Immer auf der Suche

Leseprobe Vor den Widrigkeiten des Lebens in der postsowjetischen Ukraine geflohen, landet die Familie Belkin im wiedervereinigten Deutschland – keine minder große Herausforderung
Dmitrij Belkin | Ausgabe 38/2016
Immer auf der Suche
Dmitrij Belkins Großvater Mark (mit Ziehharmonika, Potsdam 1946)
Foto: Familienarchiv Belkin

Was gibt mir Halt in Deutschland? Schon kurz nach meiner Ankunft in Frankfurt – in meinen Augen der einzigen Stadt in Deutschland, in der auch nach dem Holocaust noch so etwas wie eine jüdische Atmosphäre in der Luft liegt – hatte ich überhaupt keine Zweifel mehr: Das Judentum gibt mir Halt. Doch wo konnte ich es finden?

Zum Beispiel bei Georg, genannt Jurek, Heuberger, der seit der Gründung 1988 das Jüdische Museum der Stadt leitete. Er war im Alter von zwei Jahren nach Frankfurt gekommen, und er und seine Frau Rahel, eine ebenso wichtige Figur im jüdischen Leben Frankfurts, verkörperten für mich das angenehme jüdische Bildungsbürgertum, das sich so deutlich unterschied vom Tübinger professoralen Großbürgertum. Diese Leute kannten ihre Herkunft, ihre tragischen Familiengeschichten und standen auch zu den Brüchen in ihren Biografien.

Und es gab noch dieses unverwechselbare Frankfurter Geschäftsbürgertum. Es hatte etwas sympathisch Aufsteigerisches, etwas Unfertiges, was ihre Vertreter mal mit einer zu kräftigen Stimme, mal mit einem nur halb gelungenen Witz, mal mit einem zu direkt verplauderten Gerücht verraten. Sie wurden schnell laut und dachten dabei, sie wären authentisch – der einzige Unterschied zu meinen frechen jüdischen Dnepropetrowsker Freunden war, dass die Dnepropetrowsker dabei keine bürgerliche Authentizität heraufbeschwörten. Die Frankfurter Juden wollten gerne im gleichen Verein spielen wie die aus München, Hamburg und dem alten Westberlin – deren Mitglieder hingegen lächelten nur ein wenig verächtlich über Frankfurt und seine „Polaken“ (denn die „Frankfurter Juden“ waren ja de facto Polen, Ungarn und Rumänen, während die „Russen“ in diesen Frankfurter Kreisen meist fehlten. Angeblich waren die anderswo versteckt, vielleicht im Berliner Charlottenburg!). Und genau das Polakenhafte gefiel mir. Trotz Bürgertum, gepflegter Wohnungen und der guten Restaurants spürte ich hier einen Hauch des Dnepropetrowsker Marktes, des Basars mit seinen frontal und laut vorgetragenen Wahrheiten. Hier war ich meinem Dnepropetrowsk um einiges näher als im professoralen eingefrorenen Tübingen.

Heimatgefühle

Ein Grund also, warum ich mich in Frankfurt so wohl fühlte, war, dass ich dort das Milieu wiedertraf, in dem ich in Dnepropetrowsk aufgewachsen war. In Tübingen war davon überhaupt nichts zu spüren, und erst als mir auffiel, wie stark die Lebensart vieler Frankfurter Juden der meiner Eltern und unserer Freunde ähnelte, wurde mir klar, dass ich genau diese Lebensart in den vergangenen Jahren sehr vermisst hatte – ohne es mir wirklich bewusst zu machen. Um dies zu verdeutlichen, werde ich versuchen, meine Familie etwas genauer zu beschreiben. Meine Mutter hat Chemie studiert und danach als Ingenieurin bei einer Firma gearbeitet, die sich mit Autotechnik befasste. Aus diesem Grund wollte sie, dass ich eines Tages Automechaniker werde. Nicht, um ein Proletarier zu sein, sondern um wie die anderen Automechaniker der späten Sowjetunion vernünftiges Geld zu verdienen. Das war zwar gut gemeint – auch die Frankfurter jüdisch-polnischen Eltern der Nachkriegszeit legten ihren Kindern nahe, etwas Anständiges zu lernen. Wer weiß, wie sich das Leben entwickeln wird, und Beruf ist Beruf, Lehre ist Lehre. Da ich aber mein Land, die UdSSR, im Umbruch verstehen und es dann auch ändern wollte, ganz wie die idealistischen jüdischen revolutionären Besucher des Frankfurter Club Voltaire in den Sechziger- und Siebzigerjahren, die Deutschland radikal verändern wollten, hatte ich mich für Geschichte entschieden. Meine Mutter sah dies kritisch: Brotlose Kunst, jetzt sei es Zeit, Geld zu verdienen! Das dachten wohl nicht wenige Frankfurter Immobilienmakler und Händler in der Siebzigerjahren auch, als sie ihre Kinder Marx und Freud lesen sahen. Andererseits: Der Textilienhändler Arno Lustiger wurde doch auch zum Historiker Arno Lustiger – er musste die tragischen Geschichten des 20. Jahrhunderts erzählen!

