Im Zweifel gegen den Angeklagten

Recht und Politik Liberias Ex-Präsident Charles Taylor wurde hier von einem Sondertribunal zu 50 Jahren Haft verurteilt. Eine Reportage aus der fernen Weltraumstation Den Haag

Irgendetwas stimmt an diesem Morgen im Internationalen Strafgerichtshof nicht. Irgendetwas fühlt sich hier in Den Haag komisch an. Liegt es daran, dass es nicht mehr genug Filzstifte gibt? „Have we run out of colours?“, fragt jetzt auch die Richterin Julia Sebutinde. Farben, mit denen man markieren kann, wo sich die RUF und die AFRC, also die verschiedenen Rebellengruppierungen, befanden, als sie im Januar 1999 im Begriff waren, die Hauptstadt von Sierra Leone anzugreifen. Grün ist nicht mehr verfügbar, die Farbe der Unschuld ist schon vergeben, aber nicht an die RUF, die Revolutionary United Front, wie Richterin Seputinde fälschlicherweise glaubt. „Nein“, sagt Staatsanwalt Komujjain. „Grün, das waren ECOMOG und seine Verbündeten. RUF und AFRC, das war orange.“

„Aber das ist jetzt ein bisschen verwirrend, oder?“, beschwert sich die Richterin. „Denn Mister Sesay hat ja gerade eben gesagt, dass die Leute in Hastings alles AFRC-Leute waren. Oder war die RUF jetzt auch dabei, Mister Sesay?“ Mister Sesay sagt irgendwas, was ich aber nicht verstehen kann. Ich sehe ihn auch nicht, jedenfalls nicht sein Gesicht. Ich sehe nur seine Rückenansicht, es sei denn, die allmächtigen Kameras des Sondertribunals würden sich meiner erbarmen und auf den Bildschirm eine Nahaufnahme von Sesay, dem ehemaligen Führer der RUF, zaubern.

Auf ihn setzt die Anklage ihre ganze Hoffnung, um endlich Licht in das ganze Dunkel zu bringen. Wobei es gar nicht so sehr um den Bürgerkrieg in Sierra Leone geht, der in den Jahren 1991 bis 2002 bis zu 200.000 Tote gefordert hat, sondern um die Frage, wieweit Charles Taylor vom Nachbarland Liberia aus diesen Krieg gesteuert hat, weil er die sierra-leonische Rebellenorganisation RUF im Kampf gegen die eigene Regierung unterstützt haben soll, um an die dortigen Diamantenvorkommen zu gelangen. Oder anders gesagt: Man braucht in Den Haag endlich einen vorzeigbaren Beweis, will endlich mal einen brauchbaren Belastungszeugen präsentieren.

Nichts mehr zu verlieren

Und den erhofft man sich von Mr. Sesay. Er wurde 1970 in Sierra Leone geboren und ist für seine Beteiligung an den Morden und Verstümmelungen in seinem Heimatland zu 52 Jahre verurteilt worden. Er hat eigentlich nichts mehr zu verlieren. Aber an diesem Montagmorgen, während Mr. Sesay fast schüchtern seine erste Markierung auf der Karte macht, um endlich eine Antwort auf die Frage zu geben, wo die RUF genau positioniert war, bevor Freetown in Flammen aufging, spielt das keine Rolle mehr.

Hier in Den Haag haben sie schon viele Zeugen erlebt, seit der Prozess gegen Charles Taylor am 4. Juni 2007 offiziell begonnen hat und man versucht, ihm den Besitz sogenannter Blutdiamanten nachzuweisen. Issa Sesay ist die Nummer 19 oder anders gesagt: DCT-172. Kurz vor ihm waren schon das amerikanische Topmodel Naomi Campbell und die ebenfalls aus Amerika stammende Schauspielerin Mia Farrow da, auch DCT-008 und DCT-174. Taylor interessiert das ohnehin nicht. Er ist von seiner Unschuld überzeugt. Der erste afrikanische Präsident, der vor einem internationalen Gericht zur Verantwortung gezogen wird, nimmt eine Büroklammer und ordnet seine Unterlagen.

