In der Schwebe

Kehrseite Ach, was haben wir nicht schon alles vergessen: In den Taschen liegengebliebener Anoraks. Im Halbschatten der wichtigen Dinge. Im Bus, der schneller ...

Ach, was haben wir nicht schon alles vergessen: In den Taschen liegengebliebener Anoraks. Im Halbschatten der wichtigen Dinge. Im Bus, der schneller an der Endstation war als wir aussteigen wollten. Im Schlaf, der uns pökelnd die Stirnen glättete. Nichts macht sich so leicht wie das Vergessen, und unsere alten Eltern in ihrer Demenz singen tagaus, tagein zweistimmig davon. Auf in die Sedimente, sagen die Erinnerungen und tauchen ab, von der Schwerkraft gezerrt, ohne ein überflüssiges Wort.

Keine Lust, sie von dort unten heraufzuholen, sagte ich mir, während ich die Straße hinabhetzte und meine Handtasche am Gelenk schlickerte, ein baumelndes großes Unglück: Eine der beiden Schnallen, die sie verschließen sollten, hatte sich gelöst, sich davongemacht. In irgendeinem Gedränge? Mir fiel keines ein. Tasche unter den linken Arm. Durch die Zähne ein "dalsche" gepresst. Weiter. Auf Russisch. Das hatte ich nicht vergessen, obwohl das Vergessen mit Leichtigkeit über viel zu viele der einstmals gelernten russischen Worte dahingegangen war, mit flüchtiger, beinahe gewichtsloser Hand. Ich hatte es nicht bemerkt, aber nun, da das "dalsche" wie ein Versprechen oder ein Treueschwur über meine Lippen gestolpert war, stieß es mir auf. Hieß es nicht buterbrody und parijkmacher, wenn die Russen von Sandwiches und Friseuren redeten? Ich lachte, während die halbgeöffnete Tasche mich unentwegt daran erinnerte, dass ich ein Ziel hatte und nicht vergessen durfte, das Innere der Tasche zu beschützen wie ein Ei, dessen Kalkschale sich aufgelöst hat, dessen Hagelschnüre aber in der Eihaut ein Dotter in der Schwebe halten.

In der Schwebe.

In der Schwebe befand auch ich mich augenscheinlich, die Füße stichelten nur zierlich und mit enormer Schnelligkeit, so dass höchstens anderthalb Zentimeter meiner Leiblichkeit für Augenblicke Bodenhaftung bekamen. Aber ich war kein in zwei Hagelschnüren verzwirntes Dotter, sondern eine ausgewachsene Frau, die nicht vergessen sollte, dass sie nach Birnen roch, ein geblümtes, altmodisches Kleid von erheblicher Länge trug und die Beine in die Hand zu nehmen hatte, um möglichst in der nächsten halben Stunde ihr Ziel zu erreichen. Warum eigentlich? Ach ja, ich musste wieder zurück auf meine Arbeit, der Chef hatte mir eine Stunde Mittagspause gegeben. Aus dem Inneren der Tasche stieg ein Belfern auf, dass ich den Überschlag an der offenen Stelle unwillkürlich festdrückte.

Ich vergaß so viel.

Als ich in die Tasche schaute an der Kreuzung, die Ampel zeigte Rot und schenkte mir ein Hachelchen Zeit, konnte ich nicht erkennen, woher das Belfern gekommen sein mochte. Ratlos schlug ich sie wieder zu. Keine Zeit. Keine Vorstellung. Ein Hachelchen - hatte das meine Urgroßmutter nicht immer gesagt, wenn sie noch ein Scheibchen scharf geräucherten Schinkens abhobelte oder auf ein Häppchen Matjes aus gewesen war? Und sprach man da, von wo aus sie dieses Wort herübergerettet hatte ins Mitteldeutsche, nicht heute Russisch miteinander? Njemnoschko, antwortete ich im Stillen, ein bisschen. Ein Hachelchen eben, aber das stimmte nicht, wie ich fraglos wusste. Njemnoschko hatte ich immer eilfertig mitgeteilt, wenn ich selbst befragt worden war nach dem Maß meines Vermögens, mich in der mir fremden Sprache umzutun. Die Russen, die Königsberg heute bevölkerten, waren darin zu Hause ... Die Urgroßmutter lag seit 13 Jahren in einem thüringischen Grab. Immer wieder hatte ich bei meinen Besuchen in der alten Heimat vergessen, es aufzusuchen. Mein Birnengeruch nebelte mich ein, dass ich Mühe hatte, nicht während des Laufens wegzunicken.

Das Haus stand ganz am Ende der langen Straße. Es war das letzte vor dem Ortsausgangsschild, und eigentlich ärgerte ich mich, dass hier heraus keine Busse fuhren. Ein Taxi wäre mir zu teuer gewesen. Beinahe hätte ich vergessen, dass vor Jahren die Straßenbahn hierhergelahmt war, mit endlosem Quietschen in den Kurven. Noch lagen die Gleise im Bett, als warteten sie auf eine Berührung. Ich riss die blaue, rindslederne Tasche vor die Brust und verschränkte die Arme, so gut es ging. Am Hauseingang wunderte ich mich darüber, wo sie geblieben waren. Es dauerte ein schleppendes Umdrehen, bis ich begriff und den rechten an die Klinke heben konnte. Drinnen beschlich mich das Frieren, wie es mich immer beschlichen hatte, wenn die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war.

Angekommen.

