In den Straßen von Kabul

Skateboarden Jugendliche, auch Mädchen, in Afghanistan bekommen eine ungewöhnliche Chance: Sie lernen Skaten. Ein Buch dokumentiert die Geschichte von "Skateistan". Ein Auszug

Marwa Ghulam Sakhi, 12 Jahre, Skateboard-Schülerin

Marwa, du gehst in die siebte Klasse des Lycee Ali Olifat, deine Familie kommt aus Jalalabad. Was möchtest du werden, wenn du erwachsen bist?

Ärztin und Skateboard-Lehrerin. Ich möchte armen Menschen helfen.

Erzähl uns von dem Viertel, in dem du lebst.

Es heißt Mekroyan, ich mag es sehr. Die Häuser sind gut, und es ist grün. Man kann dort ruhig leben.

Wo möchtest du später einmal leben?

In Mekroyan. Aber eigentlich wäre ich überall glücklich, wo ein Leben in Frieden möglich ist.

Möchtest du studieren?

Ja, das will ich.

Wirst du heiraten?

Nein, ich möchte erst ein Studium beenden und dann heiraten. Sollte ich doch vorher verheiratet sein, werde ich trotzdem versuchen, die Erlaubnis zu bekommen, zu studieren.

Bist du schon verlobt?

Nein, ich bin noch niemandem versprochen.

Wie fühlst du dich beim Skateboarden?

Glücklich. Skateboarden tut niemandem weh. Ich wäre sehr stolz, wenn ich eine gute Skaterin werden würde.

Wie bist zum Skaten gekommen?

Das ist jetzt zwei Jahre her. Meine Familie bestärkt mich und meine Schwester darin und verbietet es uns nicht. Wer seiner Tochter nicht erlaubt zu skaten, ist zu streng, und das ist nicht gut. Erst wenn die Mädchen älter sind, ist es in Ordnung, sie davon fernzuhalten. Sie sollten es aber wenigstens dürfen, wenn sie jünger sind.

Wünscht du dir manchmal, du seist ein Junge?

Nein, ich bin glücklich, ein Mädchen zu sein. Ich bin ganz so, wie Gott mich will.

Ist es für Mädchen in Afghanistan schwieriger als für Jungen?

Nein, das Leben hier ist für beide gleich. Allerdings gibt es Orte wie Kandahar oder auch hier, wo das Leben von Frauen schwierig ist, wo ihre Töchter nicht zur Schule gehen dürfen und ohne Bildung bleiben.

Was würdest du an Afghanistan gerne ändern?

Ich wünsche mir ein grünes Afghanistan mit schönen Blumen. Das wäre schön!

Was ist zur Zeit das größte Problem in Afghanistan?

Die Afghanen sollten nicht kämpfen. Sie sollten einander nicht bestechen, sondern den Armen helfen, bis diese auf eigenen Füßen stehen können, dem Land helfen und Blumen pflanzen.

Glaubst du, dass die Mehrheit der Afghanen will, dass alle Ausländer das Land verlassen?

Nein, es stimmt nicht, dass die ­Afghanen keine Ausländer mögen. Das sind keine schlechten ­Menschen, die wir nicht hier haben wollen. Es ist eine Lüge zu ­sagen, dass die Afghanen keine Ausländer mögen. Und die Ausländer irren sich, wenn sie denken, dass in Afghanistan nur gekämpft wird.

In Kabul wird nicht gekämpft?

Manchmal sind viele Talibs auf der Straße nach Jalalabad, deshalb müssen die Frauen sich dort sehr viel stärker verhüllen. Manchmal explodiert auch eine Bombe, aber für Ausländer besteht keine Bedrohung.

Wahila Mahmoodi, 12 Jahre, Skateboard-Lehrerin

Wahila, bevor du als Skateboard-Lehrerin gearbeitet hast, musstest du für deine Familie auf der Straße Geld verdienen, mit Autowaschen oder dem Verkauf von Kaugummis. Hattest du dabei jemals Angst?

Manchmal wurden wir gehänselt oder man wollte mit uns flirten. Manche Leute haben auch gesagt, wir seien schlechte Mädchen, weil wir auf der Straße arbeiteten, und haben uns beleidigt. Aber ich hatte doch keine andere Wahl. Ich musste das machen, weil meine Familie nach der Rückkehr aus Pakistan, wo wir hingeflohen waren, Geld brauchte. Angst hatte ich besonders davor, dass ich mich nicht wehren könnte, wenn jemand versuchen würde, mich zu entführen.

Wie sah in dieser Zeit ein ganz normaler Tag für dich aus?

Ich bin früh aufgestanden und habe mit meinen Eltern gefrühstückt. Nachdem ich die Hausarbeit erledigt hatte – gefegt, Geschirr gespült, Wäsche gewaschen – bin ich raus auf die Straße und habe bis abends dort gearbeitet. Wieder zu Hause habe ich mehr Hausarbeit gemacht, für meine Familie gekocht und geputzt. Dann bin ich schlafen gegangen, und am nächsten Tag ging es wieder von vorne los.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Ich möchte wieder zur Schule gehen. Bildung ist unsere Zukunft, und wenn wir auf der Straße arbeiten, ist Bildung für uns nicht möglich. Ich habe die Schule nur bis zur vierten Klasse besucht. Ich würde gerne Lehrerin oder Ärztin werden, aber wenn daraus nichts wird, ist das auch nicht so schlimm. Ich möchte einfach Bildung besitzen. Meine Eltern lassen mich nicht zur Schule gehen. Für mich ist das also bloß eine Hoffnung. Mein Vater sagt: "Niemand aus unserer Familie war auf einer Schule, also sollst auch du nicht gehen. Und wenn du nicht zur Schule gehst, solltest du arbeiten."

Was gefällt dir an Afghanistan?

Das Wetter. Im Sommer ist es nicht zu heiß und im Winter nicht zu kalt. Und es kann hier so schön grün sein. Ich bin stolz, Afghanin zu sein.

Was würdest du den Leuten gern über Afghanistan erzählen?

Dass sie keine Angst haben müssen, hierherzukommen!

Abdruck aus: Skateistan The Tale of Skateboarding in Afghanistan, Hg. von der NGO Skateistan, 2012, 320 Seiten. Zu bestellen unter skateistan.org

Übersetzungen: Zilla Hofman
11:00 19.06.2012
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