Chaos mit den Farben

„Und als die Soldaten zurückgekommen sind, brannte Freetown?“, fragt die Richterin. „Ist das richtig?“ Mr. Sesay beugt sich vor. Das kann ich von meinem Beobachterplatz in der Zuschauergalerie jetzt sehen. Sein Gesicht taucht im Bildschirm nicht auf. Aber sein schwierig zu verstehendes und vernuscheltes Krio, das in meinem Kopfhörer in ein klares, sauberes Englisch übersetzt wird, ist deutlich zu hören. Auf dem Bildschirm sieht man Charles Taylor, im perfekt sitzenden Anzug, mit Einstecktuch und dem Versuch, seine Würde zu wahren und als der große souveräne Staatsmann zu erscheinen, an dem diese von den Amerikanern und ihren Erfüllungsgehilfen veranstaltete Komödie abperlt, so wie das Wasser von den Akten, das sein Anwalt weniger später vergießt. „Ich habe es nicht brennen gesehen“, sagt Sesay. „Das konnte ich damals von da, wo ich war, gar nicht sehen.“

Die nächste Farbe, die ins Spiel gebracht wird, ist Rot. Rot wollte man vielleicht zuerst vermeiden. Es ist schon zu viel Blut geflossen in diesem Krieg. Einem Krieg, den Taylor, wenn man der Anklage glauben darf, nach Sierra Leone gebracht hat, indem er die RUF unterstützt und mit Waffen ausgestattet hat. Taylor ist demnach an den vielen Toten und den unzähligen Verstümmelten schuld. Es ist sein Werk. Ein kompliziertes Werk, ein komplexes Zusammenspiel verschiedener, voneinander abhängiger Faktoren, und jetzt gehen die Farben aus.

Aber vielleicht kann Sesay wenigstens bestätigen, dass das Satellitentelefon, das sie bei der RUF benutzt haben, eigentlich von Charles Taylor stammte und dass also letztlich er dieses ganze Chaos mit den Farben angerichtet hat. Und dass er für die Amputationen und Morde, die in Freetown stattgefunden haben, von denen Sesay aber nur im Radio bei der BBC gehört hat, verantwortlich ist. Schuld also an einem über zehn Jahre dauernden Krieg, der so derartig außer Kontrolle geraten und ein so unglaubliches Ausmaß an Gewalt mit sich gebracht hat, dass der amerikanische Journalist Robert D. Kaplan in seinem vieldiskutierten Essay The Coming Anarchy schon gemutmaßt hat, Afrika sei die Vorhut eines Chaos, die Entfesselung von Kräften, die schon bald die ganze Welt erfassen könnten.

Auge in Auge mit dem Grauen

Hier, beim Sondertribunal des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), könnte ich das Grauen nun vielleicht in Augenschein nehmen, wenn der anonym bleibende Regisseur, der die Kameras im Gerichtssaal kontrolliert, es mir erlaubt. Wie kurz vor der Mittagspause, als ich die Gelegenheit bekomme, dieses so distinguiert und würdig erscheinende Gesicht Taylors einen Moment in einer Nahaufnahme zu studieren und nach Regungen abzusuchen. Das Gesicht des „Schlächters und Massenmörders“, wie er unisono in den Medien schon lange vor seiner Verurteilung im April 2012 genannt wurde. Und vor dem Naomi Campbell so große Angst hatte, dass sie nur unter Androhung einer Haftstrafe bereit war, nach Den Haag zu kommen und in der leidigen Diamantenfrage eine Aussage zu machen. Den „Teufelskreis der Straflosigkeit“ endlich durchbrechen, wie Carla Del Ponte, die ehemalige Chefanklägerin des Jugoslawien-Tribunals, in ihren Memoiren schreibt. Wird das gelingen?

