Immer wieder durch die Drehtür

USA In einer reichen Stadt wie New York leben 1,4 Millionen ­Menschen mit Hunger. Sie brauchen Orte wie die ­Yorkville Common Pantry, um ihre Not etwas zu lindern

Es ist nur ein kurzer Fußweg vom Guggenheim Museum bis zum Central Park und den feinen Residenzen der Upper East Side mit ihren Portiers in Uniform und weißen Handschuhen, bis zu der mit Bäumen gesäumten 5th Avenue und den Privatschulen, wo ein Platz 50.000 Dollar im Jahr kostet. Wenige Blöcke weiter Richtung Norden beginnt eine andere Welt. In East-Harlem steht Backstein für sozialen Wohnungsbau. Viele Menschen hier sind drogenabhängig, obdachlos und krank. Nach dem World Factbook der CIA ist die Einkommensschere in den USA heute größer als in Schwellenländern wie Ägypten.

Und so schließt an diesem Freitagmorgen gerade die Yorkville Common Pantry, die Kantine in einem Kellergeschoss an der 109. Straße, ihre Pforten, Küchenangestellte putzen noch die Stahlbecken der Theke. An einigen Tischen sitzen vereinzelt Bedürftige und unterhalten sich leise.

Wenig auffallen

„Wir brauchen diesen Ort. Immerhin haben wir hier jeden Tag etwas zu essen“, sagt Monica Rodriguez. Sie kam mit ihrem Mann Benjamin aus Cleveland nach New York, wollte neu anfangen, aber ohne Job hat sich das vorerst erledigt. Nun schlafen beide auf den Stufen der benachbarten Kirche, deren Gemeinde auch die Räume der Common Pantry vermietet. Die 200 Dollar in Lebensmittelgutscheinen seien Mitte des Monats aufgebraucht, klagt Monica. Außerdem dürften Food Stamps nur gegen kaltes Essen eingetauscht werden. „Es gibt dafür noch nicht einmal eine Tasse heißen Kaffee. Das bedeutet, man braucht eine Küche, wenigstens einen Herd, um sich etwas zuzubereiten. Auf der Straße geht das nicht.“

Auch Joseph Midgley hat das Frühstück gerade hinter sich, jetzt liest er Zeitung. „Ziemlich trostlos“ seien seine Aussichten, glaubt der 47-jährige Afro-Amerikaner aus der Bronx. Die Arbeitsangebote der städtischen Arbeitsvermittlung Workforce 1 seien nichts anderes als eine Drehtür. „Sie bieten nur kurzzeitige Beschäftigungen, man geht hindurch und ist schnell wieder draußen und ohne Arbeit.“ Seit Mai mache er diese Erfahrung, nach vielen guten Jahren als Marktforscher. Die meisten hier hätten Angst, über sich etwas zu erzählen, sich zu organisieren oder gar zu wehren. Mancher in der Kantine mache das seit fünf, zehn oder sogar 15 Jahren durch. „Da bleibt wenig Energie.“

Nach Angaben der US-Statistikbehörde leben gegenwärtig mehr als 46 Millionen Amerikaner in Armut (s. Glossar). In absoluten Zahlen der höchste Wert seit 53 Jahren. Auf New York übertragen heißt das: In dieser Stadt sind inzwischen 1,8 Millionen Menschen (Gesamtbevölkerung: acht Millionen) auf Food Stamps angewiesen. Viele – etwa 1,4 Millionen – hängen zusätzlich von der kostenlosen Notversorgung der Suppenküchen ab.

Dennoch hat das von Republikanern beherrschte Repräsentantenhaus im Frühjahr dem sogenannten TEFAP (The Emergency Food Assistance Program) 51 Millionen Dollar gestrichen und damit die Versorgung der Kantinen in Gefahr gebracht. Sollte der Senat diesen Aderlass absegnen, würde allein in New York ein Netzwerk von rund 1.000 Hilfslokalen ein Sechstel weniger Lebensmittel haben, sagt Daniel Reyes, Programmdirektor der Yorkville Common Pantry. Auf die Stadt verteilt gäbe es pro Jahr zehn Millionen Mahlzeiten weniger. Еine Katastrophe für Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind. Im Gegensatz zu höheren Steuern für Reiche seien solche Kürzungen leicht durchzusetzen, weil die Armen keine Millionen für Lobbyisten haben und nicht für ihre Interessen kämpfen, meint Daniel Reyes. Auch repressive Maßnahmen könnten Widerstand verhindern. Empfänger von Lebensmittelmarken müssten ihre Fingerabdrücke abgeben, New Yorker Obdachlose stets einen Lichtbildausweis mit sich führen. Wer den nicht vorweisen könne, schwebe in Gefahr, jederzeit festgenommen zu werden. Also versuchen die Betroffenen, möglichst wenig aufzufallen. „Еs kommt hinzu, dass die meisten schon älter sind“, so Reyes, „und glauben, ausgeliefert und machtlos zu sein“.

