In einer verprügelten Stadt

Cottbus Umgeben von Plattenbauten und Naziterror hat Ranjder Abdulrahman sein Geschäft. Ein Besuch
In einer verprügelten Stadt
Von Pelmeni bis Udon-Nudeln: Das Geschäft von Ranjder Abdulrahman ist ein Tor zur Welt

Foto: Lennart Laberenz für der Freitag

Draußen die Stadt, drinnen die halbe Welt. Entschuldigender, lächelnder Tadel: „Sie hätten früher kommen sollen, jetzt ist es voll.“ Ranjder Abdulrahman, geboren 1985 in Halabdscha, drei Jahre später von der irakischen Luftwaffe mit Giftgas bombardiert, steht hinter der kleinen Theke seines Ladens in Cottbus, jener brandenburgischen Stadt, die derzeit Schlagzeilen wegen Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremen und Flüchtlingen macht. Abdulrahman kassiert, legt Dosen-Mortadella in die Tüte, darüber ein Fladenbrot. Jemand fragt nach Mayonnaise, hat eine Flasche in der Hand. „In der ist Knoblauch“, sagt Abdulrahman. Irritierter Blick, rötlicher Bart, Lederjacke, Turnhose: „Gibt es Mayonnaise ohne Knoblauch?“ Abdulrahman lacht. Ein Syrer, noch keine 30, sucht Frischkäse, will aber keinen libanesischen, sucht eine Decke für den Besuch, hält die Schlange auf, geht nach hinten, kommt mit Okraschoten. Fachgespräche über gefüllte Weinblätter: Dose? Lose Blätter selber füllen?

Abdulrahman spricht Arabisch, Kurdisch, Farsi mit Afghanen, Farsi mit Iranern, das sind verschiedene Dinge. Erklärt einer Frau auf Deutsch, wo die Moschee ist. Er legt glatte Petersilie in die Tüte, kommt mit Türkisch und Turkmenisch klar, einer kehrt zurück, hat etwas vergessen, natürlich gibt es Schutzhüllen fürs Telefon, diese gerade nicht, drei aus der Schlange reichen sich Brillen und Gerät, finden die Nummernkennung, Abdulrahman schreibt, wird sich kümmern. Nächste Woche, alhamdulillah, ist sie da. Der nächste Kunde braucht eine SIM-Karte, spricht nur Englisch, Abdulrahman erklärt, was „Guthaben“ bedeutet, nach Afrika telefonieren: kein Problem. Einer hat Tee vergessen. Neu anstellen? Gelächter. Eine Frau aus Westafrika stellt ihren Kinderwagen in den engen Eingang, Makrelen, Reis, fragt nach Yamswurzeln. Der junge Syrer hat jetzt an jedem Finger zwei Tüten, die Decke unterm Arm, tja, zu spät das Joghurtregal gesehen, muss er wiederkommen, jemand schiebt den Kinderwagen beiseite, so können sie wieder hinausgehen, in die Stadt.

Ein Laden, viele Länder

Wer von draußen eintritt, grüßt. Abdulrahman grüßt zurück. Zu 70 Prozent auf Arabisch. Oder jemand kommt aus Deutschland, der grüßt dann eher nicht, steht vor Weizengrütze, Bulgur, Kardamom, weiter hinten die Kaffeetiegel aus Kupfer und Blech, sucht „Masala-Gewürz“, hat einen Zettel. „Ich glaube“, sagt Abdulrahman milde, „Masala heißt einfach Gewürz.“ Wer dem jungen Mann, blonde Haare, dicke Kette, sehr viel Heavy-Metal-T-Shirt um den ausgebeulten Körper, das aufgeschrieben habe? „Eltern, ham die aus’m Internet.“ Raten, Männer nehmen Gewürztüten in die Hand, eine Pakistanerin kommt von den Gemüsekisten zurück, drückt ihrem Mann Schachteln in die Hand, übernimmt den Heavymetaller, Abdulrahman kann hinter die Kasse. „Guter Tag heute, erster Februar, die Leute haben wieder Geld.“

Das ist so ein Ort in dieser Stadt, Inter-Food Bazar, in der Ecke eines hoch aufragenden Plattenbaus, man tritt ein und es wird einem warm. Draußen mustern einen Menschen scharf oder blicken starr zu Boden, in der Tram hat gerade jemand „No Asyl – 88“ geschmiert, es riecht noch nach Stift. Im Laden grüßen sie, nicken, schwatzen. Man kommt zum Einkaufen, zum Problemelösen. Es riecht nach der halben Welt.

Nach Cottbus kam Abdulrahman 2011, sagt: „Zum Glück mit meiner Frau“, sie sind Kurden, lernten sich in Sulaimaniyya kennen, wo Ranjder aufwuchs, mit neun Jahren von der Schule ging, zu arbeiten begann, weil: „Irgendwas musst du machen, wenn du kein Brot hast und keine Schuhe.“ Er machte alles, lackierte als Kind Autos, hatte später einen kleinen Laden, da lernte er seine Frau kennen, heute ist die Tochter neun, die Lehrerin sagt, sie spreche besser Deutsch als viele Deutsche, der Sohn ist zweieinhalb. „Wir arbeiten jung, heiraten jung, sterben jung.“ Abdulrahman lacht.