Zahllose Verfahren und Sondertribunale wegen Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat es mittlerweile schon gegeben. Seitdem der Internationale Strafgerichtshof am 1. Juli 2002 seine Arbeit endlich aufgenommen hat, stellt sich allerdings immer mehr die Frage, mit welcher politischen Motivation solche Anklagen eigentlich erhoben werden. Was steckt dahinter? Gibt es noch andere Beweggründe außer den juristischen? Und was passiert mit einem so komplexen, die Landesgrenzen überschreitenden Konflikt, wenn man ihn nach Europa in einen Vorort von Den Haag verlegt, wo der Gerichtssaal sich in der umgebaten Ex-Turnhalle des niederländischen Geheimdienstes befindet.

Aber an diesem Tag wird erst einmal nichts entschieden. Kurz vor der Mittagspause wechselt die Befragung noch zum Thema „entführte UN-Soldaten“, die die RUF eine Weile gefangen hielt und mit denen sie, so wie Sesay im Kreuzverhör erklärt, so etwas Ähnliches anstellen wollte wie 1993 in Somalia. Damals ging die UNO-Mission mit den Bildern der durch Mogadischu geschleiften Soldaten auf so dramatische Weise zu Ende.

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Als Naomi Campell in Den Haag aussagte, kamen mal ein paar Journalisten vorbei. Ansonsten war der Gerichtssaal eher leer.

Kurz vor der Mittagspause bekommt man eine Ahnung davon, warum den Amerikanern das hier so wichtig ist. Warum die Amerikaner so jemanden wie Taylor aus dem Verkehr ziehen, warum sie ihn hier gerne verurteilt sehen wollen. Und man bekommt sogar eine Ahnung davon, warum sie eigentlich das Prinzip der internationalen Gerichtsbarkeit, an deren Entstehung sie zwar maßgeblich beteiligt waren, dann aber doch ausgestiegen sind, in seiner letzten Konsequenz genauso fürchten wie den Mann, der hier vor uns sitzt und jetzt einen Zettel an sein Verteidiger-Team reicht, der sich wohl kaum unter den 2.499 Seiten wieder finden wird, die das Urteil am Ende umfasst. – Ist das alles nur eine Projektion? Die Suche nach dem Urheber einer Gewalt, die letztlich doch dieselben Leute nach Afrika gebracht haben, die sie jetzt so bitter beklagen. – Gleich wird Taylor sich erheben, gleich wird sein Blick zur Zuschauertribüne gehen, die jetzt zwei Wochen nach dem großen Auftritt von Naomi Campbell nur sehr spärlich besetzt ist.

Die Amerikaner haben Angst. Sie haben Angst vor dem, was sie selbst ins Leben gerufen haben. Angst vor dem ICC. Dem International Criminal Court. Das ist die ganze Paradoxie, oder, wie Taylors Anwalt später sagen wird, die eigentliche Wahrheit hinter diesem ganzen Spektakel, von dem ich mich jetzt nach fast vier Stunden Kreuzverhör und nachdem endlich die vierte Farbe gefunden worden ist, abwende, um den schwierigen Gang in die Mittagspause anzutreten und zu versuchen, außerhalb dieses Hightech-Gerichtsgebäudes in der holländischen Kleinstadtidylle irgendwo etwas zu essen zu finden.

Taylor schaut kurz zu mir hoch. Wir könnten uns zunicken, wenn wir uns kennen würden, er kaut Kaugummi und plaudert noch ein bisschen mit den Sicherheitsleuten. So wie damals vielleicht mit Freddy, einem seiner Bodyguards, der jetzt aber in Monrovia im Gefängnis sitzt, den ich besucht habe, weil er nun seit fünf Jahren darauf wartet, dass ihm der Prozess gemacht wird. Er hofft darauf, dass er endlich aussagen und seine Geschichte erzählen kann. Freddys Geschichte lässt den Prozess in Den Haag merkwürdig irreal erscheinen, auch wenn diese Geschichte vielleicht am Ende auch in der Psychiatrie zu Ende gehen mag. Taylor wirkt gar nicht irritiert oder beleidigt, dass ich in diesem Moment der Einzige bin, der ihm dabei zuschaut, wie er aus dem Gerichtssaal geführt wird, so dass man denken könnte, ich sei überhaupt der Einzige, der sich für seinen Fall noch interessiert.

