In der Zwischenzeit

Zeitschriftenschau Kolumne

Ein Intellektueller von Berthold Viertels Art wäre im aktuellen Kulturbetrieb kaum vorstellbar: Vom Theater kommend und dort auch vorwiegend tätig, ein profunder Regisseur in der Umbruchphase nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der gleichzeitig als Dichter und vor allem als Publizist auftritt und sich kenntnisreich zu den literarischen und politischen Fragen der Zeit äußert. Dagegen herrscht heute ja zwischen Theater und Literatur die allergrößte Fremdheit. Schriftsteller zucken, auf das Theater angesprochen, bedauernd oder ironisch mit den Schultern, während sich die Regiearbeiten der Theaterleute wohl noch nie so literaturfern, beinahe -feindlich gebärdet haben wie in den letzten Jahren. Auch deshalb ist es verdienstvoll und zu begrüßen, dass die Dresdner Zeitschrift Signum dem fast vergessenen Berthold Viertel ein Sonderheft zum 120. Geburtstag gewidmet hat.

Viertel wurde 1885 in Wien als Sohn aus Galizien eingewanderter Juden geboren. Nach abgebrochenem Philosophiestudium war er Mitbegründer der Wiener »Volksbühne«, wo auch seine ersten Inszenierungen auf die Bretter kamen; zugleich Mitarbeiter berühmter Journale wie der Schaubühne, des Simplicissimus und der von Karl Kraus herausgegebenen Fackel. Nach dem Krieg wurde Viertel Schriftleiter am Prager Tageblatt und ab Herbst 1918 Regisseur am Dresdner Theater, mit bahnbrechenden Uraufführungen expressionistischer Dramen von Georg Kaiser, Walter Hasenclever, August Stramm und Friedrich Wolf. 1922 engagierte ihn Max Reinhardt nach Berlin. Die Nazis vertrieben ihn nach London und New York. Ab 1948 wieder Regisseur am Burgtheater, starb Berthold Viertel 1953 in Wien.

In Viertels Dresdner Jahren befindet sich das Theater in Aufbruchstimmung; die Schauspieler fordern »Mitbestimmung«, und neue provozierende Stücke prägen den Spielplan. Auch die publizistische Szene ist in produktiver Unruhe. Neben seiner Regiearbeit fungiert Viertel als Redakteur der Zeitschrift Der Zwinger und veröffentlicht darin zwischen 1917 und 1921 zahlreiche Essays und Gedichte. Die nun im Signum-Sonderheft in chronologischer Folge versammelten Texte wurden alle dem Zwinger entnommen. Bei einigen stark zeitverhafteten Texten könnte man fragen, ob sie unbedingt wieder abgedruckt werden mussten. Doch Viertels Ausführungen über Carl Sternheims Komödien oder Knut Hamsuns vergessene Dramen liest man mit Gewinn: »Hamsun, der Jäger, der Wanderer, der Fischer, der Land- und Handarbeiter – ein merkwürdiger Pfadfinder, der auch noch in der Großstadt, der mitten in der Seele des modernen Menschen Urwald entdeckt, um sich darein zu verlieren.«

Am anrührendsten vielleicht Viertels Erinnerungen an den Wiener Sonderling Peter Altenberg, den impressionistischen »Narren und Heiligen«: »Er war der Künstlichste, weil er der Natürlichste war – ein Grenzfall. Und so war auch seine Weisheit immer ein Grenzfall seiner Torheit.«

Wir bleiben in Wien. Die jüngste Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Literatur und Kritik, die sich besonders durch ihre »Kulturbriefe« auszeichnet, enthält ein Dossier über den Schriftsteller und Rechtsanwalt Albert Drach. Eva Schobel dokumentiert die Vertreibung des assimilierten Juden, die Jahre seines Exils und die Rückkehr nach Österreich. Vor zehn Jahren, im März 1995, ist der 1902 geborene Wiener Schriftsteller gestorben.

Spät, fast im letzten Moment, hat Albert Drach, der sich für unverletzlich hielt, Ende Oktober 1938 Österreich verlassen: Die Mutter, das Familienhaus in Mödling bei Wien, in dem sich Nazis und Denunzianten breitmachten, seine Anwaltskanzlei, seine Bibliothek und vor allem sein schriftstellerisches Werk, von dem kaum etwas veröffentlicht war. In seinen autobiographischen Romanen, etwa in Z. Z. – das ist die Zwischenzeit oder in der Unsentimentalen Reise, hat er die markantesten Szenen seiner Vertreibung literarisiert.

Drach flieht nach Nizza, wird im Vichy-Frankreich interniert. Unter den Mitgefangenen Walter Hasenclever, der sich 1940 das Leben nimmt, und Lion Feuchtwanger, den Drach – wohl seiner Erfolge wegen – hasst. Er entwischt aus dem Lager, gibt sich als Halbjude aus, taucht schließlich in einem Ort in den französischen Meeralpen unter. Mit Schuldgefühlen belastet, kehrt der Überlebende 1947 in seine Heimat, die deutsche Sprache, zurück, kämpft um die Rückerstattung seines Hauses, des Drach-Hofs: »Die Bevölkerung ist falsch und verlogen, wie sie immer war. Die nicht eingesperrten hohen Nazis sind häufig süßlich bis zum Extrem und biedern sich auf jede Weise an. Die niederen Nazis verharren in ihrem Trotz, denn es sind meistens gerade die, die ihre Stellungen eingebüßt haben.«

Vier Jahrzehnte lang hat Drach für die Schublade geschrieben. 1964 erscheint endlich sein Roman Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum bei Langen-Müller, eine späte Entdeckung. 1988 erhielt er sogar, zur Überraschung vieler, den Georg Büchner-Preis.

Signum: Sonderheft 7, Sommer 2005 (Verlag Die Scheune, Martin Lutherstraße 8, 01099 Dresden), 8,20 EUR

Literatur und Kritik: Nr. 391/392, März 2005 (Ernest Thun-Straße 11, A-5020 Salzburg), 6,80 EUR

00:00 13.05.2005

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