den Lektoren Friedrich Podszus und später Walter Maria Guggenheimer und mir - Lektoratsbesprechungen statt, aber diese verliefen ziemlich einseitig, denn nur einer, Suhrkamp, bestimmte das Programm. Das musste auch so sein, denn allein einer verantwortete den Verlag: Suhrkamp, und der setzte oft mit seinen Entscheidungen den Verlag als solchen aufs Spiel. Er bestimmte Publikationen, die zu diesem Zeitpunkt von vornherein keinen Erfolg haben konnten und daher für den Verlag vom Ökonomischen her sehr belastend waren. Ich denke an die fünfbändige Dünndruckausgabe Rudolf Alexsander Schröders und an die zweibändige Ausgabe der Schriften Walter Benjamins, an die beginnende Proust-Übersetzung und manches andere Werk, das ohne Aussicht auf raschen Erfolg war.

Am 13. April 1944 war Suhrkamp verhaftet und wegen "Landesverrat und Hochverrat" unter Anklage gestellt worden. In den Gefängnissen geschlagen und gefoltert, wurde er schließlich im Januar ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert; dort erkrankte er an einer schweren doppelseitigen Lungen- und Rippenfellentzündung. Die Krankheit verschlechterte sich, der Tod schien sicher, doch die Nazioberen wollten Suhrkamp nicht im, sondern außerhalb des Lagers sterben lassen. So kam es am 8. Februar 1945 zu einer überraschenden Entlassung. Man hatte Suhrkamps Kräfte unterschätzt, er überlebte, aber er blieb, da die Krankheit nicht mehr geheilt werden konnte und sich durch Herz- und Kreislaufbeschwerden verschlimmerte, ein vom Tode gezeichneter Mann. "Was hielt ihn aufrecht?" fragte Hermann Kasack. Er verwies auf Suhrkamps Aufsatz von 1939 Über das Verhalten in der Gefahr. Suhrkamp beschäftigte sich dort mit dem richtigen Verhalten des Menschen: "Er wird nicht handeln, wie es seiner Erhaltung, sondern wie es seiner Bedeutung zukommt." "Jede dieser Formulierungen", urteilte Kasack, "kann als Schlüsselwort für ihn selber gelten. Er hat nichts getan, um sein privates Leben zu erhalten. Sein Handeln wurde durch die Aufgabe bestimmt, der er sich verpflichtet wusste. Aus der präzeptorischen Anlage seiner Natur entwickelte sich das Herrscherliche seines Wesens. Er war aus bäuerlichen Gnaden ein Edelmann, ein Herr. Daher das Unbeugsame seines Charakters. Ein Herr beugt sich nicht."

1945 begann wieder ein Interregnum. Am 4. Oktober erhielt Suhrkamp als erster deutscher Verleger in Berlin von der britischen Militärregierung eine Lizenz für einen Buchverlag: ein Photo zeigt den historischen Augenblick, den wohlgenährten britischen Offizier und die gebeugte, ausgemergelte, hohe, schlanke Gestalt des Verlegers. Behutsam setzte er mit seiner Produktion ein. Unvergessen sein erstes und einziges (Suhrkamp wiederholte sich nie!) Taschenbuch für junge Menschen, in dessen unausgesprochenem Mittelpunkt die Figur des Heimkehrers steht, des Menschen, der nach neuen Werten sucht.

Mit den zurückkehrenden Erben von Samuel Fischer verstand er sich nicht mehr. Zu viel hatte er erlebt und eingesetzt, um nun zu schnellen Geschäften bereit zu sein und einen Standard anzunehmen, der nicht der seine war. Suhrkamp war eigensinnig genug, lieber auf das Ganze zu verzichten. Doch Autoren und Mitarbeiter, insbesondere Hermann Hesse, bestürmten ihn, nicht zu verzichten und den Verlag nicht zurückzugeben. Hesse schrieb ihm: "... oder sollen wir beide einen Verlag anfangen?"

