In den Fluten des Sambesi

Ungarn Hass und Aggression prägen das gesellschaftliche Klima. Konturen eines Kalten Bürgerkriegs

Vor fünf Jahren schaffte es die Sängerin Ibolya Oláh Jahren bei der ungarischen Casting-Show Megastar mit den Stimmen Hunderttausender Zuschauer auf den zweiten Platz. Tief bewegt verbeugte sich damals die junge Frau auf dem Bildschirm und erklärte unter dem Jubel des Publikums im Saal, sie sei Roma, betrachte aber Ungarn gleichzeitig als ihre Heimat. Inzwischen hat sie ihre Fanclubs, eine eigene Internetseite und ist eine der bekanntesten Personen der Republik. Großer Beliebtheit erfreut sich ihr Lied Es gibt ein Land - eine hymnische Liebeserklärung an Ungarn, das ihr, wie sie sagt, "ins Herz geschrieben" und "der Seele anvertraut" sei. Die Musik des zum Ohrwurm gewordenen und von manchen als "Zweithymne" gepriesenen Schlagers stammt von dem Komponisten René Dupéré und gehört unter dem Titel Alegria zum Programm des Cirque du Soleil. Die ungarische Adaptation mit dem Text des Werbefachmanns Péter Geszti wurde im August 2005 anläßlich des Nationalfeiertags präsentiert.

Drei Jahre später stürzte sich Ibolya Oláh in ein Abenteuer: Im November 2008 drehte sie einige Tage für die Reality-Show Die Stars sind auf den Kopf gefallen einen Film in Südafrika. Die Besonderheit dieser Produktion bestand einerseits darin, dass sie nicht von irgendeinem kommerziellen Sender, sondern von dem öffentlich-rechtlichen Sender M2 (eine Art ZDF) gestartet wurde und, andererseits, an der Reise auch eine Politikerin beteiligt war: Ágnes Horváth, die noch vor kurzem das Portefeuille des Gesundheitsministers der sozialistischen Regierung Gyurcsány innehatte. Sie wurde allerdings wegen ihrer unpopulären Gesundheitsreform abgelöst, was wiederum den Austritt der Liberalen Partei aus der Koalition nach sich zog. Diese Einzelheiten sind nur wichtig, um die Konstellation zu verstehen, in der Politik und Showbusiness aufeinander trafen. Wie dem auch sei, der Stab war Anfang November an dem Ufer des Sambesi angekommen. Über die Dreharbeiten berichtete das Nachrichtenportal Index rund um die Uhr. Mit ihren täglich 400.000 Besuchern lässt sich Index zweifelsohne als Flaggschiff der virtuellen Medienflotte in Ungarn betrachten.

Am ersten Tag der Dreharbeiten erfuhren die Leser, dass ihr "Megastar" genug von dem exotischen Drehort hatte und rebellierte. Ibolya sei, hieß es, sogar zum Vertragsbruch bereit gewesen, nur um nach Ungarn zurückkehren zu können. Offensichtlich gelang es den Organisatoren, sie zu beruhigen, denn Ibolya blieb. Am nächsten Tag verbreitete sich das Gerücht, sie sei bei dem für die Sendung typischen "Auf den Kopf fallen" beinahe im Sambesi ertrunken und es habe eine halbe Stunde gedauert, bis sie aus dem Fluss gerettet wurde.

Unterdessen machte sich der Stab nach den anfänglichen Verwicklungen an die Arbeit, am Ende November kehrten alle nach Ungarn zurück, die aktuelle Episode der Show ist inzwischen bei M2 gesendet worden. Ob nun Ibolyás Rebellion und herzzerreißender Hilferuf in den Wellen des Sambesi ein spontanes Phänomen oder Teil des Konzeptes war, sei dahingestellt. Interessanter erscheint die Aufnahme der oben geschilderten Episoden seitens der Teilnehmer des kaum moderierten Internetforums.

Die unter Pseudonymen eingegebenen Kommentare waren, milde gesagt, nicht frei von buchstäblich mörderischen Emotionen. Ein "Jakab Buga" gibt sich beispielsweise enttäuscht: "Dieser verdammte Fluss könnte auch schneller sein und eine perfektere Arbeit leisten. Welch große Freude hätte er uns bereiten können!" Ein anderer User, "Bierkamp", vertrat die Meinung: "Heutzutage kann man keinem Fluss mehr zutrauen, diese Sorte auszurotten." Die Phantasie von "Johnny Favorits" geht über das simple Ertrinken weit hinaus: "Ich möchte das Spiel weiterentwickeln: Die beiden Gruppen sollten zu ihrem Sieg örtliche Hilfe in Anspruch nehmen. Zuerst schlage ich vor die Stämme der Hutus und der Tutsis als Verbündete zu gewinnen." Der kühne Vorschlag findet wiederum bei "Blue Bob" begeisterte Zustimmung, und er ergänzt das Szenario: "Ich hoffe, es wird ein bisschen Sex geben, bevor sie von den Hutus zum Mittagessen zubereitet werden."

