Nina Scholz
Ausgabe 3714 | 16.09.2014 | 06:00 32

Immer das gleiche Strickmuster

Rollenbild Die beliebtesten Lifestyleblogs kommen topmodisch daher. Und weisen Frauen einen uralten Platz zu

In weiten Teilen des Internets sind Frauen nicht besonders willkommen. Nicht mehr nur einschlägige Blogs berichten darüber, sondern längst auch große Nachrichtenportale. Spiegel Online etwa schrieb neulich unter der Überschrift „Das Silicon Valley hat ein Sexismusproblem“ über Tätlichkeiten in der Tech-Branche. Anlass war, dass die Amerikanerin Whitney Wolfe ihre männlichen Kollegen und Mitgründer der Dating-App Tinder wegen sexueller Belästigung verklagt hat. Ein spektakulärer Fall, zugegeben, letztlich aber einer von vielen.

Doch nicht überall im Netz sind Frauen unterrepräsentiert. In einem Bereich stellen sie deutlich die Mehrheit: bei den Lifestyleblogs. Und diese blühen, von Mode- über Wohn-, Design- und Kochseiten bis hin zu halbpersönlich aufgemachten Mischformen, bei denen Shopping- und Beautytipps gegeben werden, oft mit Hinweisen, wo man die entsprechenden Produkte bestellen kann. Na wunderbar, Frauen sind online also doch sichtbar – könnte man angesichts der Masse solcher weiblich geführten Seiten denken. Schaut man sich jene Blogs genauer an, verfliegt die Euphorie jedoch schnell.

Etwa bei lovetaza.com, der Seite der New Yorkerin Naomi Davis: Die professionell wirkenden Fotos, die Davis von sich, ihrem Mann Josh und ihren zwei Kindern ins Internet stellt – man sieht die vier etwa beim Kochen oder beim Basteln –, werden von Zehntausenden regelmäßig angeklickt. Food-Exzesse blitzen einen an, Wasserspiele im Central Park oder After-Work-Fahrradtouren. Während man selbst am Rechner bei der Arbeit sitzt oder mit dem Smartphone in der vollen U-Bahn. Das leuchtend vorgeführte Glück der werbespottauglichen Familie kann süchtig machen, es bietet ein virtuelles warmes Heim. Schnell hat man als Leserin das Gefühl, in Naomi eine gute Freundin zu treffen, die einen an ihrem Leben teilhaben lässt.

Aber auch ein schales Gefühl stellt sich ein, denn das eigene Leben läuft womöglich ja nicht so perfekt. Vielleicht hatte man einen schlechten Tag, ist unzufrieden oder wütend. Das sind Gefühle, die Naomi Davis höchstens am Rande erwähnt – und wenn, dann mit dem Hinweis, dass es sich nur um einen Moment flüchtiger Schwäche handelte und sie dankbar sei für ihr schönes Dasein. Ach, wäre man doch selbst eine Naomi Davis, eine perfekte Mutter, Ehefrau, Freundin und Bloggerin. Hätte man doch auch ein Leben, das so zuckersüß ist wie ein Cupcakeguss.

Was Blogs wie Lovetaza so problematisch macht: Junge Frauen, die auf den ersten Blick modern wirken, führen alte Rollenbilder auf, sie zementieren sie sogar. Viele Lifestylebloggerinnen wie Davis sind berufstätig und berichten von ihrer individuellen Kombination aus Kindern und Lohnarbeit. Aber die Inhalte und Fotos, die sie drumherum präsentieren, sind nichts anderes als eine verjüngte Form der Homemaking-Bewegung, die in den USA seit Jahrzehnten mit Publikationen wie Good Housekeeping oder den Zeitschriften von Martha Stewart begleitet wird. Tipps zum Putzen, Kochen, Erziehen sind dabei Standard. Seltener bis nie kommen Themen wie Depression, Frustration oder Wut vor. Negatives hat im Bild einer demonstrativ glücklichen Mutter keinen Platz.

Die Neidproduktion läuft

Bei Naomi Davis und ihrem Ehemann Josh fallen noch andere Dinge auf. Die beiden haben sehr früh geheiratet und Kinder bekommen, beide trinken nie Alkohol, und am Wochenende besuchen sie einen Tempel. Leicht versteckt blitzt hie und da der Button „We believe“ in den Fotostrecken auf. Die Familie stammt aus Utah, sie sind Mormonen, besser gesagt: Vorzeigemormonen. Tatsächlich zählt Davis zu einem Netzwerk von „Mormon Mommy Bloggers“. So wie das Web-Magazin kinfolk.com, das wegen seiner modischen Aufmachung auch in Deutschland treue Leserinnen hat. Viele Kinfolk-Fans werden den urkonservativen Mormonenbezug wohl gar nicht wahrnehmen, hinter all dem Do-it-yourself-Lifestyle-Brimborium.

