„Im Zweifel egal“

Interview Können Podcasts den Musikjournalismus aus der Krise labern? Oder wird er noch obsoleter, wenn Musiker wie Jan Müller selber Musiker interviewen?

Das Hören von Musik boomt dank der zahlreichen Streaming-Anbieter. Das Berichten über Musik findet dagegen immer weniger Raum, viele Pop-Magazine haben sich im vergangenen Jahrzehnt vom Kiosk verabschieden müssen. Podcasts, die von Musik und deren Macher*innen erzählen, kehren diesen Trend um. Einen der bekanntesten, Reflektor, macht Jan Müller, der Bassist der Band Tocotronic.

der Freitag: Jan Müller, Podcasts scheinen 2020 noch mal massiv an Bedeutung gewonnen zu haben, ist diese Beobachtung korrekt?

Jan Müller: Auf jeden Fall! Den Boom habe ich wahrgenommen – und vielleicht auch davon profitiert. Spannend finde ich, wie es in zwei Jahren aussehen wird. Wie viel Idealismus und Originalität wird dann noch da sein? Haben nur die kommerziell verwertbaren Formate überlebt oder erfahren wir eine ständige Erneuerung?

Gefühlt kam diesen Frühling jeder Zweite mit einem Podcast um die Ecke. Das erinnerte an die 80er Jahre, als nach dem Charts-Erfolg von Nena der Markt überschwemmt wurde mit NDW-Bands. Podcast ist spätestens 2020 zu einer Kultur der Überforderung geworden. Irgendwie auch nervig, oder?

Es gab wirklich auf einmal sehr viel Hubert Kah, UKW und noch mehr Fräulein Menke. Das hat mich allerdings nicht genervt. Ich bin zusammen mit dem Tocotronic-Schlagzeuger Arne Zank in der Punk-Szene aufgewachsen, da ging es immer viel um das Do-it-Yourself, also ums Selbermachen. Mit einfachen Mitteln und ohne großen Aufwand Dinge herstellen, Kassetten überspielen, Fanzines kopieren. 2020 ist das mit dem Podcast-Boom gar nicht so anders gewesen. Viele haben sich einfach mal ausprobiert.

2019 begann es mit „Reflektor“. Bei Tocotronic halten Sie sich eher im Hintergrund, jetzt sind Sie der Gastgeber – ein echter Rollentausch. Woher rührt der Wunsch, über Musik zu berichten?

Ich finde es traurig, wie wenig Musikjournalismus noch übrig geblieben ist. Spex, Intro, de:bug und so viele andere mussten den Betrieb einstellen. Als gäbe es gar nichts mehr zu entdecken und zu erzählen in der Popmusik. Daher war mein Ansatz schon: Ich probier’s jetzt mal auf diese Art.

Die genannten Magazine haben ihre Leser einfach nicht mehr gefunden. Die Streaming-Plattformen schütten den Hörer dagegen mit Musik zu – doch dort fehlt komplett die Story. Der Musik-Podcast scheint da ein zeitgemäßes Puzzlestück?

Ja, ich glaube, dass viele Leute tiefer an Musik interessiert sind – und dass es ihnen Spaß macht, mehr zu erfahren. Da ist der Podcast eine neue Form. Für mich selbst ist allein die Vorbereitung jedes Mal eine Horizonterweiterung. Ich kenne ja längst nicht von allen Gästen alles – und höre mich immer durch ihr gesamtes Œuvre.

Alphaville, Abwärts und Annett Louisan – schon an den ersten Gästen sieht man, wie genreübergreifend „Reflektor“ gedacht ist.

Das ist der Grundgedanke, ich möchte durch die Genres gehen können. Bei Tocotronic haben wir uns immer mit Distinktion auseinandergesetzt – und uns lange sehr darüber definiert, Sachen anders zu machen als die anderen. Damit geht natürlich auch einher, dass man vieles irgendwie ablehnt. Diese Sicht funktioniert für mich heute nicht mehr. Ich fand zum Beispiel ganz toll, dass es geklappt hat, Bill Kaulitz zu interviewen. Früher hätte ich mich wohl eher lustig gemacht über Tokio Hotel, ich hielt die für zurechtgemachte Kinder. Aber in der Begegnung war es sehr spannend, an welchen Stellen wir Gemeinsamkeiten feststellen konnten.

Zur Person

Foto: Votas-Roland Owsnitzki/Imago Images

Jan Müller, geboren 1971 in Hamburg, studierte dort in den 90ern Jura und gründete zusammen mit seinem Jugendfreund Arne Zank und dem frisch nach Norden emigrierten Dirk von Lowtzow die Band Tocotronic, die bis heute existiert. Neben jener Gruppe unterhielt Jan Müller auch noch ein Label (Rock-O-Tronic) und diverse musikalische Nebenprojekte (unter anderem Das Bierbeben)

Ein Schlüsselmoment bei „Reflektor“ ereignet sich im Talk mit Andi Meurer von den Toten Hosen. Ein Typ, den man sonst noch nie hat lange reden hören, plaudert bei Ihnen zweieinhalb Stunden, als hätte er all die Jahre nur auf diesen Moment gewartet. Er ist wie Sie Bassist, und plötzlich wird klar, hier befragt kein Journalist einen Künstler, hier tauschen sich zwei Musiker aus – und deshalb klingt das alles viel heimeliger.

