„In den Westen mit Kretschmer“

Sachsen Das Bundesland hat strenge Corona-Maßnahmen beschlossen, die einem Lockdown für Ungeimpfte gleichkommen. Viele Menschen sind erbost und geben ihrem Ministerpräsidenten die Schuld
„In den Westen mit Kretschmer“
Ein Verbot von Weihnachtsmärkten mache keinen Sinn, sagen Aerosolforscher wie Gerhard Scheuch, da im Freien kaum Ansteckungen stattfänden

Foto: Jan Woitas/dpa

Um die Tanne herum steht das Budendörfchen auf dem Dresdner Altmarkt. Hier drängen sich Pressefotografen und neugierige Dresdner um die besten Plätze für ein Foto von der Beleuchtungsprobe: Der 587. Striezelmarkt soll bald eröffnen. Robert Franke, Amtsleiter für Wirtschaftsförderung, lobt das neue Marktkonzept. Ein Fünftel weniger Stände, breitere Wege, Schutzscheiben, stichprobenartig auf 2G überprüfte Verweilbereiche, 20 Sicherheitskräfte. „Wir glauben vorerst an die Kontinuität der Schutzverordnungen“, gibt sich Franke noch optimistisch – am 18. November.

Einen Abend später ist es mit der Kontinuität und damit mit den Weihnachtsmärkten in Sachsen vorbei, bevor sie eröffnen konnten. Die Corona-Schutzmaßnahmen der sächsischen Landesregierung bedeuten einen faktischen Lockdown für Ungeimpfte und ziehen eine Welle von Schließungen öffentlicher Einrichtungen und Veranstaltungsabsagen nach sich, von denen Geimpfte und Genesene ebenso betroffen sind. Deprimiert bis empört schlichen Dresdner um die geschlossenen Buden herum und bekundeten außerdem ihr Mitgefühl mit den Händlern. Völlig offen ist die Frage der Wirtschaftshilfen, nachdem auch im Vorjahr die Märkte der Seuche zum Opfer gefallen waren. In Städten wie Erfurt, Halle oder Magdeburg sind Weihnachtsmärkte mit Einschränkungen noch geöffnet.

Den Ausschlag für den nur noch mit Bayern vergleichbaren sächsischen Durchgriff geben alarmierende Infektionszahlen und Warnrufe von Fachberatern. Die 7-Tages-Inzidenz der Neuansteckungen tendiert Richtung tausend, mehr als die Hälfte der zehn Landkreise haben diese Marke teils weit überschritten. Zuvor war vom Sozialministerium schon wegen der Überschreitung des Limits von 1.300 belegten Betten auf Normalstationen die Überlastungsstufe ausgerufen worden. Mehrere Stunden dauerte eine für alle zugängliche, alarmierende Videokonferenz des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) mit medizinischen Fachleuten und Praktikern. Typisch Kretschmer, seit Amtsübernahme vor genau vier Jahren sucht er offensiv den Austausch auch mit zornigen „Untertanen“.

Überall Gehirnthrombosen

Aber seine Coronapolitik empfinden immer weniger Bürger als stringent. Als Indiz kann gelten, dass er Anfang November nur noch von drei Vierteln der Parteitagsdelegierten zum CDU-Landesvorsitzenden gewählt wurde. Wiederholt sind Todesdrohungen und Mordaufrufe gegen Kretschmer laut geworden. Zuletzt riefen bei einem „Spaziergang“ am Freitagabend in Zwönitz etwa 120 Teilnehmer „Schießt ihn ab!“. Die Polizei ermittelt. Bei einem Heimspiel des FC Erzgebirge Aue wollten ihn Hooligans laut Plakat „in den Westen abschieben“.

In der Videokonferenz prophezeite RKI-Chef Lothar Wieler den unausweichlichen Tod von täglich 400 Menschen bundesweit – ein Viertel davon in Sachsen –, wenn nicht sofort gegengesteuert würde. Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, befürchtet bei anhaltendem Anstieg der Fallzahlen schon für die laufende Woche Triage-Situationen in Krankenhäusern, also eine Patientenselektion nach Überlebenschancen. Beim Kampf um externe Beatmungsgeräte hätten dann Ungeimpfte schlechtere Aussichten, sagte er dem Deutschlandfunk. Bereits jetzt werden nicht akute Krebsoperationen verschoben, um Corona-Kapazitäten zu schaffen.

