In drei Tagen durch die ABM

Reportage Manchmal zwingt das Arbeitsamt Arbeitslose, anderen Arbeitslosen Arbeit zu vermitteln, die es nicht gibt. Eine Geschichte in zwei Teilen

Erschrecken Sie nicht! Mein Name ist Bauer", stellt sich die Unbekannte am Telefon vor und fährt nahtlos und entschlossen fort:
"Ich habe Ihre Nummer vom Arbeitsamt."
Ich erschrecke.
Frau Bauer hat ein Anliegen. Es eilt und quillt aus ihr heraus. Sie möchte, dass ich arbeite, im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme soll ich Arbeitslosen Arbeit beschaffen. Sofort. Ob ich morgen früh bei ihr vorsprechen könne. Frau Bauer ist Profi. Sie stellt eine kurze Frage und senkt dabei ihre Stimme, so dass eine kleine Drohung frei wird, ein Hinweis, falls ich schwerhörig bin, der ungefähr lautet: ›Ich hocke hier nach Feierabend und wähle mir die Finger wund. Versuch´s nicht auf die krumme Tour. Das Arbeitsamt und ich, wir sagen uns alles. Ich habe nicht nur deine Nummer von denen. Ein falsches Wort, und dein Arbeitslosengeld, deine Existenzgrundlage ist futsch.‹
Mein linker Arm reißt mir den Hörer vom Ohr und will ihn auf die Gabel knallen. Ich rufe ihn zurück und wage eine Nachfrage:
"Ja, das klingt interessant. Klar kann ich morgen, ich stehe ja dem Arbeitsmarkt immer zur Verfügung. Bloß, wissen Sie, ich hab noch nie jemandem Arbeit vermittelt. Ich kenn mich da gar nicht aus, auch nicht mit Arbeitgeber-Akquise."
Frau Bauer, abschließend:
"Das hat keiner gelernt."
Ich gehe früh schlafen.

Vorladung am Morgen
Um halb zehn stehe ich mit meiner Aktenmappe am Gesundbrunnen. Zu früh wie immer. Ich beschließe, mich vorab mit einem kleinen nutzlosen Einkauf im Gesundbrunnen-Center zu Lasten meines baldigen ABM-Gehalts zu belohnen. Beim Durchblättern der Kleiderständer ertappe ich mich: Ich suche gediegene Bürokleidung, unauffällig praktisch, knitterarm zwischen grau und beige. Habe ich schon aufgegeben?
Voilà, exakt zehn Uhr, die Eisentür links ist unbeschriftet, die Eisentür rechts ziert ein mit Tesa-Krepp befestigtes A4-Blatt mit der Aufschrift ZET. Das ist es. Ich drücke einen kleinen Knopf, zeitgleich schnarrt der Öffner, ich trete in die ABM-Welt.
Sie liegt im Halbdunkel, links und rechts je drei geschlossene Türen, geradeaus am Ende eines abgetretenen farblosen Läufers die Tür zum siebten Zimmer, durch deren Spalt etwas Tageslicht in den Flur fällt. Während ich beschließe, den Läufer abzuschreiten, tritt aus der halboffenen Tür am Ende des Ganges eine kleine runde Person, die sich gemächlich auf mich zu bewegt. Etwas zieht sie zurück, und sie scheint unentschlossen, ob sie es wirklich bis zu mir schafft. Ich rufe ihr aufmunternd meinen Namen und mein Anliegen zu und gehe ihr entgegen. Sie guckt mich kurz an und dann an mir vorbei.
"Zu Frau Bauer? Die ist aber noch nicht da."
Pause.
"Können sich ja mal hier reinsetzen", sagt sie mit kraftloser Stimme und stößt die Tür zu einem Kabäuschen auf, drei mal zwei Meter, schätze ich, ein Furnierbürotisch, ein Stuhl davor, ein Stuhl dahinter.
Die Frau ist verschwunden, die Tür angelehnt. Ich knipse das Deckenlicht an und gleich wieder aus, es hilft nicht. Ich gehe die zwei kleinen Schritte zum Fenster, schiebe zwei vergilbte Vorhänge und zwei deprimierte immergrüne Topfpflanzen auseinander und hänge meinen Mantel dazwischen an den Fenstergriff. ABM riecht, denke ich. Es ist ein Sauerstoffmangelgeruch.
Eine kleine Ewigkeit später steht die runde Frau hinter mir und hält mir ein schnurloses Telefon hin. Frau Bauer sei dran, für mich. Mir gefällt dieser Moment, wo ich Frau Bauer in der Hand halte und weiß, dass eine Entschuldigung fällig ist.
"Es tut mir leid", knarzt es kehlig und gebrochen aus dem Hörer, "ich bin krank."
Ich setze an zu einem beschwichtigenden "Klar, kann doch passieren", bis ich merke, dass niemand reagiert. Ein Röcheln, Wasserspülung, dann ist Frau Bauer wieder am Hörer, entschuldigt sich, spricht von Erbrechen, Durchfall, ist wieder verschwunden, kehrt zurück und schlägt ein Treffen am Nachmittag oder am Abend vor. Ich frage nach, ob sie sich sicher sei, dass dann alles wieder o.k. ist.
"Ja, muss ja. Das wird schon", antwortet tapfer und aus rauem Halse Frau Bauer.
Wir verabreden einen neuen Versuch am Abend, ich nehme ungerührt eine weitere Entschuldigung entgegen, drücke auf Gesprächsende und lege Frau Bauer im Büro bei der kleinen runden Sekretärin zurück auf ihre Feststation. Während die Frau geduckt vor ihrer leeren Schreibunterlage kauert und auf den Hörer starrt, als warte sie auf seine Anweisung, stehe ich neben ihr und berichte, dass ihre Chefin krank sei, am Abend aber wieder gesund sein wolle und wir dann verabredet seien.
Ich verabschiede mich und stapfe irgendwie gestärkt durch den trüben Flur ins Treppenhaus, der Aufzug wartet schon, und springe mit neuer Spannkraft aus der Falle.

