In den Ring des Lebens geworfen

Kämpfer Früher ließ Charly Graf Huren für sich laufen, kam ins Gefängnis und boxte sich weise. Heute trainiert er Kinder, die sind, wie er selbst einmal war

Für einen Moment ist es wie in der Tanzschule, „Links, links, rechts, und wegducken. Und jetzt den anderen Fuß nach vorn, und weiter!“ Lehrer Charly Graf, hüftlocker und geschmeidig, zeigt, wie es geht. Die Schüler um ihn herum tun es ihm nach, in Zweierteams. Tapsig und steif zuerst, dann beherzter. Es ist ein Tanz mit Boxhandschuhen, bei dem die Schüler zuschlagen und zugleich etwas fürs Leben lernen sollen.

Satt schmatzen die Handschuhe aufeinander. Zuerst grinsen die Jungs unsicher, weil es sich komisch anfühlt, dann langen sie fester hin, mit grimmigeren Gesichtern. Schweißperlen. Charly Graf, ein geschmeidiger Koloss, der früher mal Zuhälter war und heute Sozialarbeiter ist, dreht ihnen den Rücken zu. Er weiß: Sie werden nicht aufhören zu boxen. Sie werden nicht nach einer Raucherpause fragen. Sie werden nicht aufs Klo müssen. Sie werden weitermachen. Weil sie es wollen.

Ein Leben, drei Versionen

Grafs Oberarme sind so dick wie die Oberschenkel der Jungs, fast wie früher. Die Jugendlichen in einer Mannheimer Berufsvorbereitungsschule, die er hier trainiert, kennen seine Geschichte, entweder haben sie Wolfgang Kriegs Dokumentarfilm „Schwarzer Graf“ gesehen oder ihre Eltern haben es ihnen erzählt, in einer der drei Versionen:

Dass aus Charly Graf mal ein Großer hätte werden können. Dass Charly Graf mal ein Großer war. Dass Charly Graf ein Großer ist.

Welche Version erzählt wird, hängt davon ab, auf welche Station seines Leben man schaut. Auf die Zeit, als er statt zu Boxen die Frauen schlug, die für ihn auf den Strich gingen. Oder auf die Zeit, als er Deutscher Meister im Schwergewicht wurde. Oder ob man ihn jetzt beobachtet, während er in einem kahlen weißen Raum versucht, seine Rettung, das Boxen, an Jugendliche weiterzugeben, von denen wenige einen Schulabschluss, noch weniger eine Lehrstelle und viele keinen Bock haben.

Graf schaut auf seine 25-Euro-Rolex: Zeit für die nächste Übung. Er trägt einen Ohrring mit einem kleinem Stein, eine schwarze Lederjacke und darunter ein ärmelloses T-Shirt mit der Aufschrift „Barackler“. In den Mannheimer Benz-Baracken ist er aufgewachsen. Das waren Langhäuser, in denen Kriegerwitwen und Kriegswracks wohnten, Ausgebombte und Vertriebene. „Benz-Baracken“ – in dem Namen steckte auch ein Traum: bei Mercedes-Benz nebenan zu arbeiten. Denn wer das schaffte, der zog weg.

Ausländer gab es praktisch keine: Die Vertriebenen galten als Deutsche, und die Arbeiter aus Italien, Griechenland und der Türkei ließen noch ein Jahrzehnt auf sich warten. Hier waren sie alle Außenseiter und damit irgendwie gleich. Nur Charly Graf nicht so ganz, denn der hatte dunkle Haut. So dunkel, dass die Eltern eines Schulkameraden nicht wollten, dass ihr Kind sich neben ihn setzte.

Der Tag des Grauens

Sein Vater war amerikanischer Soldat. Er hinterließ Charly Graf den Teint, das krause Haar, das noch immer fast vollkommen schwarz ist, und ein Foto. Persönlich hat der heute 59 Jahre alte Graf ihn nie kennen gelernt. Es gibt eine Fernsehreportage aus dieser Zeit mit Bildern von GIs, die mit Frauen tanzen. Der Autor verrät mehr über sich als über das Gezeigte: „Die Jukebox ist natürlich unentbehrlich. Alkohol und scharfe Rhythmen bringen die Negersoldaten schnell in Stimmung und erleichtern so manchen Annäherungsversuch. Man verbrüdert sich, und vielleicht, vielleicht sieht man sich bald wieder. So kommt man und so geht man. Was bleibt, sind oft die schwarzen Babys.“

Grafs Mutter trinkt. Immer mittwochs, Graf nennt ihn „Tag des Grauens“, bekommt sie ihre Lohntüte. Sie kommt besoffen heim, bringt Männer mit. Einmal fallen gleich mehrere über sie her. Sie stöhnt, sie schreit. Was ist mit Mutter?, fragt sich das Kind und will zu Hilfe kommen. Einer der Männer schleudert ihn in die Ecke. Charlys Arm ist gebrochen. Und in ihm bricht wohl noch etwas anderes. Er kauert in der Ecke, bis zum Vormittag. Die Alkoholsucht seiner Mutter erlebt das Kind als „meinen Frevel, meine Sünde, meine Schande. Ich habe mich so geschämt“.

