In Ambulanzen durch die Nächte des belagerten Palästina

Eine junge Berlinerin in Arafats Hauptquartier Ihre zwei großen schwarzen Hunde lagern um uns. Wenn man zu ihnen hinschaut, heben sie wunderbar traurig die Augenbrauen und blicken unverwandt ...

Ihre zwei großen schwarzen Hunde lagern um uns. Wenn man zu ihnen hinschaut, heben sie wunderbar traurig die Augenbrauen und blicken unverwandt zurück. Nicht traurig, eher hungrig gucken sie, meint Julia. Einer ist am Bein operiert. Sie jobbt, um das zu bezahlen. Endlich bin ich bei ihr, sitze mit ihr zusammen in ihrer unsanierten Altbauwohnung mit großen Fenstern über dem Dach einer Markthalle. Ihre Stimme kenne ich seit zwei Jahren. Von einem Telefon-Interview, das damals noch tagelang in mir nachklang. Denn sie war mit über 40 internationalen Friedensaktivisten in Arafats Hauptquartier eingeschlossen. Muquatta heißt der Sitz der PA, der Palästinensischen Autonomiebehörden, wie ich da von ihr lernte. Ihre Mutter Sophia Deeg war dabei, die ich als Autorin kannte. Sie hatte sporadisch schöne Reportagen aus Palästina für den Freitag geschrieben. Mehr wusste ich nicht. Stundenlang wählte ich Julias Handy-Nummer, die uns ein Freund der Familie Deeg durchgegeben hatte. Und plötzlich ihre Stimme: Hallo?

FREITAG: Julia Deeg, sind Sie es tatsächlich?
JULIA DEEG: Ah, der Freitag! Ich möchte schnell, bevor die Verbindung vielleicht abbricht, sagen: Es wäre gut, wenn die Presse öffentlich machen könnte, dass wir von den israelischen Militärs nicht mehr rausgelassen werden. Nicht nur, weil es uns schlecht geht - das ist auch politisch wichtig! Die israelische Politik will ja, dass keine Beweise für ihre Taten vorliegen.

Gibt es Nahrungsmittel?
Sie gehen zu Ende. Von außen kommt nichts hinzu. Die Vorräte werden aufgeteilt in immer kleinere Portionen. Und die Jungs weigern sich, das Essen zu nehmen, wenn sie denken, wir haben nicht genug.

Spürt ihr in der Isolation noch so etwas wie Optimismus?
Ich versuche mich daran festzuhalten, dass allein die Tatsache, dass wir hier sind, den Menschen sehr viel gegeben hat. Militärisch haben die Palästinenser schon immer verloren. ... Aber sie haben einen Zusammenhalt, viel Liebe und etwas, das sie immer wieder sagen lässt, sie werden nicht aufgeben.

Durch Sie beide, Mutter und Tochter, wird hierzulande die Tatsache erst bekannt, dass sich Hunderte Friedensaktivisten in die besetzten Autonomiegebiete begeben haben.
Ich weiß, wir haben damit etwas Gutes erreicht, andererseits macht es mich auch wütend, denn hier sind vorher schon viele Menschen gestorben, und niemand hat es beachtet. Manchmal wird es auch aufreißerisch gehandhabt: Mutter und Tochter, die sich in die Gefahr gestürzt haben. Dann geht es nur um uns beide, das ist das Letzte, was wir wollen.

Was konnte ich sie noch fragen? Dass Arafats Amtssitz belagert wurde, dass Sharon seine Tötung zwar noch nicht befohlen, aber öffentlich in Erwägung gezogen hatte, wusste die ganze Welt. - Seht ihr Arafat? Ja, sagt sie, aber um ihn würde es nicht gehen. Julia hat Kritik an ihm und besteht darauf, sie auch in dieser Bedrohungssituation nicht zurückzuhalten. Ihre Formel: "Ich denke, er ist ein Freiheitskämpfer, aber als Politiker hat er teilweise falsche Dinge in seiner Gesellschaft zugelassen." - Wollen die Friedensaktivisten dort länger bleiben, selbst wenn das Militär sie rauslassen sollte? Einige ja. Auch sie selbst erwägt es: "... weil ich Angst habe, dass Arafats Bewacher - es sind ja keine wirklichen Soldaten, es sind Jungs, die idealistisch und naiv sind und hier etwas verteidigen wollen, was man nicht mehr verteidigen kann - also, man hat Angst, dass sie, wenn man geht, hinter einem umgebracht werden." (Freitag, 12. 4. 2002)


Julia kann reden. Die Sätze sprudeln aus ihr heraus. Das war damals bei dem Interview schon so, sie machte es mir leicht. Und jetzt ist es wieder so. Sie kann auch schreiben. Eine Geschichte aus der Muquatta liest sie mir vor: eine kunstvolle, dichte, irritierende Erzählung. Die hält sie noch zurück, gibt sie nicht zur Veröffentlichung frei, schreibt weiter. Damals ist sie tatsächlich in Arafats Hauptsitz geblieben, als ihre Mutter und andere eine Gelegenheit zum Verlassen des Gebäudes nutzten - im Einverständnis mit den 30, die nicht gingen. Bis der Belagerungsring gelockert und die Sicherheit der Eingeschlossenen garantiert wurde, harrten sie dort aus. Das dauerte 30 Tage. Sie hungerten am Ende, es gab keinen Lichtschimmer, Tag und Nacht verschwammen, Julia lernte bei den "Jungs" Arabisch und revanchierte sich mit Englisch-Unterricht, gab Interviews über das Handy, pflegte einen Schwerverletzten. So überstanden sie alle gemeinsam die Tage voller Ungewissheit im verbarrikadierten Gebäude.

