Immer schön sexy

Eigene Tradition Russische Frauen und Männer orientieren sich an traditionellen Rollenbildern. Wo bleibt da die Emanzipation?

"Was mir an Moskau gefällt, ist, dass Männer hier noch Männer sind", sagt Aljona Borisowa. "Sie bringen Blumen, halten die Tür auf und zahlen das Essen. Außerdem zieren sie sich nicht so, wenn sie eine Frau attraktiv finden." Aljona ist 27 und frisch verheiratet. Vor der Hochzeit war ihr Leben ganz auf die Karriere ausgerichtet: Sie machte in Cambridge das internationale Abitur und studierte Wirtschaft in Deutschland. Doch so richtig wohl fühlte sie sich im Westen nie. Es zog sie zurück nach Moskau. Jetzt arbeitet sie bei einem russischen Fernsehsender. Vor ein paar Monaten lernte sie Sergey kennen, einen 24-jährigen Manager. Sie verliebten sich und heirateten. Seitdem arbeitet Aljona Teilzeit, kocht, bügelt die Wäsche, geht in Schönheitssalons. Dafür bringt er das meiste Geld nach Hause. Bald will sie schwanger werden. Sie sei glücklich, sagt sie.

Der Lebensentwurf von Aljona ist in Russland nichts Ungewöhnliches. Das Heiratsalter der Frauen ist niedrig, der Kinderwunsch stark ausgeprägt. Und die meisten Russinnen geben sich bewusst feminin. Pelzmäntel, Miniröckchen, Designertäschchen sind bei vielen Standard. Für Kosmetik gibt die russische Durchschnittsfrau monatlich rund ein Zehntel ihres Gehalts aus. Die Dichte von Sonnenstudios, Nagelsalons und Schmuckläden ist auffällig hoch. Auch die allgegenwärtige Reklame wirbt mit dem Frauenbild einer attraktiven, verführerischen Luxusfrau an der Seite eines starken Mannes. Und das aus Kalkül: Die Zielgruppe gibt sich gern sexy.

Auf Deutsche wirkt ein Moskauaufenthalt häufig wie eine Zeitreise in längst überwunden geglaubte Geschlechterverhältnisse. Noch immer ist der Mann in Russland das "starke Geschlecht". Die Frau ist die "Schöne und Schwache". Diese Rollenvorstellungen lösen besonders bei deutschen Frauen häufig Befremden aus. Selbst wenn sie in Führungspositionen nach Russland reisen, kommt es nicht selten vor, dass die männlichen Kollegen darauf bestehen, das Essen zu spendieren. Der Mann zahlt in Russland nun mal für die Frau, nicht umgekehrt. Es ist Tradition, Führungsposition hin oder her. Was in Russland zum guten Ton zählt, könnte in Deutschland wohl als eine Form positiver Diskriminierung gelten. Russinnen wirken auf deutsche Frauen auch oft nicht sexy, sondern unemanzipiert, von Männern abhängig und irgendwie tussihaft.

Nach westlichem Vorbild?

Die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung ist eine von vielen westlichen Organisationen, die das korrigieren will. Eines ihrer Ziele ist es, russischen Frauen Gleichstellung nach westlichem Vorbild beizubringen. Auf ihrer russischen Website steht Genderdemokratie gleich an zweiter Stelle, noch vor Ökologie und dem internationalen Dialog. Etliche Projekte wurden bereits ins Leben gerufen, um Russinnen Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und den Willen zu mehr politischer Teilhabe nahezubringen. Doch bisher mit wenig Erfolg. In Russland wollen sich Frauen nicht mit Gender und Feminismus befassen. Auf der Website der Stiftung heißt es: "Entsprechend gering ist der Einfluss der gut zehn russischen Gender-Zentren auf die öffentliche Diskussion selbst im engeren NGO-Umfeld, von der Gesellschaft insgesamt ganz zu schweigen." Die Erklärung der westlichen Entwicklungshelfer in Sachen Gleichstellung lautet so: Feminismus funktioniere in Russland nicht, weil sich Frauen vorrangig als Mütter und Ehefrauen verstünden. Die traditionellen Rollenverteilungen sind fester Teil der russischen Gesellschaft. Und die meisten Männer und Frauen wollen das nicht ändern.

