In den Bergen

Kehrseite II Auf 2.400 Meter Höhe liegt ein Kuhauge auf einer Wiese. Es liegt da, als habe ein Kind eine Murmel vergessen. Es ist ein blaues Auge, und es schaut ...

Auf 2.400 Meter Höhe liegt ein Kuhauge auf einer Wiese. Es liegt da, als habe ein Kind eine Murmel vergessen. Es ist ein blaues Auge, und es schaut einen direkt an. Zwei Meter weiter befinden sich zwei abgerissene Euter im Gras. Traurige, nutzlose Ballons, aus denen alle Luft und Milch gewichen ist. Und das, was wie ein ausgefranstes Seil aussieht, wird der Schwanz sein, der früher einmal die Aufgabe hatte, lästige Fliegen wegzuwedeln. Dazwischen blühen gelbe Blumen, deren Namen ich nicht kenne. Das Ganze wirkt wie eine bizarre Installation in einem Museum für Moderne Kunst, aber ich bin hier nicht in einem Museum für Moderne Kunst, sondern in den Bergen. Was ist denn hier bloß passiert? Und wo ist der Rest der Kuh?

Ich drehe mich fragend dem Bergführer zu.

"Da wird ein Almhirt eine Kuh gesprengt haben", sagt er.

"Gesprengt?"

Er nickt. "Ja, mit Dynamitstangen." Er scheint das ganz normal zu finden.

"Sie meinen, hier oben gibt es Verrückte, die Kühe mit Dynamitstangen in die Luft sprengen? So etwas wie Verwandte von diesem Pferdeschlitzer?"

"Nein, nein", sagt der Bergführer. "Keine Amokläufer, keine Dynamitschlitzer. Das Sprengen von toten Kühen ist in den Bergen üblich. Schauen Sie."

Dann erklärt er mir, dass in den langen Sommermonaten auf den Hochalmen immer ein paar Kühe auf mehr oder weniger natürliche Weise sterben: An Altersschwäche, durch einen Blitzschlag oder weil sie sich einfach zu nah an einen Abgrund gewagt haben.

"Und dann hat man ein Problem. Was soll man mit dieser toten Kuh machen? Auf dem steinigen Untergrund ein Grab für sie auszuheben, ist unmöglich. Sie einfach liegen zu lassen, geht aber auch nicht. Sie muss also irgendwie von der Alm herunter. Und da gibt es genau drei Möglichkeiten: Man kann sie per Hubschrauber ins Tal fliegen lassen. Das Bundesheer hat den Abtransport sogar eine Zeitlang gratis übernommen, aber mittlerweile machen sie das nicht mehr. Es gibt jetzt zwar private Hubschrauberdienste, die diese Kuhtransporte anbieten, aber die kosten Geld, viel Geld, und das ist den Landwirten meist zu teuer. Die zweite Möglichkeit ist, die Kuh in Stücke zu zersägen, und diese Stücke einzeln ins Tal hinunterzutragen. Das ist allerdings mit einem ziemlichen Zeit- und Kraftaufwand verbunden. Das eine ist also sehr teuer und das andere sehr zeitaufwendig. Deshalb bevorzugen die meisten Landwirte die dritte Möglichkeit: Dynamitstangen. Das ist am billigsten, und es geht am einfachsten und schnellsten."

"Sie meinen, es ist selbstverständlich, dass jeder Almhirt in seinem Rucksack neben seinem Vesper ein paar Stangen Dynamit verstaut? Weil er ja eventuell eine Kuh in die Luft sprengen muss?"

Er nickt.

Wir sind vor dem Kuhauge, das im Gras liegt, stehen geblieben. Es schaut mich immer noch an. Keine Feuerbestattung, keine Seebestattung. Eine Sprengung. Warum nicht. Und hier oben an einem Sommertag friedlich an Herzversagen zu sterben, ist vielleicht nicht das Schlechteste, denke ich. Ein schöner weiter Blick, man schaut von oben auf die Wolken herunter und über einem hängt die Sonne an einem blauen Himmel. Es gibt trostlosere Tode, ganz bestimmt. Und so ein Abgang macht ja auch etwas her: Hier wird eben nicht nur die Asche in alle Winde zerstreut, sondern gleich die komplette Kuh. Auf alle Fälle ist es ein spektakuläreres Ende, als wenn der Abdecker auf die Wiese kommt, und wer weiß: Unter Umständen gefällt den Kühen die Vorstellung sogar sehr gut, dass sie mit einem lauten Donnerschlag von der Bildfläche verschwinden.


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