In ist out. Out ist in

Kein Happy-End Über Mainstream, Kultfilme und Arthouse und warum es immer schwerer wird, das eine vom anderen zu unterscheiden

Ein immer wiederkehrendes Thema im Vorfeld jeder Berlinale sind die Stars, ihre An- beziehungsweise Abwesenheit. Gemeint sind damit nicht jene Gaukler, die ihren Status mit jedem Auftritt neu auf die Probe stellen und hart, manchmal unter Dschungelbedingungen, um die Gunst des werten Publikums kämpfen müssen. Sondern jene Erscheinungen, die umgekehrt den Zuschauern das Gefühl geben, beehrt zu werden. Die aus den zwei Minuten, die sie auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast verbringen, ein persönliches Ereignis werden lassen für so manchen, der sich hinter den Absperrungen drängelt und nachher erzählen kann: "Ich war da, ich war dabei!"

Ein Kino ohne Stars wäre langweilig und tot, und doch steht mit der Anwesenheit von Stars stets zugleich der Verdacht im Raum, dass es mit der Kunst vorüber sei und nun der Kommerz gesiegt habe. Die großen Filmfestivals haben die schwierige Aufgabe, das zusammenbringen: Die Kunst und den Kult darum. Sie wollen das ästhetisch Anspruchsvolle, das Provokative, das Publikum Fordernde genauso wie den Glamour, der das Auge verwöhnt. Manchmal hat man Glück und es kommt beides zusammen, das ist dann der künstlerisch wertvolle Film mit Hollywood-Star-Besetzung. Eine Produktion wie Sofia Coppolas Lost in Translation etwa, der in Venedig zu Everybody´s Darling wurde. Oder vielleicht auch Cold Mountain, mit dem die Berlinale ihr Programm eröffnet. "Arthouse" wird diese Art Kunst- oder Independentkino heute gerne genannt. Ein Begriff, der mittlerweile fast den Rang eines Markennamens angenommen hat. Und genau darin liegt das Problem. Woran erkennt man eigentlich Arthouse-Filme? Am niedrigen Budget? Daran, dass sie kein Happy-End haben? Mehr Sex zeigen? "Wirklichere" Gewalt?

Mit den Stars würde es in diesem Jahr schwer werden, hat Berlinale-Leiter Dieter Kosslick in seinen Vorab-Interviews möglichen Enttäuschungen zuvor zu kommen versucht, denn die seien durch die Vorverlegung der Oscar-Verleihung gerade alle sehr eingespannt. Tatsächlich ist die Oscarverleihung, die genau zwei Wochen nach Ende der Berlinale, nämlich am 29. Februar stattfindet, lediglich der krönende Abschluss der amerikanischen awards season, einer Jahreszeit, die immer mehr zu einer Art Bundesligasaison des amerikanischen Filmschaffens mutiert.

Denn Januar und Februar ist in den USA die Zeit, in der die zahlreichen Filmkritikerverbände, Berufsvereinigungen und Akademien der Reihe nach ihre Auszeichnungen vergeben; und immer mehr werden die einzelnen Preise vor allem im Hinblick auf das große Oscar-Finale interpretiert und betrachtet, die einen als Qualifikations-, die anderen als Freundschaftsspiel. Dementsprechend sportiv gibt sich in dieser Zeit die amerikanische Filmberichterstattung - namhafte Kritiker schrecken nicht davor zurück, in den wichtigsten Kategorien öffentlich mitzutippen. Wobei weniger der professionelle Mut zur Entblößung erstaunt, als vielmehr die Trefferquote. So erprobt ist der Diskurs, so vertraut und immer wieder überprüft die vorgetragenen Argumente, dass es zu wirklichen Überraschungen kaum mehr kommen kann. Ganz analog zum medial vermittelten Sport wird dabei immer weniger über das Eigentliche geredet, die Qualität der Filme, sondern immer mehr über "Sekundäres", das sich in Statistiken und historischen Analogien ausdrücken lässt: Schöne Frauen, die sich auf der Leinwand hässlicher machen, als sie sind - wie dieses Jahr Renee Zellweger in Cold Mountain oder Charlize Theron in dem ebenfalls auf der Berlinale zu sehenden Monster - sind schon immer bevorzugt mit Oscar-Weihen bedacht worden; in neun von zehn Jahren hat der Gewinner aus der Produzentengilde auch den Oscar für den besten Film bekommen - was sehr auf den Herrn der Ringe: Die Rückkehr des Königs hindeutet; ein Film ohne gleichzeitige Schauspielernominierungen dagegen war nur in einem von fünf Fällen je erfolgreich, was wiederum gegen Peter Jacksons Werk spricht; die Golden Globes, die Auszeichnungen der Hollywood Foreign Press, haben die größte Übereinstimmung mit den Entscheidungen der Academy, die der New Yorker Film-Kritiker die geringste ... Täglich werden neue Indikatoren in die Diskussion gebracht.