Längst hat sich die Wohlfühlästhetik der halbprofessionellen Lifestyleblogs auf Portale wie Instagram, Facebook oder Pinterest übertragen. In sozialen Netzwerken dokumentieren Menschen morgens ein gut ausgeleuchtetes Spiegelselfie, mittags ein leichtes Lunchmenü, abends einen Besuch im Fitnessstudio oder das Joggen im Park. Ständig wird dieselbe Botschaft reproduziert: den Körper und das eigene Heim unbedingt repräsentierbar zu halten und permanent zu optimieren.

Der Mythos der alleskönnenden Superfrau bekommt damit eine neue Dimension und führt zu ernstem Stress, nicht nur für die Betrachterinnen solcher Blogs und Bilder, sondern auch für die Produzentinnen. In den USA haben verschiedene bekannte Bloggerinnen längst zugegeben, dass sie jahrelang ihre Fotos bearbeitet, ihre Beine schlanker und ihren Bauch flacher gemacht haben. Dennoch wird der Kreislauf der Neidproduktion überraschend wenig kritisiert und offengelegt. In der Welt der strahlenden Selfies ist kein Platz für ernsthafte Auseinandersetzungen.

Die Mitarbeiterinnen und Autorinnen eines der bekanntesten deutschen Modeblogs, journelles.com, diskutierten zum Beispiel vor ein paar Wochen öffentlich im Internet darüber, dass Frauen meist nur über ihre Körper definiert würden. Ohne allerdings zu thematisieren, dass die Damen selbst ein personalisiertes Fashion-Infotainment pflegen. Journelles-Betreiberin Jessica Weiß postet viele Selfies in immer neuen Outfits, doch das kam bei der Debatte nicht zur Sprache.

Auch Stefanie Luxat, Wohnbloggerin (ohhhmhhh.de) und frühere Brigitte-Redakteurin, kokettiert schein-ironisch mit der Perfektion. Sie präsentiert ihr Heim in einem beneidenswerten Zustand und macht Werbung für ein Plakat des Handarbeitsportals Etsy: „Excuse the Mess. We live here.“ („Entschuldigen Sie bitte die Unordnung. Wir wohnen hier.“) Auf der Seite littleyears.de, einem deutschen Blog für „moderne Mamas“, stand kürzlich ein Artikel mit der Überschrift: „Is Life really that perfect? Mütter auf Instagram“. Und es drängt sich die Frage auf, ob Väter in dieser Sphäre überhaupt existieren.

Es scheint ein stilles Abkommen zu geben, dass Frauen andere Frauen im Netz nicht allzu deutlich kritisieren. Das ergibt punktuell auch durchaus Sinn, gerade in strategischer Hinsicht. Ähnlich wie im Berufsleben sehen Frauen sich auch im Netz allzu oft Männernetzwerken, Trollen und Belästigern ausgesetzt. Solidarität ist dort dringend nötig. Es scheint aber auch ein hartnäckiges Missverständnis zu geben, dass alles, was von Frauen im Internet produziert wird, automatisch irgendwie feministisch sei. Auf Lifestyleblogs trifft freilich eher das Gegenteil zu, mögen sie auch noch so „frech“ designt daherkommen.

Böse Falle Heimarbeit

Vor ein paar Jahren wären manche der Lifestylebloggerinnen vielleicht Redakteurinnen bei kommerziellen sogenannten Frauenmagazinen gewesen; heute, in der Printkrise, sind sie freie Unternehmerinnen, die sich selbst und ihr Privatestes verkaufen. Um auf die Häuslichkeitsikone Martha Stewart zurückzukommen: Früher konnte sie sich nach einem langen Arbeitstag im Dienste des Housekeepings zu Hause einfach auf ihr Sofa fallen lassen. Heute muss sie erst ihr Wohnzimmer aufräumen, bevor sie dann schnell noch ein Bild davon twittert. Und vielleicht ist der eigenhändig geknüpfte Teppich dabei der Mittelpunkt.

Plattformen für Selbstgemachtes wie Etsy und DaWanda sind sehr beliebt. Dort kann man schöne Dinge, die in kleinen Auflagen produziert werden, nicht nur erwerben, sondern auch verkaufen. Nicht nur für Frauen, sondern für freigesetzte Kreativarbeiter beiderlei Geschlechts wird das Zuhause ohnehin mehr und mehr zur Produktionsstätte. Für Frauen kann das eine böse Falle sein, auch wenn es ihnen erst einmal praktisch vorkommen mag. Im Arbeitsleben „draußen“ sind sie immer noch stark benachteiligt, erhalten niedrigere Löhne und sind, gerade mit Kindern, vom guten Willen des Arbeitgebers und des Partners abhängig. Heimarbeit (besonders wenn sie sich modisch gibt) erscheint da als gute Möglichkeit, persönliche und berufliche Lebensgestaltung angenehmer miteinander zu verbinden. Insofern verweist der Boom der weiblich geführten Lifestyleblogs auf die alte Parole „Das Private ist politisch“.

