Immun gegen alle

Dokumentation Impfgegner breiten in „Vaxxed“ ihre umstrittenen Theorien aus
Immun gegen alle
Robert de Niro wollte, dass der Film beim Festival von Tribeca läuft

Bild: Westend61/Imago

Seit ein paar Wochen sorgt der Dokumentarfilm Vaxxed: From Cover-Up to Catastrophe für Diskussionsstoff und Verschwörungstheorien. Der Film behauptet einen Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus. Das renommierte Tribeca-Filmfestival in New York (13. bis 24. April) hatte Vaxxed Ende März mit seiner Ein- und dann wieder Ausladung zu unverhoffter Prominenz verholfen. Zumal es hieß, Robert de Niro persönlich habe sich als Mitbegründer des Festivals und Vater eines autistischen Kindes dafür eingesetzt, den Film zu zeigen.

Nach der Absage mieteten die Vaxxed-Produzenten seinerzeit einen Saal im Angelika Film Center in Manhattan an, und die Erstaufführung war für einen Freitagvormittag sehr gut besucht. Mittlerweile ist der Film in einem guten Dutzend Kinos in den USA zu sehen, wie die Homepage vaxxedthemovie.com auflistet.

Elefant im Raum

Wo andere Verschwörungstheorien nur Schulterzucken auslösen, taugt diese zum Aufreger. Schließlich geht es um das Wohl von Kindern. Vaxxed-Regisseur Andrew Wakefield kommt im Film selbst ausgiebig zu Wort als einer von drei oder vier Fachleuten, die befragt werden; ein weiterer dieser Experten ist Del Bigtree, der Produzent des Films. Das mag seltsam anmuten, doch bei Vaxxed steht noch ein weitaus größerer „Elefant im Raum“, wie die englische Redewendung heißt, nach der ein offensichtlich riesiges Problem einfach nicht thematisiert wird: Der Brite Wakefield ist nicht von Haus aus Filmemacher, sondern Gastroenterologe – er hat jedoch als Arzt in Großbritannien seit Jahren Berufsverbot.

Darauf zu warten, dass er sich im Film dazu äußert, ist, wie Der weiße Hai zu schauen und nie zur berühmten Frontansicht von dessen Gebiss zu gelangen. Alles, was wir als Zuschauer bekommen, ist ein beiläufiger, abwehrender Hinweis im Stil von „So hatte ich das nicht gemeint“, wenn es um die berüchtigte gefälschte Studie von 1998 zu ebender Frage geht, ob Impfungen Autismus auslösen können; die hatte Wakefield seine medizinische Karriere gekostet und war Jahre später von der Zeitschrift The Lancet zurückgezogen worden.

Philip LaRussa, Professor für Kinderheilkunde in New York, sagt dazu: „Das erste Problem ist, dass Wakefield in seiner eigenen Forschung zum Thema betrogen hat. Im Film aber tut er so, als wäre nichts gewesen. Er erwähnt weder sein Berufsverbot in Großbritannien noch dass sich elf der zwölf Co-Autoren von der fraglichen Studie distanziert haben. Darin vertrat er die These eines biologischen Mechanismus, der zwischen Impfungen und Autismus wirke. Diese These konnte in allen Einzelheiten widerlegt werden. Es gibt keine biologisch plausiblen Hinweise auf einen Kausalzusammenhang. Was es vermutlich gibt, ist eine genetische Ursache für Autismus. Bloß sind wir leider noch weit davon entfernt, zu sagen: Das sind die Gene, die Autismus auslösen, so und so testen wir sie, das und das ist jetzt zu tun. Wenn aber Ihr Kind autistisch ist, wollen Sie wissen, warum – der Frage können wir nicht ausweichen.“

Der kurze Moment im Film Vaxxed, in dem die Studie überhaupt thematisiert wird, ist schnell vergessen, denn sogleich wird wieder zu entnervten Eltern im täglichen Ringen mit ihren entwicklungsgestörten Kindern umgeschaltet. Dabei ist Andrew Wakefields Glaubwürdigkeit kein unwichtiges Thema, schließlich lautet die große These von Vaxxed: Wir sollten nicht wütend werden, wenn uns Kinderärzte und Medien-Doktoren versichern, Impfungen seien ohne Risiko – denn auch die werden systematisch belogen; die Forschungen, auf die sich unsere Gesundheitssysteme stützen, sind entweder unbrauchbar oder absichtlich verfälscht oder beides.

Vaxxed mäandert durch ein Dickicht von Interviews mit William Thompson, dem sogenannten CDC-Whistleblower. Thompson behauptet, die CDC, die Gesundheitsbehörde der USA, habe Datenmaterial, das der Mär vom sicheren Impfen widersprach, verschwinden lassen. Alles läuft im Film darauf hinaus, dass die Pharmaindustrie sich das Milliardengeschäft mit den Impfungen nicht verderben lassen will; das Sahnehäubchen auf dieser Behauptung ist Julie Gerberding, die als Ex-Direktorin der CDC nun Leiterin der Abteilung Impfstoffe beim Pharmakonzern Merck ist.

Nichts als Indizien, aber sehr effektvoll. Oder in den Worten von Philip LaRussa: „Fragen wird vor allem aufwerfen, was Bill Thompson den Filmemachern gesagt haben soll. Allerdings machen sie es sich bequem und beschränken sich auf Thompsons Sorgen wegen einer einzigen Studie, an der er selbst beteiligt war. All die anderen Studien aus aller Welt, die keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus zeigen, erwähnen sie gar nicht erst. Ihr Ansatz ist: Hier haben wir den Knaller, das, was die Gesundheitsbehörde geheim halten will, und sonst hat sich ja niemand mit dem Thema beschäftigt. Das stimmt aber nicht.“

Mehr Anabolika

Effektvoll sind auch die vielen Aussagen von Eltern, die beteuern, ihre Kleinkinder seien bester Dinge gewesen bis zum Tag ihrer Masern-Mumps-Röteln-Schutzimpfung. Gleich danach hätten sie erste Anfälle bekommen, das Sprechen teilweise wieder verlernt und autistische Symptome gezeigt. Diese Sequenzen, mit Vorher-/Nachher-Videos bebildert, sind herzzerreißend. Doch umso dringender wünscht man sich, zum Anstieg der Autismus-Raten auch einmal jemanden zu hören, der von Wakefields Meinung abweicht. Fehlanzeige. Und so bleibt der schale Eindruck, dass der Film Vaxxed, der behauptet, uns würden wichtige Informationen vorenthalten, uns seinerseits unzureichend informiert.

Als Regisseur könnte Wakefield eine Dosis Anabolika vertragen. Abgefilmte Gespräche mit Statistikern und den wenigen Wissenschaftlern, die sich gegen das Impfen aussprechen, geben kein anregendes Material her. Gegen Ende kommen formale Unstimmigkeiten hinzu, etwa Kinder, die direkt in die Kamera sprechen und darum bitten, „unsere kleinen Geschwister zu schützen“. Andererseits kommt Vaxxed nicht so wirr daher wie etwa Loose Change und andere Verschwörungsvideos zu den 9/11-Anschlägen. Phasenweise wirkt er wie ein echter, wenn auch langweiliger Film.

Jessica Glenza und Jordan Hoffman sind US-Reporter, unter anderem für guardian.com

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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