In der Stirn ein Einschussloch

Audiodeskription Der Hörfilm muss auch die Bildsprache einfangen – eine ganz eigene Kunst

Schließ die Augen. „Langsam schreitet der Brennerbauer an den Dorfbewohnern vorbei. Er ist schlank, hat buschige Augenbrauen, einen kurzen grauen Vollbart, eine Stirnglatze und langes graues Haar, das ihm bis auf die Brust reicht.“ Wer sehen kann, schaut irgendwann doch wieder hin und ist überrascht, wie anders alles ist. Lutz Mingramm aber kann nicht hinschauen. Mingramm, 1974 in Halle geboren und durch die Lebens- und Liebesumstände 2008 in Wien gelandet, ist relativ früh erblindet. Als Kind bekam er eine Krankheit, die ihn zunehmend weniger sehen ließ, mit 19 war er blind. Vor seinen Augen ist ein grauer Nebel, durchzogen von hellen Blitzen, „so als wenn man im Dunkeln sitzt und fest die Augen schließt“. Er würde das nicht so hoch hängen, sagt er, will Blindsein nicht nur als Mangel begreifen.

Seit gut zwei Jahren arbeitet Mingramm auf (schmaler) Honorarbasis als sogenannter „Referenzblinder“ bei Hörfilmproduktionen; unter anderem war er beteiligt an der hervorragenden Beschreibung des Alpenwesterns Das finstere Tal. Ist es wichtig, wie der Brennerbauer aussieht? Wesentlicher als die Einzelbeschreibung ist für Mingramm der Gesamteindruck, die Atmosphäre, die er aus dem Filmton, und die Charaktere der Figuren, die er aus den Stimmen liest. Die Beschreibung soll ihm vermitteln, was aus dem Filmton nicht zu erschließen ist. Und mehr noch: Sie soll Zugang zu einem visuellen Medium schaffen. „Ein Hörspiel ist für die Ohren gemacht. Der Hörfilm muss aber auch die Bildsprache einfangen.“ Bild und Sprache, wie hängen die zusammen?

Audiodeskription (AD), also die über eine zweite Tonspur eingeblendete Beschreibung von Filmen für blinde und sehbehinderte Menschen, gibt es noch nicht sehr lange. Der Impuls kam aus den USA, wo man seit Mitte der 1970er Jahre AD-Verfahren entwickelte. Im deutschsprachigen Raum sind Elmar Dosch und Bernd Benecke die Pioniere der Bewegung. Sie setzten sich seit den 1990er Jahren vor allem beim Bayrischen Rundfunk für AD ein, gründeten eine „Münchner Filmbeschreibergruppe“, verfassten Regelwerke für Fortbildungen.

Alle Sinne sind geschärft

Was anfangs wie ein Nischen- und Minderheitenprodukt aussah, hat mittlerweile durch die Gleichstellungsgesetze an Gewicht gewonnen. Jetzt ist ein Maß an barrierefreiem Zugang zu Information vorgeschrieben. In Deutschland haben sich die öffentlich-rechtlichen Sender selbst verpflichtet, zehn Prozent des Programms mit AD anzubieten. Wobei nicht nur Filme und Fernsehsendungen hörbar gemacht werden, sondern auch Livesendungen am Samstagabend, Sportveranstaltungen in den Stadien – hier ist der AD über Radiofrequenz zu empfangen – und Theateraufführungen. So ist mittlerweile ein veritabler und zunehmend umkämpfter Markt für AD entstanden, auf dem sich etliche Produktionsfirmen tummeln.

In dem Handbuch Wenn aus Bildern Wort werden, nennen Elmar Dosch und Bernd Benecke zwei Grundprinzipien der Audiodeskription. Sie klingen simpel und sind fast unmöglich durchzuführen: „Die Beschreibung soll in den Dialogpausen erfolgen“ und beschrieben werden soll „alles, was es zu sehen gibt“. Die knappen Angaben zu Ort, Ambiente, Person, Aussehen – wo befinden wir uns, wer und was ist im Bild? – sind in die Pausen einzufügen. Die Aufgabe besteht darin, nichts vom Dialog wegzuschneiden und möglichst viele der sonstigen Filmgeräusche beizubehalten, den Film nicht „totzuquatschen“. Extrem schwierig in der Beschreibung sind daher Actionszenen, schnelle Schnitte, Rückblenden, aber auch Sexszenen und Slapstick.

„Checkst du, dass ein Blatt Papier im Spiel ist?“ – „Ich höre es“, sagt Manfred Huber*, der seinen Kollegen Christian Simon gern einen „Korinthenkacker“ nennt, was als Lob zu verstehen ist. Die höchste Auszeichnung sozusagen. Die beiden arbeiten gerade an einer Romanverfilmung, die bei Arte laufen soll. Simon liest einen Text vor, der Szene für Szene beschreibt. Huber nickt oder wendet etwas ein.

* Name geändert

Wie fährt die Straßenbahn in die Haltestation ein? Von rechts, dann von links, der Schnitt ist nicht klar, das Bild unplausibel. Falsch wäre es, das einfach wegzulassen in der Beschreibung, denn, sagt Huber, und das sollte man sich wohl hinter die Ohren schreiben im Umgang mit Blinden und Sehbehinderten: „Du darfst nicht lügen.“ Die merken das. Alle Sinne sind geschärft. Sie merken, wenn du lächelst. Man hört das an der Stimme. Sie merken, wenn du unaufmerksam bist, weil du dann zur Seite sprichst. Sie merken, wenn du etwas weglässt, und natürlich, wenn eine Filmbeschreibung nicht stimmt. Simon legt eine Zigarettenschachtel auf den Tisch und ein Feuerzeug quer dazu, führt Hubers Hand dorthin: „So biegt sie ein, die Straßenbahn. Wie würdest du das beschreiben?“

Die AD eines Filmes zu erstellen ist extrem konzentrierte Arbeit. Für einen 90-Minüter rechnet man mit einem Arbeitsaufwand von 45 Stunden. Zunächst hört Simon den zu bearbeitenden Film einmal mit geschlossenen Augen, dann sieht er ihn mit offenen Augen, und dann wird er für jede der einzelnen Sequenzen eine Beschreibung erstellen. Diese erste Rohfassung geht er gemeinsam mit Huber durch, der ebenfalls den Film zur Vorbereitung einmal gesehen hat – gehört vielmehr – und daher weiß, was er nicht verstanden hat, welche Teile der Handlung sich nicht aus der Tonspur erschließen lassen. Dann stimmen die beiden in langen Arbeitssitzungen Schritt für Schritt ab, ob Simons Beschreibung passt, ob sich ein Bild, ein konsistentes Ganzes ergibt, ein hörbarer Film.

In die Pausen passt nicht viel

Was aber heißt „beschreiben, was es zu sehen gibt“? Das ist die eigentliche Frage. Denn niemals entspricht die Vorstellung, die eine Beschreibung auslöst, dem Bild, das wir mit Augen sehen. Bilder lassen sich nicht vollständig in Worte übersetzen. Blitzschnell ist das Bild da, unmittelbar, scharf und konkret, es ist, was es ist. Die Sprache dagegen symbolisiert, bezeichnet, überträgt. Das Bild gehorcht dem Raum, die Sprache dem Nacheinander der Zeit. „Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte“, heißt es. Wie fängt man das ein? Und doch gibt es Theorien, die behaupten, ohne Sprache könnten wir kein Bild verstehen, ohne Sprache blieben wir blind.

