In den Startlöchern

Iran Die junge Generation in den Metropolen der Islamischen Republik sehnt sich nach mehr Freiheit. Viele führen ein Doppelleben zwischen Scharia, Social Media und Sex
Milena Fee Hassenkamp | Ausgabe 50/2016 2

Nasrin hat alles sorgsam vorbereitet. Sie stellt die Musik in ihrem Auto laut, holt einen Beutel aus dem Kofferraum mit einem kleinen Kuchen und Schokolade, außerdem eine Thermoskanne mit heißem Tee. Weil Ramadan ist, darf tagsüber in der Öffentlichkeit Teherans gerade nicht gegessen werden. Nasrin macht es in ihrem Auto. „Iraner sind keine ernsthaften Muslime, nur die Regierung meint es ernst“, sagt die 35-Jährige. Ihr Auto parkt vor einem der Hochhäuser im Westen Teherans. Hier wohnt sie mit ihren Eltern. Sie ist nicht verheiratet, ihre Eltern sind traditionell eingestellt. Single sein, das sei ihre Form des Widerstands, sagt Nasrin. Dann beißt sie in ein Kokos-Küchlein.

Sie will nicht über Verbote reden, sondern über ihre Arbeit. Nasrin ist Regisseurin. Vor jedem ihrer Filme ist der Schriftzug „In the Name of God“ eingeblendet. „So ist das Gesetz“, sagt sie trocken. Keine Küsse, kein Tanzen, keine Berührungen. Nasrins Filme haben viel mit ihrem Leben zu tun. Einer erzählt von ihrer verstorbenen Schwester. Deren Foto durfte bei der Beerdigung nicht in der Moschee aufgestellt werden. „Bilder von Frauen verführen die Männer“, sagt der Imam im Film. „Aber sie ist tot“, antwortet die Schauspielerin.

Illegale Downloads von Abba

Nasrin lehnt sich zurück. „Mehr Filme mit englischen Untertiteln habe ich nicht.“ Sie schaut auf die dunkle Straße. Mit ihren Filmen ist sie ins Ausland gereist, hat dort Preise erhalten. Nichts, sagt Nasrin, ist so einfach, wie Geld von einer ausländischen Stiftung zu bekommen, wenn du als Iranerin einen Film machen willst, der politische Kritik äußert. Du musst nur rausfinden, wie du es machst, ohne Gesetze zu brechen. Sie ist stolz darauf, dass die Zahl der Regisseurinnen im Iran höher ist als in vielen anderen Ländern Wenn ihr englische Wörter fehlen, spricht sie in ihr Smartphone. Die Stimme der Übersetzungs-App sagt: „Iranian women are ahead of government“ – Iranerinnen sind der Regierung voraus.

Dann dreht Nasrin den Schlüssel im Zündschloss und fährt los. Im Radio läuft Musik von Abba, Take a Chance on Me. Nasrin hat den Song illegal herunter geladen. Sie umrundet den Azadi-Tower, das Monument der Schah-Zeit. Seit der Revolution trägt es den neuen Namen. „Azadi heißt Freiheit“, sagt Nasrin, „was für eine Ironie.“

Einige Blocks östlich des Freiheitsturms schließt Somy, 27, die Tür zu ihrem Haus auf. Im Erdgeschoss begrüßt sie ihre Vermieterin, auf den Treppenstufen zu ihrem Zimmer streift die junge Frau ihr seidenes Kopftuch ab. Oben angekommen, zieht sie ihre Tunika aus und schlüpft in ein Kleid, das knapp unter ihrem Po endet. „Willst du dich auch umziehen?“, fragt sie. Somy kam nach Teheran, um zu malen, jetzt fotografiert sie sechs Tage die Woche in einem Studio im reichen Norden der Stadt schwangere Frauen ohne Kopftuch und bemalt ihre Bäuche mit Wasserfarben.

Bei der Arbeit darf sie auf keinen Fall zu nett zu Männern sein, sonst ruft der Chef sie in sein Büro. Bei sich zu Hause – sie lebt allein in dem Zimmer – darf sie keinen Besuch von ihrem Freund haben. Erst heute ist die 27-jährige Iranerin von der Polizei angehalten worden, weil ihre Tunika zu durchsichtig gewesen sei. „Du bist eine Frau“, hat Somy zu der Polizistin gesagt, „wenn du mich festnimmst, werde ich dich hassen.“ Die Polizistin ließ sie gehen, mit der Ermahnung, das nicht noch einmal zu tragen. „Das Schlimme ist nicht, dass sie dich festnehmen, sondern dass der Staat uns gegeneinander aufbringt“, sagt Somy.

Sie wischt sich Schweiß aus dem Gesicht. Von unten ruft die Vermieterin. Somy greift auf die Schnelle nach einem geblümten Tschador und wirft ihn über ihren halbnackten Körper, um nachzusehen, was los ist. Für ihre Abschlussarbeit an der Kunstschule wollte sie nackte Frauen malen. Weil das nicht erlaubt war, malte sie Clowns. Nun bedecken Bilder verzerrter Gesichter die Wände ihrer Wohnung.

Es dämmert, das Blechdach von Somys Dachterrasse ist immer noch kochend heiß, sie hat einen Teppich darauf gelegt, eine Karaffe Minzwasser und Wein bereitgestellt. Der Wein schmeckt wie Sherry, Somys Freund hat ihn selbst gemacht. Noch nie ist die 27-Jährige im Ausland gewesen, aber sie träumt von Europa. Sie wolle ein besseres Leben – und wann solle das kommen: „etwa wenn ich 50 bin?“ Sie will nicht warten. Die Liberalisierung der iranischen Gesellschaft – wenn sie überhaupt eingesetzt hat – geht ihr zu langsam. Seit Monaten kümmert Somy sich um ein Touristenvisum, sie plant eine Fahrrad-Route. Ob das ginge, von Amsterdam nach Berlin? Und dann: Einfach da bleiben.

Für Kiyan kommt Europa nicht in Frage. „Es gibt nichts, was ich hier nicht machen kann“, sagt der 25-Jährige. Er lebt etwa 500 Kilometer von Teheran entfernt in Isfahan, und steigt oft auf den Berg Sofiye am Rande der Stadt. Freiheit, das bedeutet für Kiyan, mit europäischen Touristinnen zu schlafen. Er arbeitet als Teppichhändler im Geschäft seines Onkels, spricht fünf Sprachen. Auch er war noch nie im Ausland. Europa holt er sich einfach nach Hause. Mehr als 200 Touristen und Touristinnen hätten schon bei ihm übernachtet. Die Anfragen bekomme er über Portale für Couchsurfing – das im Iran verboten ist. Doch wenn man einen VPN-Client installiere, gebe es online keine Grenzen mehr, sagt Kiyan. Auf seinem Instagram-Account sind Dutzende Fotos von ihm und seinen westlichen Besuchern zu sehen: Kiyans gebräuntes Gesicht neben den weißen Gästegesichtern. Auf jedem Bild zieht er seine Augenbrauen zum selben Selfieblick zusammen.

Natürlich habe er schon Sex gehabt, auch Beziehungen, erzählt er, während wir den Sofiye hochsteigen. Er kommt immer wieder mit Touristinnen auf diesen Berg, den er liebevoll „my mountain“ nennt. Zum Frühstück bei Sonnenaufgang, nach dem Feiern auf einer illegalen Party oder, wie jetzt, am Spätnachmittag, wenn die Isfahaner in der Kühle der Bergluft den Tag ausklingen lassen. Kiyan nimmt nie die Seilbahn, sondern erkundet lieber mit jedem Aufstieg einen neuen Weg. So hat er auch eine Höhle gefunden, „my cave“, in die er klettert, wenn ihm in der Stadt mal alles zu viel wird.

„Die Iranerinnen haben auf so was keine Lust.“ Damit meint er das Klettern. Und den Sex vor der Ehe. „Diese ganzen gerichteten Nasen und die Schminke interessieren mich nicht.“ Tatsächlich zeigen sich etwa bei Instagram viele junge Iranerinnen ohne Kopftücher, mit vollem Make-up oder sehr knapper Kleidung. Frauen wollten im Iran viel zu angepasst sein, in die eine oder andere Richtung – findet Kiyan. Ganz anders als Malerin Somy und Regisseurin Nasrin die Situation der jüngeren Frauengeneration beurteilen: Aus ihrer Sicht müssen die Iranerinnen sich anpassen. Ob ein Verhalten gegen den Sittenkodex der Scharia verstößt, liegt ganz im Ermessensspielraum des jeweiligen religiösen Führers.

Erfrischender Wind

Auch Kiyan weiß, dass Frauen leichter bestraft werden als Männer. Auch von Kiyan existiert ein Foto mit Hidschab, mit dem er bei der Social-Media-Kampagne #MenInHijab für Frauenrechte geworben hat. Alle sollten so leben, als gäbe es die religiösen Verbote nicht, findet der 27-Jährige. Die jungen Leute würden eines Tages das Land formen – und sie sehnten sich nach mehr Freiheit. Was einen jungen iranischen Menschen im Ausland erwarte, sei ohnehin ungewiss: „Es ist ja nicht so, dass die in Europa sich freuen, wenn man als Flüchtling um Asyl bittet.“ Wir sind am Gipfel des Bergs angekommen, ein leichter, erfrischender Wind fegt den wenigen Frauen, die hier oben sind, fast die Kopftücher von den Schöpfen. „Das macht nichts“, sagt Kiyan lachend, „der Berg kennt keine Scharia.“

06:00 20.12.2016

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