In Arkadien

Kehrseite II Paul saß Gina am Frühstückstisch gegenüber und spürte dieses unheilverkündende Bummern in seinem Bauch. Irgend etwas stimmte nicht an diesem Morgen. ...

Paul saß Gina am Frühstückstisch gegenüber und spürte dieses unheilverkündende Bummern in seinem Bauch. Irgend etwas stimmte nicht an diesem Morgen. Es war Ginas Blick - wie sie missmutig an sich herabschaute, dann nach links, nach rechts, wieder nach unten. Schließlich sah sie Paul fest ins Gesicht.

"Ich brauche eine neue Hose!"

Ihre Stimme klang, als teile sie ihm den plötzlichen Tod eines nahen Verwandten mit.

"Was?" fragte Paul.

"Du hast mich schon verstanden, ekelhaft fett bin ich geworden! Mir passt einfach nichts mehr, verstehst du?"

Paul nickte, obwohl er wusste, dass er log. Und noch war die Situation nicht ausgestanden. Los, sag was! - forderten Ginas Augen.

Paul biss sich auf die Lippen. Nein, er stand nicht auf dicke Frauen! Und nochmals nein, er fand Ginas Kurven keineswegs fett, erst recht nicht ekelhaft - doch das alles musste er für sich behalten. Was er jetzt auch sagte, Gina würde es gegen ihn verwenden.

"Ich sag alle Termine ab und gehe in die Allee-Arkaden", vernahm er ihre Stimme. "Kommst du mit?"

Das war keine Frage, und das wusste Paul.

Die große Drehtür spülte sie ins Innere der Allee-Arkaden. Gina lenkte ihren Schritt scharf nach links, zu H Kurz vor der Schwelle zwinkerte sie Paul zu. "Wenn ich die Hose gefunden hab, gebe ich einen an der Bar aus, ja?"

Paul nickte, als stünde er unterm Weihnachtsbaum, und sie betraten den Laden. Augenblicklich verschwand alles Sanfte aus Ginas Gesicht. Paul wusste, sie war jetzt ein Raubtier mit scharfen Krallen und überwachem Instinkt.

Ginas Hand glitt ins Regal. Lautlos zerteilten ihre Finger die schwarze Masse der Hosen. Jedes Mal, wenn Gina nun zupackte, durchpulste ihn die Hoffnung: Vielleicht ist es die, die es am Ende sein wird!

"Träum nicht", schob ihn Gina vor das nächste Regal. Etwas später, Paul glich inzwischen einem wandelnden Kleiderständer, lenkte Gina ihren Schritt in Richtung Anprobe. Bitte nehmen Sie nur fünf Kleidungsstücke mit hinein, las Paul auf einem Schild. Sollte er es ihr lieber sagen?

"Warte hier mit dem Rest!" Gina nahm Paul die gestattete Handvoll Hosen ab, drückte ihm einen Kuss auf die Lippen und entschwand durch die Schwingtür im Kabinenbereich.

Paul sah andere Frauen durch die Schwingtür verschwinden und wieder hervorkommen - aber keine Gina. War ihr da drin etwas zugestoßen? Sollte er nicht nachsehen? Aber was, wenn ihn die anderen Frauen für einen Spanner hielten? So lange er hier stand, hatte kein einziger Mann den Kabinenbereich betreten.

Ginas Hüfte teilte die Schwingtür, sie trug die alte Hose. Ringe der Missstimmung unter den Augen, griff nach dem nächsten Packen und war schon wieder verschwunden.

Inzwischen stand Paul nicht mehr allein vor den Kabinen. Ein semmelblonder Mann, etwa in seinem Alter und mit einer Unzahl von Röcken behängt, wurde gerade von seiner Frau verabschiedet. Einen Kuss bekam er nicht mehr, offenbar waren die Beiden schon länger in den Arkaden. Die Frau des Semmelblonden kehrte eher zurück als Gina. Sie erschien in einem blauen Samtrock mit spitzem Gesicht.

"Und?", fragte sie mit Wolfsstimme.

"Sieht gut aus", sagte der Mann.

Peinlich berührt, schloss Paul die Augen. War der Kerl blind?

"Bist du denn blind?" - schimpfte die Frau. "Siehst du nicht, dass mir das Scheißding viel zu eng ist? Aber dir ist´s ja egal, wenn ich mich lächerlich mache, nicht?"

"Und - wie sehe ich aus?", vernahm Paul Ginas Stimme.

Er riss die Augen auf. Die Arme ausgebreitet, drehte sie sich vor ihm im Kreis. Eine schwarze Stretchjeans schmiegte sich wie angegossen um ihre Hüften. Nur war sie unten ein wenig zu kurz. "Sieht toll aus", begann er, "aber unten, weißt du, da ist sie ein wenig zu kurz, finde ich."

Ginas Lächeln erstarb. "Du erträgst es nicht, wenn du nicht irgendwas zum Rumnörgeln findest, was?" Ihre Lippen bebten.

"Nein, Liebes!", begehrte Paul auf. "Du bist die Schönste, und Mann, ich liebe deine langen Beine!"

Eine sachte Röte überzog Ginas Wangen. "Du nun wieder", erwiderte sie sanft. "Gehst du gucken, ob´s die eine Spur länger gibt?"

"Ja, klar, mach ich! Wo hingen die gleich?"

"Was weiß ich? Geh schon, ich mach derweil mit denen hier weiter."

Paul stolperte durch den Laden. Wo hatten diese blöden, schwarzen Jeans gehangen? Ach, da waren sie! Aber welche Größe brauchte Gina? Brachte er eine zu kleine, dachte sie, er wolle sie triezen. Nahm er eine zu große, saß sie um die Hüften nicht mehr so gut, und Gina wäre richtig sauer. Er entschied sich für eine Achtundzwanziger und eine in Größe Vierunddreißig.

Gina wartete bereits vor der Anprobe. "Nur Schrott!" presste sie zwischen ihren Lippen hervor, entriss ihm die Hosen und ließ die Schwingtür erzittern.

Bitte, lass sie passend sein! - flehte Paul stumm in Richtung Ladendecke. Push-up-BH mit Spitze, nur 6,90 Euro, las er auf einem Schild und darunter: Reinschlüpfen und wohlfühlen!

Gina kam zurück. Ihr Mund war ein schmaler Strich, das Rot der Lippen verschwunden. Sie trug wieder ihre alte Hose. "Das war´s", bellte sie im Vorbeigehen.

Knapp drei Stunden später hatten sie alles durchgearbeitet, was die Arkaden hergaben. Gina hatte drei Blusen, drei Paar Glitzerschnürsenkel und ein pinkfarbenes Umhängetäschchen erstanden, doch noch immer keine Hose.

Mal hatte Paul angeblich blöde gegrient, ein anderes Mal war es Gina gelungen, einen geschickt verborgenen Materialfehler zu finden. Paul war in eine Art Halbschlaf gesunken.

"Hörst du mir überhaupt zu?", riss ihn Ginas Stimme aus seinen Gedanken.

"Was?"

"Was, was!", knurrte sie. Die Arkaden verließen sie wie zwei Fremde.


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00:00 05.08.2005

Ausgabe 39/2020

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