Meine Mutter las keinen Marx und keinen Freud, sie wurde auch keine Historikerin. Dafür hatte sie Geschäftsideen. Zum Beispiel den Handel mit gebrauchten Kleidern. Davon profitierte auch ich – allerdings nahm ich das damals anders wahr. Als ich zehn oder elf Jahre alt war, kaufte meine Mutter mir eine indische Latzhose, die ich abgrundtief hasste. Sie war gelb und sah so komisch aus, dass ich mich darin wie ein hässliches Känguru fühlte. Alle Kinder in unserem Hof in der Dnepropetrowsker Karl-Liebknecht-Straße 37 lachten mich aus. Ich hasste nicht nur die Hose, ich hasste auch meine Mutter, die sie mir gekauft hatte und mich nun zu tragen zwang.

Der Autor

Dmitrij Belkin, geboren 1971 in der Ukraine, damals UdSSR, kam 1993 nach Deutschland. In Tübingen schloss er sein bereits in der Ukraine begonnenes Studium der Geschichte und Philosophie mit der Promotion ab. Nach Stationen am Max-Planck- Institut für Rechtsgeschichte, beim Jüdischen Museum Frankfurt, beim Fritz-Bauer-Institut und einem Jahr in den USA ist er heute als Referent beim jüdischen Ernst-Ludwig-Ehrlich- Studienwerk und als Publizist in Berlin tätig, wo er mit seiner Familie lebt.

Eine weitere ihrer Geschäftsideen war folgende: Wenn es in der in den späten Achtzigerjahren noch sowjetischen kasachischen Provinz, Tausende Kilometer von unserem Dnepropetrowsk entfernt, dunkel wurde, tauchten in den Dämmerungen zwei Figuren auf, meine Mutter und mein Vater. Sie klopften und klingelten an die Türen der Einzelhäuser und der Wohnungen in den Hochhäusern sowie der Institutswohnheime. „Haben Sie Porträtfotos von Ihren Verwandten oder Freunden? Falls ja, können wir sie bearbeiten und kolorieren.“

Wenn jemand Interesse hatte, gab er meinen Eltern ein Bild mit, in der Regel ein Schwarzweißfoto, das sie wieder in die Ukraine mitnahmen, dort vergrößerten und auf rührende und kitschige Art kolorierten. Man kann auch sagen: Sie hübschten die graue Realität auf. Spätsozialistischer Photoshop in garantiert analoger Handarbeit. Danach packten meine Eltern die fertigen Porträts wieder ein und flogen über Tausende von Kilometern und viele Republiken der UdSSR zurück nach Kasachstan. Dort klopften sie an dieselben Türen, dieselben Menschen öffneten und bekamen die nun strahlend verschönerten Porträts ihrer Liebsten zurück. Meine Eltern verdienten dabei gut. Meine Mutter, die ihr ganzes Herzblut in dieses Projekt steckte, war zufrieden.

Meine Mutter besaß die Fähigkeit, Sachen und Ideen anzubieten und die Menschen davon zu überzeugen, dass sie genau das brauchen. Als die UdSSR 1991 „abdankte“, fuhren meine Eltern mit dem Nachtbus von Dnepropetrowsk nach Odessa. Dort, in Odessa, später auch an der ukrainischen Grenze im Polen der Vor-EU-Zeit, kauften meine Eltern furchtbare und weniger schreckliche türkische und chinesische Klamotten, die sie in den unvergesslichen, chinesischen Plastiktaschen nach Hause und von dort auf den Markt in Dnepropetrowsk brachten.

Irgendjemand muss sie bespitzelt oder denunziert haben oder beides, jedenfalls klopfte es an einem Tag, an dem sie ein paar Hundert US-Dollar zu Hause hatten, freundlich an der Tür. Als meine Mutter öffnete, standen mehrere maskierte Männer vor der Tür, schubsten sie in die Wohnung und wollten ihr Geld. In dieser Minute war das Leben meiner Mutter nichts wert. Sie gab ihnen all ihre Dollars, wurde geschlagen und holte die Polizei. Wenn man so will, dann verdankt meine Mutter diesem Überfall ihr Leben in Deutschland heute: Eine solche Szene wollte sie nicht noch mal durchmachen.

Was Swetlana Alexijewitsch mit ihrer gekonnt montierten Secondhand-Zeit beschrieben hat, hat meine Mutter erlebt: das Leben in der postsowjetischen Realität, in der Zeit des Umbruchs, auf der Suche nach dem richtigen Platz innerhalb der gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen. Auch sie und mein Vater haben Dnepropetrowsk am Ende den Rücken gekehrt.

Mama fragte mich schon früher immer: „Warum bist du so arm, wenn du so klug bist?“ An diese Frage musste ich in Frankfurt oft denken. Dort zählte die Frage „Wie und wo lebst du?“ mindestens genauso viel wie in Tübingen die theologischen und philosophischen Fragen. M., ein Geschäftsmann, der wie meine Mutter „Schmottes“, also Klamotten, im großen Stil verkauft hat, besuchte uns einmal in unserer kleinen Dreizimmerwohnung, auf die wir so stolz waren: im Grünen, mit Balkon und aus unserer Sicht unglaublich teuer. „Süß“, sagte M., der eine Haushälfte im noblen Westend bewohnte, und meinte damit: „Niedlich“. Ich errötete vor Scham und dachte an Freunde meiner Eltern, die (heimlich – anders ging es in der UdSSR nicht) über ein Millionenvermögen verfügten. Als sie uns in unserer Dnepropetrowsker Einzimmerwohnung besuchten, äußerten sie sich ähnlich. Dnepropetrowsk und jüdisches Milieu in Frankfurt – in beiden gingen Geld und Geist zusammen und ineinander über.

Furchtbares Paradies

Deutschland bekam meiner Mutter überhaupt nicht. Es ist ein Paradies, es ist schön, doch es ist auch ziemlich furchtbar und einsam im Paradies, wird sie nicht müde zu wiederholen. Wladimir Putin mag sie überhaupt nicht, Frau Merkel dagegen sehr: „Eine starke, ruhige Frau“, sagt meine Mutter heute in Deutschland und ergänzt sofort: „Nur ist sie leider immer gleich und fast immer schlecht angezogen.“

Doch auch im Paradies gibt es Platz für ihre Geschäftsideen. Bis vor wenigen Jahren gab es an fast jeder Tankstelle Toiletten, für deren Benutzung man auf einem Tellerchen fünfzig Cent oder einen Euro liegenlassen konnte. Meine Mutter war eine der Frauen, denen diese Tellerchen gehörten. Meist saß mein kommunikativer Vater neben dem Tisch, lächelte, bedankte sich in einem akzentfreien Deutsch oder sagte: „Bitte sehr, meine Damen“ – mehr Spra- che war nicht drin, doch der freundliche Gruß zeigte Wirkung: Die Euros flossen in sein Tellerchen. Meine Mutter war währenddessen im Hintergrund aktiv und putzte. Atmete den furchtbaren Geruch nach Chemie und Fäkalien ein. Zwischendurch ging sie rauchen, frische Luft schnappen, einen Kaffee trinken. Übernachtet haben sie in einem Campingwagen, und um besser zur Ruhe zu kommen, hat meine Mutter dann meist eine Schlaftablette genommen.