Zweimal die Woche fährt er um vier in der Früh nach Berlin, klappert Großmärkte ab, kauft, was östlich von Pelmeni beginnt und bis Udon-Nudeln reicht. Was nach Wüste schmeckt, nach arabischen Städten, Indien, Thailand, Tschetschenien. Abdulrahman hat einen Partner, der Laden 70 Quadratmeter, zwei Jungs helfen aus. Ladenhüter? Er zeigt auf chinesische Barbecue-Sauce. Kundenempfehlung, sie haben genau eine Dose verkauft.

Monatsanfang, Männer kommen mit klaren Aufträgen, Frauen suchen Neuigkeiten, man überlegt, was es zu essen geben soll. Abdulrahman gibt einem Iraner eine Decke, er soll sie ausprobieren, kann morgen zahlen. Ab Monatsmitte schreibt er an. Meist steht er hinter der Kasse, sieht durch die Fenster einen winzigen Ausschnitt der Stadt, weiß, dass sie einmal sehr reich war, als erste eine Tram hatte. Was dann geschah, kann man so überblicken: Kriegszerstörung, danach von Stadtplanern arg verprügelt, erst im Kleinbürgersozialismus, dann im Gewinnerkapitalismus.

Vor dem Laden ein säuerlich wirkender Rasenstreifen. Eine Verkehrsader wie eine Scharte, zwischen Häusern gegenüber ein graues Ungetüm, heißt Galerie, bedeutet: Zwischen spektakulär hässlichen Bauten wölbt sich ein Dach, man darf darunter rauchen, deshalb tun es fast alle. Aus so einer Galerie kommt in diesen Tagen kaum ein Stadtbewohner, ohne von Reportern vernommen zu werden.

Beim kümmerlichen Markt steht ein Kamerateam: Junge Frau, wie ist denn die Situation so? „Ich solidarisiere mich mit den Flüchtlingen, was hier passiert, ist schlimm.“ Ach, nun, wirklich keine Angst? So geht Journalismus. Versuchen wir das auch, Café am alten Markt, Lounge-Gemütlichkeit, zwei jüngere Frauen, Michael-Kors-Fummel, Gesichtspiercing, Nackentätowierung: „Man wird in der Stadt schon mal angequatscht, ansonsten, was man so mitbekommt aus den Medien, ich glaube, alles ein bisschen übertrieben.“ Gekicher.

Cottbus also. Nach zwei Übergriffen junger Syrer klang es wochenlang so, als könne man die Innenstadt praktisch nicht ohne Nahkampfausbildung überleben. Erheblich mehr Lärm in sozialen Medien als nach einer totgefahrenen ägyptischen Studentin, die wohl im Sterben noch beleidigt wurde. Am Bahnhof geht eine Frau mit Pfeil und Bogen, sagt: „Für den Hausgebrauch.“

Alle reden über Angst

Seit Jahren das Grundrauschen von Neonazi-Übergriffen. Jetzt aber: Der Innenminister verfügt, keine Flüchtlinge mehr in die Stadt zu schicken. Der Bürgermeister ruft: „Wir wollen hier keine No-go-Areas.“ Seine Rede im brandenburgischen Innenausschuss kann man so zusammenfassen: Furchtbarfurchtbar ist es mit Flüchtlingen. In jedes Mikrofon ruft er in CSU-Manier nach Residenzpflicht und gegen Familiennachzug, hat einen Strauß Ideen, mit denen er Integration verhindern will, funkt Hilferufe, klagt über „Medienhype“. Daneben hetzt die AfD; eine Bürgerinitiative mit nüchternem Namen und harten Kadern barmt: „Wir haben Angst in unserer Stadt.“

Und dann scheint einfach die Sonne. Menschen gehen in die Center, kommen intakt wieder heraus. Hinter dem Zuzugsstop-Tamtam könnte ein banaler Blick auf Zahlen stehen: Cottbus hat seine Quote übererfüllt. Dass man das mit den Kindergärten nicht gut plante, bemängeln viele. Dass etliche Gymnasien keine Migranten aufnehmen, andere. Dass es Lehrer gäbe, die ungern Gymnasial-Empfehlungen für Kinder aus Einwanderer-Familien schrieben, erzählen zwei Nachhilfelehrer. Kann aber auch ein Gefühl sein.

Und weil es ums Gefühl geht, erstes Fazit: Vielleicht wird, je weniger man beim Inter-Food Bazar einkauft, je weniger man mit diesem Knotenpunkt zu tun hat, die Situation proportional dramatischer. Von Berlin aus hört es sich furchtbar an, sitzt man im AfD-Büro, ist eigentlich Weltuntergang. In Cottbus leben bei 100.000 Einwohnern etwa 4.300 Einwanderer, 1.600 aus EU-Staaten. Die Universität hat knapp 2.000 internationale Studierende. Aber es gibt auch Angst.

