Impfbürger und Wutgegner

Corona Stuttgart ist bekannt für seine meinungsstarken Einwohner. Nun erregen die neuen 2G-Regeln die Gemüter in den Cafés. Ein Ortsbesuch
Impfbürger und Wutgegner

Grafik: der Freitag

Der Stuttgarter Talkessel hinauf über die Hänge bis in die Besserverdienerquartiere hat die bundesweit größte Erfahrung mit einem Grundsatzstreit, der Familien und Freundeskreise spaltet. Vor zehn Jahren tobte in der baden-württembergischen Landeshauptstadt der erbitterte Kampf für und wider den – überflüssigen – Tiefbahnhof Stuttgart 21. Der Begriff Wutbürger wurde vom Spiegel eigens für die Gegner des Milliardenprojekts erfunden, das übrigens entgegen einer verbreiteten Meinung noch etliche Jährchen entfernt ist von seiner Vollendung: Da fährt noch längst kein Zug unterirdisch nach irgendwo. Der Volksentscheid ging jedenfalls zugunsten der Deutschen Bahn aus, die Neinsager hingegen werden immer neu bestätigt in ihren Prognosen von einer beeindruckenden Kostenexplosion. Geändert hat das nichts mehr, die Riesenbaustelle im Herzen der Stadt gehört auf unabsehbare Zeit zum Stuttgarter Alltag.

Und in diesem gilt nun, wie im übrigen Ländle, schon seit September ein Drei-Stufen-System für die Verschärfung von Corona-Regeln angesichts der steigenden Fallzahlen. Seit 3. November ist die erste Warnstufe erreicht: Eingeführt wurde 3G-plus, bei Konzerten oder Vereinsfeiern, Museen, Saunen oder Seilbahnen muss von Nicht-Geimpften ein teurer PCR-Test vorgezeigt werden. Steigt die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten weiter auf über 390, folgt die Alarmstufe – das Gesundheitsministerium rechnet damit in Bälde. Diese hat mit der 2G-Regel weitreichende Auswirkungen für Ungeimpfte, denen kein Zugang mehr zu wesentlichen Teilen des öffentlichen Lebens gewährt werden darf.

So gesehen ist es nahezu beschaulich an diesem Montagmorgen im Stuttgarter Heusteigviertel. Jedenfalls auf den ersten Blick: Längst obligatorische Schlangen von Maskenträgern belagern Bäckerei und Zeitungsladen, noch kein Gedränge herrscht aber im Bio-Supermarkt, die alteingesessene spanische Gemüsehändlerin schließt ohnehin erst später auf. Die Straßenzüge, gesäumt von klassizistischen Mietshäusern mit den regionaltypischen Sandsteinfassaden, sind Grünen-Hotspots. Hier im Stuttgarter Süden hat die Regierungspartei seit 2011 gut 45 Prozent der Stimmen eingefahren, bei der Bundestagswahl hat ihr Kandidat Cem Özdemir mit einem Plus von neun Punkten fast 30 Prozent der Zweit- und sogar 40 Prozent der Erststimmen geholt.

„Aktion scharf“ kontrolliert

Den Tag mit einem kurzen Stopp in einem der Eck-Cafés zu beginnen oder irgendwann zu unterbrechen, gehört für nicht wenige hier zum Lebensstil. Die gute alte Tageszeitung hat noch Konjunktur, dito der Gedankenaustausch, natürlich auch über das Neueste in Sachen Corona. Manfred „Manne“ Lucha, der grüne Sozial- und Gesundheitsminister, hat eine Impfpflicht nicht nur für Pflege-, sondern zugleich für andere Berufsgruppen ins Spiel gebracht, zu deren Arbeit unausweichlich der enge Kontakt zu Menschen zählt. Wie so oft in diesen Zeiten sind die einen dafür, die anderen dagegen. Die Prognose eint dann überraschenderweise aber doch: Die Impfpflicht zumindest in Pflegeheimen und Krankenhäusern wird kommen, da ist man sich sicher. Denn die Infektionszahlen schießen im Südwesten ebenfalls durch die Decke.