Aber natürlich ist das nicht die Idee der internationalen Gerichte. Die Idee ist, dass ganz Afrika ihnen zuschaut. Zumindest in Sierra Leone und Liberia, zumindest die Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben, oder die politischen Eliten, die auch zu den Hearings der liberianischen Wahrheits- und Versöhnungskommissionen gegangen sind und sich dafür interessieren, wie die internationale Gemeinschaft mit diesem Fall verfährt. Allerdings kann man in Liberia keine Videos im Internet sehen. Dafür ist das Internet zu langsam. In den dortigen Zeitungen wie dem New Democrat findet man manchmal kopierte Passagen aus den Den-Haag-Transcripten, die man daran erkennt, dass beim Kopierprozess etwas mit der Formatierung schiefgegangen ist und manche der akribisch protokollierten Dialoge wie Gedichte aussehen und manche Zeile nur noch aus einem Wort besteht und dann so ein Schlagwort wie „Somalia“ in die nächste Zeile gerutscht ist und auf einmal ganz allein dasteht.

Auf dem Rückweg von einer weitab gelegenen, wahrscheinlich von Libanesen betriebenen Imbissbude versuche ich mich zu erinnern, ob ich während meines einjährigen Aufenthalts in Liberia irgendwann einmal jemanden eine klare Aussage über Charles Taylor habe treffen hören. Das Lieblingszitat aller Journalisten, die über seinen Fall geschrieben haben, war: „Er tötete meinen Vater, er tötete meine Mutter, aber ich wähle ihn trotzdem.“ Und vielleicht drückt das häufige Zitieren dieses Satzes die Verwunderung darüber aus, wie es sein konnte, dass Taylor 1997, also mitten im Krieg, dann ganz rechtmäßig bei einer allgemein anerkannten Wahl zum Präsidenten gewählt wurde. Rund neun Jahre später wurde er dann allerdings aus seinem Exil in Nigeria entführt, wo er sich in dem Glauben aufhielt, das Versprechen der internationalen Gemeinschaft, er würde nicht vor Gericht gestellt, werde eingehalten.

Nur zu Gast beim IStGH

Jetzt sitzt Taylor hier. Das Versprechen ist nicht eingehalten worden. Oder: Es konnte nicht eingehalten werden. Die Schönheit des Gerichts, erklärt der deutsche Richter Hans-Peter Kaul, der als einer der Gründerväter des IStGH angesehen wird, sei eben seine absolute Unabhängigkeit. Seine Unabhängigkeit von den Machtinteressen des Sicherheitsrates, den Machtinteressen einzelner Nationen wie eben auch der USA. Allerdings ist es diesen Nationen auch zu verdanken, dass es schon vor Gründung des IStGH diese Sondergerichte und Tribunale gegeben hat, zu denen auch das Sondergericht von Sierra Leone gehört und von denen das Milošević-Tribunal das vielleicht berühmteste ist. Charles Taylor ist streng genommen nur zu Gast beim IStGH. Das Tribunal für Sierra Leone müsste eigentlich in Freetown tagen, aber Freetown erschien dem Gericht als Ort zu gefährlich. Dort, so fürchtete man, wäre man mit einem Gewaltpotenzial konfrontiert gewesen, das nicht zu kontrollieren ist.

