In die himmlische Harmonie explodiert

Genialer Monteur Peter Esterházy erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2004

"›Mit anderen Worten, der Genosse meint, Kant sei bei voller Vernunft gewesen?!‹ Wumm..."
(Kleine ungarische Pornographie)

Ungarn im 20. Jahrhundert, und da hinein gehört der 1950 geborene Peter Esterházy ganz wesentlich, kann man sich ungefähr so denken: Ein Donau abwärts gelegener Zwergstaat, flunderplatt gedrückt von seiner ungeheuer bedeutsamen Vergangenheit, über die manch garstig Wort hingestreut werden könnte, das Magnatengesindel in der Puszta war doch ein würdiges Pendant zum Habsburgerpack in Wien, wüste Alkoholiker und Eroberer, die sich oft genug in Gegenden herumschlugen, wo keine einzige Kehle Ungarisch sprach, eine Sprache, deren Kodifizierung erst im 19. Jahrhundert vollendet wurde, als man sie als nationale Waffe entdeckte. Küss´ d´ Hand, euer hochwohlgeborener Herr Graf von und zu Eszterháza, Freiherr von Galantha, Erbgraf zu Forchtenstein, Herr auf Csákvár und Gesztes und so weiter und so fort.

Und wie war dieses Ungarn vom Donner gerührt, als der US-Häuptling 1919 in Trianon sie zusammenzwergelte, die Slowakei, Siebenbürgen, die Vojvodina und Kroatien wegzwackte, daraufhin igelte man sich rasch in die Schwarzhemden-Diktatur eines aus der Adria verjagten Admirals ein, adelte sich trotz dunkler Herkunft zu arischen Herren, packelte mit den germanischen Monstern und schoss die Juden in die Donau. Natürlich ist das nur eine Wahrheit, und nicht einmal die halbe. Und natürlich haben auch Ihre Väter, lieber Peter, nicht nur das Volk geschurigelt, sondern es gab auch ganz feinsinnige Herrschaften, einer Ihrer Meineväter gab eine feinsinnige Sammlung sakraler Gesänge heraus, von ihm kupferten Sie den Titel Ihrer bisher dicksten Schwarte ab, ein anderer Meinvater setzte in seiner südslowakischen Sommerresidenz auf seine Gehaltsliste den Schubert Franzl, der sich wiederum skandalös nahe neben die minderjährige Grafentochter Karoline auf den Klavierhocker setzte unter dem Vorwand vierhändige Stücke zu spielen, und ein weiterer Meinvater nahm den Joseph Haydn in Kost und Logis, eine wahre Lichttat, wem hat der nicht alles am Piano die Waden vorwärts gerichtet, was wäre ohne den frommen Revoluzzer aus Beethoven geworden, und alles dank der Esterházy-Regie!

Aber dann drehen nach Weltkrieg Zwei die Sowjets den Spieß um, der Volksmund nannte sie in Anlehnung an historische Besatzer "Türken", und die Ungarn lassen sich in der nächsten Diktatur von einem der ärgsten Stalin-Knechte das Hirn umbürsten; die Internationale erkämpft der Menschen Recht!, tönt es bei jeder Kundgebung, während Ihre Familie, "Volksschädlinge", was für ein Wort, wegen der Herkunft, der adeligen, abgesondert, ausgeschlossen wurde, war da was mit "der Menschen Recht"? Diese versuchten Arbeiter und Volksmassen dann doch wahrzunehmen, 1956, da erhoben sie sich gegen die sowjetische Besatzung, für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, für ein unabhängiges Ungarn, ebenso heldenhaft wie ohnmächtig. Immerhin, Herr Graf, damals habt ihr einen verdammt guten Fußball gespielt, den Deutschen hättet ihr ohne Weiteres das Wunder von Bern vermiesen können, ihr wart die Größten, Sándor, Puskas, Hidekuti ... Aber Europa war anderswo, und so schwamm man danach lange Jahre in der langsam auskühlenden Gulaschbrühe, verhöhnt mit dem Titel, die lustigste Baracke im Sowjetkommunismus zu sein. Bis dieser, unfähig zu jeglicher Innovation, an sich selbst krepierte und die Ungarn, na endlich!, an den Segnungen, na ja, und so weiter, ein paar Bröselchen und Bröckchen, mal sehen, immerhin Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechte und kein Todeszaun mehr. Und ab sofort: Invasion in die Wiener Mariahilfer Straße! demokratisches Chaos! Glücksrittertum! Verblödung auf westlichem Boutiquenniveau! Großungarnträume! Europa, wir kommen! EU-Beitritt, dazu Ihr O-Ton: "Früher war ich ein Osteuropäer, dann wurde ich in den Rang eines Mitteleuropäers erhoben - das waren schöne Zeiten, es gab Visionen und Bilder von der Zukunft. Vor einigen Monaten bin ich ein neuer Europäer geworden, doch bevor ich mich an diesen Zustand hätte gewöhnen oder ihn hätte ablehnen können, bin ich nun ein Nicht-Kerneuropäer."

