In Teufels Küche

Nachruf Der "ideelle Gesamtachtundsechziger" war er nicht, auch wenn man ihn dafür gehalten hat: Fritz Teufel, der seine humoristische Poesie auf das Leben losließ

weh unser guter kaspar ist tot wer trägt nun die brennende fahne im zopf wer dreht die kaffeemühle wer lockt das idyllische reh auf dem meer (Hans Arp, 1919)

Es gibt Leute, deren pure Existenz eine Art Signal ist, eine Hoffnung, dass es so schlimm doch noch nicht stehen kann, solange sie unter uns sind. Bei der Nachricht von Fritz Teufels Tod brach eine meiner Bekannten in Tränen aus, die ihn persönlich nicht gekannt, nie gesehen hat. Teufel selbst könnte seinen Tod begrüßt haben, er litt seit Jahren an der unheilbaren Parkinson-Krankheit.

„Eine Zeit lang dachte ich, es bleibt gar nichts übrig. Ich hatte nur noch Schmerzen und keine Genüsse mehr, konnte nicht mal schreiben und lesen und wollte mich deshalb per Suizid aus dem Jammertal entfernen. Das habe ich mit gesammelten Schlaftabletten zu dilettantisch angestellt, vielleicht war es unbewusst doch nicht ernst gemeint. Es hat jedenfalls nur zum komatösen Zustand gereicht. Ich hatte aber das Gefühl, gestorben zu sein. Dann lag ich auf der Pritsche im Unfallkrankenhaus und meine nackten Beine guckten in die Luft. 'Da haben wir den Herrn Tempel', sagte einer der Fahrer, der meinen Namen falsch gelesen hatte. Da musste ich schon fast wieder lachen.“

Beerdigungen von Happening-Kommunarden sind eine Sache für sich. Sprengt der Tod das Spaß-Konzept oder lässt er sich integrieren? Wie umgehen mit der zweifelhaften Aura, die sich in einer Friedhofskapelle selbsttätig entfaltet und von Ritualen gestützt wird, die den Auffassungen des Toten diametral widersprechen?

"UahhUuahhUhahh"

Mitten in der Trauerpredigt für Volker Gebbert, der im Oktober 2009 starb und wie Fritz Teufel Mitbegründer der Kommune 1 war, öffnet sich die schwere Tür der Kapelle des Krematoriums am Baumschulenweg. Herein kommen zwei Gestalten, schwer gezeichnet durch Krankheit die eine, durch jahrzehntelange Haft die andere: Fritz Teufel und Irmgard Möller. Die Pastorin lobt gerade, die Kommunarden hätten "Deutschland verändert“.

Teufel, der seinen Kopf nicht mehr aufrichten kann, nimmt Platz, von seiner Regenjacke lachen die Gesichter des WM-Logos von 2006 in die trauernde Runde. Während alle anderen die Zeremonie geduldig hinnehmen, entfährt plötzlich dem gekrümmten Teufel ein laut knurrendes „UahhUuahhUhahh“!

Die Nachrufe auf Teufel handeln ihn, wie gewohnt, als „Symbolfigur der „68er“. Tatsächlich unterschied ihn nicht Weniges von seinen einstigen Kampfgefährten. Den „ideellen Gesamtachtundsechziger“ zeichnete der Humor nicht gerade aus. In den einschlägigen Spelunken wurde viel gelacht, aber es fehlte den eifernden 68ern jene Weisheit und Bedachtsamkeit, wie sie für den Humor – im Unterschied zum Witz – unverzichtbar ist. Teufel eignete durchaus eine Art Gelassenheit. Er war eher leise als heftig, eher zurückhaltend als eifernd und geltungsbedürftig. Seine Pfeile kamen aus der Ruhe, aus der Zurückhaltung, und gerade das machte sie so wirkungsvoll, vor allem bei seinen berühmten Dialogen im Gerichtssaal.

Die Stempelung Teufels als "68er" übersieht, dass die antiautoritäre Revolte weder die aufregendste noch gar die glücklichste Phase in seinem Leben war. Sie unterschlägt Teufels zeitweise Entscheidung für den Terrorismus, die ihm fünf Jahre Gefängnis einbrachte, und sie hat keinen Blick für seine Philosophie und Ästhetik des Radfahrens, das ihn in seinen letzten Jahrzehnten beruflich wie außerberuflich in Atem hielt.

Rainer und der Apfelschnitz

Gibt es ein rotes Band, das seine sehr unterschiedlichen Lebensphasen zusammenhält? Ist es der Humor, der ihn noch in der Zeit der übelsten Bedrängnis durch die Krankheit auf die Frage nach seinem Verhältnis zu Rainer Langhans dessen leicht verbissene Spiritualität treffend charakterisieren ließ: „Rainer kann natürlich wunderbar mit einem Apfelschnitz kommunizieren oder sich mit Tomatenachteln unterhalten.“

Teufels Humor war eingebettet in einen Prozess, der aus dem dichtenden Dichter eine Art Handlanger der Poesie macht. Auf die Frage nach seinem Lebensziel hat er einmal geantwortet "Ich bin geworden, was ich mir unter einem humoristischen Dichter vorstelle."

Von Teufel gibt es einige gedruckte Gedichte, Reime kamen ihm auch im Alltagsgeschehen von den Lippen. Als die mir vertraute Ina Siepmann 1983 bei einem israelischen Bombenangriff auf ein palästinensisches Flüchtlingslager starb, tröstete mich Fritz, der mit Ina in der K1 gelebt hatte, mit dem zarten Dreizeiler

„Sanft/wie die Morgenröte in China/war Ina.“

Weltveränderung durch poetische Praxis

Der Blick der Nachwelt auf den Dichter Teufel sollte sich nicht bei seinen nachlesbaren Gedichten aufhalten. Sein Lebensweg zeigt, was er sich unter einem Dichter vorstellte: Einen Menschen, der die Poesie nicht in Gedrucktem festhält, sondern sie in subversiver Absicht auf das Leben los läßt. Der rote Faden, der die unterschiedlichen Phasen von Teufels Leben zusammenhält, wurde in der frühen deutschen Romantik konzipiert, von Dada und dem Surrealismus gesponnen und von den Situationisten in die 60er Jahre geschmuggelt: die Befreiung der Poesie aus dem Käfig des Kunstwerks, ihre Entlassung in den Alltag mit dem Auftrag, die Welt zu verändern.

Weltveränderung durch poetische Praxis, das war die Rezeptur in Teufels Küche, auch wenn er zu Zeiten mit dem Revolver herum lief.Es wird in der Wirklichkeitskonstitution fühlbar werden, dass kein Fritz Teufel mehr da ist. Arp schließt sein Prosagedicht Caspar ist tot:

seine büste wird die kamine aller wahrhaft edlen menschen zieren doch das ist kein trost und schnupftabak für einen totenkopf.

Am 6. Juli ist Fritz Teufel im Alter von 67 Jahren in Berlin gestorben.





Eckhard Siepmann kannte Fritz Teufel seit 1967, wenn auch nicht besonders intensiv. Derzeit ist er mit mittelalterlicher Mystik befasst.

12:50 08.07.2010

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