Nach Berlin

Als Sechzehnjährige kam sie mit ihren zwei Ratten nach Berlin, um in einem besetzten Haus zu leben. Das war ihre Vorstellung. München, wo sie lebte, verabscheute sie damals. Da sie noch nicht volljährig war, ging sie eines Tages zum Jugendamt: Ich will nach Berlin. Die haben sie zu einer Alternative überredet, zu einem Internat in Hessen, in der bekannten Odenwaldschule. Ein "sozialpädagogisches Superprojekt", wie sie sagt, eine teure Schule, viele der Schüler kamen aus reichen Familien, ein Drittel waren Jugendamtskinder wie auch sie. Drogen gingen um. Aber das erkannten die Sozialpädagogen nicht.

"Bei meiner Mutter, die immer ehrlich und offen mit mir war, habe ich Drogen nicht angerührt. Aber dort - unter der totalen Kontrolle - da war ich mir plötzlich selbst scheißegal. Ich hatte Essstörungen, habe abgenommen, nicht, um wie ein Model auszusehen, sondern es war ein Protest gegen die Kontrolle: drei Mal am Tag mit allen zusammen essen müssen. Ich war auch gegen das Konsumieren, habe das alles ganz komisch vermischt in meinem beginnenden politischen Denken. Alles in mir war auf Contra. Ich glaube, da wäre ich kaputt gegangen. Nach einem dreiviertel Jahr bin ich abgehauen. Ich bin zum Bahnhof gegangen und habe das Zugticket für die Heimfahrt zurückgegeben. 38 Mark fehlten noch, die habe ich mir auf dem Bahnhof dazugeschnorrt und bin nach Berlin gefahren. Ich hatte meine zwei Ratten dabei und meinen Schlafsack und kam Punkt Null Uhr am Bahnhof Zoo an, vom 16. auf den 17. November, es war schon kalt. In Berlin war ich noch nie gewesen, hatte keine Adresse. Ich wusste nur, was jeder Punker weiß: Bahnhof Zoo ist gar nicht gut, da sind die, die auf Heroin sind, und Mädchen, die anschaffen gehen. Alexanderplatz ist der Treffpunkt der Punks!

Die erste kalte Nacht habe ich da im Schlafsack gehockt. Da kam ein Junkie, der hat mich morgens ganz nett gefragt: Bist du neu hier? Ich habe aber einen Horror vor Heroin, ich kann diese Augen nicht sehen und habe nichts geantwortet. Dann bin ich doch mit ihm zur Bahnhofsmission gegangen, und er hat gesagt: Ich kenne ein Haus mit Punks, ich habe da zwar Hausverbot wegen Drogen, aber für dich wäre das ein guter Ort. Er hat mich hingebracht. Sie hatten freie Zimmer für Treber, damit sie erst einmal unterkommen. Es gab auch ein Büro, ein Sozialarbeiter kam ins Tommy-Haus, darum durften die mich als Minderjährige aufnehmen. In ein Jugendamtsprojekt wäre ich nie gegangen. Aber da war es gut. Die Punker dort waren älter als ich, mit 16 Jahren brauchst du noch etwas Zuspruch. Und die unten im Büro ließen mich in Ruhe. Sie halfen, wenn ich etwas mit Ämtern klären musste. Dadurch hatte ich eine Melde-Adresse und nach drei Wochen eine Schule.

Wenn Party war, und ich wollte natürlich mitmachen, haben die gegen elf oder zwölf Uhr gesagt: Mensch, Julia, du hast doch morgen Schule. Von den Punkern habe ich es mir sagen lassen. Auch was Drogen angeht: Die haben mir erklärt, die sind Scheiße, wir haben keinen Bock darauf in unserem Haus. Sie haben auch auf meinen Hund aufgepasst. Geh mal zu einem Sozialpädagogen und sag, ich muss aber einen Hund haben, denn das ist in dem Alter so. Dann antworten die schrecklich vernünftig: das geht mit der Schule nicht und so weiter. Die Punks fanden es total legitim. So habe ich die Abwehr, die ich gegen alles hatte, was staatlich oder lehrermäßig und kontrollmäßig war, sein lassen können. Denn je mehr Kontrolle ich merkte, desto widerständiger wurde ich.

Mit anderen Punks haben wir später eine leer stehende Wohnung besetzt. Es war Winter, wir haben sehr gefroren. Jeder fasst sich an den Kopf: Du hast eine supernette Mutter, kommst aus einem guten Kontext, im Internat kriegst du eine tolle Bildung, Klamotten, Essen. Und du suchst dir so was aus! Warum? - Für mich war es das Erleben von Zusammenhalt. Frieren, hungrig sein, streiten, ja, wir waren alle Teenager, die nicht klar kamen und haben uns tierisch gestritten, aber abends haben wir uns zusammengedrängelt, und die Hunde lagen außen rum, und wir haben uns gegenseitig warm gehalten. So habe ich auch meinen Abschluss, die mittlere Reife, gemacht."