Andererseits: Wie politisch kann das Private sein, wenn man, bevor man zur Tat schreitet, erst aufräumen und dekorative Blumensträuße verteilen muss? Wenn die Wohnung, die mit Kindern und Partner bewohnt und als Arbeitsplatz genutzt wird, nichts von den Strapazen des Alltags erzählen darf, sondern nur die Fortsetzung des alten bürgerlichen Salons mit den Mitteln von Instagram ist?

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 37/14.

Kommentare (32)

Sikkimoto 16.09.2014 | 10:23

>Ähnlich wie im Berufsleben sehen Frauen sich auch im Netz allzu oft Männernetzwerken, Trollen und Belästigern ausgesetzt. Solidarität ist dort dringend nötig.<

Das tolle am Internet ist, dass man solche Behauptungen leicht nachprüfen kann. Man schaffe sich entsprechende Accounts, gebe sich als Frau aus. Ich habe das immer mal wieder getestet. Und um ehrlich zu sein halte ich das Gerede von besonderer Diskriminierung von Frauen im Internet für ausgemachten Schwachsinn. SÄMTLICHE Erfahrungen gingen stets in die Richtung, dass ich als vermeintliche Frau/Mädchen erheblich wohlwollender, nachsichtiger, respektvoller behandelt werde. Ja, es passiert dass man mich Schlampe und ähnliches nennt. Aber dann in erheblich(!) geringerer Frequenz als andersrum der Hurensohn etc fällt. Die Sprache in der Anonymität ist allgemein rauer. Es macht trotzdem keinen Sinn, alles auf sein Geschlecht zu beziehen, vor allem da nicht, wenn das Geschlecht dank Anonymität sowieso wenig ersichtlich ist.

Vor allem was die viel gescholtenen Vielspieler angeht würde ich Damen empfehlen die Gegenprüfung zu unternehmen. Treten sie einer Spielegemeinschaft mit einduetig männlichem Profil bei und warten sie wie lange es dauert bis sie angepöbelt werden oder sich Netzwerke zeigen die unter sich bleiben wollen.

Daniel Uxa 16.09.2014 | 11:38

Längst hat sich die Wohlfühlästhetik der halbprofessionellen Lifestyleblogs auf Portale wie Instagram, Facebook oder Pinterest übertragen. In sozialen Netzwerken dokumentieren Menschen morgens ein gut ausgeleuchtetes Spiegelselfie, mittags ein leichtes Lunchmenü, abends einen Besuch im Fitnessstudio oder das Joggen im Park. Ständig wird dieselbe Botschaft reproduziert: den Körper und das eigene Heim unbedingt repräsentierbar zu halten und permanent zu optimieren.

Im Handelsblatt vom letzten Wochenende war der Sonderteil dem (Selbst)Optimierungswahn gewidmet, inklusive einem langen Interview mit dem Philosophen Byung-Chul Han. Sehr empfehlenswert. Und auch bemerkenswert, wenn selbst die Wirtschaftspresse ins Nachdenken gerät.

Ansonsten kann man eigentlich nur sagen: niemand wird gezwungen, sich die hunderttrilliarden Mode - und Lifestyleblogs anzuschauen, geschweige denn, bei sowas mitzumachen und sie zu unterstützen. Dort werden nicht nur die hinlänglich bekannten Rollenmuster mit neuem Chic versehen und religiöse Ansichten in bunte Bilder verpackt, es wird vor allem eines getan: der Betrachter wird mit permanenter Werbung vollgesch...en. Welch ein Zynismus, kann man dem doch schon im realen Leben kaum entfliehen.

Überhaupt muss niemand sozialnetzwerken. Wenn der gesunde Menschenverstand nicht ausreicht, sich von dem, was einem schadet, fernzuhalten, dann bitte, immer weiter im Hamsterrad, mit Selfie versteht sich.

THX1138 16.09.2014 | 12:12

Wer sagt eigentlich, dass dieser Platz, der Frauen von ......... (Passendes bitte selber einsetzen) zugewiesen wird, tatsächlich so uralt (!) ist, wie gerne immer wieder behauptet wird? Wer genau nimmt sich eigentlich das Recht heraus, das allumfassend und für alle Menschen gleichermassen verbindlich zu definieren? Gibt es so eine Art gesellschaftspolitischer DIN-Norm, der sich alle Menschen zu unterwerfen haben..?

frankanka 16.09.2014 | 13:15

Vielen Dank für diesen Artikel! Auf YouTube findet sich dieses Phänomen im Übrigen ganz genauso. Auch dort existiert ein riesiges weibliches "Paralleluniversum" mit Wohlfühlatmosphäre, in dem Frauen für Frauen perfekte Illusionen ihres Lebens präsentieren: Es werden Glossy Boxes entpackt, Schmink- und Frisurentipps gegeben, "Outfits-of-the-day" präsentiert, die häufig parodierten "Hauls" veranstaltet. Gerade bei den weichgezeichneten und mit sanfter Musik unterlegten "Follow me arounds" hat man den Eindruck, das Leben der Frauen sei stets geprägt von High End-Kosmetik, Shopping, Öko-Food und "get-ready-for-a-girl's-night-out"-Sessions. Daneben tummelt sich natürlich auch die ganze Bandbreite an DIY-YouTuberinnen, Hobbyköchinnen und Buch-Reviewerinnen. Ich sehe da ähnliche Hyperoptimierungs- und Backlash-Tendenzen wie bei den genannten Lifestyle-Bloggerinnen.

Auch auffällig: Die meisten YT-Kanäle aus diesen Sparten wirken dabei leider sehr häufig wie die Kopie von der Kopie von der Kopie. Die YouTuberinnen, die hervorstechen, monetär erfolgreich sind und über diese Bubble hinaus bekannt werden, sind entweder alt eingesessen oder wagen sich in Männerdomänen vor: Comedy-Formate, Vlogs, Musik und Let's Plays - da scheint sich innerhalb der YT-Community in letzter Zeit zum Glück einiges zu bewegen.

ch.paffen 16.09.2014 | 15:13

danke für den blick auf´s old school Strickmuster * das die mit dem "nestbautrieb" sich ein stück weit mit den "maim mädels themen" zu beschäftigen kann ja auch daran liegen das die mädels keinen bock mehr auf das ständige irgendwie fruchtlose umkreisen des "weltfriedens" haben * man(n) kann sich die fingerchen wundtippen, muß man aber nicht * da ist es fast schon ein wenig wie eine putzige mediale "herdprämie" oder ein uiuiui so läuft das im hinterzimmer zwar durchaus unterhaltsam, trägt aber weniger zum real weltfrieden bei * anyway * feinsten resttag noch cp

TGIF-Leserin 16.09.2014 | 16:28

Aus der Seele gesprochen. Freilich gibt es keinen Zwang, den immer gleichen Reigen des "seht her, wie hübsch mein Sofa/Dessert/Kinderzimmer/Katzenklo/ Küchenregal/ Chia-Seed-Müsli/Baby/Nagellack/Brautstrauß/Ostertisch ausschaut" zu lesen.

Dennoch stolpert man (oder soll ich sagen: frau) immer wieder drüber und kriegt je nach Typ und Tagesform Atemnot oder einen Brechreiz. Das schlimmste ist nicht, dass es einzelne Bloggerinnen gibt, die ihre Profilneurose im Web ausleben, sondern dass sie so dankbares Publikum finden, die ihren Neurosen noch Applaus spenden. Wehe aber, eine Userin wagt ein kritisches Wort. Die wird dann flugs als neidisch (klar!) und grundsätzlich frustriert klassifiziert. "No rain in paradise, please!"

Und damit dieser Vorwurf nicht auftaucht, gibt es alle paar Wochen mal einen Eintrag in dem erwähnt wird, dass auch Bloggerinnen unter Regelschmerzen, Postnatalen Depressionen und Fruchtfliegen an der Obstschale leiden. Da hagelt es dann noch mehr Zustimmung und Dank der Leserinnen für den authentischen Einblick. Sharing is caring. Und wo man gerade so schön am sharen ist, kann man ganz toll seine angeblichen Lieblingsprodukte verraten. Prima Werbeumfeld für Küchenmaschinenhersteller, Kosmetik-PR-Agenturen und Lebensmittelproduzenten. Der Amazon-Affiliate-Link ist Muttis bester Freund.

Ja. Man muss das nicht lesen. Und tut es doch manchmal. So wie man "Bauer sucht Frau" mal guckt, weil man ab und zu das Hirn ausschalten will. Und darüber darf man auch meckern, ohne dass es heißt, man (frau) wäre neidisch auf Bauer Egon.

So. Und nun Ende mit dem verbitterten Negativgehabe. Ich gehe Streuselkuchen backen, den ich vor dem Essen natürlich fotografiere.

generationV 16.09.2014 | 17:21

In Deutschland gibts keine bloggenden Mormoninen, aber dafür zB den Blog Liebesbotschaft, deren Verfasserin im Dienste des Herren, aka "Papa", unterwegs ist. Profifotos von Cupcakes und Kuschelsofas, Modetipps und zwischendrin ein bisschen spirituelles Gesäusel.