„Ich will nicht hören: X verprügelt Y“, sagt Huber, denn das sei nicht das, was man im Film sieht. Man sieht, dass X die Faust ballt, sie Y in den Magen rammt, der sich krümmt und zu Boden geht. Huber, der erst im Alter von 45 erblindete, will sich – wie wir beim Sehen – das Bild selber zusammensetzen aus den einzelnen Elementen. Objektiv zu beschreiben, möglichst ohne viele Adjektive, das ist die Anweisung für Audiodeskriptionen. Keine Wertungen, keine Zusammenfassungen. So heißt es eben nicht: „Ein Mafioso steht an der Straßenecke“, sondern „ein Mann mit schwarzem, ins Gesicht gezogenem Hut und dunkler Sonnenbrille“. Es heißt nicht: „Die beiden haben Sex miteinander“, sondern: „Nackt sitzt sie auf ihm und bewegt sich langsam auf und ab.“ Es heißt nicht: „Greider erschießt den Pfarrer“, sondern: „In der Stirn des Pfarrers ein Einschussloch. Blut spritzt an die Wand.“

Auf das Leben

Der 13. Deutsche Hörfilmpreis wurde am 17. März in Berlin verliehen. Eine neunköpfige Jury kürte aus den zwölf Nominierungen die beiden Gewinner. Unter den Kandidaten waren von der deutschen Kinokomödie Fack ju Göhte bis zum ARD-Polizeiruf Hexenjagd die unterschiedlichsten Filme vertreten. In der Kategorie TV gewann Landauer – Der Präsident von Hans Steinbichler. Der Preis für den besten Hörfilm in der KategorieKino ging an Zwischen Welten von Regisseurin Feo Aladag. Mit einem Sonderpreis bedachte die Jury die Entwicklung der App Greta der Firma Greta und Starcks Apps. Mit dieser App können Sehbehinderte im Kino Audiodeskriptionen abrufen, die über die Geräusche des Films synchronisiert werden. Der Publikumspreis ging an Uwe Jansons Auf das Leben.

Audiodeskription muss sich nach der Wahrnehmungslogik der Blinden richten, nicht nach der der Sehenden. Das bedeutet, dass vieles, was man im Film hören kann, nicht erwähnt werden muss. Dass eine Tür sich schließt, dass jemand sich räuspert, dass ein Blatt raschelt. Es heißt aber auch, dass nicht einzuordnende Geräusche erklärt werden müssen. „Eine Patronenhülse fällt zu Boden.“ Wichtig ist weiterhin, Beschreibung und Bild synchron anzuordnen. In Deutschland leben Schätzungen zufolge rund 1,2 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen. Letztere erkennen, dass da etwas im Bild geschieht. Wenn der Mörder schon längst in der Ecke steht, sollte das nicht erst eine Szene später beschrieben werden.

Im Grunde ist Audiodeskription eine Sache der Demut, der absoluten Dienstleistung. Sie erfordert zugleich sehr genaues Hinsehen und bewusste Reduktion. Viel passt nicht hinein in die Pausen, ein Abriss höchstens. Keine blumigen Girlanden, keine unnötigen Accessoires. Präzise muss diese Sprache sein, knapp, genau auf den Punkt und doch nicht nachlässig in der Formulierung. Sie muss dem Ton folgen und mit den Geräuschen des Films eine Einheit bilden. Es ist eine „literale“, nicht literarische Beschreibung. Man könnte AD als eine ganz eigene Textgattung verstehen, die von der Hingabe ans Sichtbare und Hörbare lebt und von der Lücke zwischen den Tönen. Der Hörfilm ist also ein eigenes Genre, und wenn er gut ist und man sich darauf einlässt, entwickelt er auch für Sehende seine ganz eigene Poesie.

Die platteste Frage zum Schluss, hat sich fast schon erübrigt: Warum wollen denn Blinde überhaupt Filme schauen? Teilhabe. Zur viel beschworenen Barrierefreiheit ist es noch ein langer Weg, private Fernsehsender bieten AD gar nicht an. Zur Integration hat die digitale Revolution enorm beigetragen. Für Blinde ist sie wirklich revolutionär, denn mittlerweile kann alles, was auf einem Computerbildschirm steht, auch sprechen. E-Books, E-Mails, elektronische Listen, jede Webpage liest der Screenreader vor. Nur Bildbeschreibung kann er nicht.

06:00 01.04.2015
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