In Bezos’ schöner neuer Welt

Macht Der neue Eigentümer der „Washington Post“ erledigt nebenher Aufträge des US-Geheimdienstes - auch im eigenen Interesse. Denn Datensammeln gehört in Bezos' neue Welt

Im Krabbelalter habe der in Albuquerque (New Mexico) geborene Jeff mit einem Schraubenzieher seine Krippe demontieren wollen, heißt es im Lebenslauf des Amazon-Gründers Jeff Bezos auf der Webseite der Academy of Achievement. Bereits damals war offenbar klar: Aus dem wird was, schließlich will die Stiftung jungen Menschen Wege zum Erfolg weisen. Bezos – sein Stiefvater war Kuba-Flüchtling – verkörpert eine archetypische US-Erfolgsgeschichte: Der Science-Fiction-Fan und Milliardär erschafft eine schöne neue digitale Welt. Wer darin kein Obdach findet, dem bläst eisiger Wind ins Gesicht.

Der kleine Bastler ist inzwischen 49 und betreibt mit Amazon den ertragreichsten Online-Handel weltweit (Jahresumsatz: 70 Milliarden Dollar). Verkauft werden außer Büchern Musik- und Video-Downloads, dazu Konsumgüter bis zum Hundefutter. Zugleich produziert das Unternehmen digitalen Content als Buch oder Film und ist als Amazon Web Services (AWS) ein mächtiger IT-Konzern, der Kunden (darunter soziale Netzwerke wie Pinterest und Netflix) Speicherplatz und Management-Dienste fürs Cloud Computing anbietet. In diesem Jahr habe AWS einen 600-Millionen-Dollar-Auftrag der CIA erhalten, so das Wall Street Journal. Das passt zum aggressiven Profil der Firma, wenn der Geheimdienst ihre Dienstleistungen kauft.

Beobachter rätseln, was Jeff Bezos noch will, außer Geld zu verdienen. Der Business Week-Journalist Brad Stone, der seit Jahren an einer Biografie arbeitet, ist überzeugt, Bezos’ Lebenswerk sei „noch lange nicht vollbracht“. Er wolle die Institutionen aufmischen, „die im analogen Zeitalter zwischen den Content-Schöpfern und dem Verbraucher gestanden“ hätten. Im „Ökosystem der Medien“ müsse man den „Reset-Knopf drücken“. Laut Mission Statement will Amazon der „verbraucherorientierteste Konzern der Welt sein, bei dem man alles findet, was man online kaufen will“. Dabei wird gespeichert, was es an Käuferdaten gibt, und den Kunden suggeriert, dies diene ihrem Wohlergehen.

Rettung durch den Moses

Wie Bezos gern einräumt, sind die Segnungen des Kapitalismus zwangsläufig ungleich verteilt. Besonders krass wird das bei den Arbeitsbedingungen für seine 80.000 Teilzeit- und Vollzeitkräfte sowie (in Stoßzeiten) Leiharbeiter deutlich, deren kostenminimierte Löhne für kein „Mittelklasse-Leben“ reichen. Wie weit indes die Akzeptanz des Amazon-Stils dürftiger Einkommen reicht, zeigt sich bei Präsident Obama: Er machte kürzlich in einem Amazon-Lagerhaus in Tennessee Halt, um über seine Initiativen für gute Jobs zu sprechen.

Jeff Bezos sorgte jüngst für Aufregung in der US-Hauptstadt mit seinem Kauf der Washington Post. Das Blatt war seit Jahrzehnten im Besitz der Familie Graham, die zur Oberschicht zählt, mit Nancy Reagan und Henry Kissinger befreundet ist, nun aber an den Emporkömmling verkaufen musste. Die „alte Post“ fand keine Antworten auf den Wandel im Zeitungsgeschäft, gestand Donald Graham, Chef der Washington-Post-Company. Bezos versicherte der Redaktion Unabhängigkeit und warnte, es gebe allerdings keine „Landkarte für die Zukunft“. Amazon kann nun bald Daten über das Konsumverhalten seiner Online-Kunden mit Daten über Vorlieben von Zeitungslesern abgleichen, also Nachrichten und Werbung „personalisieren“.

Was kaum diskutiert wurde in den teils enthusiastischen Meldungen über die Rettung durch den Moses, der die Zeitung ins gelobte digitale Land führen will: Sollte ein Unternehmer eines der bedeutendsten US-Blätter kaufen, wenn eine seiner Firmen für die CIA arbeitet? Zeichnen sich da nicht massive Interessenkonflikte ab? Doch scheint heutzutage Skepsis beim Wort CIA altmodisch zu sein. Trotz der Enthüllungen über das globale NSA-Überwachungssystem poliert der Sicherheitsstaat sein Image auf, Freiheitsgarant gegen fundamentalistischen Terror zu sein. CIA-Geheimgefängnisse in Osteuropa oder der Drohnen-Krieg – das alles ist eigentlich nicht weit weg, nur was hätte Amazon damit zu tun? Beim CIA-Auftrag für Amazon Web Services geht es „nur“ um den Aufbau eines Cloud-Computing-Systems für den Geheimdienst. Bezos’ schöne neue Welt will verteidigt werden. Und Datensammeln und -speichern gehören in diese Welt. Hat Amazon deshalb vor drei Jahren seine Server für die Enthüllungsplattform Wikileaks gesperrt?

Konrad Ege schrieb zuletzt über den Prozess gegen den US-Soldaten Bradley Manning

06:00 28.08.2013
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