Die im obigen Artikel erwähnten deutschen Bloggerinnen zeigen sich keiner Religion zugehörig, ihr Tempel ist der Kleiderschrank, das stylische Wohnzimmer der Altar und die Küche der Beichtstuhl ("Freundin, bitte vergib mir: Ich habe eine Backmischung gekauft"). Statt Heiligenbilder gibt es Selfies. Kirchensteuer zahlen die Leserinnen per Klick. Und die Kerzen sind wahlweise Pastellrosa oder Neonpink. Amen!

Zum Glück herrscht Religionsfreiheit. Ich betrachte die Wanderpredigerinnen sehr interessiert aus der Ferne.

generationV 16.09.2014 | 18:02

Was sind denn Feministinnen für Sie? Ich (BJ 1978) bezeichne mich nicht bewusst als eine solche, mein Vater sah sich schon 1970 als Feminist und setzte sich dafür ein, dass seine Töchter die gleichen Chancen hatten wie sein Sohn.

Keine und keiner schrieb hier, dass die erwähnten Bloggerinnen oder ihre Fans "keine akzeptablen Frauen" sind (was ist eigentlich mit akzeptabel gemeint?). Es geht (mir) um ein Phänomen, das (auf mich) wirkt, als käme es aus einem anderen Jahrzehnt oder einem anderen Kulturkreis.

Lethe 16.09.2014 | 18:11

Keine und keiner schrieb hier, dass die erwähnten Bloggerinnen oder ihre Fans "keine akzeptablen Frauen" sind

Nein, es schrieb niemand explizit. Aber der Blogtext suggeriert es.

Jede Frau ist für mich akzeptabel, die mit sich selbst im Einklang lebt und dabei ein Minimum ethischer Maximen verfolgt. Dasselbe Kriterium, das ich auch bei Männern anlege.

Nun, es ist eben kein anderes Jahrzehnt und nur bedingt ein anderer Kulturkreis. Also sind es Menschen von heute, was sich offenbar damit verträgt, für gut bewertete Haltungen von gestern aufrecht zu erhalten. Dass heute gehypte Haltungen halten, was sich von ihnen versprochen wird, müssen sie erst noch beweisen.

knattertom 17.09.2014 | 13:02

"Die im obigen Artikel erwähnten deutschen Bloggerinnen zeigen sich keiner Religion zugehörig,......"

Man könnte den "Fashionism" aber auch einfach als Nachfolger und scheinbar menschlichere Variante des "Fascism" sehen. Dann bekäme das ganze durchaus wieder Pseudo-religiöse Züge.

Tatsächlich ist es "Kult", eindeutig die Vorform von Kultur, wir drehen das Rad derzeit freudig zurück, und die meisten merken es nicht einmal.

KZ's gibt es zwar nicht mehr, die heissen jetzt freundlich enstellt "Sweat Shops" und man wird nicht mehr totgeprügelt, sondern verbrennt, wenn in einem mehrstöckigen Gebäude ohne Fluchtwege irgendwer an der falschen Stelle raucht, oder sich ob permanenter 14-Stunden-Schichten verzweifel vom Dach in den Tod stürzt.

Letztlich verdienen tun aber an beidem die gleichen,die Hearst-Presse, die in den 1930 in den USA den deutschen Nazis nach dem Mund schrieb und einen Exklusivvertrag mit dem Deutschen Reich hatte, vertreibt heute so anspruchsvolle Titel wie: CosmoGIRL!, Cosmopolitan, Country Living, Esquire, Good Housekeeping, Harper's Bazaar, House Beautiful, Marie Claire, O at Home........, und Hugo Boss hat im Nazireich SA-, SS- und Wehrmachtsuniformen produziert.

Ich hab's mal in einem Lied gehört und fand die Textzeile sehr sinnig:

"Lesen Sie keine Schönheitsmagazine, Sie werden sich nur hässlich fühlen!"

