Immer muss man lügen

Film Die Mutter schrieb Kinderpsychologie-Bestseller, der Vater prügelte. Martin Miller will das verstehen und begibt sich in „Who’s Afraid of Alice Miller?“ auf eine Spurensuche
Immer muss man lügen
Alice Milller sah weg, als Martin misshandelt wurde. Später schrieb sie ihm Briefe – und brach dann den Kontakt zu ihrem Sohn ab

Foto: Arsenal Film

Es ist so schwer bei meiner Mutter herauszufinden, lügt sie oder lügt sie nicht.“ Martin Miller, Sohn der berühmten Kinderpsychologin Alice Miller, ist unterwegs durch die USA, wo er die Cousine seiner Mutter besucht. Mit Irenka Taurek fährt er durch die Wüste und typische Kleinstädte im Südwesten. Ans Lenkrad lässt er die Verwandte nicht. Wenigstens das Auto möchte Martin Miller auf seinem Weg ins Ungewisse steuern.

Das merkwürdige Paar, der große schwergewichtige Mann und die eine Generation ältere, um einen Kopf kleinere Frau, sehen sich abends im Hotelzimmer Fernsehaufnahmen von Alice Miller an, in denen diese über Kinderrechte und Missbrauch spricht. Eloquent, diszipliniert, eindringlich. Sie warnt vor den Schäden, die Gewalt gegen Kinder noch im Erwachsenenalter anrichtet. Martin Miller ist einem Weinkrampf nahe. „Jeden Tag, jede Minute muss man lügen“, meint Irenka Taurek, die Holocaust-Überlebende und letzte Zeitzeugin seiner Familiengeschichte. Irenka hat Alice kurz nach Kriegsende aus den Augen verloren, noch ehe diese mit ihrem Mann in die Schweiz emigrierte.

Martin Miller ist Psychotherapeut und hat damit fast denselben Beruf ergriffen wie seine Mutter, die 2010 verstorbene Psychologin und Ex-Freudianerin, die sich selbst als Kindheitsforscherin bezeichnete und mit Das Drama des begabten Kindes (1979) einen Bestseller verfasste. Nach ihrem Tod schrieb Martin Miller das Buch Das wahre Drama des begabten Kindes und machte sein Trauma öffentlich. Das Drama Martin Millers bestand darin, dass er geschlagen wurde. Bis er im Alter von sechzehn Jahren ins Internat kam, wurde er täglich vom Vater misshandelt.

„Sie hat zugeschaut, wie er zugeschlagen hat“, sagt er. Oder weggeschaut. Denn vor der eigenen häuslichen Gewalt verschloss die bekannte Kinderrechtlerin die Augen – und errichtete die noch berühmtere Mauer des Schweigens. Den späteren Briefkontakt zum erwachsenen Sohn brach sie ab und zog aus der Schweiz fort nach Südfrankreich. Doch die bis dahin geschriebenen Briefe existieren noch, Martin hat sie aufgehoben.

Thesen, die schmerzen

In einem der Briefe erklärt sie dem Sohn die Motive für Hitlers „Raserei“ aus psychoanalytischer Sicht und mit verdrängtem Vaterhass. Diese Frage solle er auch an sich selbst stellen. Wenn die Schauspielerin Katharina Thalbach solche Antworten auf Martins Fragen aus dem Off vorliest, verspürt man beim Zuhören einen nahezu körperlichen Schmerz.

Nach Alice Millers Theorie beeinflusst die eigene Vergangenheit als Erwachsener die Beziehung zum Kind entscheidend. Das in der eigenen Kindheit erlebte Leid wird wiederbelebt. Es gilt also den Kreislauf zu durchbrechen. Aber wie? Manchmal sieht man Martin Miller fast verzweifeln, weil er weiß, dass das, was an dieser Theorie wahr ist, sein eigenes Trauma verursacht hat.

Und doch geht es in Who’s Afraid of Alice Miller? nicht um vergangene Schuld. Selbst gegenüber dem gewalttätigen, lang verstorbenen Vater kommt Martin nach so vielen Jahren kaum ein böses Wort über die Lippen. Er möchte einzig diesem Widerspruch auf den Grund gehen, er möchte wissen, wie seine Mutter diese Form von Doppelleben führen konnte und wer sein Vater Andrzej eigentlich war. Über dessen Jugend in Polen existieren nämlich nur Spekulationen, ein Insert beschreibt ihn als „Professor für Soziologie und eine zentrale Figur der Schweizer Hochschulpolitik“.

Der Schweizer Filmemacher Daniel Howald ist ein stiller Begleiter, der solcherart den richtigen Zugang zu diesem Thema gefunden hat. Er stellt keine Fragen, denn von diesen gibt es ohnehin schon genug. Er folgt Martin Miller dezent im Hintergrund bei dessen Wegen in die USA, nach Deutschland und in der zweiten Hälfte des Films vor allem nach Polen, woher Andrzej und Alice Miller stammten und wo Martin und Irenka Taurek ihre Spurensuche fortsetzen. Oft hört Howald nur zu, filmt die Gespräche mit Archivaren, einem Berliner Therapeuten, den Alice Miller später selbst konsultierte, sowie einer jungen Holocaustforscherin. Man reist nach Warschau und nach Łódź. Selten erlaubt sich die Kamera einen Blick zur Seite auf Besonderheiten dieser Schauplätze, hin und wieder erklärt eine Texttafel nüchtern die historischen Hintergründe. Es sind bewusst auf Zahlen und Fakten reduzierte Informationen. Als Filmemacher weiß Howald nie mehr als sein Protagonist.

Und dennoch lichten sich in Polen langsam die Nebel, kreiert auch der Film so etwas wie dramaturgische Spannung, indem sich die Fragestellungen zunehmend verschieben. Denn nun steht nicht mehr das persönliche Trauma Martin Millers im Vordergrund, sondern die jüdische Familiengeschichte von Alice und Andrzej, und mit dieser ein kollektives Trauma von Flucht, Vernichtung und Vertreibung. Und das Schweigen, das danach kam. So wie am „Umschlagplatz“ in Warschau, an dem die jüdische Bevölkerung für die Deportationen nach Treblinka zusammengetrieben wurde, auch den Protagonisten einfach die Worte fehlen.

In einem Brief an ihren eigenen Therapeuten schrieb Alice Miller: „Es war mir nicht gegeben, eine gute Mutter zu sein.“ Ein Satz, der es bis es auf das Filmplakat geschafft hat. Who’s Afraid of Alice Miller? zeigt, wie dieses Gegebene ohnmächtig machen kann. Aber auch, was eine nächste Generation tun kann.

Who’s Afraid of Alice Miller? Daniel Howald Schweiz 2020, 101 Minuten

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06:00 20.11.2021

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