Vorladung am Abend
Prinzenallee, Hinterhof, Lastenaufzug, ich kenne den Weg und weiß, dass ich dran bin. Knopfdruck, Türschnarren, wieder trete ich in den fahlen Flur und stoße mit der Tür beinahe gegen eine hohe, runde, mit dunklem Stoff behangene Säule. Es fallen Wörter aus ihr heraus:
"Bauer. Da sind Sie ja schon, sehr schön."
Ich schaue auf in ein weißes, flächiges Gesicht mit kleinen geröteten Äuglein, die sich im selben Moment abwenden. Die Säule dreht sich und steuert einen der hinteren Räume an. Ich folge ihr und strecke ihr zusammen mit einem Gruß meine rechte Hand entgegen. In dieser ausweglosen Situation lege ich also Wert auf Formen, stelle ich überrascht fest und beobachte, wie Frau Bauer eine kraftlose weiße Patschhand aus den Gewändern zieht und feuchtkalt in meine fallen lässt.
"Ja, Entschuldigung", nuschelt sie dazu, und dann folgen auf dem kurzen Weg zum Kabäuschen weitere allgemein gehaltene Entschuldigungen.
Sie stößt die Tür auf, schaltet das tranige Deckenlicht ein und macht eine Handbewegung Richtung Stuhl. Ich setze mich, diesmal im Mantel, auf den Holzstuhl mit Blick in den grauschwarzen Abend und ziehe meine Bewerbungsmappe aus der Tasche. Sie steht neben mir und schnappt zu.
"Ich nehm das mal mit nach nebenan. Hier hab ich einen Fragebogen und ein paar Infos. Können Sie schon mal ausfüllen. Komm dann wieder. Wir sind allein hier."
"ZET - Zusammen, Effizient, Tatkräftig", verspricht vierfarbig die Frontseite des Faltblattes. Zusammen-effizient-tatkräftig ist gemeinnützig, beschränkt haftbar und macht alles, berät, betreut, bildet, versorgt Alte, Junge, Arbeits- oder Obdachlose in zehn Bezirken der Stadt, wobei das Herz im Osten schlägt.
Frau Bauer kehrt zurück. Wie die Lehrerin damals in der Volksschule schaut sie mir über die Schulter, ob ich meine Aufgabe erledigt habe, und entzieht mir die Papierbögen. Sie klopft sie auf der Tischkante in Form und nimmt mir gegenüber Platz.
"Für mich ist alles klar. Haben Sie noch Fragen?", ruft sie mich auf und sieht mich zum ersten Mal kurz an. Ich könnte ihr jetzt lauter unmögliche Fragen stellen, Macken zur Aufführung bringen, lallen, ihr meine Lebensgeschichte hinsabbern. Statt dessen höre ich mich fragen, wann und wo die Sache stattfinde.
"Wollen sie morgen beginnen oder erst übermorgen?"
Als ich ohne Zögern "übermorgen" antworte, sehe ich in ihrem wächsernen Gesicht ein kleines Aufglimmen. Die Katze lässt die Maus noch einmal davonspringen. Sie steht auf, reicht mir ihre Tatze, öffnet die Tür und deutet schmallippig ein Lächeln an:
"Bis übermorgen!"


