In Plauschgewittern

Podcasts Die Möglichkeiten des Formats werden in Deutschland viel zu wenig ausgereizt. Das gilt insbesondere für Frauen

Es gibt zwei Arten von Podcasts. Da gibt es den narrativen, sehr komplex und oft dramatisch geschnittenen, der in den USA das Genre groß gemacht hat. This American Life erzählt zum Beispiel hochspannend Geschichten aus dem Alltag. Die Reihe Serial rollt alte Kriminalfälle wieder auf. Dann gibt es noch das Format, wo sich zwei Leute vor ein Mikro setzen und quatschen und das Ergebnis dann irgendwo hochladen. Wenig Story, viel Gelaber, das ist der deutsche Podcast. So bei Fest & Flauschig, Herrengedeck oder Gemischtes Hack.

Dass sich die deutsche Podcast-Szene so ans Gespräch statt ans Erzählen klammert, liegt daran, dass sie noch nicht richtig professionalisiert ist. Es gibt zwar Radioproduktionen und ein paar kleine Labels wie Mit Vergnügen oder Viertausendhertz, es gibt einzelne, hochgelobte Produktionen wie die Aufarbeitung des Stern-Fälschungsskandals Faking Hitler oder die Krimireihe Dunkle Heimat bei Lautgut. Sonst aber operiert die Branche im Do-it-yourself-Modus, was PodcasterInnen oft in Erklärungsnot bringt. Sie rechtfertigen Low-Budget-Bedingungen in einer Tiefe, dass man müde wird. Die Podcast-Themen selbst sind oft genauso metareflexiv wie der Talk über widrige Arbeits- und Produktionsbedingungen. Hinzu kommt, die meisten sind gestresste Freiberufler, der Podcast ist nur ein Standbein, weshalb sie im Podcast auch das in Dauerschleife thematisieren.

In dieser Dynamik gibt es eindeutige Gender-Unterschiede. Während es bei den erfolgsverwöhnten Herren Schulz und Böhmermann in Fest & Flauschig zwischen Blödeln, lustiger Sinnsuche und krachender Selbstironie auch mal ganz konkret um die Erfindung einer neuen Limo gehen kann, steht bei weiblichen Formaten die Emotionsarbeit im Vordergrund. Von der Soziologin Arlie Hochschild definiert als die Regulation von Gefühlen am Arbeitsplatz ist Emotionsarbeit also das, was Arbeitende im Umgang mit Kollegen leisten müssen. Was der Einzelne jedoch normalerweise mit sich selbst ausmacht, rücken deutsche Podcasterinnen ins Rampenlicht.

Ist es Angst?

So gibt es bei Gern geschehen! von den Mittzwanzigerinnen Jana Braumüller und Vreni Jäckle eine Folge über Kündigungen, in der sie sich 45 Minuten darüber befragen, wie sie sich in dieser Situation gefühlt haben. Die Modebloggerinnen Lisa und Masha von MatchaLatte hatten sich nach zwei Jahren Podcast eine Auszeit genommen. Danach folgte eine Sendung darüber, wie die Arbeit am Podcast ihre Freundschaft erodierte. Viele Podcasterinnen sind außerdem Influencer. Das Händeln von Emotionen in diesem Geschäft scheint unter den Nägeln zu brennen wie derzeit in keinem anderen deutschen Medium.

Das ist ein wichtiges Zeichen beruflicher Emanzipation. Indem Frauen die Arbeit mit und an Gefühlen sogar monetarisieren, restituieren sie einen verpönten Tätigkeitsbereich. Emotionale Arbeit ist bis heute als weiblich konnotiert, weshalb sie oft nicht als Arbeit verstanden und kaum entlohnt wird, erinnert die Literaturwissenschaftlerin Franziska Schößler in Femina Oeconomica (Peter Lang, 2017). Und was viele Podcasts zwar zum Teil bis zum Überdruss zeigen, wird manchmal sogar gut analysiert. Der Lila Podcast liefert Kluges über die Zusammenhänge zwischen Feminismus, Markt und Gesellschaft.

Aber so wichtig die Sichtbarkeit von emotionaler Arbeit ist, man wünscht sich doch Frauen in die Podcast-Szene, die weniger monothematisch unterwegs sind. Sonstige Expertise bleibt auf der Strecke, dabei lebt das Medium von Neugier und Nerdigkeit. In seinen Anfängen war der Podcast ja auch Verbreitungskanal für Geeks, es ging um Tech-Kram oder Nischenmusik. Erfolg ließe sich durch originell aufbereitetes Know-how durchaus erzielen. Der Psychologie-Podcast Psychcast ist deswegen populär, weil die promovierten Moderatoren Jan Dreher und Alexander Kugelstadt eben Ahnung haben. Der Politik-Podcast Die Lage der Nation wäre ohne Ulf Buermeyers juristische Kompetenz wohl kaum so beliebt.