Meine Mutter hat in Deutschland einen Gott der russisch-orthodoxen Kirche gefunden. Sie redet mit ihm sehr persönlich, wie mit dem polnischen Zöllner an der ukrainisch-polnischen Grenze in den frühen Neunzigerjahren, den sie „Pan“ nannte, mein Herr. Meinen und unseren Weg zum Judentum hat sie angenommen und gratuliert kundig zu den jüdischen Feiertagen, wohl wissend, dass sie am Vorabend des eigentlichen Feiertages beginnen. Sie bittet ihren und unseren Gott, dass es uns gut geht – ihre Ansprachen sind immer sehr persönlich.

Meine Mutter ist eine Zigeunerin, keine Sinti und keine Roma – diese heute obligatorischen, politisch korrekten Wörter helfen hier überhaupt nicht. Gäbe es ein Zigeunerticket nach Deutschland, ein Nomadenticket für Lebensgenies, die nie ankommen konnten, wäre sie bestimmt auf diesem Ticket gekommen. Vielleicht nach Berlin, wo sie sich relativ wohlfühlt – in dieser chaotischen Stadt, in der immer was los ist. Sie würde ankommen – und bald weiterziehen.

Mein jüdischer Vater Jakob sah in seinen jungen Jahren, damals jünger als ich heute, wie ein schöner orthodoxer Priester aus. Ein Priester, der das Seminar oder die Kirche soeben verlassen und sich für ein Leben in der Stadt entschieden hat.

Vater mag Witze

Meine Gespräche mit meinem Vater waren und sind lakonisch. Er redet nicht gern. Er benimmt und beherrscht sich, auch wenn das Leben mit meiner Mutter, deren Charakter einem zusätzlichen (fünften) Reaktor in Tschernobyl ähnelt, ihn keinesfalls ausgeglichener machte. Er ist der trinkfesteste Mann, den ich kenne, und trotzdem löst der Wodka irgendwann seine Zunge. So sagte er eines Abends zu mir: „Weißt du, ich glaube, Mama war schon immer und bleibt die richtige Frau für mich.“ Das war einfach so dahingesagt. Und ich habe meinem Vater sofort geglaubt, auch wenn ich manchmal nachts in Dnepropetrowsk in unserer Einzimmerwohnung von ihm bittere, vorwurfsvolle Worte an meine Mutter gehört habe.

Seine Liebe ließ ihn ihr folgen – sie war und ist stärker, dynamischer, schneller und womöglich intelligenter als er. Er ist kulti- vierter, konzentrierter, freundlicher und ausgeglichener als sie. Er ist ein Jude, beschnitten, wie es sich gehört und wie meine Oma Bella es ein paar Mal stolz betonte. Er war sein ganzes Leben lang bereit, sein Judentum zu vergessen. Ihm war das egal, schließlich heiratete er meine nichtjüdische Mutter, hatte aber einen nahezu hundertprozentig jüdischen Freundeskreis, einfache Kameraden aus den Schulen und den nahe liegenden Straßen in Dneprope- trowsk, eine seltsame jüdische Brigade von Männern, die irgendwas in irgendwelchen Kolchosen gebaut hatte. Eine Untergrundzunft in Dnepropetrowsk, in der mein Vater mit weiteren jüdischen Männern die (natürlich hässlichen, doch ich behalte liebevoll eins davon und trinke an den dunklen winterlichen Berliner Abenden einen Wodka oder einen Korn daraus) Wodkagläser produziert hatte, die in der Sowjetunion – wie fast alles dort – Defizitware waren.

Mein Vater mag Witze. Sie werden immer vulgärer. Wenn ich meine Eltern heute anrufe, laufen die Telefonate meistens nach dem gleichen Schema ab. Zunächst spreche ich mit meiner Mutter über dies und das, das heißt, wir sprechen „über das Leben“. Wenn das Gespräch über das Leben vorbei ist, sagt meine Mutter: „Papa will dir etwas erzählen“, und mein Vater übernimmt das Telefon. Dann erzählt er mir einen brutal-groben oder einen nett-vulgären Witz, den er aus dem Internet hat und in dem es um Politik oder Juden geht, vor allem aber um Sex. Ich lache sehr höflich. Verhalten. Er braucht das. Ich sage: „Der war aber klasse!“

Mein priesterlicher Vater wird bis heute geliebt und bewundert. Alle Frauen in ihrem Esslinger Freundeskreis beneiden mei- ne Mutter – sie habe einen solch treuen und ergebenen Ehemann. Wie würde ich die beiden charakterisieren? Voll menschlicher Güte! Doch diese Güte wird immer weniger gebraucht und ist nicht sehr gefragt in unserem Germanija, das meine Eltern kaum wahrnimmt und das sie ihrerseits wenig registrieren.