Aber hier in Den Haag, in der Nähe des Kanals, über dessen Wasser der Wind streicht, wo die Wellen sich zärtlich kräuseln und man sich zwischen der lichten, transparenten holländischen Architektur mit ihren großen demokratisch wirkenden Fenstern leicht verliert, ist davon nichts zu spüren. War es wirklich zu gefährlich, den Prozess in Afrika abzuhalten? Oder steckt dahinter das Bedürfnis, ihn mit all seinen Unwägbarkeiten an einen Ort zu bringen, wo ihn niemand zur Kenntnis nimmt?

Feierliche, zugleich bedrohliche Leere

Die Zuschauertribüne, die sich oberhalb des eigentlichen Gerichtssaals erhebt, ist noch immer leer, als ich zurückkomme. Insgesamt werden es am Ende vier Besucher sein, die ich an diesem Tag zähle, von denen die meisten nur kurz mal hereinschauen. Die Einsamkeit, die Leere, sie hat etwas Feierliches, aber auch Bedrohliches und Absurdes. Als würde das Weltgericht hier in aller Heimlichkeit tagen. Durch eine kugelsichere Trennscheibe ist man von dem Geschehen im Saal separiert. Außer Taylor, seinen Verteidigern, den Anklägern und Richtern und dem Zeugen mit der Kennung DCT-172 gibt es im Saal nicht viel zu sehen.

Es ist ein hochfunktionaler, fast aseptisch sauberer und gesichtsloser Ort. Als wären Reinigung, Katharsis und Desinfektion die Leitthemen der Einrichtung. Und schon verliert die Schönheit etwas von ihrer Aura. Die Schönheit der Idee des IStGH, von der der Völkerrechtler Jost Delbrück spricht. Das Recht der Moderne, das den Gedanken des Weltstaates schon in sich trägt, obwohl dieser noch gar nicht existiert. Die Idee einer metastaatlichen Instanz, das Prinzip der „transnational legal order“, der „supraterritorial or global governance“ oder anders gesagt: die Idee des „Weltinnenrechts“. Jener Idee, nach der man ähnlich wie bei der Idee der Weltinnenpolitik die Vorstellung von Außen und Innen zur Auflösung bringt, um den Blick auf das Ganze zu bekommen. Die Welt, wie sie sich von innen anfühlt. Eine Idee, mit der ich jetzt ganz allein bin, wenn ich den Ton der Simultanübersetzung abstelle und nur zuschaue, wie dort unten Charles Taylor sitzt, nach wie vor scheinbar ungerührt und unbeteiligt, als sei er der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns, der an einer Aufsichtsratssitzung teilnimmt.

In Afrika jubeln sie nicht

Aber irgendetwas stimmt daran nicht. Ist es die Idee? Oder ist es die Ausführung? Die Öffentlichkeitsabteilung des Strafgerichtshofs hat eigens eine Broschüre herausgegeben: The Special Court made simple. Wahrscheinlich haben sie die an die Horden von Journalisten verteilt, die hierherkamen, als Naomi Campbell hier gewesen ist. Ich finde sie in einem Karton mit allen möglichen Info-Materialien, skurrilerweise auch mit dem gesamten persönlichen E-Mail-Verkehr eines BBC-Korrespondenten, der über Campbells Besuch berichtet hat, samt der Kopie seines Personalausweises.

„Keep it short“, heißt es in der Anweisung an ihn aus London, „and get enough coverage of HER.“ Die „The-Special-Court-made-simple“-Broschüre aber hatte der BBC-Mann nicht mitgenommen. Auf der Schlussillustration des Heftes, einer Zeichnung, sieht man eine Gruppe Afrikaner, die zuschauen, wie am Horizont gerade die Sonne aufgeht. Zehn Jahre internationaler Strafgerichtshof. Zehn Jahre IStGH. Aber in Afrika hält sich die Begeisterung darüber in Grenzen. Kein Wunder. Bisher stehen ausschließlich Afrikaner vor Gericht, von denen der kongolesische Milizenführer Thomas Lubanga der erste Verurteilte ist. Dagegen werden die Afrikaner in der Special-Court-made-simple-Broschüre als glückliche Gemeinschaft gezeigt, die mit der aufgehenden Sonne das Glück der Gerechtigkeit verbinden, die der IStGH ihnen verspricht. „Kriegsverbrecher ihrer gerechten Strafe zuführen, Opfern Gerechtigkeit bringen.“ Die Zeichnung stammt, wie im Impressum stolz verkündet wird, von einheimischen Künstlern, die also diese Idee schon verinnerlicht zu haben scheinen. Ob einer von ihnen jetzt vor seinem Laptop sitzt und sich ansieht, wie hier in Den Haag die Nachmittagssession eröffnet wird?

