Immer wieder Hoffnung

Alltag Der Grand Prix "Goldener Herbst" ist eine Talent-Show für Senioren. Im Freizeitforum Berlin-Marzahn dürfen sie Udo Jürgens oder Otto Reutters sein

Das Freizeitforum in Berlin-Marzahn ist ein nüchternes Gebäude: Die Fenster der großen Glasfront hüllen sich in dunkles Schweigen, die Fassade ist mit ausgeblichenen Klinkern verschalt. Draußen ist Novemberwetter: Der Himmel Wolken verhangen, die Luft nasskalt. Es nieselt. Zugeschnürte Menschen hasten wortlos über breite Plattenwege. Drinnen ist Goldener Herbst, und Wolfgang Marzi ist mit dabei.

Marzi ist ein mächtiger Mann: 59 Jahre alt, 1,92 Meter groß, 170 Kilo schwer. Jetzt sitzt er hinter dem Keyboard auf der Bühne des großen Saales und richtet das Mikro. Erst tiefer, dann wieder ein bisschen höher. Dann hebt er an zu singen. Es ist das Lied vom House of the Rising Sun. Wie er so dasitzt, mit seinem braunen Hut und der schwarzen Weste über dem weißen Hemd, und der Liedtext ihm so langsam und gedehnt über die Lippen kommt, da wirkt der große, ruhige Mann ziemlich klein und verloren - und seine sonore traurige Stimme erfüllt dennoch den ganzen Saal.

Doch schon nach der ersten Strophe wird Marzi der Ton abgedreht. "Gut, ok", sagt Moderator Siegfried Trzoß knapp und schickt Marzi von der Bühne. Es ist die letzte Durchlaufprobe, die Zeit rennt. Außerdem ist "Siggi" trotz seiner 62 Jahre ein Macher und Tausendsassa, ein nimmermüder Organisator - und Melancholie liegt ihm nicht. Er ist einer der Menschen, die das Adjektiv "alt" aus ihrem Wortschatz gebannt haben, und so sind die Senioren, die er heute auf die Bühne holt, allesamt zwischen 50 und 90 Jahre jung. Vor der Bühne hängt das Banner von Siggis Show: Grand Prix "Goldener Herbst" - Die bundesweite Talente-Show für Senioren. Das ist natürlich ein bisschen gelogen. Die 22 Solisten, Tanz- und Singegruppen, von denen eine den großen Publikumspreis gewinnen wird, kommen fast ausnahmslos aus dem Osten. Denn wer hier auf der Bühne stehen darf, musste sich zuvor in einem der Vorausscheide in den neuen Bundesländern und Berlin qualifizieren. Nur das Medienecho ist bundesweit. Die Kameramänner von einem Dutzend Fernsehsendern stehen sich auf den Füßen herum.

Einmal noch will Siggi Auf- und Abgang der ganzen Gruppe üben. Aber Klaus Jacob, beim Vorausscheid noch der Publikumsliebling in Brandenburg, ist verschwunden. Egal. Dann geht es eben ohne ihn. "Und alles noch mal zurück", sagt Siggi bestimmt. "Vom Anfang einer Show hängt alles ab." Siggi erklärt, die Teilnehmer hören selig zu. Nur Klaus Jakob bleibt verschwunden.


Jetzt geht es los. Eine Fanfare ertönt, und Siggi springt schnittig auf die Bühne. Im blütenweißen Sakko gibt er den gut gelaunten Conferencier und lässt seine Schützlinge aufmarschieren. Wie sie so über die Bühne defilieren, etwas nervös, doch die Gesichter voller Zuversicht, da wirken sie tatsächlich ein wenig wie junge Talente, die darauf hoffen, bei einer Casting-Show entdeckt zu werden - und dann begänne das große Glück.

Siggi winkt ab. Für eine Casting-Show sei er nicht zu haben, sagt er. "Spaß am Spaß" ist sein Motto. Doch das ist bescheidenes Understatement. Für die Senioren, diese ewige Randgruppe der Gesellschaft, bedeutet dieser Nachmittag viel mehr. Er gibt ihnen das, was sie am dringendsten brauchen: Aufmerksamkeit. Sie stehen auf der Bühne und inhalieren den tosenden Applaus. Und das Publikum macht seine Sache gut. Es ist selbst in die Jahre gekommen, verblichene Sakkos und geblümte Blusen auf rosaroten Polsterstühlen, dazwischen Rüschenhemden. Ein Meer aus grauen Haaren, gelegt oder toupiert. Aber es trampelt mit den Füßen, schunkelt und applaudiert, als stünde auf der Bühne kein Laienkünstler, sondern Frank Schöbel oder Udo Jürgens. Und die Sänger auf der Bühne tanken sich auf, saugen sich voll mit dieser Lebendigkeit, die so anders klingt als die Stille im aufgeräumten Wohnzimmer zu Hause. Sie sammeln Kraft für den Herbst da draußen, der eben nicht immer golden ist, sondern öfter verregnet und grau.

