In aller Munde

Im Kino Morgan Spurlock recherchiert in "Super Size Me" den Einfluss des Fast Food auf unsere Kultur und löst eine Debatte aus

Was für eine große Nation die USA ist, macht sie ihren Besuchern an beinahe jeder Straßenecke klar. Alles ist XXL: Die Einkaufszentren, die Autobahnen und selbstverständlich auch das Essen. Soviel Portion war nie wie in einem amerikanischen Schnellrestaurant. Die Auswirkungen freilich sind nicht ohne: Über 65 Prozent der Bevölkerung sind stark übergewichtig. Anders gesagt: Sie sind fett!

Der New Yorker Filmemacher Morgan Spurlock hingegen ist rank und schlank. Er wollte aber doch einmal herausfinden, wie extremer Fast-Food-Konsum auf den Körper wirkt. Also entschloss er sich zu folgendem Experiment: 30 Tage lang nahm Spurlock seine Mahlzeiten bei McDonald´s ein - das Frühstück, das Mittag- und Abendessen und alle kleinen Snacks zwischendurch. Weiterhin sah die Versuchsanordnung vor: Wann immer ihm McDonald´s-Angestellte vorschlugen, das extragroße Super Size Meal zu nehmen, würde der Regisseur dieses Angebot akzeptieren. Den Film, der dieses ungewöhnliche Unterfangen dokumentiert, nannte er dementsprechend Super Size Me.

Spurlocks Karriere als Versuchskaninchen beginnt mit einem Arztbesuch. Unabhängig voneinander bescheinigen ihm gleich drei Mediziner eine sehr gute Gesundheit. Zwei Wochen später steht der Regisseur wieder auf der Matte, und die Ärzte sind mehr als schockiert. Allen war klar, dass der Patient deutlich an Gewicht zulegen würde. Aber dass sich seine Blutwerte dramatisch verschlechtern? Dass die Leber kurz vor dem Kollaps steht? Die Mediziner sind ernsthaft besorgt und raten dringend zum Abbruch des Experiments. Spurlock aber ist entschlossen, bis zum Ende durchzuhalten.

Für die Zuschauer ist das nur gut. Schließlich ist das Ergebnis einer der unterhaltsamsten Dokumentarfilme der jüngsten Zeit. Der Film lebt davon, dass Spurlock sich hemmungslos ins Zentrum der Story stellt. Nach einigen Tagen registriert er bei sich selbst eine Art Fast-Food-Sucht; er berichtet freimütig von Erschöpfungszuständen und Depressionen, die der dauernde Konsum bei ihm auslöst. Doch verliert er auch in solch niedergeschlagenen Phasen niemals seinen trockenen Witz. Er scheut sich zuletzt nicht, seine Freundin vor die Kamera zu zerren, übrigens eine überzeugte Vegetarierin. "Libido? Vergiss es!", gibt sie genervt zu Protokoll, als sie gefragt wird, wie Spurlock sich in der letzten Zeit verändert hat.

Das alles klingt nach dem abgedrehten Gag eines Menschen, der zuviel Jackass gesehen hat. Lustig, aber nicht gerade voller neuer Erkenntnisse: Es dürfte nun wirklich jedem klar sein, dass soviel Fast Food krank macht. Doch ist Super Size Me mehr als ein obskurer Selbstversuch. Spurlock sorgt für Kontext. Er spricht Leute auf der Straße auf ihre Ernährungsgewohnheiten an. Er macht sich auf den Weg in die Schulkantinen und lässt sich zeigen, was die Kinder zum Mittag bekommen: In vielen Fällen ist es Fast Food, das nur noch in der Mikrowelle aufgewärmt werden muss.