Der gebrochene Arm zumindest verheilt wieder. Graf wird älter und kräftiger. Er beginnt zu boxen. So gut, dass er Profiboxer wird, schon mit 17. „Brauner Bomber“ nennt ihn ein Sportjournalist. Die ersten fünf Kämpfe gewinnt Graf in der ersten Runde durch K.O. Es sind Aufbaukämpfe, die gut sein sollen für Selbstbewusstsein und Image, doch sie tun des Guten zuviel: Graf hält sich für den Größten. Mitten im Kampf lässt er die Arme hängen, um seine Überlegenheit zu demonstrieren, tänzelt um seinen Gegner herum. Und gerät irgendwann an den Falschen. Im Kampf gegen den Jugoslawen Yvan Prebeg geht er in der sechsten Runde zu Boden. Wie Verlieren geht, hat Graf keiner gezeigt.

"Der sieht aus wie eine Million Dollar"

Es ist die Zeit, als er ein Großer hätte werden können. Doch sein Manager versteht wenig vom Boxen, dafür viel von krummen Geschäften und sagt: „Der sieht aus wie eine Million Dollar.“ Ein paar Kämpfe gewinnt Graf noch, und doch kommt er nicht recht auf die Beine. Von der Bundeswehr türmt er, sie entlässt ihn unehrenhaft. Seine Ehe geht in die Brüche. Er macht den Türsteher. Wird Zuhälter. Hat Frauen in Mannheim, Frankfurt und Stuttgart.

Charly Graf erzählt von dieser Zeit schnörkelfrei, er prahlt nicht, redet nichts klein und nichts schön. Dass ihm Leute, die arbeiteten, als Verlierer galten. Warum es verpönt gewesen sei, mit Frauen zu schlafen, die für einen anschafften – weil man dann als „Liebeskasper“ galt, dem die Frauen auf der Nase rumtanzten. Umgekehrt habe gegolten: „Eine Frau, die man liebt, die stellt man nicht in den Puff.“ Er aber habe sich oft verliebt. War er zu weich für den Job? „Ach was, ich war genauso ein Schwein wie die anderen.“

Wieder kommt er ins Gefängnis, insgesamt zehn Jahre werden es werden. In Stammheim trifft er beim Hofgang den RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock. „Wer bist du denn, kleiner Zwerg?“, fragt ihn Graf. „Und du, vollgefressener Zuhälter, wer bist du?“, fragt der zurück. Sie freunden sich an. Der Deal: Eine Stunde bringt Graf Boock sportlich auf Vordermann, eine Stunde lehrt ihn Boock Literatur. Graf liest Dostojewski, Faulkner, Böll, Hesse.

Zuhälter in Filzschlappen

Graf erzählt eine Geschichte aus dem „Steppenwolf“: Da verliebt sich Harry Haller in eine Frau, die von ihm verlangt, dass er sie töte. Was hat Graf daran so beschäftigt? Das Thema Hörigkeit? Liebe? „Nein. Die Grenzen von Loyalität. Was darf jemand von mir verlangen und was nicht? Wo steige ich aus?“

Im Gefängnis denkt er über das „Milieu“ nach. Sieht Mitgefangene, die in Filzschlappen täglich ihre Zelle auswischen und denkt sich: „Das sind die wahren Spießer.“ Draußen sind sie die größten Machos, drinnen handzahm, um bald entlassen zu werden. Er erinnert sich an einen Zuhältergeburtstag: Keiner durfte die Frau des anderen anschauen, „das war wie im muslimischen Gottesstaat“. Gelacht wurde nur über andere. Unsouverän.

Zu dieser Zeit fragt sich Graf: Was bleibt mir noch? Seine Antwort: Das Boxen, das bleibt. Er hat jetzt keinen Trainer und keinen Manager mehr, noch nicht mal einen Sparringspartner, nur sich selbst. Und er hat einen Traum: Deutscher Meister im Schwergewicht. Einem Box-Veranstalter schreibt er, dass ihm der Leiter der JVA Ludwigsburg Ausgang gewähren würde, damit er um den Titel kämpfen könne. Das ist erfunden und genial. Journalisten bekommen Wind davon und schreiben es auf, der Anstaltsleiter liest die Zeitung, in der auch die liberalen und fairen Haftbedingungen lobend erwähnt werden – und hat die Größe, sich darauf einzulassen: Charly Graf boxt wieder.