Jetzt gibt Siggi die Bühne frei - für Joachim Dieckmann. Einen kleinen Applaus! Dieckmann verbeugt sich. Nur scheinbar zufällig hat Siggi ihn gleich zu Beginn auf die Bühne geholt. Dieckmann darf seine Geschichte erzählen: Wie er im letzten Jahr beim Talente-Grand-Prix den zweiten Platz machte. Wie der heute 62jährige vor drei Jahren begann, sich seinen Jugendtraum zu erfüllen, wie er anfing, Opernarien zu singen und im Frühjahr sein erstes Konzert gab: Ein kleiner Raum mit 20 Stühlen, "weil mich ja niemand kannte". Und 50 Leute kamen. Vor ein paar Wochen dann das nächste Konzert, 50 Stühle wurden hingestellt - und es wurden 80 Leute. "Der Saal platzte aus allen Nähten".

Das Publikum ist begeistert. Es ist wunderbar. Das Märchen vom Erfolg, vom unverhofften Ruhm. Das ganze Leben lang ist er ausgeblieben, heute ist er zum Greifen nah.

Deshalb - das weiß Siggi - ist "Spaß am Spaß" auch ein kleines bisschen ernst. Schließlich geht es um Platzierungen und um Preise, und dafür braucht man Regeln. Darum greift Siggi ein, wenn das Publikum nach der Darbietung ungestüm applaudiert. Mit einer kurzen Handbewegung bringt er den Beifall zum Verstummen, nur um ihn sogleich erneut zu fordern. "Und nun der Applaus für die Stoppuhr", ruft er dann kraftvoll, und wieder brandet Beifall auf. Jetzt darf er sein, jetzt soll er sein, denn jetzt ist der Applaus ein exakter, kann gemessen und aufgeschrieben werden, damit man später genau sagen kann, wem der Publikumspreis gebührt, und wem nicht.


Wolfgang Marzi hat ihn bereits verspielt. Er sitzt wieder auf der Bühne und singt sein House in New Orleans - aber nicht den Text vom traurigen Schicksal eines Südstaatenmädchens, fern von zu Haus singt er, sondern vom Leben in Deutschland, im Osten, in Berlin. Vom Wegzug der Jugend. "30 Jahr´ und arbeitslos, Kinder hat er vier, er fragte sich - was mach´ ich bloß? - und blieb so gerne hier", intoniert er wehmütig. Es ist das Lied seines Lebens. Aber es passt nicht zu diesem Nachmittag. Der Herbst soll doch golden sein.

Bei Klassikern wie Otto Reutters Nehmen Sie ´nen Alten und Mit 66 Jahren kocht der Saal. Die etwas fahlen Wangen bekommen Farbe, man singt mit. Am besten aber trifft Brigitte Hillmann aus Berlin die Stimmung: "Hoffnung, in mir lebt noch die Hoffnung, dass ich nicht einfach sterbe, wie die Kerze im Wind", singt Hillmann, und ihre Hände hält die zierliche Frau im dunklen Samtkleid dabei ausgestreckt, als trüge sie diese Hoffnung behutsam wie ein kleines Baby auf dem Arm. Das Publikum schweigt, andächtig, die Gesichter gedankenverloren. Dann ist das Lied zu Ende, es ist einen Augenblick still, und dann bricht der Applaus in diese Stille hinein. Ein langer, lauter, befreiender Applaus. Man kann das Lied romantisch, gefühlsselig und kitschig finden - aber man kann sich dieser Frau dort auf der Bühne nicht ganz entziehen. "Andere lächeln vielleicht darüber", sagt sie am Ende. "Aber für mich ist es etwas Besonderes."

Siggi kalauert sich derweilen durch den Nachmittag. Immer, wenn ein Künstler zum Mikro greift, setzt Siggi sich mit angestrengter Lässigkeit auf einen Barhocker, einen Fuß auf die Streben gestützt, den anderen auf dem Boden. Manchmal fängt der Fuß auf dem Boden zu wippen an, und sein Kopf wackelt versonnen im Takt.

