In Würde menstruieren

Regelblutung Überall bekommt man Toilettenpapier, Seife und Handtücher umsonst. Warum keine Tampons und Binden?
Eine gratis Tampon-Wand in jeder öffentlichen Toilette. Wie wäre das?
Eine gratis Tampon-Wand in jeder öffentlichen Toilette. Wie wäre das?

Foto: Imago Images/Steinach

Seit dreiunddreißig Jahren habe ich alle vier Wochen mehrere Tage lang die nicht so unberechtigte Angst, etwas vollzubluten. Entweder meine Kleidung oder die Oberflächen, auf denen ich Platz nehme. Beides ist mir schon passiert. Und je älter ich werde, desto leichter fällt es mir, über das monatliche Gemetzel zu reden. Es mag Gewohnheit sein, vor allem aber auch Wut und Frust, weil ich mich jahrzehntelang mit den Themen rund um meine Gebärmutter und meinen Hormonspiegel nicht optimal beraten fühle.Und nicht nur ich. Fängt man erst mal an, mit anderen Frauen drastisch offen zu reden, wird es interessant. Es hat was von Geheimwissen, das hinter vorgehaltener Hand weitergereicht wird.

Wie stigmatisiert die Menstruation bis heute ist, zeigen hunderttausendfach geklickte Youtube-Videos zum Thema „Wie verstecke ich unauffällig meine Tampons und Binden in meinem Schulmäppchen/meiner Handyhülle/meinem Lippenstift“. In den Kommentaren wird gejubelt, dass endlich offen darüber gesprochen wird. Es wird offen darüber gesprochen, wie sich Menstruationsprodukte verstecken lassen, damit niemand mitbekommt, dass weibliche Körper menstruieren. Alles klar.

Es gibt zu viele Mädchen und Frauen, die sich während ihrer Periode nicht aus dem Haus trauen. Manche wegen der damit verbundenen Beschwerden. Manche, weil sie sich keine Menstruationsprodukte leisten können, die vor dem gefürchteten Überall-Dinge-Vollbluten schützen. Um zu verhindern, dass Schülerinnen dadurch Unterricht versäumen, ist man in England bereit, Tampons und Binden an staatlichen Schulen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Im Wohnheim meiner englischen Uni – einem reinen Frauencollege – gab es gelegentlich Körbchen mit Tampons auf den Gemeinschaftstoiletten. Viel häufiger kam es jedoch vor, dass irgendwo ein deutlich größerer Korb mit von Organisationen oder Firmen gesponserten Kondomen herumstand.

Schottland wird nun als erstes Land Tampons und Binden kostenlos anbieten, damit es sich alle Mädchen und Frauen leisten können, in Würde zu menstruieren. Kann das bitte ab sofort überall so sein? Was sich schon alles behelfsmäßig in Unterhosen gestopft, gelegt, gefaltet wurde, um keine Blutspuren zu hinterlassen – keine Betroffene wird diese Provisorien vermissen. Toiletten und Binden auf dem Frauenklo sah ich zum ersten Mal vor über zwanzig Jahren in einem schottischen Pub. Es war aber nicht üblich, sondern die Ausnahme. In Deutschland sehe ich so etwas seit ein paar Jahren öfter und freue mich jedes Mal darüber, weil es so logisch ist. Man bekommt ja auch Toilettenpapier, Seife und Handtücher. Warum keine Tampons und Binden?

Zoë Beck ist Verlegerin, übersetzt und schreibt Romane, die häufig in Großbritannien spielen. Paradise City erscheint im Juni 2020 bei Suhrkamp

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare