In Australien

Rassismus Chloe Hoopers „Der große Mann“ überzeugt als packendes Justizdrama
Michael Duszat | Ausgabe 16/2016

Auf der Straße wird ein betrunkener Mann festgenommen. Wenige Stunden später liegt er tot in der Zelle, äußerlich unversehrt, aber mit schweren inneren Verletzungen.

Der Vorfall ist beunruhigend genug, hat aber einen zusätzlichen Haken: Er spielt sich auf Palm Island ab, einer hauptsächlich von Aborigines bewohnten, von Armut und Arbeitslosigkeit gezeichneten Insel im Norden Australiens. Und während das Opfer Cameron Doomagdee zu den Aborigines gehörte, stammt der verdächtigte Polizist Hurley wie die meisten Repräsentanten des Staates aus der weißen Mittelschicht. Als der Tod bekannt wird, kommt es auf Palm Island zu einem Aufstand. Die jahrzehntelang brodelnde Wut der sich selbst als „Blackfellas“ bezeichnenden Einwohner entlädt sich gegen die „Whitefellas“: Geschäfte werden geplündert, das Polizeirevier wird belagert, Brandsätze fliegen.

Was genau ist passiert? Ist Doomagdee ermordet worden? Und wenn ja, war das Motiv Rassismus? Um diese Fragen zu beantworten, rekonstruiert die 1973 geborene australische Autorin Chloe Hooper minutiös die Umstände des Todes. Dabei lässt sie ausschließlich Tatsachen sprechen, die durch Quellen belegt sind. Gleichzeitig legt sie auf beeindruckende Weise und immer scharf von der Berichterstattung getrennt die Erfahrungen und Beobachtungen offen, die sie als Reporterin in der für sie selbst fremden Region macht – auch ihre anfängliche Naivität als weiße Großstädterin.

Hooper rekonstruiert sensibel die zähen Verhandlungen in schwülen Gerichtssälen, ein Abendessen im Haus der Familie Doomadgee oder das Fundraising der Polizeigewerkschaft für den mutmaßlichen Täter. Sie beschreibt, wie sich die Fronten in einem symbolischen Krieg verhärten, wie Misstrauen und politische Manöver den jahrelangen Prozess der Aufklärung prägen und vor allem, wie der Rassismus jede Handlung, jeden Gedanken und jeden Ort durchdringt.

„Der große Mann kommt in vielerlei Gestalt“, heißt es über die titelgebende Figur aus der Aborigine-Mythologie, die jederzeit und überall Angst und Schrecken verbreiten kann. Der große Mann ist ein mitreißendes Justizdrama und gleichzeitig die Chronik einer abenteuerlichen Reise durch eine von Gewalt geprägte Landschaft. In wackligen Flugzeugen geht es an Orte, wo man auf der Straße wilde Hunde mit Stöcken abwehren muss, wo so viel getrunken wird und Kinder mit Bierdosen spielen, wo Frauen fest damit rechnen, dass man ihnen eines Tages die Zähne ausschlägt, und wo schweigsame Männer selbst erlegtes Krokodil in Plastiktüten anbieten. Diese raue Welt des australischen Nordens ist in Chloe Hoopers Darstellung von den „Traumzeiten“ der Aborigines, aber auch von den symbolischen Kräften des Kolonialismus durchzogen, die sich im ständigen Kampf miteinander befinden. Ihr Buch zeichnet eine Welt des permanenten Zusammenstoßens von Religionen, Rechtssystemen, Traditionen, Welterklärungsmodellen und Sprachen.

Der große Mann lässt sich ohne Zweifel mit True-Crime-Klassikern wie Capotes Kaltblütig und Didions Überfall im Central Park vergleichen. Und auch wenn der Fall bis heute immer wieder neue Fragen und Rätsel aufwirft und Versöhnung am Ende in weiter Ferne liegt, kann der Roman ein Versprechen einlösen, das in der Wirklichkeit weder Medien, Politik noch Justiz halten können: die Umstände und die Bedeutung eines tragischen Todes in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit zu zeigen.

Info

Der große Mann Chloe Hooper Michael Kleeberg (Übers.), Liebeskind 2016, 368 S., 22,00 €

Michael Duszat ist freier Literaturkritiker

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