Michael Krätke
Ausgabe 1814 | 05.05.2014 | 09:55 23

In der Geiz-ist-geil-Falle

Europäische Union Eine Deflation beschert nunmehr acht Mitgliedsstaaten fallende Preise, weniger Wachstum und auch steigende Schulden

Der Deutschen liebste Obsession, das Schreckgespenst Inflation, glänzt durch Abwesenheit. In diesem Frühjahr ist die offizielle Inflationsrate in der Eurozone auf 0,5 Prozent abgesackt, so tief wie seit dem Scheitelpunkt der Finanzkrise im November 2009 nicht mehr. Vor gut einem Jahr lag sie noch bei 1,7 Prozent, also in der Nähe des offiziellen Inflationsziels der EZB von zwei Prozent glatt. Seit dem Winter 2011/12 hält sich die Geldentwertung in Grenzen und das spürbar.

Dieser Befund klingt nach einer guten Nachricht – trotz einer von der EZB ausgelösten Geldschwemme und steigender Staatsschulden bei etlichen Eurostaaten kommt die Inflation nicht in Trab. Nach der in Deutschland bestgeglaubten ökonomischen Irrlehre müsste sie längst galoppieren. Weil das nicht einmal im Ansatz stattfindet, lautet die weniger gute Nachricht für die Eurozone: Der Eurokurs steigt auf den internationalen Devisenmärkten wie schon lange nicht mehr. Fast 1,40 Dollar müssen inzwischen für einen Euro bezahlt werden, fast so viel wie vor Ausbruch der Finanzkrise im Spätsommer 2008. Das verbilligt Importe in die Länder der Gemeinschaftswährung, nimmt aber den Krisenstaaten Südeuropas die Aussicht, sich durch vermehrte Ausfuhren aus der Affäre zu ziehen. Für Deutschlands Exportindustrie, die seit jeher nicht mit Billigpreisen, sondern mit Spitzenqualität konkurrieren will, ist das nur lästig, gefährlich weniger.

Löhne unter Druck

Schwedens Riksbank, die älteste Zentralbank Europas, erinnert an zwei Jahrzehnte Deflation und Stagnation in Japan, einst die zweitgrößte Ökonomie der Welt, und will alarmieren. In Schweden ebenso wie in Griechenland sei die Deflation bereits eine wenig komfortable Realität. Besonders die Preise für Konsumgüter würden sinken, so dass im März für Schweden eine Negativ-Inflationsrate von minus 0,4 Prozent zu konstatieren war. Zu ergänzen wäre, in Griechenland betrug sie zur gleichen Zeit minus 1,5 Prozent, ebenso in Spanien, in Portugal minus 0,4 Prozent. Bulgarien übertraf sie alle mit minus zwei Prozent. Insgesamt erfasst die Deflation derzeit acht EU-Länder, während die übrigen höchst magere Inflationsraten vorweisen. Nur die Briten dürfen sich noch an einer halbwegs anständigen Geldentwertung von 1,6 Prozent bei einem steigenden Pfundkurs erfreuen.

Soll man sich wegen sinkender Preise Sorgen machen, wie es der Ökonom Lars Svensson tut, einst Vizepräsident der schwedischen Riksbank? Und warum bricht niederländischen Zentralbankern bei einer Inflationsrate von schlappen 0,1 Prozent der Schweiß aus?

Keine Frage, Deflation bedeutet Entwertung. Und wenn sie lange genug anhält, Vernichtung von Kapital und Vermögen. Deflation setzt einen Abwärtstrend in Gang, der für eine von der Droge Wachstum abhängige Wirtschaft pures Gift ist. Alle sitzen auf ihrem Geld, das immerweniger wert ist, weil alle auf weiter sinkende Preise setzen. Die Geiz-ist-geil-Falle schnappt zu und die Märkte – allen voran die für Konsumgüter – schrumpfen. Wird daraus ein stabiler Trend, steigen die Realzinsen – ein bisschen, während die Gewinne und Investitionen absacken. Worauf wiederum die Unternehmen mit Rationalisierungs- und Einsparrunden reagieren, in deren Folge die Arbeitslosigkeit steigt, verbunden mit dem Druck auf Löhne und Einkommen.