Der Künstler versucht sich bis zum gewissen Grad vor dem Journalisten zu schützen. Da gibt es für mich natürlich einen gewissen Vorteil, da ich eher als Kollege identifiziert werde. Die Leute sind geneigt, mir mehr zu offenbaren. Ich wundere mich manchmal selbst.

Können Sie überschlagen, wie viele Interviews Sie mit Tocotronic in den vergangenen fast 30 Jahren gegeben haben?

Puh, da bin ich überfragt. Dürften aber so einige gewesen sein ...

Sie waren also ungezählte Male auf der Seite des Gefragten. Gibt es etwas, das Sie sich von den Journalisten abgeschaut haben – für Ihre Gastgeber-Rolle im Podcast jetzt?

Ich finde es sehr wichtig, dass man gut vorbereitet auftritt. Klar hat es immer schon gut präparierte Journalisten gegeben, aber es gab wirklich auch oft Leute, bei denen ich dachte: Da hätte man doch vorher ... na ja, sagen wir mal, etwas tiefer – oder überhaupt recherchieren können.

Was ist noch wichtig für ein gutes Gespräch?

Ich weiß zu schätzen, wenn der Interviewer eine gewisse Distanz wahrt, wenn er darauf verzichtet, sich mit der ersten Frage sofort zu verbrüdern. Selbst – oder gerade – wenn man totaler Fan ist. Also dem Gast noch einen eigenen Raum zu lassen.

Besteht bei der für alle möglichst angenehmen Gesprächssituation eines Podcasts nicht auch die Gefahr, dass man kumpelige Talks erschafft, die einen kritischen Angang per se nicht zulassen?

Das ist ein wichtiger Punkt, der mich auch beschäftigt. Ich will mich nicht an die Leute ranschleimen. Es gibt den Respekt vor dem Gast, den bringe ich mit – aber das macht nicht kritiklos gegenüber allem. Trotzdem sehe ich auch das Problem, wenn Podcasts zu einem neuen Musikjournalismus gezählt werden sollten, dass sie gewisse Aspekte nicht abbilden können. Sie können höchstens ein Teil von Journalismus sein. Denn die kritische Berichterstattung, die einen wichtigen Bestandteil darstellt, die können sie nicht erfüllen.

Aber war eine solche dem Musikjournalismus nicht ohnehin schon längst abhandengekommen?

Das stimmt natürlich. Und umgekehrt sind mir auch Podcast-Formate präsent, in denen Leute durchaus kritisch oder sogar betont negativ über neue Alben sprechen. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es dem Podcast innewohnt, Gesprächsräume zu schaffen, in denen sich die Beteiligten wohlfühlen und öffnen. Diese Art der Unterhaltung kann niemals einen analytischen Artikel ersetzen.

Sie zeichnet in Ihrer Herangehensweise an Musik ohnehin großes Verständnis aus. Selbst Steilvorlagen gegen schmierigen Pop von Acts wie Mark Forster schlagen Sie aus. Alles habe seine Berechtigung. Sind Sie wirklich so sehr im Reinen mit dem Pop-Betrieb?

Es gibt schon Sachen, die ich penetrant finde, aber ich bin gut abgeschirmt. Ich sehe mich nicht von Musik belästigt, die ich nicht leiden kann. Im Supermarkt trage ich Kopfhörer, Fernsehen gucke ich nicht, in Kneipen kann man gerade eh nicht gehen – und da war ich auch vorher selten. Wo soll der Hass auf Musik denn gespeist werden? Bloß wenn sich Acts menschenverachtend, demagogisch oder reaktionär äußern, das nehme ich ihnen sehr übel – ihre Musik dagegen kann mir im Zweifelsfall einfach egal sein.

Letzte Frage: Tocotronic machen eine neue Platte, eigentlich hätte sie Anfang nächsten Jahres erscheinen sollen, wegen Corona ist aber erst mal noch kein Datum fixiert, können Sie uns dennoch einen Ausblick geben, was uns erwartet?

Die Platte ist aufgenommen und gemischt, wir sind eigentlich fertig. Ein Stück, Hoffnung, haben wir im Frühjahr während des Lockdowns ja bereits veröffentlicht. Damit ist schon mal ein musikalischer Einblick draußen – auch wenn nun eine andere Version aufs Album kommen wird.

Dürfen wir hier den Titel der Platte als Erste erfahren? Haben Sie überhaupt schon einen?

Wir denken, wir haben einen. Allerdings dadurch, dass wir zwangsläufig gerade sehr viel Zeit besitzen, stellt man außer der Musik immer wieder vieles infrage – und daher würde ich ungern jetzt einen sagen wollen, der dann doch noch mal geändert wird. Daher schweige ich wie ein Grab.

Info

Reflektor ist ein Podcast des Labels 4000 Hertz. Die Pilotfolge mit Marian Gold von Alphaville datiert auf den Sommer 2019, inzwischen zählt das Projekt mehr als 30 Folgen

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06:00 29.12.2020

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