Nach der mittleren Reife ist Julia noch einmal nach München zurückgegangen. Sie hatte dort ein Pferd. Und das sei, sagt sie, eine der tollsten Sachen in ihrem Leben. Sie hatte sich vorgestellt, nach dem Schulabschluss ihr Pferd, das Perla heißt, nach Berlin in einen Stall zu holen und eine Lehre in der Öko-Landwirtschaft zu machen. Oder sie wollte "Bereiter" werden, also Pferde ausbilden. Vor dieser Schwerstarbeit wollte ihre Mutter sie schützen und zum Abitur bringen. "Sie ist eine sehr intellektuelle Person, inzwischen verstehe ich sie auch und vieles tut mir im Nachhinein leid. Aber sie hat mich unter Druck gesetzt. Es war das einzige Mal im Leben. Sie sagte: Du machst Abitur, oder das Pferd ist weg." Julia hat es grimmig akzeptiert und die Monate bis zum geplanten Schulbeginn in Perlas Münchner Stall gearbeitet. Da lernte sie ganz professionell klassische spanische Dressur. Morgens um fünf ging sie in den Stall, ausmisten, Pferde putzen, reiten. Bald war sie die einzige Arbeitskraft, ging sieben Tage in der Woche hin, blieb oft bis Mitternacht. Es war Ausbeutung. Aber Julia war gut. "Ich würde auch jetzt behaupten, das einzige, wofür ich wirklich ein Talent habe, ist der Umgang mit Pferden und Hunden. Es war also mein Leben, ich wollte es lernen, und es ist eben Knochenarbeit. Aber dass man daran kaputt geht, muss ja nicht sein."

Mutter und Tochter haben neu verhandelt, mit den Ergebnis, dass Julia nach Berlin gehen konnte, wo für sie alles zurückgeblieben war, was sie wirklich ihr Eigenes nennen konnte. Dass sie dort das Abitur macht und Perla mitnimmt. Ihrem Pferd bringt sie die hohe Schule der Dressur bei. Und heute macht sie mit Perla weite Ausritte ins Brandenburger Land.

In Berlin hat sich Julia einen alten VW Bus gekauft und in ihm gewohnt, noch bevor sie einen Führerschein hatte. "Alles, was ich wollte, war reisen, mich bewegen, im Auto leben! So habe ich das Wagenleben kennen gelernt. Ich habe Neues gesehen, und als ich den Führerschein hatte, war ich bei selbstverwalteten Projekten in Spanien und Frankreich, die ganz anders sind als hier, viel politischer." Ein Bauwagen kam noch dazu, der stand am Köpi, dem letzten besetzten Haus in Berlin, nachdem alle anderen 200 unter Innensenator Schönbohm geräumt und die Strukturen fast ganz zerstört worden waren. Im Köpi gibt es zwei Konzertsäle, Kneipe, Bierbar, Cocktailbar, einen Technokeller, ein Kino, eine Sporthalle, einen Kletterraum, die Volksküche, ein Internetbüro, das genutzt werden konnte, alles selbst eingerichtet.

"Besetzt heißt ja, du bist selbstverantwortlich. Das war das Leben, das ich mir gewünscht hatte und das ich so wollte. Für mich ist Arbeiten nicht Scheiße, wie es den Punkern immer vorgeworfen wird. Wir arbeiten teilweise viel. Das geht schon morgens los, du stehst auf, läufst über den Hof zum Klo, da fragt dich jemand: Kannst du mir mal sagen, wo ...? Gesichter, Anfragen, Streit unter Nachbarn, Reparaturen, etwas Bauen, Aktionen, immerzu passiert was, davon gibt es keinen Feierabend."

Und Hunde gibt es, oft werden sie von den herumziehenden Punks als ausgesetzte, geprügelte, halb verhungerte Tiere gefunden. Solche Hunde wurden zu Julia gebracht, und sie fütterte, beruhigte, heilte sie, bis sie mit ihren neuen Besitzern losziehen konnten. Sie selbst aber hatte lange Zeit keinen Hund, sie wartete, bis einer auf irgendeine Weise zu ihr, ganz zu ihr kommen würde.

Die Hündin

Sie liest die Annonce. Eine Adresse in Hellersdorf. Sie klingelt, eine "Glatze" macht auf. Sie steht als Punkerin vor ihm. Beide perplex. Sie: Ich bin hier wegen des Hundes, aber ich weiß jetzt nicht, ob das passt. Er großmütig: Na ja, mit einem Punker ein Bier saufen, ist ja auch mal drin.

Sie hasse Bier, erzählt sie, aber dieses Bier habe sie getrunken. Im Zimmer noch sieben weitere Jungnazis und ein Mädchen. Der Hund gehört ihr. Julia sitzt zwischen den Typen auf dem Sofa und denkt, entweder die metzeln mich ab oder ich bin in einem ganz schrägen Film. Gottseidank sagen sie nichts "Politisches", nichts über Ausländer, denn sie hat die ganze Zeit Angst, dass sie es tun: "Ich kenn mich, ich kann den Mund nicht halten." Sie sieht die Hündin, die pisst und zittert und jault. Die sitzt in der Ecke als Häufchen Elend, ein Gerippe, nur Angst. Und Julia weiß, das ist ihr Hund.

Aber noch hat sie ihn nicht. Der Typ verlangt, dass sie 450 Mark hinlegt. Sie überlegt, ob sie den Tierschutz anrufen soll, es ist ein offensichtlicher Fall von Tierquälerei. Aber dann würde das Mädchen die Anzeige kriegen, sie ist die Halterin. Es scheint sie zu trösten, dass das Tier bei Julia gut aufgehoben sein wird, sie hat doch noch einen Rest Liebe für die Hündin. So fährt Julia noch einmal hin und gibt ihnen das Geld. Ihr fällt nichts anderes ein. "Seitdem ist sie mein Hund und hat auch kaum noch Angst."

Reise nach Israel

Mutter und Tochter wollten gemeinsam eine Reise unternehmen. Israel wurde ihr Ziel, die Mutter hatte vor, dort Interviews zu machen, Julia sollte den technischen Teil mit Tonband und Fotos übernehmen. Zehn Tage waren geplant, damals im Frühjahr 2002. In Israel spitzte sich die Lage zu. Von den Konflikten wusste Julia natürlich, aber sie war noch eher eine neutrale Beobachterin. Die ersten Eindrücke in Israel waren Monokulturfelder, Tel Aviv als Betonstadt, israelische Flaggen und Männer mit Maschinenpistolen an allen Ecken. Dann fuhren sie zu einem Interview nach Gaza, und das wurde für sie zu einer Zeitreise.

Durch den einzigen Eingang, einen Hochsicherheits-Checkpoint, ging es in die abgeriegelte Zone. Ihre Mutter wurde in einen Extra-Raum geholt und gefilzt. Nach dem supermodernen Israel kamen sie unvermittelt in eine andere Welt: Esel, keine festen Straßen, Armut. Aber da war Offenheit. "Die Leute haben uns eingeladen. Im elendsten Flüchtlingslager Jaballa rannten die Kinder auf uns zu - sie dachten, wir seien Israelis - und riefen ›Shalom, Shalom‹! Dieses Erlebnis fand ich so viel bedeutsamer als alles, was ich sonst gehört hatte. Gaza schien mir wie unser Wagenplatz! Es hat mich emotional daran erinnert, eigentlich in einer schlechten Situation zu sein, aber sie wird erträglich, weil es einen Zusammenhalt gibt. Das hat man gefühlt. Nur so überleben sie das. Ganz Gaza ist ein Freiluftgefängnis. Nicht mal neue Hilfsgüter kamen rein, so abgeschnitten war Gaza zu der Zeit."

Und am dritten Tag der Reise, die sie durch die Zeiten und gegensätzlichen Welten trieb, stießen sie in Jerusalem auf die internationalen Friedensaktivisten. Schon gingen Gerüchte über einen bevorstehenden Einmarsch des israelischen Militärs in die palästinensischen Autonomiegebiete um. Als sie den Raum betraten, in dem die "Internationalen" sich versammelt hatten, waren die mitten in einem Organisationstreffen: Wer fährt in die Westbank zu den Palästinensern, auf welche Weise, worauf muss man sich einstellen. Julia: "Für mich war klar: Das ist es, was ich tun will, das ist die Art, wie ich es als richtig empfinde. Wir fahren da mit."

Auch Sophia Deeg war entschlossen, sich den internationalen Friedensaktivisten anzuschließen. Sie waren die ersten Deutschen unter den rund Tausend "Internationalen" in Israel und Palästina und hatten nicht wie die Franzosen, Italiener, Engländer eine Gruppe im Rücken, die zu Hause Öffentlichkeitsarbeit machen würde, bei Gefahren für sie da wäre und sie bei der Rückkehr auffangen könnte - mit den ganzen Erlebnissen, dem Trauma. So haben sie sich an die französische Gruppe um José Bové und andere von der Bauernbewegung gehalten, die ihnen am klarsten schienen. Sie sind nach Ramallah, in die Westbank, gefahren, einige hundert Leute. Dort sind sie auf den Checkpoint zugegangen und einfach hindurch gelaufen. Die Soldaten haben geschrieen: Stop! Stop! und haben ihre Gewehre geschwenkt. Die Hälfte hat es geschafft, Julia und Sophia gehörten dazu. Danach war alles dicht. Kameraleute und Journalisten waren dabei, ihr größter Schutz. "Wir können andere nur schützen, wenn wir auch selbst geschützt sind, in diesem Fall durch die Presse."


Ramallah ist eine Metropole, stellte Julia fest. Im Unterschied zu Gaza sah sie hier viele Frauen ohne Kopftuch. Die Internationalen liefen weit bis zu einem Außenbezirk der Stadt zum Hotel Ramallah, das ganz leer war. In dieser Nacht ging die Militärinvasion los.

Julia war aus ihrem Bauwagen, von ihrem Leben in Berlin ohne Vorbereitung in diese Situation geraten. Panzer, Detonationen, Nachtwache. Sie hat sich nicht schlafen gelegt. Wie die meisten saß sie bis zum Morgen in der Hotelhalle, sie redeten. Ihr Gesprächspartner war ein französischer Anarchist, es schien ihr, dass schon eine Bindung entstand in diesen Stunden, aber dann verloren sie sich für immer aus den Augen. Nachts hinaus zu gehen, war unmöglich. Julia betont, dass niemand einen wilden Aktionismus betreiben wollte, jeden Schritt hätten sie überlegt. Dass sie in der Muquatta landen würden, hätte niemand für möglich gehalten.

Als diese erste Nacht herum war, brachte man ihnen die Nachricht ins Hotel, Militär sei im Begriff, gegen ein Krankenhaus in Ramallah vorzugehen. Und sie beschlossen, dorthin aufzubrechen. Sie gingen geschlossen durch die Straßen, zügig, aber nicht hektisch. Kein Rennen, keine heftige Bewegung, Scharfschützen waren positioniert, das wussten sie, auch wenn sie sie nicht sahen. "Ramallah war an diesem Morgen wie eine Totenstadt, unheimlich wie in einem Film. Aber das Unheimlichste war, du weißt, da sind überall Menschen, in jedem Raum viele Menschen, du siehst sie nicht, du hörst sie nicht. Wir waren auch sehr still, aber unsere Schritte waren zu hören, und manchmal kamen Finger als Victory-Zeichen an die Fenster. Leute kamen kurz aus der Tür und bedankten sich die ganze Zeit bei uns, die Hand auf dem Herzen überschütteten sie uns mit Sätzen, während wir vorbeizogen. Sie wissen ja, dass wir nichts aufhalten, aber sie haben sich dafür bedankt, dass es uns interessiert! Dass wir mit eigenen Augen ihre Lage sehen. Dass wir kommen, in diesen Mist."



Am Krankenhaus spendeten sie alle Blut, die Konserven gingen zur Neige. Die israelischen Soldaten verharrten in ihren Stellungen rund um die Klinik. Währenddessen diskutierten die internationalen Aktivisten, ob sie nicht zu Arafats belagertem Amtssitz gehen sollten. Sophia Deeg und andere haben sich anfangs gesträubt: Sie seien Zivilisten für Zivilisten und hätten nichts mit der PA, der Palästinensischen Autorität, zu tun. Aber der Teil der Stadt war schon am meisten beschossen worden, nicht nur Arafats Gebäude, es gab viele Verletzte, auch in den umliegenden Häusern. Mit zwei Ambulanzen in ihrer Mitte, die dorthin nicht durchgelassen worden waren, bewegte sich der Zug der Internationalen in Richtung Sitz der PA. An jeder Kreuzung ging eine Person mit erhobenen Händen und einem weißen Tuch voraus. Die Soldaten waren völlig überfordert, sie funkten hektisch, warteten offensichtlich auf Befehle, während die Internationalen an ihnen vorbeizogen.

"Claude war in dieser Situation eine der wichtigsten Personen für mich", erzählt Julia. Sie hätten sich zwar über Arafat heftig gestritten, denn Claude verehrte ihn, aber sie konnte mit den Soldaten umgehen. "Die brüllen immer: Stop or we shoot. Du musst erst an sie rankommen, um überhaupt mit ihnen sprechen zu können! Das habe ich mir von Claude abgeguckt. Sie war beruhigend, aber nie von oben herab und doch bestimmend, trotz ihrer erhobenen Hände. Die haben Angst, die werden dann hektisch, richten das Gewehr auf deine Stirn. Und sie sagte: Come on boys, don´t be ridiculous, wir haben was zu klären. Wie in einem beruhigenden Singsang redete sie auf sie ein." So gelangte der Zug der Internationalen bis vor Arafats Hauptquartier. Noch betraten sie es nicht, hielten den Tag über eine Art Wache, versuchten mit den israelischen Soldaten zu diskutieren und für die Ambulanzen die Fahrt zu den Verletzten zu erwirken. Nachts kehrten sie in das Hotel zurück.

Am nächsten Morgen kam wieder ein Hilferuf aus dem Krankenhaus. Das Militär würde Anstalten machen, es zu stürmen. Als sie ankamen, sah Julia, dass die Krankenschwestern und Ärzte eine Kette ums Gebäude gebildet hatten. Sie waren in Panik, die Soldaten waren nahe gerückt und schrieen. "Und da kamen wir von hinten, diese verrückten Europäer, die sich auch noch einmischen! Claude wieder langsam vor uns her. Ein Soldat brüllte durchs Megaphon, auch noch als sie schon ein paar Schritte vor ihm stand: Stop, Stop - und sie winkt uns zu, kommt langsam, und zu ihm sagte sie, die gehen ganz langsam, die sind nicht gefährlich. Und so sind wir an den Soldaten vorbeigegangen. Aber als wir auf der Seite des Krankenhauses ankamen, sind sie mit den Panzern auf uns zugerollt. So dicht, dass sie unsere Kleidung berührten. Aber die Kamera lief, das war unser Schutz. Egal, was CNN daraus macht, es gibt die Bilder.