KMMTRX 17.09.2014 | 14:33

Einstieg mit sexueller Belästigung. Dann die direkte Überleitung zu Lifestyle-Blogs, als gäbe es für den feministisch aufmerksamen Betrachter nur das maximale Erregungsniveau. Frauen sind auch im Netz, wird zunächst einmal beruhigend festgestellt, bevor kritisiert wird: Leider interessieren sie sich für das falsche. Im Gegensatz zu Männern, die sich im Netz bekanntlich nur (!) mit hoch intellektuellen Themen beschäftigen, tauschen sich Frauen über profane Dinge wie Mode, Wohnen, Kochen, Männer und Kinder aus. Etwa bei Lovetaza, wo eine Frau auf den ersten Blick Unternehmungen mit ihrer Familie auf den Jahrmarkt, ins Schwimmbad und ihr Mittagessen in schönen Bildern dokumentiert. Und die modernen Lifestyle-Bloggerinnen schaffen es dann auch noch, Blog, Familie und Berufsleben unter einen Hut zu bekommen. Was darin negativ ist? Dass sie nicht über ihre Depression schreiben. Depression und Frustration sind bekanntlich die vorbildlichsten Eigenschaften einer emanzipierten Frau. Sitzt ganz unfeministisch zufrieden zu hause, bloggt und ist ihr eigener Chef, statt sich draußen im Arbeitsleben stark benachteiligen zu lassen. Und hat anscheinend eine falsche Religion. Leider merkt die Autorin nicht, wie sehr sie selbst einen sexistischen Standpunkt einnimmt. Als wenn man einen Artikel über Männer und ihre Basteleien, frisierten Maschinen und Kochexzesse mit der Überschrift - Böse Falle Heimarbeit - überschreiben würde! Aber als Mann ist man eben Mensch mit seinen individuellen Interessen. Als Frau hingegen ist man Frau, und kann der feministischen Analyse nicht entfliehen, egal wie unpolitisch man sich gibt.

steakhouse 17.09.2014 | 18:12

Ich sehe das Problem an diesen Blogs ehrlich gesagt nicht. Ja, sie reproduzieren klassische Rollenbilder und ja, in diese Rollenbilder sollte niemand gezwungen werden. Aber letztendlich sind die Betreiberinnen solcher Blogs Individuen, die doch machen sollen, was ihnen Spaß macht. Wenn sie Kreativ-Blogs, Blogs über Kindererziehung oder Blogs über Cupcakes betreiben ist das genau so legitim, wie wenn sie Blogs über Programmiersprachen, Elektroarbeiten oder über ein Maschinenbaustudium schreiben. Solche Blogs weisen niemandem irgendeine Rolle zu, sie zwingen niemanden, irgendeine Rolle anzunehmen und erst recht zeichnen sie kein allgemeingültiges Bild "der Frau". Blogs spiegeln einen Teil des Betreibers/der Betreiberin wieder.

Wer Betreiberinnen von Lifestyleblogs ernsthaft vorwift, sie torpedierten die Emanzipationsbewegung und feministische Ansichten nur weil solche Betreiberinnen tun, was ihnen Spaß macht, sollte schauen, ob er/sie selber nicht auch viel mehr tun müsste. Zum Beispiel als Frau eine Tätigkeit im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ausüben statt im ohnehin von Frauen relativ stark nachgefragten journalistischen Bereich...

generationV 18.09.2014 | 08:34

Komisch, was hier aus dem Artikel und einigen Kommentaren rausgelesen wird. Keiner will den Bloggerinnen ausreden, ihr Ding zu machen, keiner fordert, dass sie sich in der Genforschung oder einem KFZ-Betrieb austoben sollen. Die krtischen Töne zielen darauf ab, dass dieses selbstgewählte (und in den Augen vieler eben veraltete) Rollenverständnis mit sehr viel Druck einher geht. Und zwar in einem Bereich, der eigentlich eine druckfreie Zone sein müsste: Dem privaten Raum. Einfach aufs Sofa fläzen, die Unordnung sein lassen, die Haare mal nicht glattfönen, die Kinder in aufgetragenen Klamotten spielen lassen... das ist zumindest für die Fotos (und die machen ja den wichtigsten Teil dieser Blos aus) undenkbar. Stattdessen: Optimierungswahn, Perfektionsdruck - und sehr wenig Individualität. Schade ist das. Aber den Dekokrams gegen ein Mikroskop soll keine tauschen müssen. Nur halt: Mal zum echten Leben stehen, statt sich selbst und das Eigenheim zum anbetungswürdigen Altar stilisieren.

steakhouse 18.09.2014 | 10:19

@GenerationV: Im zweiten Satz schreibst du, niemand wolle den Bloggerinnen ausreden, ihr eigenes Ding zu machen. Wenige Sätze später schreibst du, die Bloggerinnen sollten "zum echten Leben stehen" und das Eigenheim nicht "zum anbetungswürdigen Altar stilisieren". Was ist das anderes als die Aufforderung, sich anderen Ansichten anzupassen und die Blogs zu verändern? Also eben grade nicht "ihr eigenes Ding" zu machen, sondern es so zu machen, wie andere es für richtig halten?

