Immer wieder gereizt, sarkastisch zu werden

Sachlich Richtig Prof. Dr. Schütz rüttelt an seinem Weltbild, dabei helfen Bücher über die Globalisierung und Nazideutschland
Immer wieder gereizt, sarkastisch zu werden
Der schwedische Schriftsteller Stig Dagermann

Foto: Picture Alliance/Scanpix Sweden/Tore Falk Scanpix Sweden

Unter den Reportage-Reisen ins geschlagene, befreite, zerstörte Deutschland ab 1945 sticht die von Stig Dagerman aus dem Herbst 1946 besonders hervor. Zum einen mit dem Blick aus dem halbwegs neutralen Schweden, zum anderen als gerade einmal 23-jähriger, aber schon höchstgepriesener Schriftsteller, nicht Journalist. Und er spricht ein sehr gutes Deutsch, denn seine Frau ist Deutsche.

Was diese Reportagen so besonders macht, ist Dagermans Fähigkeit, den Menschen zuzuhören, entschlossen dazu, auf das Leid der Leute einzugehen, ob nun selbst- oder unverschuldet, nicht die Nazimeute, sondern „eine Vielfalt hungernder und frierender Individuen“ zu sehen.

Hamburg, Ruhrgebiet, München, Berlin. „Dieses frierende, hungernde, heimlich feilschende, schmutzige und unmoralische Berlin kann noch Witze machen.“ Er schreibt über die nun verlassenen Keller, den Schwarzmarkt, aber auch von den nun wieder spielenden Theatern. Und von den Entnazifizierungstribunalen, vor denen nur mehr unschuldige Widerständler zu stehen scheinen. Er spricht mit den überlebenden Opfern. Und er ist immer wieder gereizt, sarkastisch zu werden. Wenn ein Arzt ihm von den feinen Skifahrten in Norwegen vorschwärmt, schreibt er: „Wenn man ihn so reden hört, könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass die Deutschen Norwegen wegen des Wintersports besetzt haben.“ Und am pointiertesten fasst er mit Peter Suhrkamp zusammen, was die deutschen Gleichaltrigen charakterisiert: „Mit achtzehn hatten sie die Welt erobert und mit zweiundundzwanzig alles wieder verloren.“

Sigismund v. Radecki (1891 – 1970) war mal ein Humorliebling der Fuffziger, weil er das schon seit den Dreißigern war. Er war konservativ, hielt sich aber von Anbiederungen an die Nazis fern, auch wenn er schließlich für Goebbels’ Renommierzeitung Das Reich schreiben durfte. Auch Victor Auburtin und Alfred Polgar waren konservativ, aber sie schrieben pointierter, widerständiger, während Radecki sich achtsam im Rahmen des konventionellen Bildungsrahmens bewegte. Er war am ehesten im Anekdotischen zu Hause, wo man am Approbierten und Kanonischen andockt, um es milde zu frivolisieren.

Die meisten seiner Texte sind eigentlich Mini-Essays, eher betulich abwägend. Durchaus sympathisch, klug ohnehin, milde Korrektive der bürgerlichen Gewissheiten. Während er vor 1945 sorgsam alles Kontroverse umging, fügte er danach ebenso sorgsam die eine oder andere mutige Bemerkung ex post ein. Liebevoll zusammengestellt und benachwortet, sind sie eine lohnenswerte Zeitreise mit ein paar verblüffend aktuellen Stationen.

Zynisch könnte man sagen: Ja, das ist noch das echte Leben im Einklang mit der Natur! Na ja, gut, etwas beschädigt. Der Aralsee ist so gut wie verlandet, das macht den Fischern das ohnehin nicht leichte Leben noch schwerer. Und wenn es andernorts sonst nichts zu verkaufen gibt, dann eben geklauten Sand. Der wird überall gebraucht. Zum Beispiel an den Touristen-Stränden der Kapverden, vor allem aber zum Bauen. China soll in drei Jahren mehr Sand verbaut haben als die USA im gesamten zwanzigsten Jahrhundert. Und wo kommt der wohl her? Dass die Waldräuber ihre Würstchen auf gefälltem Tropenholz braten, ist das geringere Problem angesichts der Legionen hierzulande beim Grillen mit ebendem Tropenholz verwöhnten Würstchen. Und weil in Kenia ein Löwenanteil der weltweit gezüchteten Blumen erzeugt wird, steigt der Wasserpegel, der die Hippos an Land steigen und den einen oder anderen Touristen totbeißen lässt – selbst in Hotelanlagen. Da in Indonesien der Urwald drastisch den Ölpalmplantagen weichen muss, sind die Orang-Utans der Ausrottung nahe. Gut, es gibt Rettungsprojekte für sie, wie etwa auch in Kenia für Elefanten, deren Elfenbein Wilderer quasi-industriell nachstellen. Und die Handys, die dort wie hier nützlich sind, werden in China von grauen Wanderameisen im Akkord zusammengeschraubt. Jan Stremmels Reportagen führen in den weltweiten „Maschinenraum“ unseres an Bequemlichkeit unersättlichen Lebens. So plastisch, so beeindruckend hat man noch selten vor Augen geführt bekommen, was Globalisierung bedeutet.

Rainer Hermann, studierter Islamwissenschaftler und seit fast einem Jahrzehnt Nahostkorrespondent der FAZ,hat in diesem Buch seine Wahrnehmungen, Erfahrungen und Einsichten zusammengefasst, entlang der Staaten, die da im vergangenen Jahrzehnt scheiterten oder durch Diktatur oder Gangsterherrschaft ihre Krisen verschleppen. Er blickt auf die externen Akteure USA, Russland, China und Türkei. Das alles gibt, wie auch im richtigen Leben, wenig Anlass zur Hoffnung – zwischen immer größeremMigrationsdruck und kurzfristigem Lavieren zur Ressourcensicherung, das sich um Menschenrechte wenig schert. Es lohnt sich, anhand der Lektüre sein Weltbild für diese Region und ihre Wirkungen auf die unsere zu überprüfen.

Deutscher Herbst Stig Dagerman Aus dem Schwedischen, mit einer Briefauswahl und einem Nachwort von Paul Berf, Guggolz 2021, 190 S., 22 €

Lesebuch Sigismund von Radecki Zusammengestellt von Gerd Herholz, Aisthesis 2021, 160 S., 8,50 €

Drecksarbeit. Geschichten aus dem Maschinenraum unseres bequemen Lebens Jan Stremmel Knesebeck 2021, 192 S., 22 €

Die Achse des Scheiterns. Wie sich die arabischen Staaten zugrunde richten Rainer Hermann Klett-Cotta 2021, 304 S., 18 €

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06:00 08.12.2021

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