Immer rein in die gute Stube

Nachruf Zum Tod von Peter Rühmkorf (1929-2008)

Sein letztes Buch konnte er nicht mehr vollenden. Erschienen ist Peter Rühmkorfs Band Paradiesvogelschiß vor zwei Monaten dennoch - als eine Art Baustelle, die 36 zu Ende geschliffene Gedichte ebenso enthält wie in Form von Fragmenten und Splittern präsentiertes Rohmaterial. Dergestalt aus den Nöten Tugenden zu machen, Schwächen nicht zu überspielen, sondern auszustellen, das passt zweifellos zu Rühmkorf, der sich in dem Buch auch illusionslos mit Alter und Krankheit, mit seinen schwindenden Kräften auseinandersetzt, wie das auch der späte Ernst Jandl getan hatte. Es finden sich dort Bonmots wie: "Alter kleb die Zähne fest, / und dann wird losgebissen.", aber auch gereimte Gedichte, etwa ein "Grabspruch", der so beginnt: " Schaut nicht so bedeppert in die Grube. / Nur immer rein in die gute Stube. / Paar Schaufeln Erde und wir haben / Ein Jammertal hinter uns zugegraben."

Peter Rühmkorf war davon überzeugt, dass das Reimen noch helfen könne. Den Reim begriff er als "menschheitsbegleitendes Kunstmittel", und die Frage, ob man heute noch reimen sollte oder lieber nicht, war für ihn eine rhetorische. Als er 1986 seine "Wiener Vorlesungen zur Literatur" hielt, widmete er sie drei Themenfeldern: dem Reim, dem "unbekannten Wesen", der "Volks- und Kinderpoesie" und dem Märchen - was in einem Wien, in dem die sprachexperimentelle Avantgarde eine große Rolle spielt, durchaus als Provokation aufgefasst werden konnte. Darin erblickte Rühmkorf Kraftfelder, auf die eine Lyrik, die an Wirkung interessiert war und die gelesen und verstanden werden wollte, nicht verzichten durfte.

Hans Magnus Enzensbergers Band Allerleirauh von 1962, in dem dieser "viele schöne Kinderreime" versammelte, war für Rühmkorf, der dort die derben Verse seiner Kindheit vermisste, Anlass für ein Gegenbuch: Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund. Diesen literarischen Untergrund fand Rühmkorf auf Kinderspielplätzen und Schulhöfen, Stammtischen und Klowänden und war davon überzeugt, aus dem buntgescheckten Material "ein Volksbuch" zusammengestellt zu haben. "Münchner Biere unerreicht / Drei getrunken, vier geseicht." ist so ein Fundstück, Kinderverse hatten in den Nachkriegsjahren aber auch die mangelnde Aufklärung zu ersetzen: "Licht aus, Licht aus / Mutter zieht sich nackend aus / Vater holt den Dicken raus / Einmal rein einmal raus / Fertig ist der kleine Klaus".

Rühmkorf gibt in seinen "Wiener Vorlesungen" zu, auch eigene Verse unter diese "Volkspoesie" geschmuggelt zu haben, die für seine Gedichte ein so wertvoller Humus war. Das machte ihn zu einem populären Lyriker - und wie selten gibt es solche! - lange bevor die Feuilletons Robert Gernhardt als großen Dichter umarmten. Rühmkorf tourte mit "Jazz und Lyrik" durch die Lande und erreichte große Auditorien un Menschen, die niemals freiwillig eine Lesung besucht hätten. Mit Gernhardt verband ihn eine konservative Auffassung von dichterischem Handwerk, die sich einer Tradition bis zurück zu den Merseburger Zaubersprüchen versicherte, und spielerisch zur Schau gestellt wurde - ein Handwerk, das manchmal aber auch vernehmlich klapperte und den Lyriker Thomas Kling dazu reizte, Rühmkorf die "Eleganz eines Kartoffelsacks" zu attestieren. Mit Gernhardt gehört er aber auch zu den ganz wenigen, deren Lyrik mit Humor in Verbindung gebracht wird.