Esterházys Werk wird nur zugänglich vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Dramatik. Als er die Bühne betritt, zeichnet sich in der Literatur Ungarns eine Wende ab, verbunden mit dem Schaffen Miklós Mészölys. Signale kommen auch aus der polnischen, serbischen und tschechischen Literatur; es ist kein Zufall, dass viel später in einem der Esterházyschen Romantitel der Name Bohumil Hrabals auftaucht, ein wesentlicher Altvater der östlichen Postmoderne. In Ungarn selbst erfolgte in den Siebzigerjahren ein Generationenwechsel, der zugleich einen literarischen Umbruch andeutete. Den alten Realisten, mehrheitlich an die lockere Leine des gewieften Kulturmanagers der Partei, Révai gelegt, folgten jüngere Leute nach mit deutlicher Absage an die gewohnten Schreibweisen. Im Nachhinein lässt sich sagen, mit den Autoren Mészöly, Lengyel, Nádas und Esterházy verbindet sich etwas sowohl inhaltlich als auch strukturell Neues, insbesondere mit Esterházy setzte eine Art Spracherneuerung ein. Denn es fällt auf, dass trotz aller kommunistischer Verkündigungen vom "Neuen Menschen" und von der "Befreiung der Arbeiterklasse" die literarischen Werke des sozialistischen Realismus selten höhere Qualität erreichten; nicht nur blieben sie meist tief im Kleister alten Denkens stecken, dieser wurde auch noch eingedickt mit dem "schleimigen Schleier der kommunistischen Macht" (Esterházy).

Dagegen wandten sich die neuen Autoren, stellten das Individuum als Subjekt wieder her, ließen es leiden und lieben und verzweifeln und Flucht ergreifen vor den Parteigewissheiten und es ziehen in die wirklichen Ungewissheiten des Lebens. Für den Überdichter Gyula Illiés und den Oberzensor Révai hatte man nur Spott und Verachtung über, die Ehrfurcht vor der proletarischen Frau ("Schwielenmamikult") wurde mit Alltagssprache gekippt (die Ankunft des Begriffs "Tussi" im literarischen Ungarn). Man schlachtete die Literatur des "Klassenfeindes" aus und begann leidenschaftlich, ausländische, vorwiegend westliche, gerne auch lateinamerikanische Gäste in seine Texte einzuladen, von Nietzsche bis Borges, führte lebhafte Gespräche mit ihnen, nicht zuletzt über die beschränkten politischen Verhältnisse, fein ironisch natürlich, da musste der Leser schon mal, wie in Esterházys Kleine ungarische Pornographie, in den vom Autor selbst geschwärzten Stellen lesen. Dies wiederum erforderte neuartige dialogische Redeweisen, und gerade Esterházy ist jemand, bei dem man den Eindruck hat, er will beim Schreibprozess nicht allein sein, daher erfindet er sich bald eine nette Schwätzerrunde, versammelt sie auf seinem Schreibtisch, und dann fabuliert er drauflos und klappert das ganze Geschwafel in den Computer, man sieht ja, was dabei rauskommt, intertextuell, sagen die Sprachwissenschaftler dazu und lachen sich eins. Und so geht das immer weiter und wird immer üppiger, immer barocker, bis Esterhazy in die himmlische Harmonie explodiert. Denn eines ist, bei aller Unklarheit, ganz klar ...

Wenn schon allein in Ungarn binnen eines halben Jahrhunderts so ein unbeschreibliches Kuddelmuddel herrscht, wie lässt sich dann überhaupt die Welt beschreiben? Schon in seinem ersten Roman, dem gewissermaßen programmatischen, nicht übersetzten Produktionsroman begibt sich der Autor auf "die Suche nach dem richtigen Wort, um etwas sagen zu können". Mittlerweile hat er einen weiten Bogen geschlagen, auch Ungarn hat das, auch die Welt - lässt sich eine vorläufige Bilanz ziehen?

Es gibt eine Art Verbindungslinie zwischen dem Produktionsroman (1976), der Einführung in die schöne Literatur (1986) und Harmonia Caelestis (2000). Ich folge hier einer Argumentation der Expertin Julianna Wernitzer, die vom "Esterházy-Garten" spricht, "in dem die Idee des Buches als Textuniversum und komplettes Verweisungssystem ... stark präsent ist". Sie ist eine sehr gescheite Frau und kann das alles, in den "Marginalien" zu Harmonia Caelestis in wunderschön ziselierten literaturwissenschaftlicher Ornamentalik ausdrücken. Danke! Ich hole mir das auf die sinnliche Ebene, betrachte mir Esterházy Peters Foto, der barocke Mathematiker, typisch, denke ich mir, wie der Herr, so seine Bücher. Jahrelang hatte ich einen Hausaltar, zwei kleine Cherubime aus Nussholz, einer blies die Posaune, einer zupfte die Mandoline, dazwischen die Festplatte meines ersten Computers, darauf ein paar Autorenfotos festgepinnt, so auch dieses. Denn dieser Esterházy ist im Grunde einer, der erst einmal alles aufschraubt, zerlegt, den einzelnen Trümmern neue Begriffe gibt, die er aus Tausenden anderen Büchern stibitzt, ein ziemlich genialer Monteur, der die Grille hat, aus dieser unendlich filetierten Welt sowohl in der Zeit als auch im Raum eine ganze zu basteln.

Dabei kann noch so großes Unbill über ihn hereinbrechen wie zu schlechter Letzt über alle Meineväter eine IM-Akte zum geliebten leiblichen Vater. Darüber wurde weidlich geschrieben, doch sollte seine Umgangsweise auch Feinden zu denken geben, denn Peter Esterházy erwies sich hier auch als politische Integrationsfigur. Vom Dekonstruktionsroman zu Harmonia Caelestis - die Titel sprechen für sich, sie sind des Sprachkünstlers Programm.

"Möglicherweise", lautet einer seiner Sätze, "gilt für den Roman ..., dass auch der Roman saturiert ist, dass kein Weg mehr weiterführt ..." Aber erst möchte er wohl alle Möglichkeiten ausreizen.


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00:00 08.10.2004

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