In Düften denken

Widerstand Reformpädagogin in der Nazizeit: Alma de l’Aigle lernte im Garten das Menschsein

Wir hatten nicht viel Zeit, wir hatten überhaupt keine Zeit mehr. Wir waren aus der Zeit heraus. Alles, was wir taten, wurde uns sofort sinnlos.“ Diese Zeilen schrieb Hans Erich Nossack, fünf Jahre nachdem Hamburg unter dem Feuerorkan der alliierten Operation „Gomorrha“ in Schutt und Asche sank. Sein Überleben hatte er dem Zufall zu verdanken. Mit seiner Frau verbrachte er zum Zeitpunkt des ersten Großangriffs vom 24. auf den 25. Juli 1943 einige Tage in einem Dorf in der Lüneburger Heide. Dort wurden sie Augenzeugen davon, wie „die Stadt als Ganzes“ unterging und wie sie selbst, mit einer Million Flüchtlinge, aus der Zeit herausgebrochen wurden.

Sein Text Der Untergang legt Zeugnis ab vom sogenannten „Feuersturm“ wie auch vom inneren Ausbrennen angesichts eines unfassbaren „Gesamtschicksals“. In einem anderen Hamburger Text von 1948 findet sich nur ein einziger direkter Hinweis auf „die Hamburger Katastrophe“. Und dennoch ist er gerade in seiner konzentrierten Sinnlichkeit und poetischen Verhaltenheit ein großartiges Dokument des Überlebens.

Die Biene erzieht dich

Alma de l’Aigles Ein Garten ist im Wortsinn ein Hort des Widerstandes gegen den Wahn des Gleichschaltens. Sie hält im Dritten Reich unter widrigsten Umständen an ihren reformpädagogischen Grundsätzen fest, mit denen sie sich gegen Johanna Haarers paramilitärisches Kindheitsbild wehrt, entreißt diese Grundsätze im Winter 1944 auf den 500 Seiten des Buches Die ewigen Ordnungen in der Erziehung der drohenden Vernichtung, bringt ihre überlebenden Schützlinge unmittelbar nach „Gomorrha“ in eisern zusammenimprovisierten Unterrichtswochen durchs Abschlussexamen. Ein Garten handelt von einem 8.000 km² umfassenden Grundstück in Eppendorf, das der Jurist Alexander de l’Aigle über die Jahre, so empfinden es jedenfalls seine drei Töchter, zu einem Raum gestaltet, in dem sich romantische und lebensreformerische Ideale zu einem großen Versprechen verdichten. Gewachsen wird hier gleichermaßen gegen den wilhelminischen wie den faschistischen Untertanengeist. Ein Garten ist die Liebeserklärung einer Reformpädagogin an das Wachstum der Pflanzen – das „allerursprünglichste Geschehen“, zu dem unser Geist zurückkehren müsse.

Der Text, der sich am besten als Sammlung gartenkundlicher Kalenderblätter charakterisieren lässt, ist ein Gewebe aus Wachstumsgeschichten verschiedener Bäume und Pflanzen, die sich am Zyklus der Jahreszeiten orientieren und die uns eine „Zuflucht vor aller Bürgerlichkeit“ gewähren sollen. Obwohl Kulturtechniken des Gestaltens, Pfropfens oder Veredelns bei diesen Wachstumsgeschichten eine große Rolle spielen, fügen sie sich nie zu einer Überschätzung der Bildung. All diese Kulturtechniken, so nämlich die tiefe Überzeugung der Reformpädagogin, funktionieren nur, wenn sie sich dem Lebensgewebe als etwas Gewachsenem einfügen. Tun sie das nicht, werden sie Werkzeuge der Kontrolle und Vereinheitlichung.

Ein lebendiger Garten ist für sie also die Erfahrung der menschlichen Lust, zu formen und geformt zu werden, und das umfasst auch die Bereitschaft zum Lassen-Können: Der Gärtner ist derjenige, der um die Kraft der großen organischen und anorganischen Zusammenhänge weiß und sich von diesem Wissen selbst erziehen lässt. Ein lebendiger Garten ist ein Ort, durch dessen Gestaltung man sich eine gewisse Autonomie und Autarkie erarbeitet, an dem aber auch jederzeit die blaue Blume wachsen könnte. Wo sich, „wie überall in Schleswig-Holstein, Schwarzdorn und Weißdorn, Traubenkirsche, Holzapfel, Hainbuche und Faulbaum zu einer wuchernden Hecke“ zusammenschließen, dort könnte sie beispielsweise wachsen. Oder mitten auf dem „Tummelplatz der Windgötter“ oder neben dem selbst gebauten Lehmherd oder unter den Gravensteiner-Apfelbäumen und den Beurré-gris-Birnen. So wird der Text zu einem alternativen Bildungsroman, in dem Akeleien, Stachelbeeren, Bienen und Kröten die Rolle von Wilhelm Meisters Turmgesellschaft übernehmen.

All dies könnte de l’Aigle als Flucht in die heile Welt der Gartenlaube ausgelegt werden – und diese Lesart hat in der Tat eine eigenständige historische Würdigung des Textes bis heute beeinträchtigt. Dabei ist gerade ihre radikale Einbettung der menschlichen Identität in die Fähigkeit, Lebensprozesse als sinnlichen Austausch und Rhythmus zu spüren, ein dauernder Kampf gegen die systematische Gleichschaltung aller Lebensprozesse in Nazi-Deutschland.

Der Coup der Margeriten

Die ungemeine geistige Spannkraft, deren es bedurfte, um reformpädagogische Ideale wenigstens ansatzweise zu erhalten, lässt sich nachträglich nicht ermessen. In jeder Vibration eines Blattes, in jedem Schimmern einer Blüte werden sowohl die unermessliche Kraft wie auch die ständige Gefährdung des Lebens unter diesen Bedingungen erfahrbar.

Ihre Betonung des Eigenrechts von „Wildheit, Harz- und Waldduft“ lässt sich nur verstehen vor ihrem Bemühen, damit alternative Formen der Gemeinschaftlichkeit zu ermöglichen. Was ihr als Eskapismus ausgelegt wurde, war das tiefe Vertrauen, dass sich selbst in dürftigster Zeit die Grundlage legen lässt für lebenszugewandte Formen der gemeinsamen Menschlichkeit. Das ist vielleicht nicht der gleiche Mut, wie er unserem Bild des Widerstandskampfes entspricht, es ist gleichwohl Widerstand.

Was de l’Aigle als ihre eigene Kindheit im Garten beschreibt, ist ihr pädagogisches Credo – und ihre pädagogische Praxis. Denn so, wie sie ihre Leser an ihrer Welt teilnehmen lässt, so muss man sich auch ihren Unterricht vorstellen. Text und Praxis sind ein Manifest der Selbstbehauptung, kein Rückzug: Ihr geht es darum, durch die sinnliche Interaktion mit den Pflanzen in ihren Schülern überhaupt erst den Sinn für alternative Ausdrucksformen des Lebens jenseits der gleichgeschalteten zu zeigen. Aus ihrer Schilderung bestimmter Rituale wie der Zubereitung des Stachelbeer-Auflaufs oder des Johannisbeerweins und des vorweihnachtlichen Lichtergießens spricht nicht nur der Wunsch, Kulturtechniken zu dokumentieren. Sie macht auch unaufgeregt ihren überlebenswichtigen, Gemeinschaft stiftenden Wert spürbar angesichts des „Grausen(s) vor der verzehrenden Flamme“. Und sie spricht von der Wichtigkeit, sich als Teil natürlicher Lebenszusammenhänge zu wissen: „Währenddes fing auch die Obstwiese selbst an zu blühen. Zwischen den Grassamen waren damals wohl versehentlich Samen von Margeriten gewesen. Jedenfalls konnten die Erwachsenen es sich nicht anders erklären, dass der ganze Obstgarten, sobald der Sommer anfing, sich besternte mit den weißen Blüten, größer und schöner, als sie irgendwo in der ganzen Umgebung Hamburgs wild wuchsen.“

Allerdings ist der Riechsinn für sie der wichtigste, der unabhängigste, der wildeste und gleichzeitig verlässlichste der menschlichen Sinne. In ihrer Schilderung teilweise verschwundener Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Zwetschgensorten spielen Düfte eine zentrale Rolle. Die Fähigkeit, in Düften zu denken, steht stellvertretend für all das, wofür diese jugendbewegte Jungsozialistin gekämpft hat: eine Kindererziehung zu Freiheit und Lebendigkeit, ein Ethos nicht entfremdeter Arbeit, Ausdrucksvielfalt als Garant demokratischen Zusammenlebens.

Für uns heute entfalten diese Blätter in ihrer stoischen Intensität, selbst in den literarisch weniger gelungenen Passagen, eine weitere existenzielle Dringlichkeit. Denn sie führen uns mit aller Deutlichkeit die Verluste unserer durch die instrumentelle Vernunft begradigten Welt vor Augen: den nahezu totalen Verlust an Erfahrungswissen über die Nahrung, die wir zu uns nehmen; den nahezu totalen Verlust natürlicher Zeithorizonte und Lebensrhythmen in unserer Alltagsgestaltung; die Überprägung unserer sinnlichen Begabungen durch eine totalitäre Ausrichtung auf Visualität. Ihr lebensreformerischer Widerstandstext gegen jede Form der Gleichschaltung konfrontiert uns heute mit neuen brennenden Fragen – nicht zuletzt danach, wie eine lebenskluge Reformpädagogik im Anthropozän aussehen könnte. Sie bräuchte auf jeden Fall das, was Alma de l’Aigle nicht nur im Namen trug: die Seele eines Adlers.

Info

Ein Garten Alma de l’Aigle Judith Schalansky (Hg.), Matthes & Seitz 2019, 228 S., 22 €

Adlerseele

Alma de l’Aigle (1889 – 1959) wurde in Hamburg geboren. Sie besuchte das dortige Lehrerseminar und die Kunstgewerbeschule und arbeitete als Lehrerin für „Schwachbefähigte“, bis sie 1944 aus dem Schuldienst entlassen wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg trat de l’Aigle den Jungsozialisten bei und war 1919 an der Gründung des Hofgeismarer Kreises beteiligt. Nach 1945 kämpfte sie gegen eine Aufrüstung der BRD und war 1953 Gründungsmitglied des Deutschen Kinderschutzbundes. De l’Aigle schrieb zahlreiche Kinderbücher und Eltenratgeber. Sie gilt als wichtige Wegbereiterin der Sonderpädagogik.

06:00 16.06.2019
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