Mehr Menschen als Jobs

Viele von ihnen stehen jetzt in der Schlange vor dem Eingang zur Kantine, freitags werden Rentner und Behinderte versorgt, samstags Familien und arbeitende Arme. Es ist neun Uhr. Verteilt werden Lebensmittelpakete ab zehn. Darauf wartet auch die 73-jährige Perlita Carrera, die freimütig berichtet, ihre Rente von 600 Dollar reiche nicht für den ganzen Monat. „In den letzten ein, zwei Wochen wird es knapp.“ Lebensmittel aus der Yorkville Common Pantry seien da willkommen, auch wenn man darauf eine Stunde warten müsse.

In einem Lagerraum im Erdgeschoss bereiten freiwillige Helfer die Pakete vor, die für drei Mahlzeiten an drei Tagen reichen sollen. Schüler und Studenten helfen, dazu Mitglieder einer christlichen Organisation. Sie schälen Maiskolben oder packen Reis und Nudeln, tiefgefrorenes Fleisch und Brot in Tüten. Nun schiebt sich die Schlange vorwärts, die ersten packen Lebensmittel in ihre Einkaufstrolleys und erhalten im Vorbeigehen Kartoffeln, Zwiebeln, Paprika und Orangen, die sie vorbestellt haben. Die freiwilligen Helfer packen sie je nach Order in Plastiktüten. Mindestens die Hälfte der hier verteilten Gaben ist frisch.

In East-Harlem seien die hohen Krankheitsraten bei Diabetes, Bluthochdruck und Fettleibigkeit ein Zeichen der Armut. Deshalb kaufe die Yorkville Common Pantry mit dem TEFAP-Geld Obst und Gemüse von Bauern aus der Umgebung in Upstate New York, erklärt Reyes, und so könne man es sich leisten, hochindustriell verarbeitete Lebensmittelspenden abzulehnen. „In ganz New York City leben drei Millionen Menschen in Vierteln, in denen kaum gesundes Essen angeboten wird, was die Gesundheit vieler Einwohner ruiniert“, ist Lucy Cabrera, Vorsitzende der New Yorker Foodbank, überzeugt. Man sammle deshalb gezielt gesunde Lebensmittel, um sie an Suppenküchen wie die Yorkville Common Pantry zu liefern.

Neben niedrigen Einkommen und einem schlechten Nahrungsmittelangebot werde mancher körperliche Kollaps auch durch die in East-Harlem vorherrschende afro-amerikanische Essenskultur oder die mexikanische und puertoricanische Küche verursacht – traditionell schweres Essen mit viel Fett und Salz. Mit Kochkursen will die Pantry Koch-Gewohnheiten ändern. „Aber wenn Süßigkeiten einen Dollar kosten und Gemüsesorten drei, entscheidet das Einkommen“, ist Daniel Reyes überzeugt.

„Leider gibt es mehr Menschen als Jobs“, sagt Darrell Fortune frustriert. Inzwischen ist es später Nachmittag. Während in der Pantry Bedürftige ihre Wäsche und sich selbst waschen, wartet der 47-Jährige aus der Bronx draußen auf das Abendessen. Er halte sich jetzt mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Für eine längere Zeit habe er in einer Druckerei gearbeitet, danach auf einem Golfplatz den Rasen gemäht. „Ich arbeite mit den Jahreszeiten.“ Zuletzt blieb ihm eine Beschäftigung als Bote. „Zu Fuß, auf dem Fahrrad und wieder zu Fuß durch New York, was gerade anfiel.“ Teppichmuster, Wäschepakete, Einkaufstüten oder dringende Post durch die Metropole schleusen. Dann gab es Ärger mit einer Kundin, und er verlor diesen Job. Das war vor fünf Monaten. Seitdem habe er nichts mehr gefunden. „Das ist die schlimmste Situation auf dem Arbeitsmarkt seit Langem. Die Rezession ist real, nicht nur Geschwätz.“ Seit einer Stunde steht Fortune in der Schlange und wartet auf sein Abendessen. „Wenn ich arbeite, brauche ich die Kantine weniger. Aber jetzt bin ich froh, dass es sie gibt. Sie haben New York zu einer Stadt der Reichen erklärt. Keiner interessiert sich für die Armut und keiner für uns ...“

