Immer wieder wächst das Gras

Weltsozialforum Das Treffen von 90.000 Globalisierungskritikern im Senegal spürte „historischen Rückenwind“, als das Meeting zusehends vom Umsturz in Ägypten überlagert wurde

Weltgeschichte wird in diesen Tagen in Kairo geschrieben. Doch das diesjährige Weltsozialforum – es ging gerade in Dakar zu Ende – bleibt ein unverzichtbarer Raum, um auf transnationaler Ebene Strategien zu entwickeln und Kampagnen zu lancieren. Wie immer, wenn dieses Treffen zum ersten Mal an einem Ort über die Bühne geht, war das mit erheblichen organisatorischen Defiziten belastet. Die senegalesische Regierung tat das Ihre, indem Regierungschef Abdoulaye Wade kurz zuvor den Rektor der Universität Dakar, auf deren Campus das Forum stattfand, auswechselte. Sein Nachfolger ordnete an, dass sich der Lehr- und Prüfungsbetrieb nicht weiter vom WSF stören lassen dürfe. Was zu unangenehmer Konkurrenz um Räume führte. Durch die kurzfristige Entscheidung blieb wenig Zeit für Alternativen.

Dass die Abneigung zwischen Gastgebern und Gästen auf Gegenseitigkeit beruhte, zeigte eine Veranstaltung des ehemaligen brasilianischen Staatschef Lula mit dem senegalesischen Präsidenten Abdoulaye Wade. Das Publikum verließ fluchtartig das Gelände, als Letzterer das Wort ergriff.

Weniger Phrasen

Für viele Teilnehmer aus Europa war die Erfahrung Senegal als eines angenehm offenen und religiös toleranten islamischen Landes wichtig. Ging es vor zwei Jahren im brasilianischen Belem um die Abholzung der Amazonas-Region, spielten diesmal die Landwirtschaft in Afrika, der großflächige Landkauf durch internationale Investoren und die militärische Präsenz Frankreichs eine große Rolle. Den regelrechten Schub erfuhr das WSF mit schätzungsweise 90.000 Teilnehmern durch den Umbruch in Ägypten. Der Wert demokratischer sozialer Bewegungen wurde just in den Tagen von Dakar weltöffentlich. Unter dem Eindruck der Demission Hosni Mubaraks wurden die viel autokratischen Regierungen Afrikas kritisiert. Man spürte förmlich – trotz der Persistenz neoliberaler Politiken in vielen Weltregionen – ein wenig historischen Rückenwind.

Das WSF ist Ausdruck einer keineswegs homogenen Bewegungen für eine andere Globalisierung. Man befasst sich mit dem Hang zur militärischen Intervention in etlichen Weltgegenden, den unterschiedlichen Dimensionen der Menschenrechte, mit Bildung, Medien und Kultur, Arbeit und Migration, mit der ökologischen Krise.
Was für Außenstehende unübersichtlich ist, hat über die Jahre hinweg Struktur erhalten. Debatten berühren die Themen Finanzmarktkrise oder den Zusammenhang von wirtschaftlichem Wachstum und knappen Ressourcen. Die politische Phrasendrescherei, in der meist ältere weiße Männer dem Publikum die Welt erklären, hat deutlich abgenommen.

Süd-Süd-Kooperationen

Das WSF muss sich auch künftig der schwierigen Transnationalisierung von praktischer Kritik und Alternativen stellen. So wendet sich der Widerstand gegen gentechnisch verändertes Saatguts nicht zuletzt gegen globale Unternehmen wie Monsanto und ihre staatlichen Unterstützer. Alternativen zur herrschenden und wenig effektiven Klimapolitik müssen zwar konkret in der Energiepolitik, Stadtplanung oder anderen Produktionsformen formuliert werden, aber sie werden durch transnationale Aufmerksamkeit und gegenseitiges Lernen gestärkt.

Das Klimathema ist ein gutes Beispiel dafür, welche Dynamik sich auf einem WSF entwickeln kann. So kamen Gruppen nach Dakar, die gegen die repressive und ökologisch zerstörerische Ausbeutung von Erdöl etwa im Niger-Delta oder gegen den Iranabbau in Niger protestieren. „Klimagerechtigkeit“ wird zum Oberbegriff einer ganz anderen Energiepolitik, die mit einem grundlegenden Umbau der Produktions- und Lebensweise einhergehen muss. Eine Forderung war: „Lasst die fossilen Ressourcen im Boden!“ Diese neuen Formen der Energiekämpfe werden auch auf der nächsten Klimakonferenz im Dezember in Durban eine Rolle spielen.

Bei transnationalen Strategien könnte es in den kommenden Jahren eine zunehmende Süd-Süd-Vernetzung von Intellektuellen und Aktivisten mit teilweise gutem Zugang zu progressiven Regierungen geben. Die Frage wird sein, wie progressive Kräften damit umgehen, dass heute Süd-Süd-Kooperationen oft genug subimperial imprägniert ist. Massiv zunehmende westafrikanische Lebensmittelimporte aus Brasilien stellen für die Landwirtschaft ebenso eine Gefahr dar wie die Einfuhren aus Europa.


Ulrich Brand nahm als Mitglied der Delegation der Rosa-Luxemburg-Stiftung am WSF teil und arbeitet ansonsten als Professor für Internationale Politik an der Wiener Universität. Vor einigen Tagen erschien sein neues Buch Post-Neoliberalismus? Aktuelle Konflikte und gegen-hegemoniale Strategien (Hamburg, VSA-Verlag)

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare