In alter Scharia-Manier

Pakistan Um CIA-Mann Raymond Davis zu befreien, zahlen die Amerikaner ­mehr Blutgeld, als ihnen lieb sein kann. Besonders Konzessionen an den Geheimdienst ISI sind schmerzlich

Die Pistolenschüsse, mit denen Ende Januar ein US-Bürger in Lahore auf offener Straße zwei Motorradfahrer tötete, lösten im Weißen Haus Alarm aus. Die Obama-Regierung beeilte sich, ihren „Diplomaten“ mit einem politischen Kraftakt von der Bühne zu zerren, doch Pakistan hielt ihn zunächst einmal eisern fest und in der Zelle. Im Handgemenge sprang die Büchse der Pandora auf, und Beunruhigendes rieselte in die Medien.

Der angeblich immune Diplomat entpuppte sich als Special-Forces-Officer und CIA-Agent „Raymond Davis“. Seine Identität zu verheimlichen, war der US-Regierung so wichtig, dass sie zum Presseknebel griff, und die New York Times sich nach wochenlangem verordnetem Schweigen bei ihren Lesern entschuldigte. Inzwischen besagen offizielle Quellen in Pakistan, bei den erschossenen Motorradfahrern habe es sich um Pakistani gehandelt, die Davis davor warnen wollten, eine gewisse von nationalen Sicherheitsinteressen markierte „rote Linie“ zu überschreiten.

Mit anderen Worten: Davis war im Begriff, Pakistan ans Eingemachte zu gehen. Worin das genau bestand, dazu gibt es verschiedene Versionen. Die von der US-Regierung bevorzugte besagt, Davis war mit seinem Team der Lashkar-e-Toiba (LeT) auf der Spur, einem Terrornetzwerk, das Pakistans Sicherheitsestablishment seit Jahren als Vehikel für den Schlagabtausch mit Indien in der Region Kaschmir einzusetzen pflegt. Delhi klagt die LeT unter anderem an, die Terroranschläge Ende November 2008 in Mumbai verübt zu haben. In Afghanistan haben LeT-Aktivisten nicht nur einmal NATO-Einrichtungen angegriffen.

Nicht eben billig

Trotz allem genießt die Organisation selbst nach offiziellem Verbot weiter Protektion, was pakistanische und US-Geheimdienste hart aneinandergeraten lässt. Eine CIA-Operation gegen die LeT – zum Beispiel in Lahore – käme dem Überschreiten des Rubikons gleich. Deshalb die Unbeugsamkeit, mit der Agent Davis von den pakistanischen Behörden festgehalten wurde, sowie die mediale Orchestrierung des gegen ihn eröffneten Prozesses. LeT-Führer Hafiz Mohammed Saeed, mutmaßlich die Schlüsselfigur des Mumbai-Massakers, wurde bereits 2009 vom High Court in Lahore freigesprochen. Vor dem gleichen Gericht hatte sich nun Davis wegen Mordes zu verantworten, während Saeed zum „Kashmir-Day“ eine große „Hängt-Davis!“-Demonstration anführte. Doch es gab einen Davis-Prozess ohne Urteil, weil Washington in alter Scharia-Manier durch Zahlung von „Blutgeld“ an die Familien der Erschossenen den Agenten freikaufen konnte.

Soweit der sichtbare Teil eines von Saudi-Arabien vermittelten Deals, ausgehandelt Ende Februar in Oman zwischen Militärführern der USA und Pakistans, nachdem sich Islamabad aller US-Brachial-Diplomatie widersetzt hatte. Sogar die Drohung, Militärhilfen zu kappen, sollte Davis nicht freikommen, ließ Armeechef General Kayani kalt. So geriet das Arrangement nicht eben billig für die Amerikaner: Pakistan erwartet künftig totale Transparenz bei US-Geheimdienstoperationen im eigenen Vorgarten, den Abzug aller „Vertragsarbeiter“ der CIA und den Respekt vor den geltenden Visa-Regelungen. Washington musste sich auch dazu durchringen, eine verlängerte Amtszeit für Generalleutnant Shuja Pashas zu schlucken, den umstrittenen Kommandeur des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Zu guter Letzt soll ein Abkommen mit den USA ausgehandelt werden, das Pakistans strategische Rolle in der Region neu definiert und ihm Vorteile gegenüber Indien verschafft, was die Regierung in Delhi (noch) höflich ignoriert.