Drei Tage vor dem Titelkampf muss er in Düsseldorf sein, so will es der Veranstalter. Wer bezahlt die Unterkunft für ihn und seine drei Aufpasser? Graf schlägt vor, dass sie kostenlos bei einem Freund wohnen, der ein Hotel besitze. Im Polizeiwagen geht es Richtung Düsseldorf. Als sie ankommen, trifft die Aufpasser fast der Schlag: Das Hotel ist ein Laufhaus, neben den Schlafzimmern der Beamten läuft der Betrieb munter und geräuschvoll. Doch die halten still: Zu sehr wollen auch sie Charly Grafs Erfolg. „Und nachdem sie den Schock überwunden hatten, hat es ihnen noch ganz gut gefallen.“

In der siebten Runde wird der Kampf gegen Reiner Hartmann abgebrochen, Hartmann ist eine Augenbraue geplatzt – Charles Graf, aufgewachsen in den Benz-Baracken, ehemaliger Zuhälter, Strafgefangener, ist deutscher Meister im Schwergewicht. Er gehört jetzt zu den ganz Großen. Und muss gleich wieder zurück ins Gefängnis nach Ludwigsburg.

„Ich bin nicht so, wie ich bin“

Aus der Haft entlassen, findet er für gut ein Jahrzehnt das Glück im Allgäu, mit Friseurin Sandra, deren Sohn, den er adoptiert, und ihrer gemeinsamen Tochter Katarina. Er arbeitet bei einem Viehauktionator. Ehrliches Geld. „Wahnsinn, wie tief ich damals geschlafen hab“, sagt er heute. Dann geht die Ehe doch auseinander und Graf zurück nach Mannheim. Er zieht wieder bei seiner Mutter ein, bekommt Sozialhilfe und beginnt, Jugendlichen Boxen beizubringen, zehn Jahre lang ehrenamtlich, seit zwei Jahren hauptamtlich bei „Service Haus“, einer Gesellschaft der Stadt Mannheim. „Der Charly Graf von früher wäre enttäuscht, dass ich nicht Weltmeister geworden bin.“ Und wie denkt der Charly Graf von heute über den von früher? „Mit dem würde er sich gar nicht abgeben.“

Das Training geht zu Ende. Sechs Jungs liegen auf dem Rücken, die Augen geschlossen, die Füße an der Wand. Charly Graf wartet, bis sich ihr Atem beruhigt. Er geht im Raum umher und sagt fortwährend: „Ich bin konzentriert und kämpferisch, glücklich und erfolgreich.“ Draußen auf der Straße geht ein Mädchen mit Kopftuch vorbei. Schüler rauchen. Ein Pfandflaschensammler kramt in der Mülltonne. Ob das Boxen seine Jungs zu besseren Menschen macht, weiß Charly Graf nicht, er weiß nur: Gerade ist die Straße weit weg.

Zu seiner Zeit war Boxen ein Weg aus dem Elend, erzählt Graf später. Die Boxer kamen aus der Unterschicht, wo der Umfang des Oberarms eine harte Währung für Respekt war. Jetzt sei nicht mehr nur Härte gefragt, sondern die konsequente Umsetzung von Trainingsplänen. Ein Emporkömmling wie Graf, der sich kraft seines Talents durchsetzt, würde es heute noch schwerer haben.

Heute kommt der Boxnachwuchs aus der Mittelschicht. Das passt: Sie ist es, die jetzt um den Klassenerhalt kämpft. Die Boxeltern wissen, dass ihren Jungen dereinst nichts geschenkt werden wird. Die Armen hingegen haben den Aufstiegskampf in vielen Fällen aufgegeben. Manchen der Jungs, sagt Graf, fehle der Biss, sie wüssten nicht, wofür sie kämpfen sollen, genau so wenig wie ihre Eltern.

So hat Grafs Engagement auch etwas leicht Anachronistisches. Aber genau das ist es, womit er die Jungs erreicht. Weil sie seine Geschichte – chancenlos geboren, sich hochgekämpft, viel Mist gebaut, die Kurve gekriegt – als die ihre verstehen wollen. „Ich war ängstlich, unsicher, verbal sehr begrenzt“, sagt er ihnen, und: „Ihr müsst die Angst beherrschen, nicht sie euch.“ Was ein astreiner Halbstarkenspruch wäre, käme er nicht von Charly Graf. Die Jugendlichen wissen schon, wie er das meint.

Neulich kam einer nach der Stunde zu ihm und sagte: „Ich bin nicht so, wie ich bin.“ Der Junge hatte Tränen in den Augen, erzählte, dass er den Harten raushängen lasse, um nicht als Schwächling zu gelten. Graf sagte ihm: „Bleib authentisch, sei wie du bist. Die Freunde, die dann bleiben, das sind die echten.“ Irgendwie ist aus Charly Graf doch noch ein Großer geworden.

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12:00 03.05.2010

Ausgabe 42/2021

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