Zuhause sitzen wir am Tisch, klassisch, Mann, Frau, zwei Kinder, und essen bei Kerzenschein Reis und Gemüse. Ich möchte noch ein bisschen so tun als ob, als ob nichts wäre. Ich kaue und kaue, aber dann ist der Mund leer, und die Kinder schauen mich forsch und auffordernd an. Sie wollen es wissen.
Werde ich von nun an wie sie einer geregelten Tätigkeit nachgehen? Sie hätten gerne eine klar definierte Mutter, die ihnen nicht nach der Schule mit Fragen auflauert, sondern zuverlässig neun Stunden aushäusig ist.
"Noch ein Tag", sag ich und spieße Möhren- und Lauchscheiben auf die Gabel, "ich hab noch einen Tag."
"Was sollst du denn machen?"
"Leute wie mich beraten, schwierige Arbeitslose. Zwangsberatung. Die werden vom Sozialamt oder vom Arbeitsamt zu mir geschickt, und ich soll die Spreu vom Weizen trennen. Wer nicht mitspielt, kriegt kein Geld mehr. Gilt für alle, für die und für mich. Kernzeit acht bis sechzehn Uhr. Ich darf früher anfangen und länger bleiben. Null Tageslicht."
"Normaler Arbeitstag eben", sagt die Große schulterzuckend und guckt mich mit naturwissenschaftlichem Interesse an.