Mutter Larissa (Dnepropetrowsk, 70er Jahre) und Großmutter Bella (Dnepro petrowsk, 80er Jahre)
Foto: Familienarchiv Belkin

Wenn ich heute zu meiner Tante Dina, die wie meine Eltern in Esslingen wohnt, „typisch Babuschka Bella“ sage, freut sie sich. Meine Oma Bella lebt zwar seit zwanzig Jahren nicht mehr, doch ich kann sie sehen und hören, wenn ich mit meinem Vater telefoniere. Wie man von der deutschen Sozialhilfe in Deutschland leben kann, ist mir ein großes Rätsel. Ein viel größeres aber ist: Wie gelang es Dina, von der deutschen Sozialhilfe Geld zurückzulegen und zu sparen, damit sie dem Großneffen Mark ab und zu noch einen Schein zustecken konnte? Die Antwort ist relativ einfach: Babuschkas Schule. Der sowjetische Staat ging nicht zimperlich mit den Geldern und Ersparnissen seiner Bürger um. Während der Perestrojka erfuhr man quasi über Nacht von der kommenden Geldreform, die aus Ersparnissen, die man über Jahrzehnte hinweg angesammelt hatte, ein absolutes Nichts machen sollte.

Meine Oma besaß damals einen einfachen, aber gut gepflegten, lackierten Kleiderschrank. Dieser hatte rechts eine Tür, die mit einem Schlüssel aufzumachen war, der immer drinsteckte. Hinter der Tür hingen Sachen. Zum Beispiel Hausröcke, die die Frauen in der Sowjetunion trugen und die sie auf seltsame Art orientalisierten. Breiter machten, wobei sie ohnehin breit waren – es gab keine Sportstudios, kein gesundes Essen. In einem solchen, leicht farblosen Rock gab es eine Tasche, in der Babuschka das Geld aufbewahrt hat. Eine Bank, die nur untergehen konnte, wenn das Land jenseits des Schranks unterging.

Das Land jenseits des Schranks ging tatsächlich bald unter. In der linken Schrankhälfte lag eine lederne Tasche. Sie stammte aus den Dreißigerjahren. Eine stalinistische Tasche also. Sie hatte drei oder vier Abteilungen. In der Mitte lagen schön gestaltete Papiere: Obligationen. Der sowjetische Staat ließ diese ihm wichtigen Papiere – die stalinistische wirtschaftliche PR – von den besten Künstlern gestalten. Avantgarde hin oder her, die Papiere signalisierten: Vertraut uns, wir haben euer Geld für den Aufbau der sowjetischen Industrie und Landwirtschaft hergenommen, dafür könnt ihr diese Wertpapiere haben, die wirklich was wert sind. Das waren sie natürlich längst nicht mehr.

Neben der Tasche im Schrank lag „das jüdische Buch“. Eine solide, positivistisch verfasste Geschichte der deutsch-jüdischen Literatur aus dem frühen 20. Jahrhundert, eine absolute Rarität. Wer weiß, wie und wozu dieses Buch in unseren Familienbesitz gekommen ist. Heute jedenfalls liegt es bei mir in Berlin. Oma sprach ein literarisches Hochrussisch und dazu ein rudimentäres Jiddisch ihrer Kindheit und Jugend im weißrussischen Gomel. „A grejser Stick begejme“, hörten wir Oma sagen, wenn sie jemanden beschimpfen wollte: Ich erfuhr, dass „begejme“ in Omas Jiddisch für „Behemot“ und „Behemot“ für eine Kuh stand; wörtlich also „ein Riesenstück Kuh“, auf gut Deutsch: blöde Kuh! „Kish a ber under un vejdl“, sagte Oma Bella zur Begrüßung, was so viel hieß wie: „Küss den Bären unter dem Schwanz (also am Hintern)“. „In chulem“, sagte Oma in Dnepropetrowsk, und Tante Dina wiederholte es in Esslingen. „Im Traum“ bedeutete das, du kannst also ruhig davon träumen, aber mehr ist nicht drin. Der Traum von Josef aus meinen späteren deutschen Thora-Lektüren brachte mir dieses Oma-Wort zurück.