Endlich Strafzinsen

Ohne Inflation verlieren die Schulden nicht an Wert, sondern verharren nominal auf dem gleichen Niveau, während es bei den Vermögen durchaus einen Wertverfall gibt. Folglich steigt das Volumen der „faulen“ Kredite. In Ländern mit extrem hohen Staats- und Privatschulden droht so eine „Schuldendeflation“. Auch wenn man eisern spart und fleißig Verbindlichkeiten abbaut, steigt deren Quote unaufhörlich. Mit einem Wort: Wer in eine Deflation gerät, sitzt in der Überschuldungsfalle.

Deshalb fordert Christine Lagarde als Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) die EZB zu einer schärferen Gangart auf. Gegen die Deflationsspirale müsse man schnell vorgehen, so schnell wie möglich. Selbst eine chronische Niedriginflation von 0,5 Prozent in der Eurozone sei hochgefährlich. Die Schweden, immerhin Pioniere einer Reflationspolitik, die sie während der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre vor dem Schlimmsten bewahrt hat, stimmen laut ein. EZB-Präsident Mario Draghi und mit ihm der ganze Zentralbankrat sind der gleichen Ansicht und kündigen drastische Maßnahmen an. Man werde im Fall des Falles intervenieren und europäische Staatspapiere aufkaufen – und zwar unbegrenzt. Sogar von Strafzinsen für die bei der Zentralbank geparkten Gelder der Privatbanken ist die Rede.

Also endlich die Kreditklemme lösen? Offenbar will die EZB noch einmal „quantitative easing“ betreiben und noch mehr Geld in Umlauf bringen, damit die Inflation anspringt und so viel Liquidität wie möglich in die Wirtschaft gepumpt wird. Über die Details eines möglichen Ankaufprogramms wird noch debattiert. Schließlich hat die Zentralbank Länderquoten zu respektieren und darf nicht dort am stärksten eingreifen, wo es am nötigsten wäre.

Jens Weidmann, Angela Merkels Mann in der Bundesbank, ist auffallend moderat geworden. Von den konservativen Hardlinern der deutschen Ökonomenszene kommt die Versicherung, eine Deflation sei doch sehr unwahrscheinlich. Im Chor wiederholt die politische Klasse samt Wirtschaftssachverständigen das Mantra vom Aufschwung, der gerade um die nächste Ecke biegt und alles ausbügelt.

Einige Ökonomen hingegen – wie der jedes Radikalismus unverdächtige Lars Svensson – haben gemerkt, dass etwas fatal danebenging mit der Krisenpolitik der vergangenen Jahre. Merkel und ihre Gefolgschaft haben eisern die falsche Krise bekämpft, die Augen starr aufs Inflationsgespenst gerichtet. Die drakonische Austeritätspolitik, die sie über Europa brachten, hat eine Deflation in Gang gesetzt, die kaum noch zu stoppen ist. Dazu bedürfte es mehr als nur einer konzertierten Aktion der EZB. Nötig wären Abkehr und Abschied von der Austerität in ganz Europa.

Michael Krätke schrieb zuletzt über die Sanktionspolitik gegenüber Russland

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 18/14.

Kommentare (23)

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Ehemaliger Nutzer 05.05.2014 | 15:13

Das Schreckgespenst heißt Geldmengentheorie. Zusammen mit den geltenden Lehren zu Konjunkturzyklen und Wirtschaftsmustern kommt immer wieder derselbe Alptraum. Nur eines wird sich nicht ändern, die Wirtschaft wird nicht mehr wachsen, nur weil die Zentralbanken Geld drucken. Welches Unternehmen investiert in neue Produktion oder mehr Arbeiter, wenn es weiß, dass die Kunden, die Abnehmer für die Produkte keine Kaufkraft haben? Auch wegen Sparpolitik. Soviel Kredit wird ihnen nicht gegeben, dass sie Mehrproduktion UND die Konsumenten finanzieren können.

Wenn EZB und IWF auf Anleihenankäufe drängen, wird dadurch ebenfalls nicht die Real-Wirtschaft wachsen, nur die Finanzwirtschaft und die schafft keine Arbeitsprodukte und also auch keine Konsumenten und Arbeitnehmereinkommen. Wächst die Realwirtschaft doch, hat das nichts mit dem Anleihenaufkaufprogramm zu tun.