Und da war ich das erste Mal mit einem Sterbenden konfrontiert. Ich konnte gar nicht darüber nachdenken. Eine Ambulanz kam mit einem Verletzten. Sein Bauch war offen. Alle Journalisten rannten hin. Ich blieb mit meinem Fotoapparat stehen. Ich überlegte in Sekunden: Was bewege ich mit dem Bild eines blutenden Verletzten? Automatisch hob ich doch den Apparat und fotografierte, auf meinen Bildern sind nur die Rücken der Journalisten. Plötzlich nahm mich ein Arzt an der Hand und zog mich in den Notoperationssaal, rief: Make pictures, make pictures! - Ich stand vor einem Sterbenden - sollte daran denken, ob genug Licht da war, wie viel Film ich noch hatte - in mir hat sich alles gesträubt. Mein Fotoapparat war defekt, der Film schwarz-weiß, ich drückte auf den Auslöser, er starb, während ich vor ihm stand."

Gespräch mit Panzern

Als die Internationalen nach vier Wochen, die sie verändert haben, die Muquatta, den Sitz Arafats, verlassen konnten, blieb Julia einen weiteren Monat in Palästina. Sie konnte aus der Zwangslage im belagerten Haus nicht einfach zurückkehren, sie wollte nach der Dunkelheit etwas sehen in Palästina. Und ihr Tatendrang war unausgeschöpft. In Dschenin begleitete sie Ambulanzen. Nach internationalem Recht müssen Krankenwagen sich immer bewegen dürfen. Aber dort werden sie aufgehalten. Oft zerstören Soldaten die innere Einrichtung, schlagen und demütigen die Teams. Sobald jemand von den Internationalen dabei ist, lassen die Soldaten das sein. Julias Hauptaufgabe als Begleiterin war es, bei Begegnungen mit dem Militär zu verhandeln.

Die Straßen nach und aus Dschenin sind gesperrt. Die fünf oder sechs dortigen Ambulanzen sind aber auch zuständig für die Dörfer um die Stadt. Sie müssten nachts fahren dürfen, trotz der Ausgangssperre. Da stoßen sie auf die zahlreichen mobilen Checkpoints, zwei, drei Panzer und einige Jeeps, die die Straße blockieren. Es gab Regeln der Besetzung, ungeschriebene, aber jeder kannte sie. So konnte kein Auto, auch keine Ambulanz, auf die Panzer zufahren. Die Soldaten hätten geschossen.

Wenn nun die Ambulanzmannschaft den Panzer von weitem in der Dunkelheit sah, hielt sie an und machte die Scheinwerfer aus. Die Panzer ihrerseits lenkten den Lichtstrahl auf sie. Alle stiegen mit erhobenen Händen aus. Die Männer zogen ihr Hemd hoch, drehten sich einmal um ihre Achse. Julia ging auf die Panzer zu. Groß und blond ist sie nicht, aber sie trug das weiße T-Shirt der Internationals, das sie als Europäerin auswies.

"Ich gehe auf sie zu, in stockdunkler Nacht, nur der Panzer ist zu sehen, keine Soldaten, die steigen nicht aus. Sie richten in dem Moment ihre Gewehre auf dich. Zuerst reden sie gar nicht. Oft machen sie einen riesenfetten Scheinwerfer an, und du siehst nichts mehr. Das heißt stehen bleiben, dich einmal umdrehen, dich zeigen. Ich rufe dann: Shalom Capt´n, I have to talk with you. Meist kommt als Anwort: Stop or we shoot. Ich sage: I cannot hear you from here, we have an ambulance here, we have to go to ... We have to talk with you ... Und gehe langsam weiter auf sie zu. Du lernst irgendwann, die Ausstrahlung wahrzunehmen: Kann ich diese Grenze überschreiten oder nicht? Ich bin schließlich jedes Mal ungehorsam, wenn ich nicht stehen bleibe. Das Gespräch mit Panzern ist abartig. Wenn ich nah dran bin, machen sie die Luke oben auf, dass ich wenigstens ein Gesicht sehe. Aber nicht immer. Oft reden sie von innen, ich höre es nur brabbeln: Come to the door. Ich frage: where is the door? Die haben lauter Klappen, du siehst nur Knarren, die in alle Richtungen zeigen, du gehst um den Panzer rum, die Gewehre gehen mit, sie spielen solche Spiele mit dir. Du hast Angst, aber in deinem Kopf ist auch: Das dauert so lange, da wartet jemand auf ärztliche Hilfe. Aber du musst das Spiel mitspielen. ›Shalom Capt´n.‹ ›For you Capt´n Jack.‹ ›O.K. Shalom Capt´n Jack. I need to talk with you.‹

"Einmal aber hat mir einer der Soldaten, nachdem sie uns eine Stunde lang aufgehalten hatten, die Hand gegeben und gesagt: ›Es ist toll, was ihr macht, es ist nicht richtig, was hier passiert‹".

Zurück in Deutschland

Ein Trauma wurde für sie erst die Rückkehr nach zwei Monaten, als sie erlebte, wie gleichgültig die Menschen mit den Nachrichten aus Palästina umgingen. Auch wie misstrauisch und kühl sie ihr begegneten. Hier ist sie in ein Loch gefallen.

Den Medienrummel würde sie heute nicht mehr mitmachen, sie würde sich verweigern, denn sie stellte fest, dass die Presse daraus machte, was sie wollte. Jedes Interview, in dem Antworten von ihr entstellt waren, hat sie sich angekreidet. Julia wollte perfekt sein, immer das Richtige sagen, auch den Journalisten, von denen sie annahm, dass sie sie über den Tisch ziehen wollten. Sie versuchte, in deren Gehirnen mitdenken: Welchen Satz könnten sie ihr umdrehen, aus dem Kontext reißen, so dass er allein für sich etwas anderes bedeuten könnte. Sie geriet unter einen enormen Druck.

Die Presse hat nicht nachvollzogen, dass Julia sich politisch zwar mit Arafat nicht solidarisierte, aber doch in sein Hauptquartier gegangen war. Sie mühte sich ab, es zu erklären: Die Palästinenser müssten selbst die Chance haben, ihn, den sie gewählt haben, abzuwählen. Außerdem gab es Verletzte. Jeder Verletzte habe schließlich Anspruch auf medizinische Hilfe, "auch der bekloppteste Hamas-Religiöse, auch der rechteste israelische Siedler, der für die Deportation aller Palästinenser eintritt ...". Im Stern las Julia dann, sie hätte sich über den "tattrigen Arafat" lustig gemacht, während in der Berliner Morgenpost einen Tag später stand: Wenn Arafat sie auf die Stirn küsst, ist an ein Aufgeben nicht mehr zu denken. Der Bild-Zeitung hat Julia das Gespräch verweigert, sie haben trotzdem etwas veröffentlicht.


Julia hat später Nächte in palästinensischen Häusern unter Beschuss verbracht, sie weiß, welche Angst dort aufkommt. Die Nächte gehören dem Militär, da kommen die Flugzeuge. Man sieht draußen nichts, höchstens ein leuchtendes Geschoss, man hört nur. Im Süden von Gaza geht das seit Jahren so. Eine Ermüdungstaktik. Die Leute seien zerstört, nervlich am Ende. Sie schlafen seit Jahren durchgehend zu wenig, seien im Stress, sagt Julia. Sie hat erlebt, wie Kinder nachts kreischend vor Angst aufwachten. Wer soll sie beruhigen, wenn die Bulldozer und F-16-Flugzeuge kommen? Die Kinder haben alle schon erlebt, wie vor ihren Augen Verwandte oder andere Kinder getroffen wurden. Sie haben Todesangst und wissen - und das ist auch eine schwere psychische Last -, dass ihre Eltern sie nicht schützen können. Nicht einmal eine der typischen Erwachsenenlügen wirkt hier.


Aber auch Veranstaltungen über Palästina, zu denen sie seit ihrer Rückkehr oft eingeladen wird, erträgt sie nicht leicht. "Die panische Angst der Kinder hängt mir mehr nach als der Anblick eines verletzten Erwachsenen. Auch die Verzweiflung der Frauen, die mir die Einschusslöcher zeigten: Komm her, guck, da und da. Zwei Jahre sind schon vergangen, aber ich sehe die Gesichter vor mir. Die Frauen haben mir die Geschichten gegeben, damit ich sie irgendwohin trage, ich will es auch, aber ich weiß nicht, wohin ich sie tragen kann, hier will niemand es wissen oder nachfühlen. Ich erzähle von dieser Verzweifelung und dann kommt: Ja, aber die Selbstmordattentäter! Das kommt wie aus der Pistole geschossen auf den Veranstaltungen, und ich merke, die Leute haben das vorher schon im Kopf, sie hören nicht zu, was ich da gerade erzähle. Ich rede gegen eine Wand. Ich finde es nicht nur um der Palästinenser willen furchtbar, sondern irgendwann auch um meinetwillen. Ich habe oft das Gefühl, ich trage diese Geschichten auf meinem Rücken. Nicht dass sie weg wären, wenn ich sie weitergebe - ich werde das immer in mir drin haben - aber wenn ich wüsste, dass andere das mit mir mittragen wollen ...

Ich gehe sehr traurig von solchen Veranstaltungen nach Hause, mir scheint, eigentlich liegt jetzt diese Geschichte noch schwerer auf mir. Nicht nur, dass ich sie komplett bei mir behalten habe, weil keiner sie annehmen wollte, sondern mich macht auch traurig, dass es mir nicht geglückt ist, die anderen zu erreichen. Ich weiß nicht, wie ich meine Arbeit gut machen kann, wie kann ich es den Leuten nahe bringen, dass sie es irgendwie verstehen. Immer kommt plötzlich die Frage nach den Selbstmordattentätern, mit einem indirekten Vorwurf der Einseitigkeit!

Aber für mich zählt genauso die Angst eines israelischen Kindes, das in einen Bus steigen soll. Selbstmordattentate sind natürlich ein Thema für uns. Das verabscheuen wir und dagegen arbeiten wir. Für uns geht es darum, die Logik des Hasses zwischen den Völkern aufzubrechen und Alternativen möglich zu machen. Die große gewaltfreie Bewegung gibt es längst unter den Palästinensern, aber dass sie durch unseren Schutz auch sichtbar werden kann, ist eine Aufgabe. Also die Alternative zum gewalttätigen Widerstand zu zeigen.