Die aggressiven Wunschbilder zielen nicht allein auf die Sängerin. Ein Teilnehmer unter dem Pseudonym "PL" wollte die Ex-Ministerin Ágnes Horváth. treffen: "Wenn es Gerechtigkeit auf Erden gibt, wird die Frau Exminister von ein paar verirrten Löwen geschluckt." (Als hätte ein Löwe nicht ausgereicht.) Dies gefällt "Wildbauer", der begeistert sekundiert: "Ein ganzes Land drückt den Löwen die Daumen." Schließlich bekommt auch der Intendant von M2 etwas ab: Man wolle ihn ebenfalls in Afrika sehen, und zwar an der Stelle des Sambesi, "wo die meisten Krokodile und Wasserpferde schwimmen". "Jorda" geht noch weiter und erarbeitet im Rahmen der Show eine echte Vision. Demgemäß sollten alle "Promis" und auch Politiker mit viel Geld zu den Ufern des Sambesi geschickt werden, "aber! Niemals dürfen sie [nach Ungarn] heimkehren. Dort, wo sie sind, müssen sie ihr Glück finden, dann werden sie vielleicht lernen, was Arbeit ist! Sie müssen dort von ihrer Arbeit leben und nicht bei und von ihrem Nichtstun!"

An diesem Punkt mischt sich "Zoltanius" in die Debatte ein und versucht die Ex-Ministerin in Schutz zu nehmen: "Die Ansichten der Teilnehmer widerspiegeln die Dummheit und das geistige Niveau Ungarns. Ich glaube, sie [die Ministerin] hat wenigstens versucht etwas zu ändern, damit die ungarische Gesundheitsversorgung nicht der afrikanischen ähnlich wird. Nun will man sie deswegen umbringen". Der bereits zitierte "Jakab Buga" kontert daraufhin: "Zoltanius! Dein Name (?) zeugt von jüdischer Mentalität, so verzeihe ich dir deinen dummen Beitrag. Trotzdem kannst du ruhig nach Israel abhauen. Dort kannst du deine Klugheiten verbreiten. Wir, UNGARN können ohne euch auskommen." Selbstverständlich macht der Diskurs auch keinen Bogen um die spezielle Abstammung der Sängerin. "Diese hysterische Person", so wird behauptet, sei durch ihre "unmögliche Haltung selber schuld daran, wenn sie wegen ihrer rassischen Zugehörigkeit an den Pranger gestellt wird." Und: "Was hat sie überhaupt in Afrika zu suchen?", fragt jemand spöttisch, "während in "Nagycsécs ihre Kumpel ausgerottet werden?"

Das Dorf Nagycsécs in Nordungarn mit 900 Einwohnern gehört zu den armseligsten Gemeinden des Landes, es wird mehrheitlich von Arbeitslosen und Rentnern bewohnt, ein Drittel seiner Bevölkerung sind Romas. In dieser abseits der großen Verkehrsstraßen liegenden Ortschaft geschah Anfang November 2008 eine mysteriöse Tragödie: In ein der so genannten "Zigeunermeile" am Dorfrand wurden Molotow-Cocktails geworfen und zwei der Bewohner erschossen. Während die Polizei mit großem Aufgebot gegen Unbekannt fahndet, kursieren in der Öffentlichkeit zwei Erklärungen für die Geschehnisse: Die einen sprechen von einem Delikt mit rassistischem Hintergrund, die anderen behaupten, die Täter könnten auch Romas gewesen sein, nämlich Wucherer, die auf diesem Wege ihre Schuldner bestrafen wollten.

Es wäre stark untertrieben zu sagen, der Fall Nagycsécs spalte die Öffentlichkeit. Diese ist in Ungarn seit mindestens zehn Jahren tief geteilt und alle neu auftauchenden Probleme illustrieren nur, wie unauflösbar sich das Links-Rechts-Schema dort eingeschrieben hat. Egal, ob es sich um den Bau der Budapester Metro, die Einführung des Euros, Barack Obamas Präsidentschaft oder ein Fußballspiel in der benachbarten Slowakei handelt. Immer scheinen nur zwei, einander diametral ausschließende Meinungen möglich zu sein. Jegliche Nuancierung wird von den Vertretern der beiden großen politischen Lager verworfen. Sieht die linksliberale Seite zum Beispiel im Aufmarsch der paramilitärischen Ungarischen Garde eine tödliche Gefahr für die Demokratie, versuchen die Rechtskonservativen diese Bedrohung zu bagatellisieren, während sie gleichzeitig ihre Gegner von links als diabolische Kraft darstellen. Selbst die im Herbst heraufgezogene Weltwirtschaftskrise, die eigentlich zumindest ein partielles Zusammengehen erforderlich gemacht hätte, führte zu keinem Konsens der Parteien.

