Immer das gleiche Strickmuster

Rollenbild Die beliebtesten Lifestyleblogs kommen topmodisch daher. Und weisen Frauen einen uralten Platz zu
Nina Scholz | Ausgabe 37/2014 32

In weiten Teilen des Internets sind Frauen nicht besonders willkommen. Nicht mehr nur einschlägige Blogs berichten darüber, sondern längst auch große Nachrichtenportale. Spiegel Online etwa schrieb neulich unter der Überschrift „Das Silicon Valley hat ein Sexismusproblem“ über Tätlichkeiten in der Tech-Branche. Anlass war, dass die Amerikanerin Whitney Wolfe ihre männlichen Kollegen und Mitgründer der Dating-App Tinder wegen sexueller Belästigung verklagt hat. Ein spektakulärer Fall, zugegeben, letztlich aber einer von vielen.

Doch nicht überall im Netz sind Frauen unterrepräsentiert. In einem Bereich stellen sie deutlich die Mehrheit: bei den Lifestyleblogs. Und diese blühen, von Mode- über Wohn-, Design- und Kochseiten bis hin zu halbpersönlich aufgemachten Mischformen, bei denen Shopping- und Beautytipps gegeben werden, oft mit Hinweisen, wo man die entsprechenden Produkte bestellen kann. Na wunderbar, Frauen sind online also doch sichtbar – könnte man angesichts der Masse solcher weiblich geführten Seiten denken. Schaut man sich jene Blogs genauer an, verfliegt die Euphorie jedoch schnell.

Etwa bei lovetaza.com, der Seite der New Yorkerin Naomi Davis: Die professionell wirkenden Fotos, die Davis von sich, ihrem Mann Josh und ihren zwei Kindern ins Internet stellt – man sieht die vier etwa beim Kochen oder beim Basteln –, werden von Zehntausenden regelmäßig angeklickt. Food-Exzesse blitzen einen an, Wasserspiele im Central Park oder After-Work-Fahrradtouren. Während man selbst am Rechner bei der Arbeit sitzt oder mit dem Smartphone in der vollen U-Bahn. Das leuchtend vorgeführte Glück der werbespottauglichen Familie kann süchtig machen, es bietet ein virtuelles warmes Heim. Schnell hat man als Leserin das Gefühl, in Naomi eine gute Freundin zu treffen, die einen an ihrem Leben teilhaben lässt.

Aber auch ein schales Gefühl stellt sich ein, denn das eigene Leben läuft womöglich ja nicht so perfekt. Vielleicht hatte man einen schlechten Tag, ist unzufrieden oder wütend. Das sind Gefühle, die Naomi Davis höchstens am Rande erwähnt – und wenn, dann mit dem Hinweis, dass es sich nur um einen Moment flüchtiger Schwäche handelte und sie dankbar sei für ihr schönes Dasein. Ach, wäre man doch selbst eine Naomi Davis, eine perfekte Mutter, Ehefrau, Freundin und Bloggerin. Hätte man doch auch ein Leben, das so zuckersüß ist wie ein Cupcakeguss.

Was Blogs wie Lovetaza so problematisch macht: Junge Frauen, die auf den ersten Blick modern wirken, führen alte Rollenbilder auf, sie zementieren sie sogar. Viele Lifestylebloggerinnen wie Davis sind berufstätig und berichten von ihrer individuellen Kombination aus Kindern und Lohnarbeit. Aber die Inhalte und Fotos, die sie drumherum präsentieren, sind nichts anderes als eine verjüngte Form der Homemaking-Bewegung, die in den USA seit Jahrzehnten mit Publikationen wie Good Housekeeping oder den Zeitschriften von Martha Stewart begleitet wird. Tipps zum Putzen, Kochen, Erziehen sind dabei Standard. Seltener bis nie kommen Themen wie Depression, Frustration oder Wut vor. Negatives hat im Bild einer demonstrativ glücklichen Mutter keinen Platz.

Die Neidproduktion läuft

Bei Naomi Davis und ihrem Ehemann Josh fallen noch andere Dinge auf. Die beiden haben sehr früh geheiratet und Kinder bekommen, beide trinken nie Alkohol, und am Wochenende besuchen sie einen Tempel. Leicht versteckt blitzt hie und da der Button „We believe“ in den Fotostrecken auf. Die Familie stammt aus Utah, sie sind Mormonen, besser gesagt: Vorzeigemormonen. Tatsächlich zählt Davis zu einem Netzwerk von „Mormon Mommy Bloggers“. So wie das Web-Magazin kinfolk.com, das wegen seiner modischen Aufmachung auch in Deutschland treue Leserinnen hat. Viele Kinfolk-Fans werden den urkonservativen Mormonenbezug wohl gar nicht wahrnehmen, hinter all dem Do-it-yourself-Lifestyle-Brimborium.

Längst hat sich die Wohlfühlästhetik der halbprofessionellen Lifestyleblogs auf Portale wie Instagram, Facebook oder Pinterest übertragen. In sozialen Netzwerken dokumentieren Menschen morgens ein gut ausgeleuchtetes Spiegelselfie, mittags ein leichtes Lunchmenü, abends einen Besuch im Fitnessstudio oder das Joggen im Park. Ständig wird dieselbe Botschaft reproduziert: den Körper und das eigene Heim unbedingt repräsentierbar zu halten und permanent zu optimieren.

Der Mythos der alleskönnenden Superfrau bekommt damit eine neue Dimension und führt zu ernstem Stress, nicht nur für die Betrachterinnen solcher Blogs und Bilder, sondern auch für die Produzentinnen. In den USA haben verschiedene bekannte Bloggerinnen längst zugegeben, dass sie jahrelang ihre Fotos bearbeitet, ihre Beine schlanker und ihren Bauch flacher gemacht haben. Dennoch wird der Kreislauf der Neidproduktion überraschend wenig kritisiert und offengelegt. In der Welt der strahlenden Selfies ist kein Platz für ernsthafte Auseinandersetzungen.

Die Mitarbeiterinnen und Autorinnen eines der bekanntesten deutschen Modeblogs, journelles.com, diskutierten zum Beispiel vor ein paar Wochen öffentlich im Internet darüber, dass Frauen meist nur über ihre Körper definiert würden. Ohne allerdings zu thematisieren, dass die Damen selbst ein personalisiertes Fashion-Infotainment pflegen. Journelles-Betreiberin Jessica Weiß postet viele Selfies in immer neuen Outfits, doch das kam bei der Debatte nicht zur Sprache.

Auch Stefanie Luxat, Wohnbloggerin (ohhhmhhh.de) und frühere Brigitte-Redakteurin, kokettiert schein-ironisch mit der Perfektion. Sie präsentiert ihr Heim in einem beneidenswerten Zustand und macht Werbung für ein Plakat des Handarbeitsportals Etsy: „Excuse the Mess. We live here.“ („Entschuldigen Sie bitte die Unordnung. Wir wohnen hier.“) Auf der Seite littleyears.de, einem deutschen Blog für „moderne Mamas“, stand kürzlich ein Artikel mit der Überschrift: „Is Life really that perfect? Mütter auf Instagram“. Und es drängt sich die Frage auf, ob Väter in dieser Sphäre überhaupt existieren.

Es scheint ein stilles Abkommen zu geben, dass Frauen andere Frauen im Netz nicht allzu deutlich kritisieren. Das ergibt punktuell auch durchaus Sinn, gerade in strategischer Hinsicht. Ähnlich wie im Berufsleben sehen Frauen sich auch im Netz allzu oft Männernetzwerken, Trollen und Belästigern ausgesetzt. Solidarität ist dort dringend nötig. Es scheint aber auch ein hartnäckiges Missverständnis zu geben, dass alles, was von Frauen im Internet produziert wird, automatisch irgendwie feministisch sei. Auf Lifestyleblogs trifft freilich eher das Gegenteil zu, mögen sie auch noch so „frech“ designt daherkommen.

Böse Falle Heimarbeit

Vor ein paar Jahren wären manche der Lifestylebloggerinnen vielleicht Redakteurinnen bei kommerziellen sogenannten Frauenmagazinen gewesen; heute, in der Printkrise, sind sie freie Unternehmerinnen, die sich selbst und ihr Privatestes verkaufen. Um auf die Häuslichkeitsikone Martha Stewart zurückzukommen: Früher konnte sie sich nach einem langen Arbeitstag im Dienste des Housekeepings zu Hause einfach auf ihr Sofa fallen lassen. Heute muss sie erst ihr Wohnzimmer aufräumen, bevor sie dann schnell noch ein Bild davon twittert. Und vielleicht ist der eigenhändig geknüpfte Teppich dabei der Mittelpunkt.

Plattformen für Selbstgemachtes wie Etsy und DaWanda sind sehr beliebt. Dort kann man schöne Dinge, die in kleinen Auflagen produziert werden, nicht nur erwerben, sondern auch verkaufen. Nicht nur für Frauen, sondern für freigesetzte Kreativarbeiter beiderlei Geschlechts wird das Zuhause ohnehin mehr und mehr zur Produktionsstätte. Für Frauen kann das eine böse Falle sein, auch wenn es ihnen erst einmal praktisch vorkommen mag. Im Arbeitsleben „draußen“ sind sie immer noch stark benachteiligt, erhalten niedrigere Löhne und sind, gerade mit Kindern, vom guten Willen des Arbeitgebers und des Partners abhängig. Heimarbeit (besonders wenn sie sich modisch gibt) erscheint da als gute Möglichkeit, persönliche und berufliche Lebensgestaltung angenehmer miteinander zu verbinden. Insofern verweist der Boom der weiblich geführten Lifestyleblogs auf die alte Parole „Das Private ist politisch“.

Andererseits: Wie politisch kann das Private sein, wenn man, bevor man zur Tat schreitet, erst aufräumen und dekorative Blumensträuße verteilen muss? Wenn die Wohnung, die mit Kindern und Partner bewohnt und als Arbeitsplatz genutzt wird, nichts von den Strapazen des Alltags erzählen darf, sondern nur die Fortsetzung des alten bürgerlichen Salons mit den Mitteln von Instagram ist?

06:00 16.09.2014

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