Der weibliche Podcast aber wagt sich selten in Fachbereiche rein. Lieber kopiert man männliche Quasselstrippen, was bei Herrengedeck und Besser als Sex ja auch ziemlich gut funktioniert. Wie die meisten weiblichen Podcasts – Feuer und Brot, Straight Talking, Schwarzes Konfetti, Meme Girls, Gern geschehen!, Die kleine schwarze Chaospraxis – hat man das Format als Freundinnen-Gespräch interpretiert. Es macht zwar Spaß, Einlass in so intime Situationen zu bekommen, es wirkt solidarisierend, es wird weibliche Freundschaft zelebriert. Es entsteht aber auch der Eindruck, Frauen würden am liebsten über ihren Gefühlshaushalt und ihre Beziehungen sprechen. Das wirkt mitunter abschreckend boulevardig und ist kein gutes Aushängeschild für das Genre.

Ist es Angst? Davor, im Umgang mit harten Fakten etwas falsch zu machen? Entlarvt zu werden? Schon jetzt beklagen sich viele Podcasterinnen darüber, dass sie im Netz unverhältnismäßig angeprangert werden. Wenn man schon fürchten muss, eine (nicht mal radikale) Meinung zum Werbeskandal der True Fruit Smoothies zu äußern, wie neulich die Mädels von Kurz durchdacht, traut man sich spezialisierte Inhalte vielleicht erst recht nicht zu.

Sollte das so sein, dann würde es Ergebnisse aus der Genderforschung bestätigen, die man eigentlich für überwunden hielt. Die Untersuchungen der Linguistin Deborah Tannen zum Beispiel, die in den 1990ern Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Sprechen untersuchte und den Ausdruck „Genderlects“ prägte. Weibliches Sprechen sei von Vorsicht und Unsicherheit geprägt, so Tannen. Frauen sagen eher „ich glaube“ statt „ich weiß“ und machen Aussagesätze zu Fragen, um ja nichts Falsches zu sagen. Dieser Befund ist mittlerweile zum Allgemeinplatz geworden, weshalb man hofft, er sei nur mehr leeres Klischee. Aber vielleicht bestätigt die Tendenz im weiblichen Podcast, eher selbstbezüglich zu sprechen, genau diesen alten Befund. Dabei ist es sicher nicht einfacher, sein intimstes Privatleben im Podcast auszubreiten, so wie Ines Anioli und Leila Lowfire in Besser als Sex oder Isabel und ihre Freundinnen in Oh Baby. Ohne die Offenlegung pikanter Details hätten sie ja auch nur halb so viele Zuhörer. Es bedeutet letztlich aber auch, dass sie lieber ihren Charakter und Körper zur Beurteilung freigeben als etwaiges Wissen.

Die deutsche Medienlandschaft hat weibliche Stimmen nötig, ebenso wie Plattformen für Feminismus- und Genderfragen. Aber definitiv muss der weibliche Podcast thematisch diverser werden, will man ernst genommen werden. Im Übrigen: Konkurrenz ist in Sicht. Erst letzten Monat hat Spotify für 200 Millionen Euro das Podcast-Label Gimlet gekauft und angekündigt, in Zukunft viel Geld zu investieren. Im Juni dieses Jahres wird Luminary Media einen Spotify-ähnlichen Streaming-Service nur für Podcasts launchen. Alles deutet darauf hin, dass es in Deutschland eine große Nachfrage gibt.

Mind the Gap

Das birgt Hoffnung, dass Frauen in und mit diesen neuen Ressourcen und Strukturen interessantere Inhalte produzieren können. Man hat in den USA gesehen, dass eine Institutionalisierung viel ausmacht. Den Hitpodcast Serial hat die Journalistin Sarah Koenig schließlich nicht im Alleingang kreiert, sondern durch das Mediennetzwerk National Public Radio, ebenso wie Alix Spiegel und Hanna Rosin Invisibelia. In Deutschland ist der Effekt ähnlich. Immerhin macht Sabine Rückert unter der „Schirmherrschaft“ der Zeit mit Verbrechen einen unglaublich spannenden Podcast. Den einzigen übrigens in den iTunes-Charts, der von einer Frau moderiert wird.

Unter den Bedingungen eines neu professionalisierten Marktes werden sich die weiblichen Podcasts in ihrer jetzigen Form kaum halten können. Narration und Drama sind stattdessen gefragt. Susanne Klingner hat mit Mind the Gap ja schon gezeigt, wie es gehen kann. Wenn sie dort eingängig über Geschlechter-Ungleichheiten in der Arbeitswelt spricht, dann merkt man: Die Frau hat etwas Wichtiges zu sagen, sie hat eine Expertise. Sicher ärgert sich Audible darüber, dass Klingner ihre eigene Produktionsfirma Hauseins gegründet hat, statt ihr Talent beim Marktgiganten auszuleben. Darin steckt eine klare Aufforderung an unsere Medienfrauen: Traut euch mehr Inhalt zu!

Agatha Frischmuth ist Doktorandin am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin

06:00 11.04.2019
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