In der Grabkammer

London Eine Ausstellung von Frida Kahlos Habseligkeiten sagt viel über künstlerischen Ruhm im Jahr 2018 aus

Es fühlt sich falsch an. Ich schaue auf Frida Kahlos Beinprothese. Die Prothese trägt einen eleganten roten Stiefel. Der zweite ist auch in der Vitrine, aber die Frau, die das Bein und die Stiefel trug, ist schon lange weg. Sie starb 1954, als sie 47 Jahre alt war. Würde sie wollen, dass ihr künstliches Gliedmaß sie so überlebt?

Wahr ist, dass sie es tapfer trug. Kahlo war unerschrocken. Sie war eine Revolutionärin, eine leidenschaftliche Liebende, eine kühne Künstlerin. Als Kind überlebte sie die Kinderlähmung, 1925, als sie 18 Jahre alt war, hatte sie einen Busunfall, der eine Behinderung und lebenslange Schmerzen nach sich zog. Im Zentrum der so ungewöhnlichen wie problematischen Retrospektive des Londoner Victoria and Albert Museum wurde diesem Schmerz ein Schrein errichtet. Es gibt darin Korsetts und Körperabgüsse, auf die Kahlo Hammer und Sichel malte; Medikamente und Schmerzmittel, Krücken und orthopädische Schuhe. Was fehlt, ist eine überzeugende Auswahl ihrer Kunstwerke.

Kahlo hat gelitten. Aber sie hat auch erschaffen. Sie nahm ihr Leben nicht einfach hin. Sie verwandelte es in lodernde, visionäre Gemälde. Die Bilder aber treten in der Schau hinter Kahlos Kleidung, Make-up und dem ikonischen Image in den Hintergrund. Die Ausstellung sagt viel über künstlerischen Ruhm im Jahr 2018 aus.

Sie malte das innere Selbst

Zu Lebzeiten war Kahlo weit weniger bekannt als ihr untreuer Ehemann Diego Rivera, der Picasso in Paris kennenlernte, bevor er nach Mexiko zurückkehrte, um revolutionäre Wandbilder zu schaffen. Heute wird er viel weniger verehrt als sie. (Selbst Jeremy Corbyn schrieb kürzlich den Namen dieses einstmals gelobten radikalen Malers falsch und nannte ihn „Diego Viera“.) Doch als ihr Ruhm wuchs, wurde Kahlo zu einem Bild, nicht zu ein Künstlerin. Und so wird auch hier ihre Kreativität als fast beiläufig zu ihrer charismatischen Persönlichkeit abgehandelt.

Musste es zwangsläufig so kommen? In den 1980er Jahren wurden Kahlos Gemälde von Feministinnen wiederentdeckt und von Madonna gesammelt. Dann kamen die Kunstkritiker, sie murmelten in ihre Krawatten, Kahlos Gemälde seien wirklich nicht sehr gut. Grobe, simple Selbstporträts. Lagen die Kritiker richtig? War Kahlos Leben die ganze Zeit ihre wahre Kunst?

Die Londoner Ausstellung jedenfalls erfindet Kahlo als eine Künstlerin des 21. Jahrhunderts neu, deren Leben eine Art von Performance war, deren Selbstgestaltung ein Akt der Schöpfung war und deren Tablettenfläschchen ebenso bedeutsam sind wie ihre Zeichnungen. Als 2004 ein versiegelter Raum in ihrem Haus in Mexico City mit privaten Habseligkeiten geöffnet wurde, die von ungesehenen Fotografien bis zu gut erhaltenen Tüchern und Röcken reichten, war es, als ob sie eine Millennial-Verjüngungskur bekommen hätte. Die Kuratoren dieser Show springen darauf an.

Doch Kahlo sah ihre Kunst nicht so. Ihre Arbeit war für sie, was sie mit Bleistift und Pinsel machte. Wie sehr diese Ausstellung die Verbindung zwischen Kunst und Realität falsch verstanden hat, wird deutlich, wenn sie eines ihrer kraftvollsten Selbstporträts als Modetableau nachstellt. 1939 malte Kahlo Die zwei Fridas, sich selbst und ihre Doppelgängerin, Händchen haltend, mit entblößten Herzen, die durch eine geteilte Arterie verbunden waren: eine der Fridas hat die Arterie durchschnitten, Blut ist auf ihren weißen Rock gespritzt. In der Ausstellung stellen zwei Schaufensterpuppen die Szene in Kahlos Kleidung nach. Es gibt keine entblößten Herzen. Auf den makellos konservierten Klamotten ist kein Blut.

Ausstellungen wie diese verhindern die Begegnung mit der Kunst. Die aber bietet eine emotionale Offenbarung auf einer anderen Ebene. In ihrem Selbstbildnis als Tehuana von 1943 trägt sie einen fantastischen weißen Kopfschmuck, der ihr Gesicht umgibt, als wäre es das rote Zentrum einer strahlenden Blume. Dunkle Ranken oder Haare strahlen wie ein Spinnennetz über dem perlmuttartigen Satin. Auf ihrer Stirn ist ein Miniaturporträt von Rivera, dem untreuen Geliebten, der buchstäblich immer in ihrem Kopf ist.

Daneben das entsprechende Kostüm. Auch hier ist das Gemälde auf eine Weise lebendig, wie es die alten Kleider nicht sind. Es ist faszinierend, die wenigen Selbstporträts in der Schau mit den vielen Fotos von ihr zu vergleichen. Kahlo, so erkennt man, machte sich in ihren Gemälden weniger schön, als sie war. Sie malte ein inneres Selbst, nicht ihre äußere Erscheinung. Auch der Unfall und seine Folgen werden in den Bildern und Kreidezeichnungen ihres Tagebuchs metamorphosiert. Sie ist eine magische Realistin, die sich selbst mit einer zerbrochenen antiken Säule als Rückgrat darstellt.

Einiges davon ist zu sehen, aber nicht genug. Originalzeichnungen und das Tagebuch sind durch Faksimile vertreten. Das Make-up hingegen ist echt. Es ist, als besuche man eine Ausstellung der Grabkammer einer toten aztekischen Königin. Dies ist eine archäologische Ausstellung, keine künstlerische. Künstler leben in ihrer Kunst weiter. Eine Ausstellung wie diese erdrückt ein lebendiges Erbe mit der übertriebenen Anbetung einer toten Frau.

Info

Frida Kahlo. Making Herself Up V&A, London, bis 4. November

Jonathan Jones ist Kunstkritiker des Guardian

06:00 06.08.2018

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