In München inszeniert Tina Lanik "Im Dickicht der Städte"

Bühne Zwei Vereinzelte, die keine gemeinsame Sprache finden: Nach der Hochzeit von Garga und Jane sitzen nur noch Gargas Vater und eine Chinesin an der ...

Zwei Vereinzelte, die keine gemeinsame Sprache finden: Nach der Hochzeit von Garga und Jane sitzen nur noch Gargas Vater und eine Chinesin an der demolierten Tafel. Tina Chan beginnt, auf den alten Mann einzureden. Arnulf Schumacher scheint kein Wort zu verstehen, bewahrt aber Haltung, nickt, murmelt ein "Ja", brummt ein "Mmmh". Sie fährt fort, voller Überzeugung. Lost in Translation. Gelassen ist diese Szene, komisch, der Höhepunkt des Abends.

Leicht macht es Bertolt Brecht uns nicht mit seinem frühen Werk Im Dickicht der Städte, geschrieben inmitten von Inflation, Arbeitslosigkeit und Putschversuchen. Mit expressionistischem Furor brettert er über alle psychologischen Zusammenhänge hinweg, klotzt Szenen hin, Atmosphären. Am Münchner Residenztheater findet auch Tina Lanik keine Geschichte, sondern die Entfremdung im Zeitalter der Globalisierung. Im Mittelpunkt steht auch bei Lanik der rätselhafte Kampf zwischen dem malaiischen Holzhändler Shlink und dem Leihbüchereiangestellten George Garga. Anfangs ist die Bühne leer. Überschwänglich, jugendlich, clownesk kommt Garga mit Tisch, Stuhl und Büchern daher. Ein kleiner Fisch und ein Idealist, der an gute Bücher glaubt und sich nicht durch das unmoralische Angebot Shlinks korrumpieren lässt, seine Meinung zu verkaufen.

Weil er das Angebot nicht annimmt und dafür entlassen wird, erwählt ihn Shlink als Kampfgegner. Sind da die Fronten noch klar verteilt - Aggressor und Kapitalist gegen den Underdog -, so wird die Geschichte interessant, als Shlink Garga sein Unternehmen überlässt. Nicht wegen Laniks Dreh, dass immer da, wo sich das Geld stapelt, das Glück gerade nicht zu Hause ist. Sondern weil nun zwei großartige Schauspieler gewaltig aufeinanderprallen: hier der vielgesichtige, kindliche, aufbrausende, beleidigte Garga Thomas Loibls, dort der in sich ruhende Shlink Rainer Bocks. Während Gargas Masken und Stimmungen ständig wechseln, er sich verzweifelt bemüht, seinen Widersacher in die Knie zu zwingen und irgendwann keine Lust mehr auf den Kampf hat, bleibt Shlink sich treu. Ein federnd ironischer Spielemacher und Liebender bis zum Schluss, als er sich eine Kugel durch den Kopf jagt.

Mehrfach geraten sie höchst körperlich aneinander, gehen mit Degen, Maschinengewehren oder den bloßen Händen aufeinander los, während die Schauspieler-Band im Hintergrund Tocotronics Kapitulation schmettert. Shlink kämpft, um die Entfremdung der Menschen untereinander zu überwinden. Garga aber geht am Ende nach New York mit den Worten: "Allein sein ist eine gute Sache."

Psychologisch ist aus diesem wilden Reigen wenig zu holen. Lanik setzt die Szenen nebeneinander und findet mit ihrer Bühnenbildnerin Magdalena Gut ausdrucksstarke Bilder zwischen Revue und Apokalypse: glitzernde Vorhänge (Brechtgardine de luxe) und chinesische Lampions; eine vollgestopfte, quietschbunte Kleinbürgerhochzeitsgesellschaft; fallend-wabernder Schaum. Neu ist das nicht. Aber hübsch anzuschauen, zumal die Regisseurin zwischendurch immer wieder den kahlen Bühnenraum zeigt, als wolle sie "Glotzt doch nicht so romantisch!" rufen.

Was das alles mit uns zu tun haben könnte, deutet Lanik in der von Brecht übernommenen Asien-Chiffre an: Die Globalisierung ist allgegenwärtig. In der zweiten Szene ist die Bühne mit lautstark telefonierenden Asiatinnen gefüllt. Wenig später formen sie sich zu Reihen; chinesische Parteitage lassen grüßen. Bald läuft die vom asiatischen Holzhändler Shlink durchgefütterte Garga-Familie in Kimonos und Seidenkleidern herum.

Zuweilen bebildert Lanik die bindungslose Gesellschaft etwas zu pittoresk mit halbnacktem Zuhälter, Strapsen, Körperfarbe oder einer kleinen Essensschlacht in der Hochzeitsszene. Castorfianer können das besser; hier sinkt die Spannung empfindlich. Allerdings nie zu tief; dafür sorgt das Ensemble, in dem neben den beiden Widersachern vor allem Ulrike Arnold als mephistophelische Hotelbesitzerin und Barbara Melzl als hysterisch-heruntergekommene Garga-Schwester Marie große Auftritte haben. Anders als bei der Uraufführung vor gut 84 Jahren am selben Ort gibt es heuer keinen Skandal, sondern freundlichen Applaus.

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