In Bewegung

Zwischen Chorgebrüll und Metaphernfluss Das Staatsschauspiel Dresden glänzt mit einem gesellschaftskritisch engagierten Spielplan

Seit er vor zwei Jahren in der Orestie erstmals die Bühne erstürmte, ist der mehr als dreißigköpfige Laienchor das Markenzeichen des Dresdner Staatsschauspiels. Seine Mitglieder befinden sich allesamt freiwillig oder durch Arbeitslosigkeit im beruflichen Ruhestand. Das gab seinem Auftritt als "Volkes Stimme" in der umstrittenen Inszenierung von Hauptmanns Die Weber seine Eindringlichkeit, gerade weil der von ihm gebrüllte krude Meinungsmix zu Demokratie, Arbeitslosigkeit und politischer Verantwortlichkeit voller ohnmächtiger Gewaltphantasien und rechter wie linker autoritärer Gedanken steckte.

Nun kam der Chor in Stephan Suschkes Inszenierung der Lysistrata, dem antiken Antikriegsstück, in dem die Frauen ihre Männer mit Liebesentzug zur Beendigung des Krieges zwingen, wieder zum Einsatz, und obwohl (oder gerade weil) er von Aristophanes bereits vorgesehen ist, blieb er hier nur leer dröhnendes Zitat. Weil die poetisch satirischen Texte verlangen, nicht nur rhythmisch herunter gerattert, sondern auch mit Bewusstsein um ihren poetischen Mehrwert aktuell aufgeladen zu werden. Frieden wollen wir alle, doch Krieg herrscht unentwegt und überall. Das alte Antikriegsstück wirkt heute seltsam blutleer und wohlfeil. Der Regisseur verzichtet auf jede Aktualisierung und Konkretisierung. Er geht dem Stück wie viele Regisseure vor ihm aus dem Weg, indem er statt der Komödie oder schmerzhaften Groteske die harmlose Posse spielt. Mit einem Frauenchor in körperbetonter, fummeliger Kleidung, ihm gegenüber die Schar älterer, müde auftrumpfender und fade blödelnder Männer, die weder mit einem aus riesigen Luftballons zusammengesetzten Rammbock-Phallus, noch mit der intelligenten Machtbewusstheit ihres Ratsherrn (Albrecht Goette mit Aktentasche, kleinem Ballon-Phallus und federleichter Ironie) etwas erreichen. Die faszinierende Christine Hoppe demonstriert, indem sie die Lysistrata souverän, kraftvoll-menschlich und intelligent erotisch spielt, wodurch all die bunten Typen um sie herum zur albernen und albernden Staffage verkommen - dass es nicht reicht, ein Stück nur aus dramaturgischen und gesellschaftskritischen Gründen auf den Spielplan zu setzen. Man muss auch wirklich etwas zu erzählen haben.

Dennoch: insgesamt überzeugt und beeindruckt der Spielplan des Staatsschauspiels Dresden in der neuen Saison. Die bunte Mischung aus alten und neuen Stücken ist einem aufklärerischen Gedanken verpflichtet. Man spielt Theater für die Stadt: Kurt Vonneguts Schlachthof 5 reflektiert die Dresdner Bombennächte, und selbst eine Inszenierung des Schwanks Charleys Tante wird aktualisiert, indem sie den Kampf um die reiche Tante in die Kneipenszene der Dresdner Neustadt verlegt. So werden mit jeder Inszenierung Fragen an Geschichte, Gesellschaft oder Gegenwart gestellt.

Intendant Holk Freytag inszenierte eine Bühnenversion von Klaus Manns Roman Mephisto als revueartigen Totentanz. Auf der Bühne eine kleine Drehbühne, das Publikum umgibt das Theater im Theater von beiden Seiten, sitzt auf der Hinterbühne oder im Zuschauerraum, und erlebt ausgestelltes, existentielles Bühnengeschehen. Nicht mit Individuen, sondern mit Typen, charakterisiert durch äußere und Haltungs-Klischees. Das Thema der Verführbarkeit durch die Macht, die Preisgabe eines individuellen Ichs für ein anderes, scheinbar reicheres Theaterleben, wird mit manchen, nur formal wirkenden Bühneneffekten und einem sich durchaus redlich bemühenden, aber kaum die Gefährdung und Gefährlichkeit der Hauptfigur treffenden Hauptdarsteller in einer nur theaterpolitisch gedachten, aber künstlerisch sentimental gemachten Inszenierung entwickelt.

Im wunderbar rekonstruierten und modernisierten Kleinen Haus des Staatsschauspiels sucht man auf neue Weise an die erfolgreiche Arbeit von Eva-Johanna Heldrich im von Intendant Holk Freytag abgewickelten "Theater in der Fabrik" anzuknüpfen. Hier gibt es kritische Zeitgeiststücke wie Henry Adams People next door - Die Leute von nebenan. Der 41-jährige Schotte spielt in seiner Farce über die Terrorangst in Großbritannien mit Figurenklischees und Denkschablonen. Seine schrille und überdrehte Brit-Pop-Soap mit ihren durchgeknallten Sprücheklopfern wurde von Regisseur Walter Meierjohann unter Überdruck gesetzt. Das übliche, attraktiv skurril asoziale Milieu bevölkern liebenswerte Instant-Typen wie der hilflose Teenie-Looser Marco und eine neugierig knöternde alte Witwe. Bühnenbildnerin Steffi Wurster hat ein tolles Bühnenbild gebaut: sie stellte vier abgetrennte Zimmer nebeneinander, die witzige Wander- und Verbindungsszenen der aufgedrehten Darsteller ermöglichen.