Ich glaube nicht an Regierungen, an irgendwelche Road-Maps for Peace, es ist eine Verarschung, sie gehen ja nicht an den Kern der Sache. Sie können immer wieder über die Rückkehr der Flüchtlinge diskutieren, über Wasser und über Land, wer wie viel davon bekommt, über den demografischen Faktor. Aber damit ist alles immer noch in zwei Seiten geteilt. Es geht darum, dass Menschenrechte für alle gelten und dass alle das haben, was sie zum Leben benötigen. "

Da unterbreche ich Julia: Du kannst dir wirklich vorstellen, dass die Logik, die jetzt herrscht, über Bord geworfen und überwunden wird? Und sie antwortet: Ja. Sie kriege oft zu hören, das könne doch nicht klappen. Aber sei es nicht sehr offensichtlich, dass die Logik der Besatzung in Israel nicht klappt? Sie hält ihre Vorstellung für realistisch, für die einzig mögliche Lösung: Alle, die dort leben, sollen gleichberechtigte Bürger sein. "Wenn wir uns dort engagieren, tun wir es auch für uns. Denn diese Logik der Teilung herrscht überall, es ist weltweit wichtig, sie zu durchbrechen. Hinter dem System der Besatzung stehen ja die anderen Systeme, und wir müssen uns gegen sie wehren."

Hier würden fast alle immer die zwei Seiten im Blick haben, die Israelis, die Palästinenser - wie Figuren, die man auf einem Schachbrett hin und herschiebt und sich entscheidet, für Schwarz oder für Weiß zu spielen. "Die Menschlichkeit geht verloren. Das verletzt mich richtig, wenn es mir entgegen kommt, bei Veranstaltungen, bei Interviews, sogar mit Freunden. Es gibt Leute, die mir wohlwollend gegenüber stehen und trotzdem das Schwarz-Weiß-Denken haben. Dass ich da nicht durchkomme - da fühle ich mich manchmal sehr allein."

Und Julia überlegt, dass es wahrscheinlich daran liege, dass hier in Deutschland bisher keine Bewegung existiert wie in England und Italien oder Frankreich und Spanien, wo Hunderte und Tausende Solidaritätsarbeit mit Palästina machen. "Du kommst nach Hause mit den Erlebnissen, die traumatisierend waren und wenn du dann erlebst, dass es kaum Leute gibt, mit denen du das teilen kannst, mit denen du auf einer Wellenlänge schwingst, fängt es an, schwierig zu werden. Freunde sind ja nicht dafür da, mit mir das alles politisch weiter zu bearbeiten. Aber wenn sie diese Logik, um die es mir geht, gar nicht verstehen, können sie auch meine Gefühle des Alleinseins nicht verstehen, denn darum fühle ich mich ja allein, weil sie nicht verstehen, wovon ich rede oder was auf mir lastet."

Als sie zurückkam, vermied sie die Feten ihrer Freunde. Bis sie endlich auf eine Party mitgeschleppt wurde. "Alle haben getanzt, das ist genau das, was ich liebe. Und plötzlich habe ich angefangen zu heulen. In Palästina habe ich viel gelacht, sogar getanzt, in den krassesten Situationen. Hier ging das nicht mehr. "Es hat sich da etwas verändert für mich. Ich habe das Wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, Party zu haben. Mit Leuten, die nur das tun, ist es für mich schwierig. Aber ich mag ja auch keine Moralapostel. Und will auch keiner werden. Ich war weit weggekommen von meinem Leben hier. Durch Palästina ist viel Neues in mir hinzugekommen. Und andere Züge, die schon da waren - dass ich mich nicht wegdrehen, nicht abwenden kann - wurden verstärkt. Jetzt bin ich da sicherer, dass das mein Weg ist, meine Entscheidung, dass es niemanden gibt, der mich davon abbringen wird, auch nicht meine eigene Angst. Dass man zu Dingen stehen und aushalten muss, dass andere das nicht so toll finden. Auch dass du dich in Gefahr bringst."


Wieder treffen wir uns in ihrer großen Wohnung. Wieder streichen die Hunde um uns herum. Julia hat ein arabisches Frühstück vorbereitet, mit Rührei, Zwiebeln, Kräutern, Tomaten, gegrillten Zucchinis. Morgens hat sie schon einige Stunden im Badezimmer gearbeitet, in dem sie eine Dunkelkammer eingerichtet hat. Denn nach den Erlebnissen in Palästina hat sie sich an einer Fotoschule beworben und studiert dort jetzt. - Du machst nun doch nichts mit Tieren, sondern mit Fotografie? frage ich nach. Aber nicht mit dem Ziel, als Fotografin Karriere zu machen, schränkt sie gleich ein. Sie lerne, was sie im Moment wichtig finde zu lernen. Die Dinge zu dokumentieren, die sie sieht - in Berlin oder in Palästina - findet sie manchmal sehr wichtig. So tastet sie sich vor im Leben. Im Sommer wird sie nach Griechenland fahren, zu ihrem Vater, an den sie sich kaum erinnert. Wieder ein neuer Faden, den sie aufnimmt. Sie lacht und zeigt ihre Zähne, von denen sie viel mehr zu haben scheint als andere Leute.


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00:00 09.07.2004

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