Schon im Vorjahr hatte Baden-Württemberg zumindest in Expertenkreisen mit einer detailliert ausgearbeiteten Pandemie-Regulierungs-Matrix für alle Lebensbereiche imponiert und wollte Schritt für Schritt auf ansteigende Inzidenzen reagieren können. Die explodierten im Herbst 2020 allerdings so heftig, dass wesentliche Teile dieser Vorarbeiten Makulatur blieben. Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist seit Ausbruch der Pandemie ein besonders aktives Mitglied im Team Vorsicht, wenn auch nicht so raumgreifend wie sein bayerischer CSU-Kollege Markus Söder.

Nicht noch einmal mochten die Verantwortlichen in der grün-schwarzen Landesregierung so etwas erleben wie im vergangenen Herbst. Also wurde entschieden, dass mit einer hohen Belegung der Intensivstationen landesweit Ungeimpfte nicht mehr teilnehmen können an Messen oder Ausstellungen, an Busreisen, Schifffahrten oder VHS-Kursen. Auch privates Zusammensein ist davon betroffen: In der Alarmstufe darf sich nur noch ein Haushalt mit einer weiteren ungeimpften Person treffen – Geimpfte und Genesene können sich weiter in beliebiger Anzahl treffen. Der Katalog ist also lang und detailliert, Besuche von Gaststätten aller Art inklusive.

Die Konsequenz: Obwohl die milchige Novembersonne nicht mehr wirklich wärmt, erfreut sich die Außengastronomie in diesen Tagen deutlich größerer Beliebtheit als früher, weit über die dahinschmelzende Raucherkohorte hinaus.

Auch in den Cafés im Heusteigviertel bleibt Impfskeptikern, die ihre Gewohnheiten nicht umstellen wollen, nur eines: den Kaffee, Tee oder die Hafer-Latte am Fenster von draußen entgegenzunehmen und ebendort zu bezahlen. Alle Innenräume sind tabu. Selbst Dauergäste haben dem ältesten Traditionsbetrieb im Quartier deshalb erbost den Rücken gekehrt.

„Natürlich gibt es Debatten“, erzählt der Cafetier, der die Regeln für vernünftig hält und für ohnehin alternativlos. Der Bußgeldkatalog jedenfalls hat es in sich: Bis zu 10.000 Euro sind angedroht, wenn – im Wiederholungsfall – die notwendigen Nachweise nicht mit der gebotenen Gründlichkeit kontrolliert werden.

Fürs das kommende Wochenende haben die Behörden eine „Aktion scharf“ angekündigt. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga appelliert eindringlich an alle Mitglieder und an alle Gäste, die Anti-Corona-Regeln und ihre Kontrollen ernst zu nehmen.

Bei einer der Gehsteigdebatten beharrt eine ältere Dame darauf, dass sie sich noch nie im Leben habe gängeln lassen und ganz bestimmt jetzt nicht damit anfangen werde. „Bei Kinderlähmung bist du doch auch nicht gefragt worden“, wendet ihr Gegenüber ein. „Eben“, kontert die Impfgegnerin, erklärt die Diskussion für beendet, geht ab und lässt alle anderen frustriert zurück, weil es mal wieder nicht geklappt hat mit Zahlen, Daten, Fakten. Ein noch älterer Mann resigniert: „Wir leben in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft“.

