In 99 Namen

Alltag Sufis beten für die ganze Schöpfung. Besuch in einer Berliner Moschee

Nun wird es ernst. "Ein möglichst leichtes und billiges Kopftuch für einen Einmalzweck", habe ich in der Drogerie erbeten. Das Tüchlein bedeckt die Haare nicht ganz. Die Verkäuferin, die sich an ihren Urlaub in Marokko erinnert, schlägt mir einen modischen Knoten im Nacken vor. Ich entscheide mich für einen Knoten unter dem Kinn, die beiden Enden des Stoffes um den Hals geschlungen und hinten noch einmal zugebunden, so tragen es die Musliminnen in Neukölln.

"Wir sind Derwische", sagt ein junger Mann mit beeindruckendem Nasenprofil und buntem Käppchen im muslimischen Gemeindehaus der Ahmadiyya-Moschee in der Brienner Straße in Berlin. "Wir versuchen es zu sein", ergänzt sofort sein junger Kollege, der mit bescheidener Eleganz Tee in kleinen, türkischen Gläsern serviert.

Im laizistischen Istanbul durften Derwische lange nur mit staatlicher Genehmigung oder auf Anordnung tanzen: Sie tun es - heute weniger mit Argusaugen überwacht - mit wohl bemessenen Schritten, zu betörend schönen Flötenklängen. Dabei drehen sie sich um sich selbst, bis die Roben in einem großen Rund fliegen, und kreisen umeinander wie Planeten, mystisch, mathematisch genau. Mit ihrem kreisenden Tanz vollziehen die Derwische die Bewegungen der Planeten in den himmlischen Sphären nach. Derwische sind Anhänger des Sufismus, einer islamischen Form der Mystik. "Suf" hieß das Büßergewand, mit dem um 700 im Zweistromland, dann am Rande Zentralasiens Männer, seltener selbst Frauen auftraten, die tanzend, bettelnd als Dichter oder Heiler eins mit ihrem Gott werden wollten. Zwei Gruppen von Sufi-Orden bildeten sich heraus: die Ischanen, die als ständisch organisierte Zunftgemeinschaft eine Familie und einen Beruf haben, und die Kalandare, die Bettelorden. Sie leben in religiösen Gemeinschaften, und manche lehnen auch Opium und Selbstgeißelungen als Mittel zur Gottesschau nicht ab.

Mit dem Untergehen der Sonne soll zur Nacht auf den Freitag das Ritual beginnen. Der Hauptraum der Moschee füllt sich. Nach einem jeweils kurzen Gebet lassen sich die hereinströmenden Männer auf dem ganz mit verschiedensten Teppichen ausgelegten Boden nieder. Sie sitzen einzeln oder in Gruppen, an eine Säule gelehnt liest einer im Koran. Eine Gruppe von ihnen zeigt sich gegenseitig ihre neuesten Downloads auf den Displays ihrer Handys. Drüben wird ein Parfümfläschchen herumgereicht.

Neben mir stellt sich in der Frauenecke eine Nordafrikanerin ein. Ob ich schon die Sunna gebetet habe, fragt sie nach kurzer Andacht. Ich tue es ihr nach .... sich beugen, niederknien ... wie elegant sie ihren mit Goldfäden durchwirkten Schleier unter einer schwarzen Baskenmütze drapiert hat, dass gerade noch ein wenig krauses Haar herausschaut! Sie ist Sudanesin, erzählt sie, hat Philosophie studiert, an der laizistischen Kairo-Universität, war Sozialistin, Parlamentarierin auch, früher war sie nicht religiös. "Fällt es mit so einem Lebensweg nicht schwer, sich für die Religion zu entschließen?" frage ich. "Oh, überhaupt nicht", sagt sie lachend, "nirgendwo geht es mehr um Gerechtigkeit als im Islam."


Elf Jungen mit Fez betreten den Raum und ein alter Mann, der sich sofort einen schweren Sessel in die Mitte des Gebetsraums rückt und darauf Platz nimmt. Einige der Jungen küssen seine Hand. Nun eilt der Sufi-Meister in die Moschee, mit einem dunklen Kaftan ausgestattet und einem weißen Turban, der einen samtenen, grünen Spitzhut umschließt. Die Männer erheben sich und stellen sich in drei mehr oder weniger genau definierten Reihen auf. Sie beten wieder jeder für sich, jeder in seinem eigenen Rhythmus, sie beugen sich vor, knien nieder, berühren mit der Stirn den Boden. Der Sufi-Meister in der ersten Reihe unter ihnen stimmt auf Arabisch eine Sure des Korans an. Die Männer antworten ihm in einem langen Wechselgesang.

Rund 50 Männer lassen sich nun in einem großen Kreis nieder, einander so nahe, dass sie sich fast berühren. Noch ein gesungenes Gebet. "Allah mu", tönt es jetzt. 33 Mal. "Allah hu", "Allah haqq", "Allah heyy", "Allah hu". Einige beginnen, sich hin und her zu wiegen. Zwischen den viele Male wiederholten Worten liegt langes Schweigen. Inzwischen ist es hinter den kleinen Fenstern unter der Kuppel der Moschee vollständig dunkel geworden. Nur noch die Glühbirnchen um die Gebetsnische spenden eine spärliche Beleuchtung.