Inflation und Deflation sind mittlerweile nur noch vorgeschobene Argumentationshilfen, mehr Geld in die Finanzsysteme zu pumpen. Die Schuldenspirale wird nicht eingedämmt sondern ausgeweitet und damit die nächsten Krisen vorprogrammiert. "Fresh money" in Form von Anleihekäufen ist eine Fehlallokation. Damit kann man sich die Formeln schönrechnen, mit welchen man immer noch meint, Inflation und Deflation und deren Auswirkungen auf die normale Wirtschaft und die dort Einkommen Erarbeitenden abbilden zu können. Das Funktioniert nicht mehr seit Einführung der Finanzwissenschaften und Etablierung der Finanzmärkte. Nur für die sind Anleihenkäufe relevant.

CLW 06.05.2014 | 15:32

Bitte gestatten Sie eine Ergänzung: Das Problem liegt in der metapher "die Wirtschaft*. Wenn man sich nämlich frag, wer oder was "die Wirtschaft" sein soll, kommt man dazur Schlussfolgerung, dass es ja nur die von Ihnen genannten Unternehmen (alldings: inklusive der Banken, via Finanz-Industrie) sind; jedenfalls nicht die 90% der Haushalte, die nicht dem obsersten 10% angehören. Die 90% sind keine Wirtschaftsobjekte. Wenn man das Geld via Lohn "in die Wirtschaft umpen" würde, also die Nachfrage erhöhen würde, dann, ja dann ... "

pleifel 06.05.2014 | 21:17

"Alle sitzen auf ihrem Geld, das immerweniger wert ist, weil alle auf weiter sinkende Preise setzen."

Eine steile Formulierung! Zuerst wäre mal zwischen den unterschiedlichen Wirtschaftssubjekten zu unterscheiden, die von der Deflation auch unterschiedlich betroffen wären, bzw. sich unterschiedlich verhalten würden.

Vermögende sind von der Deflation sicher stärker betroffen, soweit sie nicht in riskante Anlageformen überwechseln werden.

Der Normalverdiener und "Nichtvermögensbesitzer" wird auf keine Preissenkung spekulieren, denn er muss sein Geld für den täglichen Verbrauch ausgeben und das kaputte Auto sofort ersetzten. Hier kann die Deflation auch von Vorteil sein.

Allerdings braucht es dann auch starke Gewerkschaften, die sich nicht auf "Nullrunden" einlassen. Und Gewerkschaften sind nur stark, wenn der Organisationsgrad hoch ist und die Mitglieder darauf achten, dass die Abschlüsse eben nicht die befürchtete Lohn-Preisspirale induziert, die traditionell erwartet wird.

Japan ist ein Sonderfall und kein passendes Vergleichsobjekt.

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Ehemaliger Nutzer 07.05.2014 | 08:00

Jederzeit gern. Vielen Dank für den wichtigen Hinweis.

In Krisenzeiten sind Lohnerhöhungen schwer durchsetzbar. Und wenn erhöht wird, hat dies wegen der steigenden Gesamtentlassungen keinen nachhaltigen Effekt auf "die Wirtschaft" insgesamt. Das hätten nur direkte Zahlungen und notfalls eben ohne den Umweg über gut bezahlte Arbeit. Der sowieso für viele auf Dauer versperrt bleiben wird. Wer Investoren und die Finanzwirtschaft direkt unterstützen kann (wenn auch mit verdeckten Mitteln), kann das auch mit allen anderen "normalen Bürgern". Daran sollte mal tatsächlich und wissenschaftlich gearbeitet werden.

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Ehemaliger Nutzer 07.05.2014 | 17:54

«trotz einer von der EZB ausgelösten Geldschwemme»

Wer will da eigentlich wen ver-Kohl-en?

Die Geldschwemme der EZB muß nicht einmal gedruckt werden, es sind nur ein paar Bits und Bytes in den Speichern der Banken. Diese Geldschwemme verursacht hier keinen einzigen Arbeitsplatz, nicht mal bei den Druckern, sondern wird sofort zum Zocken in die globalen Finanzströme eingeschleust.

Damit verursachen diese Euronen in dieser Volkswirtschaft der Bundesrepublik Deutschland und den Volkswirtschaften der anderen Staaten des Euroraumes keinerlei Kaufkraft. Die Stagflation kann also lustig weiter gehen, die virtuellen Wolkenballons der Bänker aufblasen und derweil wird hier die Produktion und Dienstleistung der reduzierten Kaufkraft angepasst, wie das bereits in den vergangenen Jahrzehnten der Fall war.