Sinnbildliche Meta-Instanz

Naomi Campbell hat tief geschlafen, als im September 1997 die Männer von Charles Taylor an die Zimmertür in ihrem Hotel in Südafrika klopften. Das Spektakel ihres Auftrittes brachte eine besondere Note in diesen Prozess. Campbell fungierte in gewisser Hinsicht als eine sinnbildliche Meta-Instanz. Ein Geist, der eigens eingeflogen werden musste, um der übrigen Welt die ganze Absurdität des Prozesses vor Augen zu führen.

Wer die Männer waren, die ihr das Säckchen mit den Diamanten brachten, konnte sie nicht sagen. Sie habe sie für einfache Kieselsteine gehalten und damals gar nicht gewusst, dass ein Land wie Liberia überhaupt existiert. Und von Charles Taylor hatte sie vorher auch noch nie etwas gehört. Es stimmt etwas nicht. Aber es ist nicht die Choreografie. Es sind nicht die Farben. Es ist auch nicht die an eine Kunstinstallation erinnernde ritualisierte Rotation der Security-Leute. Einer, der eben noch neben Taylor gestanden hat, findet sich auf einmal oben auf der Zuschauergalerie wieder und gibt mir schon zu Beginn der Veranstaltung die Anweisung, die mitgebrachte Zeitung nicht zu lesen, das sei eine Missachtung des Gerichts. Ein anderer tritt ab, verlässt seinen Platz und taucht wenig später neben dem liberianischen Ex-Präsidenten auf, um sich bald wieder von seinem Platz abzumelden und an einen anderen, den er schon vorher eingenommen hatte, zurückzukehren.

Ein Verschiebebahnhof, eine Umdeutung von Raum und Position. So wie Taylor es auch gemacht hat. Taylor, der unter anderem auch schon in einem Hochsicherheitsgefängnis in den USA gewesen ist, aus dem er auf wundersame Weise entkommen konnte. Bis heute sagen in Liberia alle, der CIA habe ihn geschickt, um das Land von Präsident Samuel K. Doe zu befreien, den die Amerikaner damals Ende der Achtziger auch loswerden wollten, so wie bald darauf Charles Taylor. Immer wieder strecken sie ihre Hand nach Liberia aus, das in ihrer Selbstwahrnehmung irgendwie zu ihnen gehört. Denn die befreiten Sklaven, die aus den USA kamen und Liberia gegründet hatten, haben lange über das Land geherrscht. So lange, bis Doe 1980 mit seinem Putsch der Alleinherrschaft der True Whig Party ein Ende bereitete.

Woher sind die Diamanten?

Mister Sesay, der Ex-RUF-Kommandeur, erwähnt das natürlich nicht. Er soll nur aussagen, ob Taylor wirklich Waffen an die RUF geliefert und damit den Krieg in das Nachbarland Sierra Leone getragen hat. Das wäre dann der Beweis. Die Diamanten, die er im Gegenzug dafür erhalten hat, der andere Beweis. Aber Naomi Campbell kann sich nicht mehr erinnern. Mister Sesay auch nicht. Stattdessen heißt es auf einmal, dass Gaddafi hinter den Waffenlieferungen steckte. Aber so einfach ist das mit der Wahrheit natürlich nicht. Außer dem ebenfalls unter Mordverdacht stehenden Joseph „Zigzag“ Marzah hat keiner der Zeugen im Sinne der Anklage ausgesagt. Zigzag bestätigte zwar, dass alles von Taylor ausgegangen sei, brüstete sich aber dann derartig mit seinen eigenen Greueltaten, die auch vor Kannibalismus nicht zurückschreckten, dass er als Zeuge kaum noch glaubwürdig wirkte.