Manchmal erklingt zwischen den so oft wiederholten Lautfolgen ein schweres Stöhnen durch die Stille. Jedes Mal geht der Gesang wieder in einen immer mehrstimmiger werdenden Chor über. "Allah din", 33 Mal wiederholt. Nun springen die Männer auf die Füße, sammeln sich zu einer Reihe und drücken nacheinander dem Sufi-Meister die Hand oder umarmen ihn. Sie bilden eine Art Polonaise, bei der nun jeder jedem die Hand schüttelt. Die Männer wenden sich abermals der Gebetsnische zu. Sie halten die Hände an die Schläfen, sie verbeugen sich und gehen in die Knie. Sie küssen den Boden. Sie beten wortlos oder murmeln dabei leise. Darauf setzt man sich wieder zu gemütlichem Plausch.

Hamdi, ein 34-jähriger Mann mit beeindruckend weißem Bart, erklärt mir, dass alles einem genau festgelegten Ritual folgt. Jede Sufi-Sitzung beginnt mit einer Bitte um Vergebung, gefolgt von der Sure Alfatihah und dem Segenswunsch für den Propheten. "Es gibt keinen Gott außer Gott", singen dann die Gott erfüllten Männer. "Das ist eine Bejahung und eine Verneinung zugleich. Gerade in diesem scheinbaren Widerspruch liegt der Sinn." 100 Mal wird dieser Satz gesungen, 100 Mal Allah angerufen. Dann folgen die 99 Namen Gottes: "Allah hu er", "Vergebung", "Allah haqq", "Wahrheit", "hayy", "Lebendiger", "ya hafiz", "oh, du Allbewusster", "ya raffar", "Vergebender". Noch einmal schließlich der Segenswunsch an den Propheten und seine Familie. "Damit schließen wir alle ein: Noah, Abraham, den Freund Gottes, und Moses, wir beten mit dem ganzen Körper, denn mit der Körperhaltung wird ein Bewusstsein erzeugt."


Wir beugen uns wie die Tiere. Wir unterwerfen uns wie die Pflanzen, denn wir beten stellvertretend für die Schöpfung." Hamdi holt eine Gebetskette hervor. 99 Glieder hat sie, entsprechend den 99 Namen Gottes. Ein frommer Moslem wird sie mehrmals am Tag aufsagen, ein weniger frommer oft einfach mit der Kette spielen.

Im Gemeindehaus sind Türken, Deutsche, Iraner, ein Vietnamese, ein Indonesier. Süßigkeiten werden herumgereicht. Die jungen Leute mit Fez, die schnell gegangen waren, sind "eine Gruppe, die sich wie wir auf Scheich Nazim in Zypern beruft", erzählt Hamdi. "Ihnen geht es vor allem darum, zu ihren Wurzeln zurückzufinden. Und darum, Disziplin zu lernen."

Sansi leistet gerade Zivildienst. Zefulah, der mit der imponierenden Nase, der sich uns als Derwisch vorgestellt hat, ist Kfz-Mechaniker und studiert noch, um Maschinenbau-Ingenieur zu werden. "Nazim ist der größte Heilige unserer Zeit", ruft er schnell aus, als er merkt, dass von ihm die Rede ist. Und Hamdi sagt: "Im Idealfall ist natürlich der eigene Scheich immer der Größte, aber wenn es doch nicht so ist, kann man ihn auch wechseln."

Aber Hamdi denkt nach vorn: "Die Menschen in Deutschland wollen nicht bloß glauben, sie wollen eine lebendige mystische Erfahrung. In diesem Sinne hat die orientalische Kultur viele positive Dinge anzubieten." Er selbst leitet auch eine Tanzgruppe für Deutsche. "40 Scheichs gibt es auf der Welt, aber so viele Sufi-Wege wie Menschen. In der Barmherzigkeit Gottes sind die Meinungsverschiedenheiten der Menschen enthalten."

Der Sufi-Meister, Ahmed Heller, hat vieles ausprobiert in seinem Leben. Er ist mit einer Türkin verheiratet und damit wie selbstverständlich beim Sufismus gelandet, mit Meditation beschäftigt hat er sich schon immer. Nun folgt ein Stehgreifvortrag, der die gnostischen Wurzeln dieser "einen der 72 Richtungen des Islam" offenbart. "Die Seele wurde schon vor langer Zeit geschaffen. Sie hat Gott ein Versprechen gegeben, ihm zu Diensten zu sein. Es gilt diesen Weg zurückzufinden. Der Zugang wurde verschüttet durch unser Fehlverhalten, aber durch spirituelle Praxis kann man den Weg zurückfinden." Ahmed Heller, der einst Chemie studierte, dann auch islamisches Recht, sagt das wie nebenbei. Seine hellen Augen blicken wach in die Runde. Seine klare Stirn unter dem weißen Turban strahlt. "Die Frage ist doch: Was kann man der Seele Gutes tun? Alles, was man dem Körper Gutes tut, ist der Seele abträglich. Alles, was man macht, um den Körper zu überwinden, tut der Seele gut."

Von den Traditionalisten unter den Muslimen meint Ahmed: "Sie sehen die Schönheit der Religion darin, sie perfekt zu praktizieren." Ob er nicht Berührungsängste hat mit den osmanischen Traditionalisten? "Mit größerer Frömmigkeit entsteht der Wunsch, eine strengere Disziplin einzuhalten, auch um zweifelhaften Situationen zu entgehen." Der Sufismus war die meiste Zeit seiner Geschichte aber eine den Hierarchien opponierende Bewegung. Ahmed Heller berichtet von einem Heiligen, der solange verkündete: "Ich bin die Weisheit, ich bin Gott", bis er wegen Blasphemie hingerichtet wurde. "Es hat ihn nicht gestört. Mit seinem Tod wurde für ihn die Grenze zu Gott vollständig aufgelöst." Das ist lange her.


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00:00 25.11.2005

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