„Am meisten misstraue ich der Polizei“, sagt an ihrem Küchentisch Jana Maier, Studentin, Aktivistin, hier unter Pseudonym. Sie ist besorgt, dass man es unaufgeräumt finden könnte, und darüber, was ihr Frauen für eine Studie erzählten. Zusammengefasst: Je traditioneller Kleid und Kopftuch, desto häufiger werden sie angegriffen, bespuckt, beleidigt. Am Tisch sitzt ihr Mitbewohner, studiert Architektur, erzählt, wie organisierte Rechte sie attackierten. Die Polizei nahm ihn mit, was mit den Rechten passierte, ist unklar, gegen ihn läuft eine Klage, jetzt hat er Probleme mit der Ausländerbehörde, er stammt aus Tschetschenien. Maier und ein paar andere hatten sich in der Universität verbarrikadiert, erhielten Nachrichten, draußen säßen Jungs in Büschen, sie riefen die Polizeiwache ums Eck an – stundenlang kam keine Hilfe.

Ihm ist hier nur eines fremd

Sie erzählen von den Sicherheitsfirmen in der Stadt, kurz nach Neujahr prügelten Rechte sich sogar in die Massenunterkunft von Flüchtlingen, ob mit Hilfe der privaten Firma – Ermittlungen laufen. Interessanter Hinweis: Im Büroblock eines privaten Anbieters prangen tatsächlich Aufkleber – „Flüchtlinge, geht nach Hause“. Whatsapp-Nachrichten werden mit „88“ beschlossen. Ein Wi-Fi-Netzwerk heißt „Wolfsschanze“. Ob es eine Verbindung zwischen Polizisten und Sicherheitsfirmen gibt, können die beiden am Küchentisch nicht belegen, haben das Gefühl, dass es die Stadt nicht besonders interessiert.

Zurück zu Abdulrahman, der sagt einen erstaunlichen Satz: „Es ist viel besser geworden.“ Erinnert sich an zwei Jahre im Flüchtlingsheim, ständige Angst, bloß nicht in die Tram, nie seien sie die Blocks entlang ins Zentrum gelaufen, seine Frau war eine von einem Dutzend Kopftuchträgerinnen, ständig seien sie angeschrien worden. Sehr hart, zu dritt von 450 Euro leben zu müssen, erniedrigend, dass 380 davon Gutscheine waren. Lange keine Sprachkurse, ständig Termine, Anträge, Fristen, immer Angst, etwas falsch zu machen. Er fand Arbeit in einem arabischen Laden, Hakenkreuzgeschmiere, einer kam mit Hitlergruß. „Ich wusste gar nicht, was der wollte.“ Auf der Wange hat er ein Büschel weißer Haare, „Arbeit, Frau, Kinder“, lacht er. Fasst sich auf den Kopf, er trickst da seine Haare über kahle Stellen, „Flüchtlingsheim“. Heute sei es besser. Er machte einen Deutschkurs und sich selbstständig, erklärt Pöblern, dass er Umsatzsteuer bezahlt, niemandem auf der Tasche liege. Seine Frau macht ein Praktikum bei einer Ärztin, nimmt dafür ihr Kopftuch ab, Bedingung der Ärztin. Sie hätten überlegt, seine Frau wollte. „Also machen wir das“, erzählt Abdulrahman. Es gehe, sagte die Ärztin, nicht um sie. Sondern um die Patienten.

Der nächste ist dann auch ein guter Tag, Einkaufen vor dem Freitagsgebet, immer noch Monatsanfang, der Laden brummt, es gibt schräge Thesen zum IS. Journalisten-Frage: Bei was fühlt sich Abdulrahman, der alles kann, fremd? Nachdenken, kassieren, einpacken: „Geiz.“ Nur an sich denken, nichts zurückgeben, nur schauen, wo man was umsonst bekommen könne. Man denkt: Hier müsste der Bürgermeister mal vorbeikommen, er könnte viel lernen.

Um halb vier raus auf die Straße, hinter der Galerie eine Versammlung. Abdulrahman sagt, er mache das aus Pflichtgefühl, die Kurden seien am Herzen verletzt, weil sie kein eigenes Land hätten. Auf dem Platz sieht er syrische Kurden, zählt drei, vier aus dem Irak, niemanden aus der Türkei. Vielleicht 120 hören einer Frau zu, deren Mann vom IS ermordet wurde. Zwei Polizisten drängen einen Typen mit rasiertem Schädel ab, der kann noch raunzen: „Zurückwoihrherjekommenseid“, aber vor der Cottbusser Stadthalle lässt sich Ranjder Abdulrahman das Lächeln nicht stören. Seine erste Demonstration. „Jetzt fühle ich doch was. Stolz.“

06:00 11.02.2018

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