Erster Tag
"Ich gehe zur Arbeit", rufe ich hinter mich in die Wohnung und lasse die Tür ins Schloss fallen.
Am Nebeneingang des Krankenhauses, hinter dem Krisendienst Nordost, soll ich warten, hat Frau Bauer gesagt. Im Mülleimer stecken inmitten leerer Bierbüchsen zwei ausgetretene, schmutzige Schuhe. Daneben stehe ich. Frau Bauer kommt mir entgegen. Sie sieht immer noch schlecht aus, blass und verquollen, sie hat eine zweite Frau, die andere Neue, im Schlepptau. Zu dritt betreten wir den Bau, lassen in der kärglich beleuchteten Eingangshalle eine "Psychiatrische Tagesklinik" rechts liegen und steigen in den ersten Stock. Rechts lädt mich der "Sozialpsychiatrische Dienst" ein, links der "Krisendienst Nordost". Dazwischen der Sozialamtsgang, leere orangefarbene Sitzschalen neben zerfledderten Zeitschriften, nirgends ein Mensch.
Wir gehen durch ein Verbindungszimmer in ein kleines Büro, zwei Schreibtische, Aktenordner, hängend und stehend, ein Kalender vom Vorjahr. Wir sollen warten. Die andere Neue, eine kleine kräftige Frau, etwas älter als ich, guckt mich fragend und freudlos an. Zwei Geworfene, bieten wir uns ohne Zögern das Du an. Magda heißt sie.
Frau Bauer kommt mit einer Frau und drei Herren zurück. Dies sei eine Begrüßungsrunde für die neuen Kolleginnen, sagt sie. "Wir machen nicht lange, ich muss gleich weiter. Mich kennen ja alle, fangen Sie doch mal an, Herr Wächter."
Ruppig ist sie also immer, denke ich, während Herr Wächter auf seinem Drehstuhl ruckelt. Er trägt ein blumenbesticktes Hemd unter seinem Janker und ist im 55plus-Programm, das heißt, er kann bis zu seiner Berentung in der Beschäftigungsagentur arbeiten, sollte sie so lange existieren. Und er möchte das sehr gerne tun.
Der junge Mann neben ihm sagt:
"Trübswasser"
und spricht dann extrem langsam und immer auf einem Ton, als wolle er die Umsitzenden in Trance versetzen, davon, dass er Psychologe sei, auf ABM, und die Arbeit hier im schon viel gebracht habe. Die Sekretärin, wach, Henna-gefärbt und 55plus, belebt die Szene mit einfachen Worten und klarem Blick. Sie sei "das Mädchen für alles" und heiße "Huhn".
Während ich mich darauf konzentriere, was ich sagen soll, stelle sich neben mir Magda vor. Psychologin, aus Polen stammend, jahrelange Praxis in Flüchtlingslagern und jetzt von einem Tag auf den anderen hier gelandet, sagt sie mit mit deutlichem Akzent und wünscht sich eine gründliche Einarbeitung in dieses ihr fremde Aufgabengebiet. Ich schließe mich dem an, betone meine Ahnungslosigkeit als Arbeitsvermittlerin und dass ich es bisher mit Projektaufbau und mit Krisen zu tun hatte, wo es meine Aufgabe war, die Klienten zu schützen vor den Zumutungen der Ämter. Freiwilligkeit und Verschwiegenheit seien die Grundpfeiler meiner Arbeit gewesen.
Frau Bauer runzelt die Stirn und nickt dann dem Anzugherrn zu. Er sei der Koordinator der Maßnahme, Müller sein Name, er koordiniere die beiden Standorte der Beschäftigungsagentur, sei auch auf ABM und verlasse uns in 14 Tagen.
Frau Bauer, erklärt die Runde für beendet, Herr Trübswasser werde uns einarbeiten. Jetzt sollen wir noch die Verträge unterschreiben. Sie legt uns einen Stapel Papier hin und verlässt mit den anderen den Raum.
Magda öffnet das Fenster. Da mag ich sie. Wir vergleichen unsere Gehälter, sie liegen exakt auf der amtlichen Zumutbarkeitsgrenze. Vor zehn Jahren als Berufsanfängerin verdiente ich auf ABM tausend Mark mehr. Für jedes Jahr Lebens- und Berufserfahrung werden mir also hundert Mark im Monat abgezogen. Nach Durchsicht aller Schweigepflichterklärungen und sonstigen Belehrungen warten wir mit dem Unterschreiben, bis uns Frau Bauer ein paar Fragen beantwortet hat.
Warum kein Weihnachtsgeld? Das sei nicht mehr üblich bei ABM.
Warum weniger Urlaubstage? Das sei so möglich bei ABM.
Warum kein volles Jahr? Das mache nichts, das mit dem Arbeitsamt könne man schon drehen.
Warum schon am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest? Der Krankenstand sei so hoch, bei den Jugendlichen bis zu neunzig Prozent.
"Das ist alles juristisch geprüft, hieb- und stichfest", fegt sie unsere Bedenken beiseite und drängt uns zur Unterschrift. Ich weiß nicht warum, aber wir unterschreiben. Vielleicht weil wir danach raus können. Wir verabschieden uns, gehen grummelnd durch das von modrigem Kohlgeruch erfüllte Treppenhaus.


Zu Hause berichte ich.
"Musst du alles aufschreiben. Material sichern", empfiehlt mein Mann. Die Töchter wundern sich nur, wie kurz mein Arbeitstag war.
Vor dem Schlafengehen beschließe ich:
1. alles aufzuschreiben
2. so wenig Zeit wie möglich dort zu verbringen
3. zu spät zu kommen
4. zu früh zu gehen
5. niemanden auszuliefern
6. das Spiel zu spielen
7. bald zu verschwinden.

Fortsetzung folgt


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 30.08.2002

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare