Immer Alltag, nie Sonntag

Medientagebuch Die Dritten im Porträt (Teil IV): Der WDR hat die meisten Dauerbrenner im Programm

Dem Westdeutschen Rundfunk eilt der Ruf voraus, das beste dritte Programm zu sein. Zumindest ist der in Köln beheimatete Sender der größte im ARD-Verbund und finanziell am günstigsten ausgestattet. Seit 1956 macht der WDR Fernsehen und feierte Anfang dieses Jahres, zusammen mit dem NDR, seinen 50. Geburtstag. Der Autor dieser Zeilen, im Empfangsgebiet des WDR aufgewachsen, hegt sehr sentimentale Erinnerungen an seinen Heimatsender und die eigene Jugend in den siebziger Jahren. Die Sendung mit der Maus, Jean Pütz´ Hobbythek und die noch immer rotierende Familienserie Ein Herz und eine Seele haben sich in seine mediale Sozialisation tief eingegraben.

Entsprechend schwer fällt es, mit dem Sender ins Gericht zu gehen. Angenehmerweise halten sich Regionalkolorit und Volksmusikexzesse, wie sie das Programm anderer Dritter stark prägen, beim WDR in Grenzen. Stattdessen hat der Sender sich oft durch ein mutiges, bisweilen innovatives Programm hervorgetan. Fassbinder hätte ohne den WDR keine Kino- und Wolfgang Menge keine Fernsehgeschichte geschrieben. Und sieht man davon ab, dass die einmal als "Rotfunk" verschriene Station mit Werner Höfer ein politisches Gegenschwergewicht den Internationalen Frühschoppen leiten ließ, ist dieser Kniefall vor dem Proporz inzwischen längst vergessen.

Heute führen smarte Allrounder die Talkrunden an. Frank Plasbergs Hart, aber fair zählt zum bissigsten Politiktalk der Stunde. Der Art und Weise, wie der Grimme-Preisträger etwa beim Thema Vogelgrippe den anwesenden Innen- und Gesundheitsministern entlockte, dass sie längst das für Normalsterbliche nicht leicht zugängliche Medikament Tamiflu zu Hause horten, gebührt Respekt. "Talk auf Augenhöhe" strebt die Sendung an, zu deren Stilprinzip gehört, Politiker via Archiveinspielung mit ihren ehemaligen Sprechblasen zu konfrontieren, um sie alsdann auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Auch Bettina Böttinger, derzeit im Kölner Treff zu erleben, zeigt noch die gleiche aufgeweckte Präsenz wie bei ihrer langjährigen Sendung b.trifft, einer Talkshow, deren Gäste teilweise Mühe hatten, neben der alerten Schnellsprecherin zu bestehen.

In gewisser Hinsicht spiegelt sich in der Unverfrorenheit gegenüber Autoritäten das Selbst- oder Wunschbildnis des Bundeslandes und seiner 14 Millionen Einwohner wider. In NRW liebt man es bodenständig, mag keine Attitüden, stattdessen Leute, die Klartext reden. In der Konsequenz bedeutet dies freilich, dass es beim WDR meist sehr unglamourös zugeht: Immer ist Alltag, niemals Sonntag. Docu-Soaps wie Abnehmen in Essen oder Lachen für Anfänger zeigen den beschwerlichen Kampf von Durchschnittstypen gegen ihren inneren Schweinehund, Jürgen Domian muss sich in seiner nächtlichen Telefon-Talkshow mit den immergleichen Problemen Pubertierender herumschlagen und so tun, als hörte er sie zum ersten Mal. Und die "Berufscholeriker" der Mitternachtsspitzen spießen den politischen Alltag derart routiniert auf, dass die Kabinettstücke der Regierungsliga schnell wie Kabarett aussehen.

Zum Bodenständigen gehört auch das Beständige. Wohl kein anderer Sender hat so viele Dauerbrenner im Programm, die inzwischen längst Fernsehgeschichte sind, wie der WDR. Allen voran: die seit 1985 existierende, längst in die ARD gewechselte und zum Inbegriff der Weekly-Soap im deutschen Fernsehen gereifte Lindenstraße. Am Sonntag geht die Endlos-Serie in die 1069. Runde und lässt Annemarie Wendel als grantelnde Else Kling zum letzten Mal antreten. Den Autoren des Geißendörfer-Teams ist häufig vorgeworfen worden, allzu einseitig die politische Weltlage, die sie mit erstaunlicher Aktualität aufzugreifen wissen, in den Folgen zu kommentieren. Zur Bundestagswahl 1998 hatte man etwa vier Versionen produziert, um bei der Ausstrahlung sonntags um 18.50 Uhr den ersten Hochrechnungen in der Tendenz entsprechen zu können.

1996 als Lückenfüller für die Sommerpause entstanden, entwickelte sich auch Zimmer frei! schnell zum Selbstläufer. Die Talkshow lebt vom quirligen Auftreten des Musikers und Kabarettisten Götz Alsmann, dessen Kennzeichen eine an die Studiodecke weisende Haartolle ist, sowie von der bedächtigen Art Christine Westermanns, die das geckenhafte Gebaren ihres Co-Moderators durch eigenwilliges Hinterfragen ausgleicht: ein ebenso perfektes wie gut eingespieltes "ungleiches Paar". Den Gästen fällt es entsprechend schwer, sich in der Sendung zurechtzufinden und sich für das Bleiberecht in der WG zu qualifizieren. Ein Schwerblut wie die Jungschauspielerin Franziska Petri fuhr am vergangenen Sonntag die Sendung beinahe gegen die Wand.

Unzählige weitere Namen verbinden sich mit dem WDR und sind zu dessen Markenzeichen geworden. Alfred Biolek, das einstige, nun in Ehren ergraute Zugpferd des Senders, kocht seit eh und je mit illustren Gästen in seiner Sendung alfredissimo!, und weil ihm neben den eher einfachen Gerichten besonders am Gläschen Wein gelegen ist, konnte man auf eine Räuspertaste, die der chronisch hüstelnde Moderator in Boulevard Bio noch permanent benutzte, verzichten. Dass Harald Schmidt ebenfalls ein genuines Ziehkind des WDR ist, würde schnell in Vergessenheit geraten, wenn der Sender sich nicht so gerne der eigenen Meriten erinnern würde, die seine nächtlichen Wiederholungen zieren. So gab es anlässlich des Senderjubiläums alte Folgen von Schmidteinander zu sehen.

Zusammen mit Harald Schmidt hatte unlängst Elke Heidenreich, ein weiteres WDR-Gewächs, zur Live-Sendung Herr Schmidt sieht fern geladen, bei der sich die beiden Entertainer Höhepunkte der WDR-Programmgeschichte vorführen ließen und geschmäcklerisch kommentierten. Am Kollegen Jürgen von der Lippe ließ Heidenreich kein gutes Haar, die langjährige Samstagnachmittag-Show Spiel ohne Grenzen fand sie "grenzdebil", allenfalls Dietmar Schönherrs Wünsch Dir was fand ihr Gefallen. Angesichts solcher Geschichtsschreibung schleicht sich beim Zuschauer Wehmut ein und die Befürchtung, die besten Fernsehzeiten im Dritten bereits erlebt zu haben.


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00:00 26.05.2006

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