Zweifellos ist es eine große Stärke von Rühmkorfs Ansatz, dass hier ein "Dichter" die Auseinandersetzung mit niedrigem Material, mit der Gossen- und Werbesprache nicht scheut, sondern sie als unabdingbare Voraussetzung begreift für eine Literatur, die Fühlung auch mit ihrer sprachlichen Umgebung aufzunehmen versucht. Die Kehrseite freilich ist sein Ressentiment gegen eine neoavantgardistische, experimentelle Literatur, die er mit dem realsozialistischen Kampfbegriff als "Formalismus" denunziert. Der große Sprachspieler - und das ist dann doch schade - verzichtet ohne Not auf das subversive Potential dieser Ansätze, Walther von der Vogelweide ist ihm näher als Konrad Bayer. In einem Aufsatz mit dem Titel Einige Aussichten über Lyrik schrieb Rühmkorf 1963: "Die freiwillig Selbstkontrolle der Kunst ging folgerichtig über in die freiwillige Selbstauflösung". Niemand geringerer als Theodor W. Adorno antwortete damals dem jungen Hamburger Autor, um Verständnis und Ausgleich bemüht, Rühmkorf hat den Brief in seinem 1972 erschienen Buch Die Jahre die Ihr kennt dokumentiert: "Es ist fast unmöglich, die auseinander weisenden Forderungen nach der konstruktiven Durchartikulation und nach jenem, lassen Sie mich sagen: Stofflichen zusammen zu bringen, an deren Durchdringung mir die Möglichkeit von Kunst heute zu haften scheint. Aber diese Fast-Unmöglichkeit ist keine andere als die der Kunst selber."

In Die Jahre die Ihr kennt sind aber nicht nur Beiträge zu Lyrikdebatten abgedruckt. Es findet sich dort etwa auch eine Rede über "Straßenpolitik nach dem Tode von Benno Ohnesorg", gehalten 1967 in Hamburg, die mit den Worten endet: "Alles in allem, meine Damen und Herren, wir sind eine ganze Menge, nicht an die Wand zu regieren und notfalls und notstands auch auf die Beine zu bringen." Peter Rühmkorf stand mitten in den politischen Debatten jener Jahre, war bereits in den fünfziger Jahren an der Gründung jenes Studentenkuriers beteiligt, aus dem später die Zeitschrift konkret werden sollte. Mit Klaus Röhl und anderen gründete er das Kabarett "Die Pestbeule - KZ-Anwärter des 3. Weltkriegs e.V." Rühmkorf, der konkret-Autor mit wechselnden Pseudonymen, forderte eine "Kunst mit Initialzündung" und dekredierte: "Zwischen Barrikade und Altenteil gibt es keine Kollaboration." Die distanzlos in den Nachwehen von 1968 geschriebenen Jahre können als ein wahres Gegengift gelten zu den Selbstbezichtigungen all der Renegaten, die sich jetzt 40 Jahre später zu Wort melden, als materialreicher und authentischer Einblick in das Denken eines politisch denkenden Menschen, der dennoch von der Kunst nicht lassen wollte.

Gut möglich, dass der Paradiesvogelschiß noch lange nicht die letzte Wortmeldung des Schriftstellers Peter Rühmkorf ist, sind unter dem Titel Tabu I und Tabu II doch bereits 1995 und 2004 zwei dickleibige Bände mit Tagebüchern erschienen. Sie umspannen die Jahre 1971/72 sowie von 1989 bis 1991. Dazwischen und danach müsste doch noch einiges kommen, und es wäre eine spannende Lektüre, denn Rühmkorf breitet in diesen Diarien ungefiltert seine Gedanken über Zeit und Kulturgeschehen aus. Dabei ist der Kontrast zwischen den beiden vorliegenden Bänden denkbar groß - hier der krisengeschüttelte Autor in den Jahren nach 1968, dort der müde gewordene Lyriker, der die Wende vor dem Fernseher kommentiert und sich Beiträge für Marcel Reich-Ranickis Frankfurter Anthologie abtrotzt, der aber immer noch herrlich böse sein kann, wenn er etwa das Publikum im Berliner Buchhändlerkeller beschreibt: "alte Tanten, Strolche, Penner, Auchdichter, Müßigängger, paar rentenverzehrende Reste eines zerschlagenen Bildungsbürgertums. Brauchte viel Zeit, Kraft und Grips, um das auf durchgesessenen Autobänken dahindämmernde Völkchen zu erwecken."

Rühmkorf dichtete aber auch: "Aufwachen? - Wozu? / Es ist doch so, laut EMNID folgt für 44% / aller Bundesbürger auf den Tod das Nichts. / Von denen völlig zu schweigen, für die nach dem Nichts / gleich der Tod kommt - / Hab leider vergessen, was ich damit eigentlich / aussagen wollte, achja: / Wer das kapiert hat, / den versteht bald keiner mehr." Peter Rühmkorf, der vergangenen Montag in einem Bauernhaus im Lauenburgischen seiner Krebserkrankung erlegen ist, hat gleich posthum eine bittere Pointe ereilt. Er war bereits seit einigen Stunden tot, als ihm am Montag der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor zuerkannt wurde. Nur wenige Stunden nachdem die Agenturen die freudige Nachricht verbreitet hatten, mussten sie den Tod des Dichters melden.

Florian Neuner, geboren 1972 in Österreich, lebt als freier Autor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2007 der Band Zitat-Ende.

00:00 13.06.2008

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