Nur weiter so, Kohl sagte mal: Die Karawane zieht weiter.

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Ehemaliger Nutzer 09.05.2014 | 11:18

"Hartwährungssystem"? Soll das bedeuten, dass die Währung "hart" ist? Und warum sollte sie das sein? Man könnte den Euro auch "weich" machen, wollen nur eben die Nordländer nicht, die aber die Macht haben.

"Es gibt 10 Regler, bei unserem System stehen 8 auf Autopilot, sonst lässt sich die Kiste nicht steuern."

Tja, Mist wenn der Autopilot versagt. Deshalb fordere ich ja ständig, die Kiste auseinanderzunehmen. Die Euro-Kritiker hatten von Anfang an recht mit ihren Bedenken. Man sollte das endlich zur Kenntnis nehmen, den Fehler eingestehen und Schadensminimierung (statt wie zZ Maximierung) zu betreiben.

Aber dazu fehlt der politischen Bagage der Mut und auch das Vorstellungsvermögen. Gruppendenken, Angst, Opportunismus und ein "so schlimm wirds schon nicht werden" regieren, nicht nur Deutschland...

Aber es wird so schlimm werden, solche gesellschaftlichen Prozessen kann man nicht steuern, wenn sie erst außer Kontrolle geraten sind. Separatismus, radikaler Nationalismus, Rassismus, Massenmigrationsbewegungen, Revolten und blutige Niederschlagungen bis hin zu irrationalen Ausweichbewegungen der "Elite" (etwa Kriegsspielereien).

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Ehemaliger Nutzer 11.05.2014 | 11:34

Diese Praxis ist insgesamt so sinnlos. Banken mit negativen Zinsen zu bestrafen, das ihnen über Kredit zugesprochene Geld dort zu lagern, wo es ihnen keinen Schaden bringt. Sie können keinen Nutzen (also Gewinne) für sich generieren, wenn die Menschen sich nicht mehr in die Kreditspirale einspeisen lassen. (Weil sie keine Werte oder Einkommen haben, die eine Kreditvergabe erlauben wegen negativer Rückzahlungsaussichten. Billige Konsumentenkredite und deren Ausfälle sind der nächste Auslöser für Bankenpleiten. Ist schon lange bekannt. Man traut sich nur noch nicht aus der Deckung.). Die Banken können dann nur untereinander "handeln". Die so entstandenen Gewinne kommen nur einem kleinen Teil zugute, der verschwindend zur Wirtschaftsleistung beiträgt. Die abfällig betitelten "Kleinsparer" werden derweil mit dem Hinweis auf niedrige Leitzinsen ungehemmt der Entwertung ihres bescheidenen Geldvermögens ausgesetzt. Dem sollen sie nur durch Konsum entkommen können - durch Kredtivergabe. Die "Flucht in Sachwerte" - die auf Kosten einer Mehrzahl der Weltbürger unter erbärmlichen Bedingungen produziert werden. Und praktisch gleich mit dem Kauf keinen Wert mehr haben. Die "wahren Werte" können sie sich eh nicht leisten. Also muss man jedes Jahr ein neues smartphone oder Flachbildschirm oder Computer oder Auto kaufen - die Diamanten, Gold, Edelsteine und Yachten der armen Leute.

Um sich diese "Konsumwerte" leisten zu können, müssen sie unter immer schlechteren Bedingungen arbeiten, ihr Leben lang. Versuchen sie, auch etwas vom großen Kuchen zu erhalten, werden ihnen diese Werte auch wieder genommen, indem der Entzug der ihnen zugeteilten Finanzprodukte durch Bankenpleiten und Systemkrisen verdeckt wird.

Über den Immobilien- und Mietmarkt werden nun noch die letzten Tröpfchen Finanzkraft ausgesaugt. Und merkwürdiger Weise steigt der Europreis auf den Devisenmärkten wieder (wegen Deflation oder Inflation?), was natürlich die Exportwirtschaft extrem belastet. Für den dann - Vorsicht Logik - notwendigen Import der gleichzeitig teurer werdenen importierten Güter müssten diese immer billiger werden, wofür natürlich die Arbeiter der Billigstlohnländer herhalten müssen. Hier produzieren kann man ja nicht - die hohen Lohnnebenkosten sind nun wirklich extrem unwirtschaftlich.