Die Beweislage ist dürftig. Aber natürlich darf Taylor nicht nach Liberia zurück. Mit ziemlicher Sicherheit hätte er bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr eine gute Chance gegen die Friedensnobelpreisträgerin und amtierende Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf gehabt, von der Taylor damals aus ihrem Exil auch unterstützt worden war. Aber vielleicht wäre das der neuerliche Untergang Liberias. Es ist eine rhetorische Frage. Taylors Anwalt wird später sagen, es sei eine interessante Erfahrung gewesen, sein Ausflug ins internationale Recht. Er spricht nicht von der Schönheit und der bestechenden Logik des IStGH. Aber er wird sagen, dass etwas nicht stimmt, dass etwas falsch gelaufen ist.

Als ich zum ersten Mal nach Den Haag fuhr, war ich angesichts dessen, was hier verhandelt wurde, vor Ehrfurcht wie erstarrt. Man braucht aber nur mal mitzubekommen, wie wenig die Richterin über die afrikanischen Übernachtungsgewohnheiten und die hohen Hotelpreise in Monrovia weiß, als es darum geht, ob es normal sei, in einem Gästehaus zu übernachten anstatt in einem Hotel.

Ferne Weltraumstation Den Haag

Der Glanz und die Macht, mit denen die Chefanklägerin Fatou Bensouda oder ihr Vorgänger Luis Morena Ocampo gerne umgeben, verblassten bei näherem Hinsehen etwas. Auch wenn Taylor als Rebellenführer und späterer Präsident vor allem in Liberia viele Verbrechen begangen haben mag, die Unterstützung der RUF kann man ihm nicht nachweisen. Sein Anwalt verweist darauf, dass die USA immer schon Rebellenarmeen unterstützt haben, wenn es ihnen politisch opportun erschien. Nichts anderes habe Taylor eben auch getan. Es ist eine Verschwörung, sagt Courtenay Griffiths, Taylors Anwalt, einer der renommiertesten Strafverteidiger in England. Eine Verschwörung, bezahlt mit amerikanischem Geld. Eine Verschwörung, die auch die liberianische Gesellschaft, wenn auch unter anderen Vorzeichen, in einen Modus der Versöhnung zwingt, wie er für Nachkriegsgesellschaften vielleicht unvermeidlich ist. Dort säße Charles Taylor wohl kaum hinter Gittern.

Dort aber sitzt Freddy im Gefängnis. Freddy, der Ex-Bodyguard. Und wenn man ihn besucht, erscheint einem Den Haag wie eine futuristische Vision, wie eine ferne Weltraumstation. Freddy hat angeblich in der Innenstadt von Monrovia, im Mamba-Point-Hotel, einen Amerikaner umgebracht. Als ich ihn das erste Mal im Zentralgefängnis von Monvoria treffe, in einem kleinen Befragungsraum, einem schmutzigen und verrußt wirkenden Raum der Krankenstation, erzählt er seine Geschichte.

Fünf Jahre schon wartet er darauf, dass etwas passiert und es endlich zu einer Gerichtsverhandlung kommt. In Liberia kommt man leicht ins Gefängnis. Es liegt ganz in der Nähe des Meeres, der Strand ist noch näher als der in Den Haag. Wie in einem Sträflingslager liegen die schmuddeligen Gebäude um einen riesigen sandigen Innenhof verteilt, die Zellen sind hoffnungslos überfüllt, die Insassen verwahrlost. Jeder weiß, dass hier nur rauskommt, wer viel Geld hat oder gute Freunde bei der internationalen Gemeinschaft. Freddy erzählt mir seine Geschichte, wie er früher mal für Taylor gearbeitet hat und dass er jetzt „einen Helm“ trägt, eine Plastiktüte, die ihn „vor der Strahlung“ schützt. Freddy hat sich verlaufen in dem Irrgarten der liberianischen Justiz und ist inhaftiert für eine Tat, die noch nicht mal von einem Gericht zur Kenntnis genommen worden ist.