Dennoch gab es eine kleine Sensation: Als der sozialistische Regierungschef Ferenc Gyurcsány zu einem Nationalen Krisengipfel aufgerufen hatte, erschien bei diesem sein Hauptkontrahent Viktor Orbán und reichte sogar dem Ministerpräsidenten die Hand - eine Geste, die angesichts der seit zwei Jahren herrschenden Funkstille zwischen den beiden sogar symbolische Bedeutung haben und als Signal - wenn schon nicht für Versöhnung, dann doch wenigstens für Gesprächsbereitschaft - missverstanden werden könnte. Allerdings erwiesen sich die diesbezüglichen Hoffnungen als eitel - statt vom Dialog wird die ungarische Politik nach wie vor von Monologen dominiert. Der "Kalte Bürgerkrieg" - wie der Hardliner der "Bürgerlichen Partei" Fidesz, László Kövér, diese Konfrontationshaltung bezeichnete - hält weiter an. Gelegentliche Waffenpausen dienten lediglich dazu, neue Munition zu holen und die Schützengraben zu renovieren.

Normalerweise wünschte man Regierungen mit derart gravierenden Misserfolgen, wie sie für die seit 2002 herrschende sozialliberale Koalition typisch waren, den möglichst baldigen Sturz via Stimmzettel. Ein Wechsel an der Macht sollte nicht mehr bedeuten, als dass die neue Garnitur die Chance erhält, die Fehler der alten zu korrigieren. Die gescheiterten Parteien hätten sich eine Ruhepause gegönnt, während der sie vielleicht über die begangenen Fehler nachdenken und sich auf eine neue Phase an der Regierung vorbereiten können. Doch diese Einstellung existiert in der Republik Ungarn überhaupt nicht. Machverlust ist in den Augen der politischen Eliten gleichbedeutend mit dem Tod und jede Wahlschlacht ähnelt einem Überlebenskampf. Die gesamte Wählerschaft wird dadurch sowohl zu Trägern wie Opfern der verbalen Aggression. Und der steckt noch die hysterische Kampagne aus dem Jahr 2002 in den Knochen, als die Rivalität zwischen den Nationalkonservativen und Sozialliberalen in einer verbalen Hasswelle mündete, welche selbst alte Freundschaften und Familienbande zerriss.

Seit dem September 2006, als Ministerpräsident Gyurcsánys publik gewordene Geheimrede, in der er die eigene Partei der Wahllüge bezichtigte, eine Vertrauenskrise ausgelöst hatte, beziehen sich die Ängste keineswegs nur auf Änderungen an der Machtspitze. Zuerst die von den Rechtsradikalen ausgelösten Krawalle bei der Erstürmung des Fernsehgebäudes, dann das harte Durchgreifen der Polizei gegen die Demonstranten am 23. Oktober zeigten eine neue Konfliktdimension. Die Gewalt, die bis zu dieser Zeit nur in Gestalt von Kraftausdrücken in den Medien und auf den Internetseiten der äußersten Rechte existierte, ist nun körperlich spürbar geworden. Obwohl die Zahl der Verwundeten auf beiden Seiten nicht einmal annähernd die Menge der Opfer anderenorts­, wie zum Beispiel in den Pariser Vorstädten, erreichte, besaß die Tatsache, dass so etwas auf der Straße passieren kann, eine symbolische Bedeutung. Selbst in einem friedlosen Land kann ein Tropfen Blut plötzlich einer zu viel werden. Selbst wenn die polizeilichen Ermittlungen den rassistischen Hintergrund des Doppelmordes in Nagycsécs ausschlössen, gibt es keinen Grund, den ideologischen Zündstoff des Rassenwahns in Ungarn zu unterschätzen.

Das, was auf den Seiten des Internetforums Index geschieht, ist nicht nur eine besonders schonungslose politische Auseinandersetzung, sondern ein Versuch, Frustrationen und Mordgelüste unter dem Deckmantel der Anonymität auszutoben. Dabei sind die tatsächlichen Einwände gegen die Reality Show erstaunlich geringfügig. Einige halten die Sendung für "Scheiße", haben also Niveauprobleme damit, andere wiederum zeigen sich wegen der zu späten Sendezeit oder der vielen eingeblendeten Werbespots empört. Je länger man diese Texte liest, desto stärker wird das Gefühl, dass es hier um einen Klassenkampf der loser und der celebs, der Namenlosen und der Namhaften geht. Die letzteren liefern sich bedenkenlos der geballten Aggression aus, nur um ihre Medienpräsenz zu retten, deren Verlust ihnen ebenso tödlich erscheint wie für einen Parlamentsabgeordneten die Gefahr, abgewählt zu werden. So entsteht ein sadomasochistisches Spiel der aufeinander Angewiesenen. Sie machen gemeinsam jenen fürchterlichen gesamtungarischen Sambesi aus, in dessen Hasswellen ein ganzes Land mit dem Ertrinken ringt.

György Dalos, geboren 1943 in Budapest, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm 2007 der Roman Jugendstil. Im Februar erscheint sein neues Sachbuch Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa. Der abgedruckte Text ist die leicht gekürzte Fassung eines Vortrags auf der Konferenz "Aggressivität und Gewalt in Europa" am 26. November 2008 in Wien.

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00:00 16.01.2009

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