Ich stelle eine gewagte These auf: Vielleicht empfinden die Bloggerinnen ihren Blog und die Inhalte nicht als Druck. Vielleicht macht es ihnen Spaß, vielleicht ist es ein Hobby, das sie gerne ausüben. Oder sagst du dem passionierten Modellbauer oder dem Hobbykoch auch, er solle in seiner Freizeit mal nicht so versessen auf die Details schielen, weil das schließlich von Optimierungswahn und Perfektionsdruck zeuge, der in der Freizeit nichts zu suchen habe?

Dein Kommentar geht - wie der Beitrag auch - davon aus, dass diese Blogbetreiberinnen ein falsches Rollenverständnis haben, das sie ändern müssen. Das ist falsch. Sie haben vielleicht ein antiquiertes Rollenverständnis. Aber es sind erwachsene Menschen, die selber wissen müssen, was sie im Leben erreichen wollen und was sie vom Leben erwarten. Und wenn das die Perfektionierung ihrer Rolle als Klischee-Hausfrau und -Mutter ist, ist das vielleicht aus deiner (und auch aus meiner) Sicht nicht sehr vernünftig und entspricht auch nicht unbedingt dem modernen Menschenbild, aber es ist legitim. Sie zwingen niemanden, ihrem Weg zu folgen.

Sikkimoto 19.09.2014 | 11:12

fies, aber treffend. ^^

Auch schön fand ich die Überschrift des neuen Leitartikels: "Unsere gezähmte Lust - nur wenige Frauen haben den Sex den sie wollen".

Funfact: Nur wenige Männer haben den Sex den sie wollen. Zugegeben, ich habe den Artikel (noch) nicht gelesen, aber allein der Gedanke an Artikel in denen einmal Männer über all ihre unerfüllten Neigungen (aka Perversionen) schreiben und diese dann in keineswegs pornografischen Wochenzeitungen als eine Art Durchbruch der politischen Emanzipation erscheinen lies mich schmunzeln. Was übrigens nicht heißen soll dass ich das ganze nun schlecht fände.

:)

Sikkimoto 19.09.2014 | 11:56

Egal ob sie es als Druck empfindet oder nicht: Sie macht sich den Druck selbst. Entsprechend ist das eine vollkommen unpolitische Geschichte. Umgekehrt scheint aber das als "ideal" (warum eigentlich?) betitelte Bild hier einige Damen unter Druck zu setzen. Oder zumindest meinen sie, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlen sollten. Und da liegt der Hund begraben. Denn die Emanzipation wäre ja gerade, sich der Unordnung im eigenen Haushalt nicht doch stillschweigend zu schämen.

steakhouse 19.09.2014 | 20:45

Es mag sein, dass sich einige unter Druck gesetzt fühlen. Das ist aber ein ganz normales Risiko einer mit Passion ausgeführten Tätigkeit. Sollen wir deswegen unsere Hobbys aufgeben?

Ich bezweifle auch, dass die Blogbetreiberinnen sich überwiegend für Unordnung schämen. Es ist vermutlich eher eine Frage der Selbstdarstellung im Internet. Jeder Blogbetreiber könnte unredigierte Texte in der Erstfassung online stellen und unbearbeitete Fotos dazu hochladen und so zu seiner fehlenden Perfektion stehen. Die meisten Menschen haben aber gewisse Ansprüche an sich selbst. Deswegen werden Texte überarbeitet, Videos geschnitten, Fotos bearbeitet. Deswegen präsentieren viele Menschen bei Projekten auch nicht zwingend den ersten Versuch und dokumentieren auch nicht jeden Fehltritt, sondern sie wählen für eine Präsentation die Variante, die am Ende gelungen ist.

TGIF-Leserin 20.09.2014 | 22:50

Hej Goedzak,

sorry, aber isoliert stehend bekommt der aus meinem Kommentar entnommene Satz eine andere Konnotation. Ich habe den Bauer-Sucht-Frau-Vergleich gewählt, weil die Sendung (ähnlich wie halt diese Blogs) von mir mal geschaut wird, um das Hirn abzuschalten. Beide Formate sind mir famose Zeitfüller wenn ich müd und leer bin, da gibt es Parallelen. ABER(!) - der Unterschied auf den ich hinaus wollte: Während ich über Inka Bause und ihre suchenden Bauern überall ungehindert lästern darf, ist das im Falle der Bloggerinenn nicht möglich. Dann heißt es sogleich, man müsse es ja nicht anschalten, und bei kritischen Kommentaren wird sogleich die "Da ist wohl jemand neiderfüllt"-Keule rausgepackt. In der Kultur dieser Fashion- und Lifestyleblogs sind kritische Worte nicht vorgesehen. Anders bei Formaten wie Bauer Sucht Frau: Darüber zu lachen oder lästern gehört zum guten Ton. Sowohl im Kulturteil der SZ, als auch im Büro oder beim Friseur.