„Du bist doch Amerikaner“, sagt er zu mir. „Kannst du mir nicht helfen und mich hier rausholen?“ Die Amerikaner könnten das. Sie haben den „American Service-Member’s Protection Act“, auch „The Hague Invasion Act“ genannt, der nicht nur eine Zusammenarbeit mit dem IStGH strikt untersagt, sondern es dem amerikanischen Präsidenten auch erlaubt, US-Soldaten, die vom Strafgerichtshof angeklagt worden sind, mit militärischen Mitteln aus dem Gerichtssaal wieder herauszuholen. Und das gilt selbst für verbündete Länder wie Holland. Sie könnten Freddy herausholen, sie könnten ihm Gerechtigkeit zuteil werden lassen.

In Liberia

Als ich bei einem weiteren Besuch nach ihm frage, zeigt man mir seine Zelle. Er hat seinen Schlafplatz ganz oben, direkt unter der Decke. Unter ihm sind noch zwei Hängematten, und er selbst schläft so weit über seinen Mitinhaftierten, dass einem schwindelig wird. Das ist die höchste Instanz. Die Meta-Ebene. Der Ort, wo die Weltanschauungen aufeinanderprallen und die Systeme miteinander kollidieren. Aber Freddy selbst ist nicht aufzufinden, oder der Wächter will mich nicht noch einmal zu ihm führen. Es ist nicht klar, ob er psychisch krank ist oder nur so tut. Und ob er sich nicht ohnehin alles eingebildet hat und am Ende gar nicht der berühmte Mamba-Point-Mörder ist.

Er träumt davon, verurteilt zu werden, sagt er. Dann wüsste er wenigstens, woran er ist. Dann hätte er endlich Klarheit. Es ist der Traum, wenigstens einmal vor den Richter gestellt zu werden und gefragt zu werden, warum er überhaupt hier ist, wer er ist und was er angeblich getan hat.

Dieser Traum wird kaum in Erfüllung gehen, genauso wie der von Charles Taylor, wieder in seine Heimat zurückzukehren. 50 Jahre Haft lautet das Urteil des Sondergerichts. Das ist kein Recht, das ist Politik, sagt Griffiths, sein Anwalt. Es ist das Recht des Stärkeren. „Ich kann verstehen, dass du wütend bist“, sage ich zu Freddy bei meinem letzten Besuch. „Aber ich weiß nicht, ob ich dir helfen kann.“ Freddy schüttelt den Kopf. „Macht nichts“, sagt er. „Ich verzeihe dir.“ Und dann breitet er die Arme aus. „Ich kann doch froh sein, dass ich noch am Leben bin“, sagt er noch, setzt seine Plastiktüte zurecht und läuft über den sandigen Innenhof, durch die gleißende tropische Sonne, zum Block D und zu seiner Zelle zurück. Seine Füße sinken im Sand des Gefängnishofes leicht ein, er hat noch nicht mal Sandalen an.

Rainer Merkel ist Schriftsteller und Psychologe. Sein letzter Roman Lichtjahre entfernt stand auf der Shortlist des Buchpreises. Merkel leitete eine Psychatrie in Liberia; für sein neues Buch Das Unglück der anderen reiste er in drei vom Krieg verwüstete Länder – nach Afghanistan, in den Kosovo und nochmal nach Liberia. Die Langreportagen erscheinen im Herbst im Verlag S. Fischer

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13:04 02.07.2012

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