Nach Brigitte Hillmann ist Harry Witte dran. Gegen Brigittes Charme hat er es nicht leicht, doch er nimmt es sportlich: Während eine Coverversion von ABBAs Lay all your love on me aus den Lautsprechern dröhnt, gleitet er langsam in den Spagat, richtet sich wieder auf, lässt die Schultern hängen und schüttelt seine Arme mechanisch zum Takt der Musik. Witte ist 80 Jahre alt, ein schlanker, drahtiger Mann mit grauem Vollbart und fröhlich blitzenden Augen. Einen schlackernden Trainingsanzug hat er ausgezogen und steht nun in schwarzen Leggings und einem weißen Muskel-Shirt da. Dann klappt sein Körper wie ein Taschenmesser zusammen, und Wittes Gesicht taucht mit spöttischem Grinsen zwischen seinen Beinen auf. Die Anspannung lässt seinen Körper zittern. Das Publikum klatscht. Witte strahlt, die Stoppuhr stoppt den Applaus. Siggi zieht die Augenbrauen hoch und nickt anerkennend.


Witte wird später den Sonderpreis gewinnen, genauso wie die 90 Jahre alte Irma Uhlig, der ungekrönte Medienstar der Show. Uhlig ist "Rezitationskünstlerin", und als sie mit ihren großen, hellen Schuhen in kleinen, bedächtigen Schritten an den Bühnenrand tritt, um ihren Vortrag zu beginnen, hört man für Sekunden nur das Klicken der Kameras.

In rührendem Ton hebt sie nun an, vom Vergesslichwerden und den Gebrechen des Alters zu erzählen. So langsam spricht sie, dass man die Pointen schon lange vorher ahnt, aber es macht nichts, denn der Vortrag der alten Frau ist dennoch herzzerreißend und komisch. Uhlig und Witte, so scheint es, sind sich selbst genug. Natürlich freuen auch sie sich über Anerkennung, doch sie müssen niemandem mehr etwas beweisen, schon ihr Alter öffnet ihnen Tür und Tor.

Nun greift Siggi wieder zum Mikrofon. "Wir gehen jetzt in eine Pause", sagt er. "Sie haben die Möglichkeit, oben wie unten ihre Versorgung einzunehmen." Er sagt es wirklich genau so. Die Versorgung besteht aus Kaffee, Kuchen und Bockwurst und ist an einer kleinen Theke zu erwerben. Ein paar Meter weiter bietet ein Stand Ostprodukte feil: Es gibt Rotkäppchen-Sekt und Dresdner Russisch-Brot, wer möchte, kann auch Pittiplatsch und Schnatterinchen als Plüschfiguren kaufen. Der Verkauf läuft gut. Kein Wunder bei einer Talente-Show vom Osten für den Osten. Aber Siggi hat große Pläne, das hat er vorhin auf der Bühne gesagt. Er will mit seiner Show in den Westen gehen. Siggi packt es an. Schon im nächsten Jahr will er nach Bremen, aus Spaß am Spaß, mit Stoppuhr und Musik. Es geht immer weiter. Nach der Show ist vor der Show.

Wolfgang Marzi sitzt hinter der Bühne und wartet auf die Entscheidung der Jury. Seine Hände hat er auf einen hölzernen Krückstock gestützt, der ihm beim Aufstehen hilft. Marzi ist erwerbsunfähig und frühverrentet. "EU-Rentner" heißt das im Fachjargon. Den Text seines Songs habe er selbst geschrieben, sagt er. "Weil unsere Kinder auch tatsächlich nach dem Westen gegangen sind." Doch die Beiläufigkeit, mit der er von seinem Text erzählt, kann den Stolz nicht ganz verbergen.

Dann die Entscheidung: Brigitte Hillmann gewinnt den ersten Preis, eine Digitalkamera. Sie ist ehrlich überrascht, ringt nach Worten. Und strahlt vor Glück. Da schließt sich der Kreis: Ein Nachmittag mit hoffnungsvollen Menschen, mit Hillmanns hoffnungsvollem Lied, und nun ihr Preis. Und Siggi erobert den Westen. Der Traum geht weiter.

Marzi geht leer aus. Er ist ein bisschen enttäuscht, natürlich. Trotzdem kommen alle zusammen noch einmal auf die Bühne. Auch das haben sie vorhin schon geübt. "Die anderen sind jetzt nicht traurig, sondern freuen sich einfach mit", hatte Siggi bei der Probe noch gesagt.


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00:00 24.11.2006

Ausgabe 42/2021

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