Mark, Omas Mann und mein Großvater, starb 1969, zwei Jahre vor meiner Geburt. Er wurde nicht alt und war, so erzählte man mir, ein maskuliner schweigsamer kahlköpfiger sowjetischer Jude, der seine komplette erste Familie in Weißrussland im Holocaust verloren hatte. Sie wurden, wie die meisten Juden der westlichen Gebiete der UdSSR, erschossen, gnadenlos und schnell. Oma, seine zweite Frau, war weitläufig mit ihm verwandt und hatte in der Evakuierung im sibirischen Orenburg überlebt.

Nach dem Krieg diente mein Opa Mark als Jurist bei der sowjetischen Militäradministration ein Jahr in Potsdam. Der erste Satz auf Deutsch, den ich lange vor meiner deutschen Zeit gehört habe, war: „Frau Belkin, Ihre Küche schmeckt gut.“ So haben angeblich die deutschen Bekannten in Potsdam auf die Kochkünste meiner Großmutter reagiert. Das wurde oft erzählt und immer auf Deutsch. Ich glaube, so kam ich zum ersten Mal mit der Sprache meines künftigen Landes in Kontakt – bei Omas Bratkartoffeln.

Sowjetisch und koscher

Mit mir und Ljuda kam auch die unkomplizierte Beutekunst zurück nach Deutschland, in Form von ein paar wunderbaren chinesischen Porzellantassen, die meine Oma und mein Opa damals auf dem Schwarzmarkt in Potsdam gegen Schokolade getauscht hatten. Die Tassen sind ein Erinnerungsstück – irgendwo in der Gegend um Potsdam lebten meine Oma und mein Opa, haben sich umarmt, vermutlich gestritten, sicherlich auf Jiddisch, und die hungernden Deutschen zum Essen eingeladen.

Meine Oma konnte großartig kochen. Sie verfügte zwar über ein bescheidenes Repertoire, viel mehr gab die armselige Epoche nicht her – es gab kaum passende Zutaten, doch das, was sie machte, war erstklassig. Nie al dente, immer weich, so war das kulinarische Verständnis der Epoche. Und diese geheimnisvolle Zubereitung! Das fetteste Stück Schweinefleisch ließ sie immer für drei oder vier Stunden im Wasser liegen, denn, so sagte sie: „So hat es immer meine Mutter gemacht.“ Die Kaschrutregeln kamen hier auf eine sehr paradoxe Weise zum Ausdruck: Blut wird von Juden nicht verzehrt, auch wenn Antisemiten seit über einem Jahrtausend etwas anderes behaupten. Und damit das (Schweine!-)Fleisch das letzte darin enthaltene Blut abgibt, legt man es ins Wasser. Sowjetisch und koscher war das, jüdisch und zugleich furchtbar unjüdisch.

Meine schelmische, lustige, im Alter weinerlich gewordene Oma ist 1996 nach einigen Schlaganfällen in einem ziemlich schrecklichen Krankenhaus mit seinen gelb-grauen Bettdecken gestorben und liegt heute im jüdisch-nichtjüdischen Grenzbereich des Dnepropetrowsker Friedhofs, da es im jüdischen Teil neben meinem Opa keinen Platz mehr gab. Wäre sie mit nach Deutschland emigriert, hätte sie nach unserer deutschen Rechnung als „Überlebende“ gegolten, genauso wie mein Großvater, der im Krieg gekämpft hatte und dessen Medaillen wir unserem Sohn Mark an jedem 9. Mai, dem Tag des Sieges, zeigen. Ihre sowjetisch-jüdische Realität hatte mit unserer deutsch-jüdischen Realität nicht mehr viel gemein. Doch ich arbeitete daran, das zu ändern. Aber erst mal zurück nach Frankfurt. Einige der dortigen Juden und vor allem ihre Kinder lernte ich bald kennen. In diesen Familien gibt es meistens eine Oma oder einen Opa oder beide, die das Konzentrationslager überlebt hatten und zurück ins Leben kamen. Sie hatten keine Zeit zum Jammern, sondern machten einfach in einem Land, das sie zuvor gänzlich ausrotten wollte, ihre Geschäfte, und zwar recht erfolgreich, gespeist von ziemlich viel böser, manchmal krimineller Energie, die man aber auch schlichtweg als Überlebensenergie bezeichnen kann. Die jiddisch klingenden Anträge haben sie zunächst in ihrem eigenen Deutsch geschrieben, bis sie sich später die eloquentesten und teuersten Anwälte leisten konnten, die ihre Angelegenheiten in einem weltfremden, aber logisch-schönen Kafka-Deutsch erledigten, das die Feinde (und die Konkurrenz wurde nicht zimperlich angegangen) einschüchtern sollte.

Nach den Erfahrungen im KZ war es vielen von ihnen kaum möglich, ein normales Familienleben zu führen; die Gebildeteren gingen zu Kurt, unserem Krankenhaus-Freund mit dem jüdischen Liedchen, und den zahlreichen anderen Frankfurter Psychoanalytikern und Therapeuten – gefühlt die Hälfte aller Juden der Stadt wurde in den Siebzigerjahren Psychoanalytiker oder Sozialpädagoge. Die andere Hälfte war im Immobiliengeschäft tätig.

In Israel hatten sie eine Urlaubsheimat gefunden, manchmal auch eine Ferienwohnung gekauft, freilich ohne in dieser Hei- mat leben zu wollen, denn nach den KZs hatten sie genug durchgemacht an Gefahr und Bedrohung. „Die Araber wollen uns ins Meer stoßen“, sagten sie sich – sie waren schon einmal durch die Hölle gegangen, you name it, die ihre ganze Familie, ihre Liebsten, aufgefressen hatte, und wollten endlich in Sicherheit leben.

Sie handelten mit „Schmottes“, also Klamotten, mit Häusern und Grundstücken und trugen dazu bei, diese arrogante Gründerzeit in der fremden Stadt Frankfurt zu ruinieren – die Westend- und Sachsenhausen-Villen, die sowieso kein Mensch mehr brauchte. Wozu auch? „Das weiß isch net“, sagte der eine oder andere Immobilienmakler aus dem Westend – inzwischen sprachen die „Polaken“ ein breites Hessisch. Sie kamen einmal mehr an. Und sie lebten. Tranken ihren Kaffee in den niedlich-kleinen Kaffeehäusern der Stadt, standen in der immer schicker werdenden Westend-Synagoge oder saßen dort und quatschten ununterbrochen während der Gottesdienste, was man in Frankfurt „babbeln“ nennt. Ihre Kinder und ihre Freunde brachten sie unter in den wenigen vorhandenen Positionen um das jüdische Leben der Stadt und des Landes herum.

Ich erlebte tatsächlich noch das Ende der Frankfurter Blütezeit des bundesrepublikanischen Judentums, die zuvor München abgelöst hatte und nun ihrerseits vor knapp zwanzig Jahren Platz machen musste für Berlin, obwohl man in der neuen Hauptstadt gar keine geschäftliche und soziale Ordnung mehr hinbekommen konnte. Alles kam plötzlich in Bewegung, wurde größer, aber auch disparater.

Denn in den Neunzigerjahren waren die Russen gekommen. Die sowjetischen Juden. Diese Horden. Mit ihren fürchterlichen, weil noch viel gnadenloseren Geschäftsmodellen, die sie im grauen Berlin verwirklichten. Dominik Grafs Fernsehserie Im Angesicht des Verbrechens versucht, diese Modelle aufzuzeigen, wenn auch in abgemilderter Form. Jurek Heuberger, der vom Jüdischen Museum in Frankfurt 2006 zur Jewish Claims Conference gewechselt war, wollte etwas über diese Russen und ihre jüdische Migration nach Deutschland erfahren. Mit mir hatte er seinen spannenden Russen in der Nähe, und so lag es nahe, dass ich irgendwann eine Ausstellung im Jüdischen Museum, das inzwischen von Raphael Gross geleitet wurde, mitkonzipieren sollte. Denn wenn ich mich neuerdings so jüdisch fühle, dachte ich, warum könnte man dann nicht ein solches Projekt über „uns Juden“ aus der UdSSR realisieren?