Die Beratungsstelle der Yorkville Pantry will das ändern. Sie klärt Bedürftige über ihre Rechte auf und hilft bei Anträgen für Lebensmittelmarken, gibt Rat bei Fragen zu Steuern und zu Medicaid, der staatlichen Gesundheitsversicherung für Arme. Um Wartezeiten nach einem Antrag zu überbrücken, bekommen Bedürftige an der 109. Straße ein Notpaket. Kontrollen gibt es nicht. Jedermann kann herkommen, Mitglied werden, duschen und ein Frühstück oder eine warme Mahlzeit einnehmen. 1,8 Millionen Rationen hat die Pantry im zurückliegenden Jahr verteilt. Tendenz steigend. Seit Mai wächst die Zahl der Hilfesuchenden weiter und erreiche mitunter bis zu 7.000 Menschen pro Woche, sagt Daniel Reyes. „Während der Krise 2008 kamen pro Woche rund 8.000.“

Auch Marck Mervilus geht zum Abendessen in die 109. Straße. Er ist einer derjenigen, die Arbeit haben. „Das heißt noch lange nicht, dass man sich genug Lebensmittel leisten kann.“ 7,25 Dollar verdiene er pro Stunde, den Mindestlohn, sagt der 52-jährige Afro-Amerikaner. Aber schon die Zweizimmerwohnung koste fast 1.000 Dollar und nehme ihm den größten Teil des Einkommens. „Da musst du an jeder Ecke sparen.“ Mervilus arbeitet als Sicherheitsmann in einem Kaufhaus, zwölf Stunden am Stück. „Sitzen ist nicht erlaubt. Am Abend bist du so kaputt, dass du am nächsten Tag nicht mehr weitermachen willst.“

Es geht ums Überleben

Jeder Fünfte in den städtischen Suppenküchen habe eine Beschäftigung, glaubt Lucy Cabrera von der New Yorker Foodbank, davon fast zwei Drittel einen Vollzeitjob. Es kämen Amerikaner mit einem geringen und welche mit mittleren Einkommen. Dennoch reiche das Geld nicht, um in New York über die Runden zu kommen. Viele müssten sich entscheiden, ob sie mit ihren Einnahmen die Miete und andere Rechnungen oder das Essen bezahlen. Schlimmer als die Not vieler Besucher in der Pantry ist der Anblick von Kindern wie am Tisch von Oswald Ochoa. Es treibe ihn nur „hin und wieder“ an diesen Ort, meint der pensionierte Polizeibeamte. Auch wenn er nicht darauf angewiesen sei, helfe das kostenlose Essen. Die Preise würden doch ewig steigen. Wo er wohne, in East-Harlem, sehe man immer mehr Obdachlose. „Muss es sein, dass Menschen so arm sind?“

Mit ihren Kindern – der siebenjährigen Jada und ihrem Bruder All, er ist vier – kommt auch Carina Graham in die Kantine. Der einjährige Carson liegt im Kinderwagen und trinkt aus seiner Flasche. Ihnen sind die Lebensmittelmarken ausgegangen. „Gegen Ende des Monats wird es eng“, sagt Carina. Die Familie aus Harlem lebe von „Scheck zu Scheck, von der Hand in den Mund“. Und das selbst mit einem Job. „Es geht ums Überleben. Eine Mittelschicht gibt es nicht mehr. Entweder bist du arm oder du bist reich.“ Immerhin habe sie inzwischen wieder eine Wohnung. Nachdem es in Carinas Haus gebrannt hatte, lebte sie zehn Monate in einer Notunterkunft. Die Pantry habe ihr bei Anträgen für Lebensmittelmarken geholfen. Um Geld zu verdienen, putze ihr Mann Büros und verdiene ein wenig extra mit kleineren Reparaturjobs. „Nie hätte ich gedacht, wirklich nie, dass ich mit meinen Kindern zum Essen in eine Suppenküche gehen muss.“

Philipp Schläger arbeitet als Rechtsanwalt in New York

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08:00 05.11.2011

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