Immer schon mal da gewesen

Folklore Die Londoner "Frieze Art" kultiviert das Marketing

Je angeschlagener ein Markt, desto zäher seine Rituale, auch Kunstmessen gehören zu diesen zählebigen Veranstaltungen. In langen Krisenjahren haben die Beteiligten Federn und manche unfreiwillig ein Stück Würde verloren: Künstler, Kunsthändler, Museumsleute, Ausstellungsmacher und Kuratoren, Sammler, Stiftungen, Publizistik, kurz, der ganze Betrieb steht international unter enormen Druck; neue Konkurrenz im harten Messegeschäft war da kaum zu erwarten.

Doch kaum waren die Tore der Art Basel und des artforum Berlin geschlossen, da trafen sich die professionellen Kunstnomaden schon wieder, diesmal unter einem neuen Zelt auf 11.000 Quadratmetern, unter kräftiger Herbstsonne in London. Angezogen wurden sie vom Leitmotiv unbedingter Zeitgenossenschaft aber auch vom Reichtum und guten Verbindungen zum amerikanischen Markt und den zahlreichen Kunstsammlern dieser Weltmetropole, die mit der Frieze Art ihre erste internationale Messe für zeitgenössische Kunst überhaupt aus der Taufe gehoben hat. Selten liest sich ein Messekatalog als Verzeichnis der international führenden und zugleich spannendsten Galerien, 124 insgesamt (davon 38 Großbritannien, 27 USA, 25 Deutschland, 6 Frankreich) 300 der etwa 1.000 präsentierten Künstler werden dort mit inhaltlich gut verständlichen Texten vorgestellt. Die große Mehrheit wurde zwischen 1960 und 1975 geboren, auf ihrer Vielfalt und Zeitgenossenschaft beruht das ganze Profil.

Die Frieze Art eine spielerische Mischung aus Ernst und Unterhaltung, kritischer Auswahl und bezahlbaren Preisen, rotziger Respektlosigkeit, frischer Improvisation, Professionalität und humorvoll-respektvollem Umgang mit zeitgenössischer Kunst. Eine Handschrift, die die Messeleitung Matthew Slotover (London) und Amanda Sharp (New York) seit 1991 in ihrer Kunstzeitschrift frieze art mit Erfolg pflegen und die ihnen den direkten und unbefangenen Zugang zu den international führenden Persönlichkeiten und Institutionen des Kunstmarktes gesichert hat.

All das sind auch Teile einer längerfristigen Strategie, um einen haltbaren Generationswechsel unter den international gehandelten Künstlern einzuleiten. Dazu gehört die überfällige Reformierung der internationalen Handelsplätze und seiner etablierten Rituale. Große Sammlungen, internationale Ausstellungen und etablierte Museen bedienen sich schon seit Jahren moderner Marketingmethoden, um die immer knapperen Budgets zu sanieren und die Besucherströme zu industrialisieren. Selten - und nach nur zweijähriger Vorbereitung - wurden ihre systematische Anwendung im Kunsthandel so konsequent vorgeführt, wie jetzt in London. Die unvermeidliche Nomenklatur, Who is in - Who is out, erscheint von innen und außen als konsensfähig und hat sich durch zahlreiche internationale Ausstellungen, Publikationen und Museumsankäufe der letzten Jahre kontinuierlich herausgeschält. Selbstverständlich blieben auch in London all jene guten Ausnahmen willkommen, die sich gut ins zeitgeistige Messegeschäft integrieren, also hochkarätige Arbeiten der Klassischen Moderne (Di Chirico, Matisse, Dubuffet, Picasso) oder Quereinsteiger aus Film, Musik und Theater, fast schon Markenzeichen wie Wim Wenders, Robert Wilson, Paul McCarthy.

Gute Rahmenbedingungen wurden geschaffen und die Rechnung, die wichtigsten Entscheidungsträger und privaten Kunstsammler für ein Wochenende nach London zu locken, ist aufgegangen. Die Tate Modern zeigt eine Schau mit den jüngsten Arbeiten von Siegmar Polke, eine faszinierende Auftragsarbeit von Olafur Eliasson schmückt die Tate-Turbinenhalle, die Whitechapel Gallery zeigt Franz West, Bill Viola gastiert mit The Passion in der National Gallery. Es hagelte private Sonderführungen durch Museen und Galerien, Empfänge, Special Events die ganze Nacht. Der Pulp Musiker Steve Mackey organisierte eigens ein ambitioniertes Musikprogramm, Poly Staple beauftragte zehn anerkannte Künstler mit Sonderprojekten, um den Unterhaltungswert der Messe zu steigern; darunter eine verspielt-riesige Grasrampe von Paola Pivi mitten im Messezelt.

Die Londoner Sammlerin Candida Gertler organisierte den Frieze Art Fair Fund, einen Ankaufsetat unter Federführung der Tate Gallery von respektablen 100.000 Pfund. Foren für Sammler und Kuratoren diskutierten über Empathie und Kritik und das Museum als Skulptur, selbst am eher müden Messemontag wurde die Frieze Art noch von organisierten Schul- und Studentengruppen unsicher gemacht. Die Leistungen der Messezeltarchitektur von David Adjaye, Jungstar der Londoner Architekturszene, waren in den kalten Messehallen von Regent´s Park schwerer nachzuvollziehen, allenfalls der Eingang war gelungen, die Toiletten durchaus ein Höhepunkt.

In seiner Anthropologie der Bilder hat der Kunstwissenschaftler Hans Belting die neuen Bilder als schon immer gewesene Bilder beschrieben. Eine solche Einsicht hilft, um die unübersehbaren Autoreferenzen vieler Kunstwerke, die man vor einigen Jahren eher als Zitate gesehen hat, neu zu lesen; wir erkennen die neuen Bilder wieder, alte Referenzen in neuer Form; insgesamt aber wenig Innovation. Besonders auffällig ist der starke Rückgang fotografischer Arbeiten und eine hohe Präsenz der Malerei. Bei aller Zeitgenossenschaft verbarg sich unter den präsentierten Kunstwerken vieles mit dem irritierenden Beigeschmack moderner Industriefolklore.

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00:00 24.10.2003

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