In Glamour-Klischees

Biopic Vom Pillbox-Hut zum Bettzeug: In der braven Serie „Halston“ spielt Ewan McGregor den legendären Modedesigner
In Glamour-Klischees
Ewan McGregor (links) spielt Halston (rechts) überzeugend, die Ausstattung ist sehr gut – das Drama nicht

Fotos: Jean-Claude Sauer/Paris Match/Getty Images, Atsushi Nishijima/Netflix (links)

Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps. Man könnte auch sagen: Kunst ist Kunst, und Koks ist Koks. Nur versteht das Roy Halston Frowick, genannt Halston (Ewan McGregor), wohl nicht. Sonst hätte der US-Designer, dessen kreativem Hirn die Welt nicht nur den Pillbox-Hut (siehe Jackie Kennedy!), sondern auch fließende, glänzende, zärtlich den Körper umspülende Neckholder-Abendkleider (siehe Liza Minnelli!) zu verdanken hat, anders gelebt. Und Firma, Marke und Namen wären von ihm nicht mithilfe von Drogen, Gier und Egoismus sehenden Auges ins Aus katapultiert worden.

Die fünfteilige Miniserie Halston kommt zwei Jahre nach dem gleichnamigen Dokumentarfilm des Mode-Experten Frédéric Tcheng – beide basieren auf der Buchbiografie Simply Halston. Die Serie versucht jedoch, den Fakten (Halstons Anfänge als Hutdesigner, sein Erfolg 1973 beim „Battle of Versailles“, bei dem er ein Statement für US-Mode in Europa setzte; seine Kokssucht, Kompromisslosigkeit und Sturheit; sein Abstieg) etwas Neues, erzählerisch Überzeugendes hinzuzufügen – und scheitert daran.

Dabei sind die Zutaten so glamourös wie spannend: McGregors Halston ist mit gegelten Haaren, Zigarettenspitze und affektierter Sprechweise durchaus überzeugend charakterisiert; Halstons Designs, die in der zwischen 1961 und 1987 spielenden Serie immer wieder mit Chic und Karacho den Bildschirm erobern, sprechen für sich. Und die erzählte Zeit wimmelt von bunten Anekdoten über koksige Studio-54-Nächte, saftige Liebhaber-Clinches und wimpernklimperndes Liza-Minnelli-Lächeln.

Letztere ist es, die für Halston selbst zur wichtigsten aller Musen wurde – ohne ihre Prominenz, ihren modischen Mut und ihre Zugewandtheit wäre Halston, deutet die Story an, nach einem frühen Achtungserfolg wieder verschwunden. Für Netflix wird Minnelli von der Musicaldarstellerin Krysta Rodriguez verkörpert, die aufgrund ihres umfassenden Bühnentalents sogar zwei Original-Minnelli-Songs interpretieren darf – bei ihrer ersten Begegnung mit Halston in einem Nachtclub singt sie Liza with a Z, später fliegt sie mit der fabulösen Halston-Posse nach Versailles, um dort mit dem schönen Fred-Astaire-Song Bonjour Paris die Moden-Show zu eröffnen und dabei die snobistischen Froschfresser:innen um den Finger zu wickeln.

Liza Minelli überredet ihn

Aber auch ihre Zeichnung bleibt, wie die Halstons, klischeebehaftet: In Versailles hat Halston eine Panikattacke. Er versteckt sich in einem Auto und denkt – Rückblende – an seine Kindheit, die, wie anscheinend üblich in der Aufsteigererzählung vor allem schwuler Künstler, vom gewalttätigen Vater und der leidenden Mutter geprägt war, für die der Junge als kleine Freude den ersten Hut kreierte. Liza holt ihn aus dem Zweifeltief und erzählt – natürlich – von Cabaret: „Da hatte ich auch Angst!“ So überredet sie Halston zum Weitermachen, die Show wird ein Erfolg. Halston kann jedoch seinen überkandidelten Lifestyle mit kiloweise Koks und Orchideen, Büroetagen im New Yorker Skyscraper und Concorde-Trips nach Paris nicht lange halten – und sieht auch nicht, wieso er sich ändern soll: Für ihn gehört der Luxus zur Kreativität. 1973 muss er die Marke an den Konzern Norton Simon Inc. verkaufen, fungiert jedoch weiter als Geschäftsführer und weitet sein Sortiment notgedrungen aus – unter anderem auf Bettzeug, Teppiche und Gepäck. 1983 unterschreibt er einen Deal mit der Billigkette J. C. Penney. Ein paar Jahre später, bereits an Aids erkrankt und von den meisten seiner Geschäftspartner:innen, Kolleg:innen und einem blutsaugenden Liebhaber Victor (Gian Franco Rodriguez) verlassen, ist ihm die Marke, eventuell auch das Leben, entglitten.

Wie sehr Modekunst unter harten Businessrealitäten leiden muss – vielleicht ist es also das, was die Produzenten und Autoren Ryan Murphy, Sharr White und Ian Brennan erzählen wollten. Doch sie schaffen es nicht, Halstons Charakter, seine Ziele, vor allem seine Heldenreise differenziert zu porträtieren: Die Figur Halston entwickelt sich kaum, bereits zu Pillbox-Zeiten scheint er ein von sich selbst eingenommener Schnösel gewesen zu sein. Dass er sich später über den als profan empfundenen ökonomischen Druck aufregt, den die Geldgeber ausüben, ist insofern nicht überzeugend. Denn man hat ihn weder emotional noch leidenschaftlich kennengelernt, weder seine kreativen Überlegungen und Inspirationen gespürt noch seine Ideen zum weiblichen Körper, den Proportionen und Silhouetten der Kleider erlebt. Zudem sind viele der künstlerischen Entscheidungen bieder: Der Score besteht aus üblichem Fernsehklaviergeklimper, angereichert mit vorhersehbaren Originalsongs wie Sunday Morning von Velvet Underground (New-York-Straßenszene), Jean Genie von David Bowie (selbstbewusste 70er-Posse tritt auf) oder Pale Shelter von Tears For Fears (kalte 80er-Atmosphäre).

Die dritte und beste Episode der Miniserie präsentiert immerhin den interessanten Prozess zum Halston-Parfum, von Halstons olfaktorischen Erinnerungen bis hin zur schwierigen Entscheidung, eine krumme Flasche zu benutzen: Wie die biederen Hetero-Geschäftsmänner von dem bislang parfumtypischen „phallischen Flaschenstopper“ reden, der in Halstons Entwurf zu einem dicken Pfropfen wird, ist ein Highlight.

„You wrapped a woman in a feeling“, lassen die Macher eine von Halstons Angestellten irgendwann am Ende sagen. Das hätte Halston selbst sagen müssen, er hätte seine Intentionen selbst darlegen müssen. So bleibt Halston sehr gut ausgestattete, gut gespielte, aber brave und erstaunlich kühle Unterhaltung. Dabei könnten einem allein die Halston-Kleider schon Tränen der Bewunderung in die Augen treiben.

Info

Halston Sharr White USA 2021, fünf Folgen, Netflix

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