In Krisenzeiten werden Männer gewalttätiger

Coronavirus Für Frauen ist das Zuhause oft kein sicherer Ort. In China wird die Quarantäne jetzt schon zum Motor für Partnerschaftsgewalt
Für Frauen, die in der Krise nicht nach Hause können oder aus gutem Grund nicht wollen, brechen nun schwere Zeiten an
Für Frauen, die in der Krise nicht nach Hause können oder aus gutem Grund nicht wollen, brechen nun schwere Zeiten an

Foto: Kevin Frayer/Getty Images

Mancherorts liest man den Aufruf, die aktuellen Quarantäne-Auflagen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus auch als Moment der Entschleunigung zu genießen, als Chance der Besinnung und Zeit für sich und die Familie. Aber was, wenn dieser Rückzugsort keiner ist und erst recht nicht in Zeiten einer Krise? Dass das Zuhause für Frauen ein besonders gefährlicher Ort ist, gehört inzwischen fast schon zum Allgemeinwissen, dennoch erfährt das Problem auch in der gegenwärtigen Krise keine Berücksichtigung in den Sicherheitskonzepten. Das ist fatal.

Denn nehmen soziale Probleme zu, dann fungiert die Familie als ihre Endhaltestelle. Begreift man Gewalt gegen Frauen als Verteidigung der männlichen Vormachtstellung in hierarchischen Geschlechterverhältnissen, wie feministische Theoretiker*innen und Aktivist*innen es seit jeher argumentieren, ist leicht abzusehen, dass Männer ihr ökonomische Prekarisierung und Unsicherheit dadurch zu kompensieren versuchen. Zahlen gibt es dazu noch wenige, weil schlicht das staatliche Interesse fehlt. Eine geschlechtersensible Auswertung der allgemeinen Straftatenstatistik 1994-2014 für England und Wales kam jedoch zu dem Ergebnis, dass Gewaltverbrechen gegen Frauen. Insbesondere in der Familie, seit der Wirtschaftskrise 2008/09 zugenommen haben. Neben männlichem Vormachtstreben lässt sich das aber auch darauf zurückführen, dass Frauen in Wirtschaftskrisen gefährlichen Situationen zuhause häufig nicht mehr entfliehen können, sei es, weil sie es sich nicht leisten können, sei es, weil Hilfesysteme und soziale Dienstleistungen den einhergehenden Austeritätsmaßnahmen zum Opfer gefallen sind.

In der jetzigen Pandemie spitzen sich diese Zusammenhänge allerdings noch einmal zu. Aus China melden Frauenorganisationen nicht nur einen massiven Anstieg von Partnerschaftsgewalt während der Quarantäne, hervorgerufen durch ökonomische wie persönliche Unsicherheit. Sie berichten ebenfalls von Schwierigkeiten mit staatlichen Autoritäten, wenn es darum geht, trotz Ausgangssperren und Reiseverboten, Frauen aus gewaltvollen Verhältnissen herauszuholen. Viele Zufluchtsorte für Frauen seien zudem in Unterkünfte für Obdachlose umfunktioniert worden. In Italien diskutiert die feministische Bewegung deshalb, wie sie die „Selbstverteidigung“ von Frauen organisieren kann. Solange Frauen nicht als besondere Risikogruppe anerkannt wird, scheint ihnen nichts Anderes übrig zu bleiben.

Alex Wischnewski ist Programmleiterin für Feminismus der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitgründerin der Plattform #keinemehr gegen Femizide

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