Manches Kuckucksei

Konzessionen dieses Kalibers musste die US-Administration eingehen, um Davis zu retten und sein Schweigen zu sichern. Man schien zu befürchten, dieser Agent – in einem pakistanischen Gefängnis mit Nachdruck verhört – könnte mehr offenbaren als eine verdeckte Operation gegen die LeT. Er könnte beispielsweise über den Plan reden, die pakistanischen Atomwaffen unter amerikanische Kontrolle zu bringen.

Ein Indiz dafür sind die Hinweise aus Regierungsstellen in Islamabad, der „Fall Davis“ zeige, dass es für einen Kernwaffenstaat ein Gebot der Vorsicht sei, Bewegungen ausländischer Agenten durch strikte neue Visa-Regeln zu begrenzen. Im Gegenzug brachte General Petraeus, US-Oberkommandierender für Afghanistan, ins Gespräch, die USA sollten nach einem Abzug aus Afghanistan als „ständige Wachposten in der Region“ bleiben, weil man doch wisse, dass Terrorgruppen ein Auge auf das pakistanische Nuklear-Arsenal geworfen hätten.

Der Inter-Services Intelligence (ISI) ließ in der Presse noch eine andere, recht ungeheuerliche Anschuldigung verbreiten: Davis stehe mit den pakistanischen Taliban in Verbindung – „rekrutiere“ gar für sie! Nun verwundert es seit Langem nicht nur in Pakistan, wer diese Untergrundarmee der Gottesfürchtigen eigentlich dazu treibt, der Armee Pakistans mit solcher Ausdauer die blutigsten Wunden zu schlagen und ein Land systematisch zu destabilisieren. Oft wird vermutet, Indien habe die Hand im Spiel. Dass es immer wieder Taliban-Attacken gibt, könnte für die Amerikaner indes auch ein Druckmittel sein, um General Kayani doch noch zur Operation Nordwaziristan zu nötigen, gegen die pakistanischen Taliban zu ziehen und damit das Hinterland der afghanischen Aufständischen zu treffen. Zudem glauben Insider, unter den Taliban zwischen Peschawar und Quetta gewisse Kuckuckseier gesichtet zu haben, die zuweilen wie ferngesteuerte Agents provocateurs auftreten.

Dass so viel spekuliert wird, braucht nicht weiter zu verwirren. Schließlich war Raymond Davis nicht allein. Nach seiner Enttarnung gaben die Behörden die Pass-Details von einer Reihe weiterer eingeschleuster US-Agenten an die Presse, woraufhin diese Hals über Kopf das Land verließen. Beim ersten „Davis“, der bereits im Dezember verbrannt war, handelte es sich um den Chef der CIA-Filiale Islamabad.

Bereits 2009 versuchte sich Pakistan mit der Verweigerung von Visa gegen die Freiheiten zu wehren, mit denen die CIA ihre Operationen umgab. Ohne Erfolg: Washington fliegt weiter „undeklarierte“ US-Bürger über Militärbasen ein. Die pakistanische Regierung beschwert sich bis heute darüber, dass von den eintausend US-Marines, die im August 2010 während der Überschwemmungen mit der USS Pelileu in Karatschi zur Katastrophenhilfe eintrafen, nur 150 offiziell wieder ausreisten. Von den übrigen 850 – gab die Regierung kürzlich bekannt – fehle jede Spur. Man habe den Eindruck, die könnten sich im Land „versteckt“ halten.

Ursula Dunckern schreibt für den Freitag aus Delhi über Indien und Pakistan

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13:00 10.04.2011

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