Unterdessen wird das Heranrücken der „unsichtbaren Front“ auch im privaten Umfeld spürbarer. Fast jeder kennt nun Infektionsfälle bei Freunden, Verwandten und Bekannten. Viele nehmen Abstands-regeln noch genauer. Das Dresdner Universitätsorchester sagte seine vor allem für die Erstsemester gedachte Herbstfeier auch mit der Begründung ab, mit der von der TU-Leitung verlangten Beachtung der 2G-Regeln hätte man die wenigen Ungeimpften im Orchester nicht ausgrenzen wollen.

Die Impfung als alleiniges Kriterium für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wird nicht nur in Sachsen und nicht nur von Impfverweigerern infrage gestellt. Auf der einen Seite empört sich eine hochbelastete Ärztin am Dresdner Universitätsklinikum über renitente und ignorante Sachsen: „Wer sich jetzt immer noch nicht impfen lassen will, ist entweder dumm oder asozial!“ Epidemiologe und Medizininformatiker Markus Scholz von der Leipziger Universität bestätigt klar den Zusammenhang zwischen der mit rund 58 Prozent niedrigsten Impfquote in Sachsen und den bundesweiten Rekord-Infektionszahlen. Doch bei einem Besuch in den Ilm-Kreis-Kliniken im Thüringer Ilmenau möchte Geschäftsführer Marcel John nicht von einer „Pandemie der Ungeimpften“ sprechen. Die Moral des Personals habe nicht nur unter der Belastung und dem Abgang von Kolleginnen und Kollegen gelitten, sondern auch unter dem schwindenden Glauben an den wirksamen Schutz durch Impfung.

Wenige bewusste Impfverweigerer sprechen offen über ihre Beweggründe. Neben den bekannten Ängsten vor angeblich unerprobten Impfstoffen werden bald die Impfdurchbrüche genannt. Dass mit Zunahme der Infizierten insgesamt auch deren Zahl statistisch steigen muss, wird ignoriert. Jeder will von mindestens ein oder zwei Toten infolge der Impfung gehört haben. Auch Bildungsbürger bringen den Schlaganfall von Freunden und Bekannten plötzlich mit einer Hirnvenenthrombose in Verbindung.

Leere Ränge, volle Betten

Die Sachsen sind in ihrer Haltung gerne ambivalent. Einerseits treue Royalisten wie in den 1990er Jahren gegenüber „König“ Kurt Biedenkopf, andererseits ewig motzend gegenüber allem, was von oben und also aus Dresden oder Berlin kommt. Jeder Druck Richtung Impfung löst Allergien aus. „Was da wieder abgeht – unmöglich“, klingt es in Läden, wenn sich Bürgerinnen gegen „die Politik“ Luft machen. Manche halten die Kontaktbeschränkungen für die Vorstufe einer faschistoiden Diktatur. Der Unternehmer und ehemalige Rundfunkmoderator Mathias Priebe aus der Lausitz schreibt von „systematischer Ausgrenzung“.

Unter Ärzten und Pflegepersonal gibt es andere Kritik: Sie diskutieren über das Effizienzdiktat bei der Krankenhausfinanzierung und das Fehlen einer politischen Strategie. „Die Feuerwehr wird auch nicht nach Anzahl der Brände bezahlt“, kritisiert Geschäftsführer Marcel John von den Ilm-Kreis-Kliniken die fehlende Prävention für Notfallsituationen. In Radeberg oder Bischofswerda wurden Stationen geschlossen und können Intensivbetten nicht belegt werden, weil Personal fehlt. Die angeblich coronabedingte Überlastung der Krankenhäuser sei auch eine Folge der Sparpolitik. Und warum hat man nicht nach Israel geschaut und sich rechtzeitig auf dritte Impfungen eingestellt? Viele hier hätten sich eine Darstellungsoffensive per Medien, Post oder SMS gewünscht, um Not-Wendigkeiten einschließlich medizinischer Streitfragen klar zu vermitteln.

Währenddessen schließen in Sachsen Theater, Musikklubs, Musikschulen für drei Wochen, spielen Fußballmannschaften vor leeren Rängen. Das Weihnachtsgeschäft ist dahin, auch bei bislang gut gebuchten Hotels. Das Erzgebirge kämpft noch um seine Bergparaden. Andererseits fährt die sächsische Polizei nur noch einen Notdienst, weil mehr als jeder zehnte der 11.000 Beamten infiziert ist oder in Quarantäne ausharrt. Kein Gespräch kommt derzeit am Tagesthema vorbei, ein Gespenst geht um in Sachsen. Die Stimmung droht zu kippen.

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06:00 25.11.2021

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