Sorry an alle mitlesenden Bloggerinnen, denen mein Satz mit Brechreiz und Atemnot sauer aufstieß. Das ist in der Tat drastisch ausgedrückt. Im Grunde finde ich gelegentlichen Genuß daran, mit Staunen und einer Art voyeristischem Entsetzen eure Weblogs aufzusuchen. Als käme das Goldene Blatt im Schöner Wohnen-Look daher, mit einer Prise Arztroman und einem Schuss Fifty-Shades-Fremdscham.

goedzak 21.09.2014 | 04:19

Um mich herum sind jede Menge Leute, die über "Bauer sucht Frau" lästern, weil es zum guten Ton gehört. Die lästern auch u.a. über solche YT-Clips, verboten hat ihnen das niemand, im Gegenteil. Es ist ein Muss, weil es der Distinktion dient. Unter diesen Ich-kann-mit-Trash-ja-ach-so-ironisch-umgehen-Typen sind auch welche, die extra ihren Burger-Jieper unterdrücken, nur weil man ja gegen McDonald sein muss.

Kaddiweiss 23.09.2014 | 14:27

Beim Lesen des Artikels frage ich mich gerade, ob die Autorin ein Neidproblem hat. Es ist ein ellenlanges Lästern und über den Kamm scheren von Blogs und bloggenden Frauen, das wenig Reflektionsvermögen erwarten lässt.

Nach dem Artikel frage ich mich, ob Frau Scholz Blogs wie Ohhhmhhh... überhaupt schonmal richtig gelesen hat? Dort hängt nicht nur das beschriebene Poster, sondern die Autorin, Stefanie Luxat, erzählt oft, dass sie Verschiedenes nicht gebacken bekommt und dann auch mal wieder, dass Dinge wie am Schnürchen klappen.

Da frag ich mich echt: Sollen wir Blogger/innen die ganze Zeit erzählen, wie blöd, negativ und mies unser Leben ist, damit es anderen besser geht?

Natürlich ist nicht immer aufgeräumt, weder bei mir, noch bei Frau Luxat, noch bei anderen Bloggerinnen, doch das weiß jeder Leser, wenn er sich auf den Blog begibt. Und daraus machen viele Blogger/innen auch absolut keinen Hehl.

Deshalb frage ich mich abschließend, was dieser Artikel also wirklich bezwecken soll?

Für mich absolut falsch recherchiert und 100% verallgemeinert.

Viele Grüße von einer über DIY- und Food-Themen bloggenden Sozialkundelehrerin, die ihr mal perfektes, mal weniger perfektes Leben zeigt.

Kaddiweiss 23.09.2014 | 16:54

Uiiiuiui. Der letzte Satz ist problematisch, meiner Meinung nach. Was hat es denn bitte damit zu tun, wenn sich Frauen oder Männer (denn davon gibt es unter den Lifestyle/Backbloggern auch so manchen) neben der Arbeit und anderen Hobbies gerne basteln, backen, dekorieren etc?

Ich glaube, dass das für viele auch eine Art des Abschaltens darstellt. Ich z.B. bin Sozialkunde - und Französischlehrerin, die ihren Beruf über alles liebt und dafür ca. 12 h am Tag arbeitet. Aber nach diesen Stunden bin ich auch mal ganz froh, was anderes zu machen. Dann nehm ich mir Zeit für mich und fröne meinen Hobbies. Das kann ein Sportkurs sein, oder ein gutes Buch oder eben ein leckeres Rezept nachkochen.

Auf meinen Blog zeige ich allerdings eher Rezepte und DIYs. Ich schreibe über das Leben und das, was ich liebe. Die Schule, meine politischen Interessen etc. bleiben da draußen, weil ich mich eben auf ein bis zwei Themen spezialisieren möchte.

Deswegen glaube ich nicht, dass ich eine Frau aus einem anderen Jahrzehnt oder Kulturkreis bin.

REFLEXION STATT RÜPELAKTION @GENERATIONV

Le Mar 03.12.2014 | 11:17

Lese diesen Artikel erst jetzt und muss sagen, dass das Thema völlig verfehlt ist. Ja, es gibt zig Fashion Blogs von adretten Girlies, die sich immer mit Legging, geknoteten Haaren und ihrer Michael Kors Tasche ablichten und nach dem "Haul beim DM" erstmal ein Kosmetik-Video bei Youtube hochladen? Und warum machen sie das? Weil sie es anscheinend mögen und die Zuschauer auch. Müssen die Damen nun aus Gründen der Gleichberechtigung ölverschmiert unter einem V8 Motor liegen oder die Rayban Aviator gegen eine Schweisserbrille austauschen? Jeder soll nach seiner Façon selig werden, das habe ich als Externer nicht zu bewerten