Doch zunächst brauchte ich etwas Boden unter meinen Frankfurter Füßen. Man könnte meinen, dass ich die deutsche Gesellschaft inzwischen einigermaßen begriffen hatte, aber immer wieder stieß ich auf Phänomene, die ich so noch nicht kennengelernt oder bisher missverstanden hatte. Jetzt war es der Liberalismus, der mich verwirrte.

Meine ersten bundesdeutschen Liberalen hatte ich in Tübingen gesehen, wenn ich aus dem Bus der Linie 5 schaute und Wahlplakate der FDP sah. Lauter Männer über fünfzig. Was denken sie über die Einwanderung? Was halten sie von uns Juden? Den Russen? Ich fürchte, nicht viel. Die liberalen Männer auf Tübingens Plakaten schwäbelten ab und an im lokalen TV oder Radio irgendwas über „Steuern runter“ und die „Freiheit des Bürgers“ – das blieb für mich gänzlich ohne Relevanz. Sie trugen Schnauzer und manchmal einen gepflegten Bart und wirkten für mich wie die Bewohner vom Mars – wie ich auf sie gewirkt hätte, hätten sie mich damals kennengelernt, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Das alles – die Männer, ihre Fotos, ihr Schwäbisch, die Worte über den „Motor der deutschen Wirtschaft“ – schien für die Ewigkeit gemacht. In der Ukraine und in Russland wurden die Neunzigerjahre ebenfalls als „liberal“ bezeichnet, aber dort bedeutete der Begriff etwas komplett anderes.

Der Staat, die Säule des Sozialismus, war dort (ein Traum eines Liberalen?) schlicht nicht mehr existent. Die Preise wurden derart „liberalisiert“, dass Tausende verhungerten. Und starben – in ihren Wohnungen, die dann „privatisiert“, also liberalisiert wurden, oder einfach auf der Straße. Die kleinen, größeren und riesigen Neureichen des Landes, die Oligarchen, nannten sich „liberal“, während die Omas, die die Sowjetunion aufgebaut hatten, in den Mülltonnen wühlten und nach Essbarem suchten. Die neuen Machthaber gingen noch weiter: Sie kauften die Presse, die sie als „frei“ bezeichneten, und teilten sie auf, zensierten die darin abgedruckten Meinungen und machten sie passend. Auch das passierte alles unter dem Namen „Liberalismus“. Der Volksmund reagierte prompt: Das Wort „Liberasten“, eine klare Anspielung auf „Päderasten“, verbreitete sich auf dem ganzen Territorium der Ex-UdSSR. Daraus, aus der Ablehnung des tödlichen und tötenden Liberalismus, ist letztlich die Putin-Epoche entstanden.

Und in meiner neuen Welt? Keiner aus meinem näheren Bekanntenkreis in Tübingen oder in Frankfurt wählte die FDP, zu- mindest gab es keiner zu (so wie ja auch keiner die Bild-Zeitung liest). Einzig ein HiWi, ein Hilfswissenschaftler, unseres Tübinger Instituts war damals bei den Jungen Liberalen: J.H. Er erschien meist in einem hellen Anzug, oft mit Krawatte, und hob sich damit deutlich ab von uns allen anderen, die eigentlich immer Jeans trugen. Als jemand Geburtstag hatte, überreichte J. H. galant und formvollendet den Blumenstrauß an den Jubilar, und sofort tönte es im Raum: „FDP-geschult“. Alle verstanden den Code und lachten laut: Sie machten sich lustig über dieses vermeintliche Spießertum, das vermeintlich Antiquierte, Unnötige darin, diese Bürgerlichkeit, die Pseudohöflichkeit. Und genau das warf man auch den jeweiligen Vorsitzenden dieser Partei vor, allen voran Guido Westerwelle. Ihn hasste man regelrecht in Deutschland und warf ihm völlig zu Unrecht Sozialdarwinismus vor, und als er, politisch gefallen, im Frühjahr 2016 viel zu früh an Krebs stirbt, lieben ihn plötzlich alle. Eine traurige Entwicklung.

06:00 24.09.2016

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