Für Es tut uns leid, sie sind gefeuert, die Bühnenversion eines satirischen Romans von Graham Lord über die moderne Arbeitswelt der New Economy, in der ein 45-jähriger Erfolgsmanager seinen Job, sein Haus, sein Auto, seine Frau und (fast) jeden Lebenssinn verliert, hat Frank Prielipp ein zweigeschossiges Eigenheim auf die Bühne gebaut. Steffen Pietsch lässt seine Darsteller auf ihrem Leidensweg durch die Untiefen der modernen (Un)Sozialgesellschaft in all diesen Räumen toben. Leider bietet die Bühnenversion des Romans von Andreas Neu viele verkürzte Klischees, aber keine wirklichen Figuren und Konflikte. An diesem schwachen Skript mussten die Schauspieler scheitern, auch wenn vor allem Katka Kurze, Marie Bretschneider und Regina Jeske sich (alle gleich in mehreren Rollen) mit komödiantischer Kraft in ihre Aufgaben warfen. Daniel Minetti legte dagegen seinen aus heiterem Himmel arbeitslos gewordenen Erfolgsmenschen eher existentiell und ernsthaft staunend an. So fand die kaum mehr als einstündige Aufführung keine einprägsame Aussage-Form. In dieser Inszenierung war schnell alles gesagt, und dann wurde nichts mehr gefragt.

Katharina Gerickes Vom Fluß, mit dem die Spielzeit im Großen Haus wie mit einem inszenatorischen Paukenschlag begann, birst dagegen fast an seiner Überfülle von Konflikten und Themen. Das nach Fertigstellung von der Auftraggeberin, der Berliner Schaubühne, verschmähte Stück entwirft ein gesellschaftliches Panorama der DDR, indem es individuelle Biographien durch den Fluss der politischen Zeiten zwischen Meerane 1959 und Berlin 1999 verfolgt und verschränkt. Das ursprünglich wohl siebenstündige Epos wurde von Dramaturgin Andrea Koschwitz und Regisseur Hermann Schein zu einer kurzweiligen und poetischen Fassung komprimiert: Vier Freunde feiern ihr Abitur; Domenike und Konstantin, Ziehsohn eines russischen Offiziers, finden zueinander, und zeugen ein Kind.

Hermann Schein hat sich von Stefan Heyne eine offene Spielfläche bauen lassen: Ein mächtiger Brückenpfeiler, später darüber das Halbrund einer Garagenzeile, und zum Schluss ganz oben der Dresdner Fürstenzug. Dieser schöne Raum ist offen für ein durch viele Zeiten und Gegenden mit ihren Sehnsüchten und Leidenschaften streifendes Spiel von Schauspielern, die von dem erstmals in Dresden arbeitenden Regisseur Hermann Schein in eine wunderbar lebendige, spielerische Sinnlichkeit und, ja, Wahrhaftigkeit geführt worden sind (herausragend: Karin Plachetka als Domenika). Dabei hat die Autorin weniger reale Figuren geschaffen, als Träger und "Versinnlicher" von Haltungen und Sehnsüchten entwickelt. Katharina Gericke fragt weder nach den Ursachen von Handlungen noch benennt sie die Gründe von Haltungen. Sie analysiert und untersucht nicht Tatbestände, sondern behauptet und entfaltet ihr Stück als eine einzige große Metapher für ein von der Sowjetunion, von Gewalt und Stasi fremdbestimmtes Leben in der DDR.

Es beginnt am Flussufer am offenen Lagerfeuer (mit einem durchs Stück wandernden Ziehharmonika-Spieler) mit der ersten Liebe und endet vierzig Jahre später mit einem Wiedersehen an der Weidendammer Brücke. Hermann Schein bewältigt mit seinen Darstellern die Überfülle der biographischen Bedeutungsdetails souverän: eine Mutter kommt in die Trinkerheilanstalt; das deutsch-russische Kind soll auf Befehl des russischen Kommandanten ermordet werden, wird aber bei Flussschiffern in Pflege gegeben; der junge Konstantin wird Agent in einem russischen Kernkraftwerk; einer der vier Abi-Feierer macht Karriere bei der Stasi, ein Exil-Leningrader, der einen Reaktorunfall überlebt hat, wird in der Vorwendezeit in einem deutschen Pfarrhaus versteckt... Alles fließt, alles ist in Bewegung, alles verbindet sich und kommt immer wieder zusammen. Entstanden ist ein manchmal anstrengender und spröder, meist aber sinnlich anregender und lebendiger Theaterabend. Man erfährt, wie Menschen sich mit und gegen die großen Utopien im Leben zu behaupten suchen, wie es ihnen oft nicht gelingt und wie doch die Sehnsucht immer bleibt.

Was will Theater mehr.


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00:00 02.12.2005

Ausgabe 39/2020

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