Spurlock berichtet in seinem Film von einem Prozess gegen McDonald´s, den zwei übergewichtige Mädchen anstrengten - sie machten den Konzern für ihr Fett-Sein verantwortlich. "Zuerst fand ich das lächerlich", sagte der Regisseur auf einer Diskussion auf dem Dokumentarfilmfestival in Toronto: "Schließlich ist jeder selbst für seine Gesundheit verantwortlich". Aber gerade die Erlebnisse in den Kantinen zeigten ihm, dass die Dinge vielleicht doch etwas komplexer sind: Machen die großen Konzerne ihre Profite auf Kosten von Kindern, die von klein auf an Fast-Food gewöhnt werden und niemals eine Alternative kennen lernen?

Mit solchen Fragen trägt der Regisseur zu einer Debatte bei, die die USA seit einigen Jahren intensiv beschäftigt. Inzwischen sind 37 der Prozent der Kinder übergewichtig; viele von ihnen in einem Maße, das ihre Gesundheit stark schädigt. Es könnte die erste Generation sein, in der die Kinder vor ihren Eltern sterben, warnen Wissenschaftler. Schon jetzt sind in den USA jährlich über 300.000 Tote durch Übergewicht zu beklagen.

Auch solche Fakten weiß Spurlock unterhaltsam aufzubereiten. Er kleidet sie in witzige Grafiken und kleine Animationsfilme, die etwa verdeutlichen, wie rasant die Zahl der McDonald´s-Lokale zugenommen hat und wie wenig Alternativen zu Fast Food es in einer bestimmten Nachbarschaft gibt. Und natürlich will der Regisseur auch von den Verantwortlichen bei McDonald´s einen Kommentar haben. Mehrmals ist in Bild und Ton festgehalten, wie der Regisseur bei der Bitte um ein Interview immer wieder vertröstet wird. Doch schon kurz nach Ende der Dreharbeiten gab der Konzern bekannt, die Super Size Meals zu streichen und seine Produktlinie verstärkt auf gesündere Produkte auszudehnen.

Spurlock folgt hier einem Weg, den Michael Moore vorgezeichnet hat und der in Zukunft verstärkt Schule zu machen verspricht: Auf dem Dokumentarfilmfest in Toronto, dem wichtigsten Anlass dieser Art in Nordamerika, war gleich eine ganze Reihe von Filmen dieser Machart zu sehen. Es ist ein Filmemachen, das durchaus ein soziales Anliegen verfolgt und einen lehrreichen Effekt haben soll. Das aber gleichzeitig den didaktischen Ansatz gegen ein unterhaltsameres Konzept tauschte: Es ist ein Filmemachen in der ersten Person: Der Regisseur ist gleichzeitig eine Art Conferencier, der sein Publikum beschwingt und mit vollem Körpereinsatz durch die schwierigsten Themen leitet.

Spurlock hat damit keine Schwierigkeiten. Auf MTV kann man derzeit noch die von ihm produzierte Show I bet you will (Ich wette, Du wirst es tun!) sehen. Abwechselnd mit anderen Moderatoren sucht Spurlock vor laufender Kamera nach Menschen, die furchtbar lächerliche Dinge für einen furchtbar lächerlichen Geldbetrag tun und kommentiert das anschließend mehr oder weniger lustig. Er sei nicht eben stolz auf die Show, von der keine neuen Folgen mehr gedreht werden, erzählte Spurlock in Toronto. Gleichwohl stellt sie sein Talent als Entertainer unter Beweis. Außerdem konnte er von dem Honorar Super Size Me finanzieren, mit dem er zweifelsohne als Dokumentarfilmer seinen Durchbruch haben wird. 30 Tage dauerte das Experiment, in dem er sich eine ordentliche Wampe anfraß und die Leber ruinierte. Auch drei Monate nach Experiment-Ende waren sowohl Gewicht als auch Blutwerte noch immer in Unordnung, erzählt er in einer kleinen Coda zum Schluss seines Films. Inzwischen hat er sein Normalgewicht wieder. Aber dem Schwergewicht Michael Moore ist er mit seinem Film dicke auf der Spur.


00:00 23.07.2004

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