Die Berichterstattung über all das wäre nur halb so spannend, wenn es nicht wirklich um etwas ginge: Mit bis zu 50 Millionen Dollar zusätzlichen Einnahmen, so heißt es, könne die Auszeichnung mit einem Oscar zu Buche schlagen, die besseren Möglichkeiten bei der Zweitauswertung im Fernsehen, auf Video und DVD nicht mitgerechnet. Was so manchen Star davon abhält, in dieser entscheidenden Zeit nach Berlin zu kommen, ist also weit weniger glamourös, als das Wort awards season zuerst anklingen lässt, nämlich harte Promotion-Arbeit im Dienste des Verkaufs-Erfolgs. Als die Groß-Meister der Oscar-Kampagnen, die weder vor millionen-teuren Werbe-Parties noch vor geschickt geplanten Rufmordaktionen zurückschrecken, gelten im übrigen die Produzenten des Berlinale-Eröffnungsfilms, Bob und Harvey Weinstein mit ihrer Firma Miramax.

Über die Weinsteins, Miramax und all das, wofür diese Firma steht, ist pünktlich zur awards season ein in Filmkritikerkreisen viel diskutiertes Buch erschienen. Peter Biskinds Down and dirty pictures beschreibt im Grunde ein Phänomen, das allen, die mit den Mechanismen der Popkultur vertraut sind, über die Maßen bekannt vorkommen muss: Es ist die traurige Geschichte vom Ausverkauf der Utopien und des Authentischen. Ob Beat, Punk oder Hiphop, in jedem Jahrzehnt seit Erfindung der Musikindustrie hat sich der Prozess der Kommerzialisierung des vormals Rebellischen wiederholt, wurden immer wieder aus Originalen Markennamen fabriziert. Es ist wenig verwunderlich, dass etwas Analoges dazu auch im Bereich des Kinos stattfindet, auch hier die einst Widerständigen in das System eingegliedert und markttauglich verwertet werden. So deutlich, wie Biskind das in seinem Buch macht, wurde es bislang allerdings selten beschrieben.

Die amerikanische Independent-Film-Bewegung hat zwei Helden, die in Biskinds Buch mit Aufklärergeste enttarnt werden: Da ist einmal Robert Redford, der Gründer des Sundance-Institutes, der das gleichnamige Festival zum wichtigsten amerikanischen Verleihermarkt gemacht hat. Ihn schildert Biskind als großen Zauderer, der nicht alle Lorbeeren verdient hat, mit denen er in diesem Zusammenhang üblicherweise bedacht wird - keine umwerfend neue Erkenntnis. Ungleich interessanter ist da die andere Hauptfigur, Harvey Weinstein, der zusammen mit seinem Bruder Bob vor über 20 Jahren einen Filmverleih namens Miramax gegründet hat - bezeichnenderweise kamen sie aus dem Musikgeschäft - und sich rühmen kann, Independent-Filme, das "Arthouse", eigentlich erst groß gemacht zu haben. Von Steven Soderberghs Sex Lies and Videotapes über Neil Jordans The Crying Game, Anthony Minghellas Der Englische Patient bis hin zu Quentin Tarantinos Pulp Fiction - schaut man sich die Liste der Miramaxfilme an, kann den eifrigen Kinogänger der neunziger Jahre im Nachhinein noch das Gefühl beschleichen, man sei, ohne es zu wissen, ein williges Opfer von Weinsteins Kampagnen gewesen.