Aber es gibt ja nun bald TTIP. Der Abschiedgruß der Industrieländer an sich selbst und den Rest der Welt - vergoldet durch Investorenschutzklagen, denen nie wirkliche Investments zugrundeliegen werden. Absurd.

zelotti 23.05.2014 | 15:26

Ein Hartwährungssystem zeichnet sich durch niedrige Inflation aus. Eine Weichwährung durch hohe Inflation.

Letzten Endes kannst du natürlich eine Währung haben, die massiv abwertet, das ist gar keine Kunst. Niedrige Inflation ist es. Wie man es dreht oder wendet, bei hoher Inflation hast du halt den Wertverlust, du brauchst ständig Lohneerhöhungen, Ersparnisse werden schnell weggezehrt.

Wenn Griechenland die Drachme hätte, könnte es abwerten. Aber die Inländer müssten dann auch bezahlen, nur eben anders, nämlich durch Wertverlust. Kapitalbesitzer hätten kaum ein Problem damit. Wir haben aber eine Gemeinschaftswährung, wozu eine gewisse Währungskoordination nötig ist.

Mit dem richtigen europäischen Ordnungsrahmen wäre sogar keynsianische Politik wieder möglich. Disziplinlosigkeit dagegen zu goutieren untergräbt ihn.

zelotti 23.05.2014 | 15:42

Der Effekt ist der gleiche, aber wir dürfen nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Sozusagen der Feuerwehr schuld geben alles nass gemacht zu haben.

Wachstum heisst, ein überschuldetes Griechenland finanziert über noch mehr Pump ein Wirtschaftswachstum und überschuldet sich weiter. Genau das passiert ja sogar bereits, allerdings mit Auflagen. Diese Auflagen werden als aufgezwungene Austerität denunziert. So wie der Kreditkartenfirma die Schuld zu geben, dass das Kreditlimit erreicht ist und man doch noch mehr aufnehmen solle um aus den Schulden rauszukommen und ausserdem die Bank ja selbst schuld sei, dass sie ihnen was geliehen hat.

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Ehemaliger Nutzer 23.05.2014 | 16:18

"Wachstum heisst, ein überschuldetes Griechenland finanziert über noch mehr Pump ein Wirtschaftswachstum"

Wachstum bedeutet IMMER, dass mehr Schulden aufgenommen werden. Es gibt kein schuldenfreies Wachstum (wie von den blöderen Mainstreammedien immer gefordert), denn damit Wirtschaft wachsen kann, muss die umlaufende Geldmenge steigen. Und woher kommt Geld?

Richtig, es ensteht bei der Kreditaufnahme. Glaubst du nicht? Ein Wiener Prof. hat sogar dagegen geklagt.

Das Problem der Griechen ist, dass sie diese Schulden (Dank Euro) beim Ausland haben. Dass sie nichtmal die alten Schulden bedienen können, ohne neue Schulden aufzunehmen und dass sie durch den Sparkurs auch noch ihre Binnenwirtschaft abwürgen, Bildung und Infrastruktur zerstört wird und die gebildete Jugend abwandert. Ist das dein Zukunftsmodell?

Bezahlen wird die Schulden so garantiert niemand. Das Ganze ist nur ein Spiel auf Zeit. Oder ein potemkinsches Dorf, je nachdem wie lange die Scharade für die restlichen Europäer aufrecht erhalten werden kann. Wieviel Rettungspakete und Bürgschaften es noch geben kann. Man versucht das ja über ESM und Co maximal intransparent zu gestalten...

Eine Währungsabwertung (bei Euro-Austritt) würde hingegen das Binnenland weitgehend intakt halten und lediglich den Drachmen-Kurs senken und damit Importe verteuern. Funktioniert aber auch erst nach einem Schuldenschnitt (der imho unvermeidbar ist, außer man inflationiert bewusst den Euro oder schafft eine massive Transferunion).

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Ehemaliger Nutzer 23.05.2014 | 16:29

"Aber die Inländer müssten dann auch bezahlen, nur eben anders, nämlich durch Wertverlust."

Was ungleich angenehmer ist, als wenn einem das Haus gepfändet wird, die ganze Familie arbeitslos ist und die Krankenversicherung ein unbezahlbarer Luxus. Gelle? Wir wollen doch nicht so tun, als ob die Folgen die selben wären.

"Wir haben aber eine Gemeinschaftswährung"

Die man schnell loswerden sollte. Sie war ein Fehler.

"wozu eine gewisse Währungskoordination nötig ist."

Offenbar erst im Krisenfall. Mal davon abgesehen, dass eine Regulation z.Z. lediglich zugunsten des reichen Nordeuropas stattfindet. Dabei war es D, welches die Inflationsziele zum Schaden aller anderen unterschritten hat und sich damit nicht an die Regeln gehalten.

"Mit dem richtigen europäischen Ordnungsrahmen wäre sogar keynsianische Politik wieder möglich. Disziplinlosigkeit dagegen zu goutieren untergräbt ihn."

Richtig, ist aber halt schwer das große Deutschland zu bestrafen ;-)

Oder hattest du das anders gemeint?

Davon abgesehen schei**e ich auf einen Ordnungsrahmen, bei dem ein Teil der Leute kurz vorm Hungertod gehalten werden muss. Keynesianische Politik mit den stabilitätsfixierten Deutschen halte ich schon ganz für undenkbar (leider).

zelotti 26.06.2014 | 12:58

"Keynesianische Politik mit den stabilitätsfixierten Deutschen halte ich schon ganz für undenkbar (leider)."

Die Klein Erna Überlegung ist, welche Währungen weltweit erfolgreich sind. Natürlich könnten wir einen Drachmen-Euro haben, aber das will ja nun wirklich keiner. Allgemein gilt auch, dass Stabilität schwer ist, Aufweichung einfach.

Keynesianische Politik funktioniert nur mit bestimmten Voraussetzungen. In den USA z.B. die Verteidigung, klar keynesianistisch. Wir können in Europa nur mit einer vorherigen politischen Union und einem Ordnungsrahmen keynesianische Politik machen, rein national ist keynesianische Politik wegen der Öffnung nicht mehr anwendbar.

Ohne Verschuldung kein Wachstum. Ja, aber wir müssen schon beachten wie die Verhältnisse sind. Wenn das Zinsniveau in der Todeszone ist erwürgt das den Staat.

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Ehemaliger Nutzer 27.06.2014 | 23:51

"Keynesianische Politik funktioniert nur mit bestimmten Voraussetzungen. In den USA z.B. die Verteidigung, klar keynesianistisch"

Mir fällt kein plausibler Grund ein, warum das nur bei bestimmten Branchen gehen sollte.

"Wir können in Europa nur mit einer vorherigen politischen Union und einem Ordnungsrahmen keynesianische Politik machen"

Du meinst in der EU. Und da es diese Union ebensowenig geben wird, wie den Ordnungsrahmen, müssen wir uns halt von der EU verabschieden. Einen erkennbar falschen Weg sollte man lieber bis zur letzten Kreuzung zurückgehen...

"rein national ist keynesianische Politik wegen der Öffnung nicht mehr anwendbar."

In der Tat, Freihandel und Kapitalfreizügigkeit sind das Messer am Hals aller Volkswirtschaften. Das wird man übrigens auch nicht mit einer politischen Union in der EU los, sondern erst mit der Vereinigung der ganzen weltweiten Freihandelszonen.

Jedem muss spätestens hier klar werden, dass dieser Weg schwachsinnig ist. Der Freihandel ist gescheitert. Wir brauchen neue Werkzeuge um die Leistungsbilanzen in unseren Ländern auszugleichen. Lass uns darüber diskutieren...

"Ohne Verschuldung kein Wachstum. Ja, aber wir müssen schon beachten wie die Verhältnisse sind. Wenn das Zinsniveau in der Todeszone ist erwürgt das den Staat."

Verschulden kann man sich auch bei der Zentralbank. Du würdest das vermutlich "Geld drucken" nennen. Aber wie man es nennt, spielt keine Rolle. Solange man es nicht übertreibt, ist dies das schmerzlose Mittel der Wahl... hätte man es sich nicht in der EU verboten.

Das ganze Elendstheater könnte mit einem Handstreich beendet werden. Wird es aber nicht, da die Deutschen Angst um ihre Stabilität haben und lieber die Peripherie bluten lassen. Na gut, wenn sie meinen. Aber irgendjemand sollte dem Wahnsinn trotzdem mal ein Ende machen.