In Kehlmanns Puppentheater

Bad Reading Zwischen Arztbesuch und Hertha blättert unser Autor in einem Schinken namens "Tyll"
In Kehlmanns Puppentheater
Daniel Kehlmann verzetzt Till Eulenspiegel in das Teutschland des Dreißigjährigen Krieges

Foto: Teutopress/Imago

Herbst „Er war so ein geduldiger und ungeduldiger Leser“ (Ein Freund über Roberto Bolaño).

Endlich wieder schön hygge Zeit, um es sich zu Hause mit einem historischen Roman gemütlich zu machen. Indem man zum Beispiel freitagabends auf regennasser Straße mit dem Rad stürzt (Klassiker: auf Tramschienen abgeschmiert, Knie und Knöchel kaputt), sodass man das Wochenende sediert auf Voltaren sogar bereit ist für den neuen Kehlmann. Tyll heißt der Schinken, wie Sie vielleicht schon der euphorischen Begleitpresse entnommen haben. Nach mehr oder weniger spektakulär missglückten Versuchen mit der Gegenwartsliteratur wie F oder Du hättest gehen sollen (die eigentlich nur noch Hofberichterstattung durch die Zeit oder die Frage zuließen, ob man bei Rowohlt Kehlmann Übles wollte, weil man sie nicht verhinderte), ist der Pale King (für den auf ewig Herrndorfs Diktum gilt, wenn es so etwas wie das Gegenteil von Aura gäbe, umschwirrte dieses Kehlmann leuchtend) nun also endlich zu seiner Erfolgsformel zurückgekehrt: Real People, Mixed Times, Magischer Realismus des staunenden Kindes vor historischer Tapete.

Also wird Till Eulenspiegel, der alte Mittelalter-Jerk, ins wilde Teutschland des Dreißigjährigen Krieges versetzt, um dort als satanisch seiltanzender Herr der Lüfte eine auf 470 Seiten mäandernde Handlung irgendwie zusammenzuhalten. Im normalen Wachzustand hätte mich nichts weniger interessiert. Aber ein herbstlicher Sturz und Claudio Armbrusters hymnisches Porträt im heute-journal (Kehlmann mit Narrenkappe in den Feldern um Mainz) können einen wie gesagt schon mal weichkochen. An einem dunklen Sonntagnachmittag mit hochgelegtem Bein und Kräutertee beginne ich im Schein einer einsamen Schreibtischlampe zu lesen – und bin tatsächlich beeindruckt: Das erste Kapitel heißt Schuhe und ist ziemlich super. Der berühmte Gaukler Ulenspiegel hält Einzug in ein bisher vom Krieg verschontes Dorf, ein Wir-Erzähler berichtet unheilsvoll, wie Tyll den Dörflern erst was von Romeo und Julia vorspielt, um dann vom Hochseil runter mit einem simplen Schuhe-ausziehen-und-wegschmeißen-Trick Chaos, Mord und Totschlag zu säen. Ulenspiegel zieht feixend weiter, der Krieg wird trotz aller Gebete zum Gehörnten oder Bischof Martin auch dieses Dorf nicht verschonen – und das „ist alles nicht lang her“. Die Mutter ruft an, der Leser schreckt hoch (es gibt noch Telefon!) und wagt es kaum, die Düsterkeit des kehlmannschen Foreshadowings mit ihr zu teilen. Groß, denkt man montags ähnlich schlau: Denn in was für Zeiten leben wir heute schon. Um uns rum tobt Krieg, die Heimatscholle wird mit Vernunft, Aberglauben und #Jamaika verteidigt. Am Dienstag erzählt in der ARD ein normal intelligent aussehender Russe, dass den Pornodarsteller Lars Eidinger die Todesstrafe erwartet, für seine schmutzige Verkörperung des nationalen Heiligtums, des Zars Nikolaus II. In Tyll geht es weiter mit der Kindheit. Ein bettelarmer Müllerssohn mit spintisierendem Vater bringt sich selbst Künstlertum und Hochmut bei, jeden Tag ein Schritt mehr auf dem Seil. Der Durchbruch kommt, als Tyll nachts allein mit einer Mehlfuhre im Wald zurückbleibt und der Teufel oder die Kalte von der Weide nebenan in ihn fährt wie der Alltag auf Krücken in meine Lektüre.

Mittwochs ist der DFB-Pokal in der Stadt und jedes Mal, wenn es in Kehlmanns Dorf um Peter Steger geht, lese ich Stöger. Außerdem fordert die Entschleunigung einer historischen Romanwoche auf Krücken irgendwann auch ihren Tribut beim Lesetempo. Ich schaffe nur wenige Seiten am Tag, bevor mir die Augen zufallen. Kehlmann erzählt zwar schön schlank und mit der Lakonik des Chronisten. Aber psychologisches Innenleben war im 17. Jahrhundert noch ein anderes Wort für mondsüchtig: Wenn man kein Hardcore-Eskapist ist, interessiert einen bald keiner der Protagonisten mehr. Furchtbare Dinge geschehen: Donnerstag sitze ich beim Orthopäden (Röntgenbefund wie Kaffeesatzleserei, irgendwas zwischen Distorsion und Läsion) und stehe gefährlich kurz vorm Lektüreabbruch.

Zwei Jesuiten-Hexenjäger sind im Dorf aufgetaucht, reale Gestalten, der Brite Tesimond und sein Assistent Athanasius Kircher, und machen Tylls Vater Claus den Prozess. Verfügt der grüblerische Müller nicht über altes Hexen- und Heilwissen (der Arzt verschreibt mir wenig später allen Ernstes Arnika-Salbe), hat er den Bauern nicht mit der Kleinen Eiszeit die Ernte versaut? Verhör, Daumenschrauben, Henkersmahlzeit. Kehlmann zoomt jetzt an den falschen Stellen ran: Die Dialoge des historischen Halsgerichts klingen wie hölzernes Puppentheater, die Innenperspektive der letzten Gedanken eines gerade Gefolterten beim Verzehr „warmer schöner Speisen“ zu bieder und behaglich angesichts des bewusst ausgesparten Horrors. Am Freitag habe ich eine Gehschiene und muss auf einem neuen Laptop ein altes Microsoft-Konto installieren. Claus ist tot, Tyll und seine Freundin Nele ziehen mit dem fahrenden Schüttelreimer Gottfried weiter: „Dichten ist das Schwerste“, sagt er. „Wisst ihr ein Wort, das sich auf Schurke reimt?“ Kehlmann, du Gurke: Nach 200 Seiten bin ich raus, eine grottenschlechte Leseleistung. Das ist aber nicht nur Kehlmanns Schuld, weist mich der befreundete Universalgelehrte Eilinger am Sonnabend zurecht, als wir schon wieder auf dem Weg zu Hertha sind. Nein, gestehe ich, während Sturm Herwart mit den dunklen Wolken des historischen Romans übers Stadion hinwegzieht in die Winterzeit unseres Lesens oder irgend so ein Scheiß.

Info

Tyll Daniel Kehlmann Rowohlt 2017, 480 S., 22,95 €

06:00 02.12.2017

Kommentare 4