Szenenwechsel auf die Fildern, den Höhenzug an der südlichen Stadtgrenze. Am Eingang der Wirtshausbrauerei in Bernhausen werden grundsätzlich keine Diskussionen mehr geführt. „Weil es gar keinen Sinn hat“, hat der Chef erkannt. Die Corona-Regeln seien „nicht von uns gemacht“, würden aber „voll und ganz unterstützt“. Zur Strafe gibt es, wenn wieder eine(r) an der Tür abgewiesen wird, „nur Vorwürfe für was, das wir nicht zu verantworten haben“. Hartleibigen bleibt hier ebenfalls die Essensausgabe. Denn das Unternehmen ist weithin bekannt für seine famosen Martini-Gänse: Auch hier feiert man am 11. November das Fest des heiligen Martin, der den Legenden nach dank einer Gänseschar in seinem bescheidenen Versteck gefunden und zum Bischof geweiht wurde. Wer zum Wirtshaus nun keinen Zutritt hat, kann zum Abholen der famosen Gans kommen und ist in der Regel immerhin zufrieden damit, dass es das Angebot überhaupt gibt.

Die Kneipiers kriegen’s ab

An der Impfquote hat sich in Baden-Württemberg, trotz der Ankündigung der harten Gangart vor inzwischen fast zwei Monaten, bislang fast nichts geändert. Einer der Gastronomen gibt kund: „Wir sind der Prellbock der gesellschaftlichen Diskussionen“ – und ortet als Grund noch eine ganz andere Erfahrung, die er im Laufe der vergangenen Wochen „lieber nicht gemacht hätte“. Vor allem jüngere Gäste seien „wahnsinnig ahnungslos“ und nicht einmal besonders wissbegierig, etwa wenn am Telefon eine Tischbestellung wegen fehlender Voraussetzungen verweigert wird.

Zugleich will das baden-württembergische Sozialministerium von einer Bringschuld nichts wissen. Auf allen Ausspielkanälen werde versucht, zielgruppenorientiert über die Regeln zu informieren oder über Impfungen aufzuklären, sagt ein Sprecher. Der Erfolg bleibt noch aus. Ende Oktober waren 64 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, zwei Wochen später sind es noch immer unter 66 Prozent.

Vom grünen Regierungschef wird erzählt, dass er dafür auch seine in Berlin die Ampel verhandelnden Parteifreunde mitverantwortlich macht. Für ihn haben sie ein falsches Zeichen gesetzt mit der Entscheidung, dem Noch-CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn zu folgen und die pandemische Lage von nationaler Bedeutung nicht noch einmal zu verlängern. Der Ministerpräsident will – gemeinsam mit Mitstreitern im Bundesrat – die Länder davor schützen, durch die angekündigten Lockerungen im Infektionsschutzgesetz auf Bundesebene wegen ihrer scharfen Maßnahmen vor Gerichten unter Druck zu geraten. Oder gar zu scheitern.

Der Grüne ist ein gebranntes Kind. Im Februar 2021 wurden die von Epidemiologen als Gelingensfaktor im Kampf gegen die dritte Welle hochgelobten landesweiten Ausgangsbeschränkungen ab 21 Uhr vom Verwaltungsgerichtshof in Mannheim als nicht mehr verhältnismäßig gekippt. Sogleich hatten „Querdenker“ und Corona-Leugner wieder Oberwasser mit ihren Parolen vom Stasi-Staat, der in die Schranken gewiesen werden müsse – zum Leidwesen vieler Stuttgart-21-Gegner übrigens.

Denn die sind noch immer aktiv. Am vergangenen Montagabend fand wieder eine Demo gegen den Tiefbahnhof im Talkessel statt. Es ist die fünfhundertsechsundachtzigste seit November 2009. Und wieder, sagt einer der alten linken Kämpfer gegen die mehr als nur zweifelhafte Milliardenverschwendung, hat er auf dieser Demonstration Banner und Anstecker gegen den Impfzwang gesehen – „den es doch gar nicht gibt“. Selbst hier musste also die Überzeugung in die Brüche gehen, dass Argumente zählen. Dabei habe doch genau das über so viele Jahre den Widerstand gegen Stuttgart 21 ausgemacht: „Aber mit Covid-19 grassiert auch das Virus der Faktenleugnung, und dagegen gibt es nicht einmal einen Impfstoff“.

Johanna Henkel-Waidhofer berichtet seit 1980 als österreichische Autorin aus Stuttgart

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