Schließlich - die lange Geschichte ist gut bezeugt - kam es zu einem Vergleich. 48 Autoren, die Suhrkamp während der Nazizeit in Deutschland publizieren konnte, durften votieren, ob sie im zu restituierenden alten S. Fischer Verlag bleiben oder von Suhrkamp in dessen neuem Suhrkamp Verlag verlegt werden wollten. 33 Autoren entschieden sich für Suhrkamp, darunter und an erster Stelle Hermann Hesse. Als zweiter wichtiger Autor kam Bertolt Brecht mit seinen Rechten und Werken hinzu. Diese beiden Autoren waren die Basis für den am 1. Juli 1950 neu gegründeten Suhrkamp Verlag.

Noch neun Jahre sind Suhrkamp vergönnt, Jahre des Planens, Denkens, Realisierens, immer wieder vom Krankenlager und von Aufenthalten in Krankenhäusern und Sanatorien unterbrochen. Das große Verlagswerk, das Suhrkamp entfaltet hat, liegt für jeden offen und ist schon Geschichte. Er gab seinem Verlag Gesicht und Profil, ja, er gab ihm mehr: die Möglichkeit für eine Zukunft.

Unerwartet und auf seine Weise schön und eigen trat am 31. März 1959 in der Universitätsklinik in Frankfurt der Tod Peter Suhrkamps ein.

Helene Ritzerfeld war ein paar Stunden vor mir im Sterbezimmer, aber auch sie hatte Suhrkamp nicht mehr lebend angetroffen. Er lag ruhig und friedlich in seinem Bett. Ich entdeckte auf seinem Nachttisch ein noch eingepacktes Manuskript von Uwe Johnson. Suhrkamp hatte es nicht mehr gelesen. Ich öffnete den Umschlag: Es war das Manuskript der Mutmaßungen über Jakob. Das Ganze hatte eine Vorgeschichte, die nur Helene Ritzerfeld und mir bekannt war. Es hatte ein früheres Manuskript gegeben mit dem Titel Ingrid Babendererd. Reifeprüfung 1953, das Hans Mayer 1957 Suhrkamp geschickt hatte, mit dem dringlichen Hinweis, diesen jungen Autor Uwe Johnson, der in der DDR lebte, zu veröffentlichen. Wir führten darüber lange Diskussionen; Suhrkamp war dafür, ich war entschieden dagegen, das hätte Suhrkamp aber von seinem Standpunkt nicht abgebracht. Doch als die beiden sich trafen, stellte sich die Unvereinbarkeit zweier Charaktere heraus, der des Pommers und der des Oldenburgers. Uwe Johnson sollte später über diese Begegnung schreiben, Suhrkamp habe ihn in dieser Unterredung von vornherein höflichst eingeladen, an der Ablehnung seines Manuskriptes mitzuwirken. Uwe Johnson hatte danach nicht beleidigt reagiert und einen anderen Verlag gesucht. Er wollte im Suhrkamp Verlag erscheinen. Für ihn war Suhrkamp der Verlag Bertolt Brechts, und er wollte nur in diesem Verlag veröffentlichen. So nahm er sich vor, ein neues Manuskript zu schreiben, mit einer anderen epischen Richtung, und hoffte, Suhrkamp damit zu überzeugen. Doch der hatte das Manuskript nicht mehr lesen können. Ich nahm das Manuskript aus dem Sterbezimmer mit nach Hause. Es dauerte einige Wochen, bis ich mich auf die neue Situation eingestellt hatte. Suhrkamp war nicht mehr da, und ich musste allein entscheiden. Als ich das Manuskript schließlich las, verstand ich zwar den Text in seiner Ganzheit nicht, aber eines war mir doch klar: Hier war die Klaue eines Löwen am Werk. Ich las es ein zweites Mal, noch immer verstand ich nicht alles, aber eines war mir doch sehr deutlich: Dieses Manuskript müssen wir machen.

Als wir uns dann trafen, verstand sich der pommersche Dickschädel mit dem schwäbischen besser als damals mit dem oldenburgischen - schließlich haben wir Schwaben die Dialektik des Sowohl-Als-Auch erfunden.

Und eine zweite wichtige Sache spielte sich wenige Tage nach Suhrkamps Tod in Frankfurt ab: Ernst Bloch war gekommen. Auch dies hatte eine Vorgeschichte. Suhrkamp hatte sich gewehrt, das gesamte riesige Œuvre Blochs zu übernehmen, und so hatte ich ihn bedrängt, wenigstens die Spuren zu bringen, und zwar in seinem am meisten geliebten Bereich des Verlages, in der Bibliothek Suhrkamp. Ich hatte ihm, der im Bett lag, zu erklären versucht, dass diese Spuren zu den Glücksfällen deutschen Denkens und deutscher Prosa zählten. Es sind Spuren, die hinführen zu Sinn und Deutung des Daseins, "im Erzählen merkend, im Merken das Erzählte meinend". Suhrkamp liebte solche Bedrängungen schon gar nicht, wenn er im Krankenbett lag, doch wir mussten, wenn wir überhaupt die Rechte bekommen wollten, uns zu diesem Zeitpunkt entscheiden. Suhrkamp, der schließlich einer Ausgabe in der Bibliothek Suhrkamp zustimmte, bestrafte mich mit der Aufgabe, das Manuskript der Spuren so zu kürzen, dass es sich in den Umfangsbereich der Bibliothek Suhrkamp einfügen ließ, das heißt, es sollten 60 bis 80 Seiten gestrichen werden. Ich hatte mich auf diese Aufgabe vorbereitet, wissend, dass sie letztlich unlösbar war. Doch als ich Bloch dann vor mir sah - diesen Mann mit den leuchtenden Augen, der bereit gewesen wäre, für das Erscheinen in der Bibliothek Suhrkampf einen Teil seiner Spuren zu opfern -, war seine Wirkung auf mich so groß, dass ich ihm die Zusage zur Veröffentlichung in der Bibliothek Suhrkamp ohne jegliche Kürzung gab.

Schließlich war eine dritte wichtige Entscheidung zu treffen: Suhrkamp war 1953 zur Uraufführung von Samuel Becketts En attendant Godot gereist. Er war beeindruckt, er traf Beckett, und er entschied sich sofort für diesen ja nicht einfachen Autor. Die Übersetzung vertraute er seinem Freunde Erich Franzen an, es gab Schwierigkeiten wegen dieser Übersetzung, so dass es mir nach Suhrkamps Tode auch aufgegeben war, mit der definitiven Übersetzung Elmar Tophoven zu betrauen.

Als ich damals im Zug nach Frankfurt saß und mir Gedanken machte, was mich wohl erwartete, fehlte mir noch das Vorstellungsvermögen für das, was auf mich zukommen würde. Die acht Jahre unter Suhrkamps Ägide waren aufregend und aufregend die Jahre nach seinem Tod, die ersten Jahre meiner verlegerischen Verantwortung. Uwe Johnson, Ernst Bloch, Samuel Beckett, die Autoren meiner ersten Verlegerstunden, blieben mir verbunden wie ich ihnen. Deshalb bot es sich an, aus Anlass meines fünfzigjährigen Suhrkamp-Jubiliäums drei Arbeiten von mir über diese Autoren, die meine Bewunderung für sie ausdrücken, in einem Band zusammenzustellen.

Dann ereignete sich noch einmal Unerwartetes: die Universität Tübingen hatte die auch für sie ungewöhnliche Idee, mein fünfzigjähriges Promotionsjubiläum in einer akademischen Feier zu begehen. Der Rektor der Universität erneuerte in einer Urkunde mein Diplom der Verleihung des Doktorgrades aus dem Jahre 1951. Der Laudator der Feier war Adolf Muschg. Zu meiner großen Überraschung hat er es sich nicht nehmen lassen, meine Dissertation zu lesen, und zu meiner weiteren Überraschung glaubte er, in dieser Dissertation einen ersten Einblick in die Quellen der Suhrkamp-Kultur getan zu haben.

Es ist mir eine Freude, an meinem Berufsjubiläum, dem 50. Jahrestag meines Eintritts in den Verlag, auch diese Rede den Freunden des Hauses vorlegen zu dürfen.

Dieser Text Siegfried Unselds erschien in dem Band: 50 Jahre Siegfried Unseld im Suhrkamp-Verlag 1952-2002. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

00:00 01.11.2002

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