Zu den unbestreitbaren Leistungen von Miramax gehört es, aus eben den down und dirty pictures Ereignisse, Phänomene gemacht zu haben, die sowohl Oscar-würdig als auch kommerziell erfolgreich waren. Es mag vorher schon Filme jenseits des Mainstreams gegeben haben, die zur Überraschung ihrer Produzenten mehr als nur ihre Unkosten wieder eingespielt haben, die Weinsteins und Miramax haben daraus ein florierendes Geschäft gemacht, eine Marke. Kultfilme sind seither nichts mehr für verrückte Außenseiter mit schrägen Vorlieben, sondern Überschreitungsvarianten für jedermann.

Das Einmalige an Miramax ist darüber hinaus, dass sich ihr Ruhm auf die Kunst des Verleihens bezieht - und nicht auf die des Filmproduzierens. Ihr Vermögen, Filme selbst in den Kinos unter zu bringen, die vorher ausschließlich dem Mainstream vorbehalten waren, und ganz neue Bevölkerungsschichten dazu zu verführen, sich absonderliche Filme anzugucken, ist unerreicht. Man wünschte der siechenden europäischen Filmindustrie einen zweiten Harvey Weinstein, der in ähnlicher Weise verlorene Prozentpunkte auf dem Markt wett machen könnte!

Mit dem Erfolg von Miramax aber hat sich Wesentliches in der Kinohierarchie verschoben. Wo vorher klare Fronten waren zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Studio und Independent, ist mit den Weinsteins eine neue Unschärfe eingetreten. Bezeichnend sind die Umdeutungen, die die Miramax-Leute in ihren Kampagnen auf den Weg brachten: aus "Artfilm" wurde "Smartfilm". Oder noch komplizierter, wie im Fall von Tarantino: "Anti-art-artfilm". Einerseits war Miramax die Rettung für das, was als glorreicher Autorenfilm der Siebziger sich zum politisch-korrekten Sozial-Kino der Achtziger verfestigt hatte; andererseits haben die Weinsteins jenes Erbe durch die Einführung von Eventkultur auch wieder verraten: Der Erfolg eines Independent-Films wie Pulp Fiction hat in vielerlei Hinsicht anderen Independent-Produktionen weniger das Terrain bereitet als vielmehr weggenommen: Von da an sollten auf einmal alle so sein wie Pulp Fiction. Ein Prozess, der sich im institutionellen Bereich spiegelte: Die großen Studios gründeten eigene Independent-Abteilungen, in denen die Erfolgsformeln der "echten" Independents kopiert und vervielfältigt wurden.

Für die einen bedeutet es daher schon ein Unding, dass sich im Rennen um den Oscar für den besten Film Lost in Translation mit dem Herrn der Ringe vergleichen muss. Für die anderen liegt darin gar kein Widerspruch, weil für sie Lost in Translation schon lange kein Independent Film mehr darstellt: Er sieht wie einer aus, ohne es zu sein! Für die dritten gar ist der Herr der Ringe der eigentliche Indie-Film, weil von einem Neuseeländer außerhalb Hollywoods gemacht und als Fantasy-Genre von der Academy gering geschätzt, eine Art "teuerster Lowbudgetfilm aller Zeiten". Die ebenfalls nominierte Miramax-Produktion Cold Mountain, der Eröffnungsfilm der Berlinale, wird allerdings fast einhellig als der Inbegriff des Falschettiketierens empfunden, weil von einer Hollywood-Produktion weder im Budget, noch der Starbesetzung, noch in der Ästhetik zu unterscheiden. So viel sei verraten: Er hat kein Happy End, aber auch in dieser Hinsicht hat schließlich der Mainstream von den Außenseitern gelernt.


00:00 06.02.2004

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