Die westliche Gender-Entwicklungshilfe wird nicht nur von der Mehrheit der russischen Frauen abgelehnt, sondern offen attackiert. Dabei sind es oft gebildete und erfolgreiche Frauen, die Feminismus und Gendermainstreaming verdammen. Allerdings greifen sie dabei auch auf altbacken klingende Klischees zurück. "Es ist eine ästhetische Sache, dass wir den Feminismus abstoßend finden", meint die Schriftstellerin und Literaturprofessorin Olessa Nikolaewa. "Mannsweiber passen einfach nicht in unsere Kultur." Die junge, erfolgreiche Kolumnistin Svetlana Kolchik formulierte es noch härter: "Das Einzige, was ich mir darunter vorstellen kann, ist ein Haufen von wirklich unattraktiven Frauen, mit fettigen Haaren, Bärten und unrasierten Beinen, die aus reiner Verzweiflung von sich behaupten Feministinnen zu sein, weil kein Mann sie attraktiv findet." Solche Äußerungen rufen bei niemandem Empörung hervor.

Feministin zu sein, ist in Russland fast ein Schimpfwort. Das Bild von Frauen, die lieber einem Hund helfen würden als einem Mann, ist fest in den russischen Köpfen verankert. "Normal ist es, wenn Frauen nicht unterdrückt werden", sagt eine Frau in einer Talkshow, "aber gleichzeitig wird doch keine geistig gesunde Frau gegen Männer kämpfen oder auf sie verzichten wollen." Donnernder Applaus.

Die deutsche Genderexpertin Brigitta Godel schreibt, die patriarchale, repressiv-autoritäre russische Kultur und der Geschlechtertraditionalismus hätten in Russland die Gleichstellung vereitelt. Die Russen hätten Stereotypen von Mann und Frau verinnerlicht sowie Hierarchien bei den Rollenzuschreibungen. Russische Männer hätten einen "zurückgestauten Machtanspruch", der jetzt wieder auflebe. Und: Die Überflutung der russischen Gesellschaft mit Pornos trage zu anhaltender Diskriminierung von Frauen bei.

Dass der westliche Feminismus in Russland nie Fuß fassen konnte, hat aber auch noch andere Gründe abseits von Pornos, russischer Kultur und "zurückgestautem Machtanspruch": In der Sowjetunion mussten Frauen arbeiten – ob sie das wollten oder nicht. Die Gleichstellung von Mann und Frau entwickelte sich nicht wie im Westen aus der Zivilgesellschaft heraus. Sie wurde von oben angeordnet.

Ausgerechnet Stalin

Für die fast vollständige Berufstätigkeit der Frauen sorgte ausgerechnet Stalin. Die vielen Gefallenen des Zweiten Weltkriegs und die Opfer seiner Repressionen machten weibliche Arbeitskraft unverzichtbar. Später war es die marode Planwirtschaft, die zwei Einkommen in einer Familie notwendig machte. Während im Westen Frauen darum kämpften, die Rolle der Mutter und Hausfrau abzulegen, waren im Osten Ingenieurinnen und Ärztinnen bereits die Norm. Zugleich stärkte die ständige Knappheit und Armut den Familienzusammenhalt. Und nicht zuletzt waren Hassobjekte vieler westlicher Feministinnen wie Miniröcke, Make-up, Designerkleider und Highheels in der Sowjetunion einfach nicht erhältlich. Das machte sie zu begehrten Gütern. Als die Sowjetunion zusammenbrach, wollten die russischen Frauen daher nicht als erstes an Gendertheorien denken.

Aber was sagt die Statistik? Werden Frauen in Russland strukturell benachteiligt? Ja. Laut dem Gender Gap Report 2011 herrschen in Russland eklatante Lohnungleichheiten. Russische Frauen bekommen für gleiche Arbeit nur 65 Prozent des Männergehalts. Allerdings ist der Unterschied in Deutschland noch größer: Eine deutsche Frau verdient im Durchschnitt nur 62 Prozent des männlichen Gehalts. Insgesamt sind die wirtschaftlichen Verhältnisse von Männern und Frauen in Russland gleicher als diejenigen in Deutschland. Frauen in Führungspositionen fehlen in beiden Ländern fast im gleichen Maße. Auch was Gesundheit und Bildung angeht, liegt Russland im Ranking vorn. Nur in der Politik sind russische Frauen deutlich weniger vertreten. Ob Feminismus, Gender, traditionelle Rollenverhältnisse oder nicht. Benachteiligt sind Frauen in Russland und Deutschland fast gleichermaßen.

Michael Ginsburg ist in Russland geboren und in Deutschland aufgewachsen. Er arbeitet als Journalist in Berlin und Moskau

12:00 12.02.2012

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