Ein trostreicher Ort? Ich wagte es nicht, darüber nachzudenken. Meine Eltern lebten seit zwei Jahren hier. Vater riss von Zeit zu Zeit aus, um nach Hause zu kommen, ließ sich in verwirrtem Zustand von irgendeiner Fernverkehrsstraße pflücken und lag dann, schrumpeliges Äpfelchen, in einer Zelle der örtlichen Polizei, bis er herausgeholt und wieder zu den anderen schrumpeligen Äpfelchen gebracht wurde. Mutter verdämmerte die Tage im Halbschlaf, unter ihren halbgeschlossenen Lidern erloschen die Halbmonde ihrer Iris halbstündlich ganz, um dann schnell wieder aufzuflackern mit einem bestürzten Ausdruck, der aber nur Augenblicke anhielt. Augenblicke, die sie brauchte, um sich offenbar darüber klar zu werden, dass sie nicht wusste, wie ihr geschah. Der Moment der Erleuchtung darum ging regelmäßig in die lang anhaltende Phase des Dämmerns über, bis wiederum die Halbmonde ihrer Iris ganz erloschen. Mein Vater erkannte sie nicht.

Ich stand vor den beiden, die am Tisch saßen. Sie lächelte selig, als erwartete sie ein süßes Süppchen. Er hingegen duckte sich vor mir und riss seine Mütze vom Kopf. Meine Tasche legte ich sehr vorsichtig vor sie hin, immerhin war vorhin ein Belfern ausgetreten. Wie Lachgas, das sich innerhalb von Sekunden verflüchtigte. Mutter schaute an mir vorbei, die Lider hoben sich nicht, in die Ferne unterhalb meiner Nabelhöhe. Ich war versucht, ihrem Blick nachzugehen und geriet mit meinem in die hintere linke Ecke des großen Saales, geradewegs in das Pflanzengefäß eines riesigen Drachenbaumes. Vater hingegen schaute mich, seine Tochter, aus fragenden Augen an, denen nicht zu antworten war.

Ich hob das blaue Leder des Überschlags an und griff in mein Täschchen. Überrascht holte ich ein Stück angekauten Specks heraus. Zwischen dem kleinen und dem Ringfinger hatte sich ein fettfleckiges Stück Papier verklemmt, das den Speck davor schützte, von meinen Eltern gesehen zu werden. Betreten ließ ich ihn vor dem Tisch zu Boden fallen und blickte dabei meinen Eltern starr in die Augen. Das Papierstück zeigte bei näherem Hinschauen kyrillische Schriftzeichen - für meinen alten Vater waren die Rehabilitationspapiere aus Moskau eingetroffen. Er wähnte sich wieder, nach beinahe 50 Jahren, in russischer Haft. Woher ich den Glauben nahm, es würde eine kleine Freude auslösen können, dass er der Vorwürfe nun ledig war, die ein halbes Jahrhundert lang seine Sinne grundiert hatten mit ihrem schweren, dunklen Ton, wusste ich nicht zu sagen: Spionage für einen amerikanischen Geheimdienst. Sammlung von Informationen über Stärke, Rüstung und Bewegungen der sowjetischen Besatzungsarmee. Über die Lage von Militärstäben und Flugplätzen. Über die Demontage eines ehemaligen deutschen, unterirdischen Rüstungsbetriebes in der Stadt N. Man hatte die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend zum Ausgangspunkt der Anklage gemacht, und mein Vater hatte zehn von den 25 Jahren des Urteils abgesessen. Ich staunte mitunter, dass er danach noch in der Lage gewesen war, sich mit einer Frau einzulassen. Jetzt aber, als ich versuchte, ihm die deutsche Übersetzung vorzulesen, zuckte er bei den Namen zusammen - Tschajkowskij, Winogradow, Hitschenko - und sprang auf, schlug die Hacken aneinander und stand mit vom Kopf gerissener Mütze, die Augen geradeaus, vor mir. Ich ließ es sein.

Aus meiner großen blauen Aktentasche kroch ein Hund, ein Hündchen eigentlich nur, auf den Tisch. Boitski hatte ihn mir gestern mitgegeben, der alte Nachbar, bei dem ich mich in Abständen sehen ließ. Er konnte kaum noch laufen, war aber helle im Kopf geblieben und liebte meine Eltern, die wiederum sein Hündchen geliebt hatten. Dass er mit ihm nicht mehr hinaus konnte, hatte ihn stachlig gemacht. Es wurmte ihn, und er hatte mich gefragt, ob meine Eltern noch gut zu Fuß seien. Ein wenig Überlegung hatte es mich schon gekostet, aber wenn sie auch aneinander vorbei gingen, so gingen sie doch. Das Tier, gut erzogen, hatte ich der Heimleitung angekündigt, und es war genehmigt worden ... Augenblicklich verlor mein Vater seine angststarre Haltung und ähnelte auf einmal meinem jüngsten Sohn. Meiner Mutter Augen öffneten sich. Beide rückten näher und näher heran und verhakelten dabei sogar unabsichtlich ihre Finger, als sie das Tier greifen wollten. Hatten sie es wiedererkannt? Ich seufzte. Packte die Papiere ein und hob den Speck auf den Tisch.

Den hatte ich selbst gestern Abend für das Tier gekauft.

Eigentlich müsste ich Angst haben vor der Großen Vergesslichkeit. Wenn mein Vater und meine Mutter nicht wären.

Kathrin Schmidt wurde 1958 in Gotha geboren, sie lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihr das Buch Seebachs schwarze Katzen bei Kiepenheuer Witsch.


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02:00 21.10.2005

Ausgabe 39/2020

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