Indiens grüner Punkt

Alles Öko Indien hinkt beim Umweltschutz hinterher. Aber in einer kleinen Stadt im Süden ist alles anders. Sogar die Schokolade ist hier Bio

Der große Tempel in Madurai ist überfüllt. Die Menschen drängen eng aneinander vorbei. Es ist laut, bunt, schrill. Jeder, der durch Indien reist, sehnt sich irgendwann unweigerlich nach etwas Ruhe und Stille. Und, wenn möglich, wäre auch etwas Kühle schön. Mit dem Bus erreicht man von Madurai im südlichen Indien aus innerhalb von drei Stunden – was hier sehr schnell ist – die Stadt Kodaikanal. Dort bekommt man genau das.

In diesem Erholungsort in den Ausläufern des langgestreckten Westghats-Gebirge gibt es kein Chaos und keine Unordnung. Selbst der wichtigste Wanderweg, der „Coakers Walk“, ist hier gepflastert. Auf 2.195 Meter Höhe ist man fast auf dem höchsten Punkt der Region. Es gibt in Kodaikanal einen künstlichen See mit einem öffentlichen Bootshaus und man kann Fahrräder leihen, um drei Kilometer rund um den See zu radeln. Das mag etwas profan klingen, aber besser als nur ein schnöder McDonald’s im Stadtzentrum ist es allemal.

Überall kann man Bio kaufen

Die beiden Hauptstraßen, die Anna Salai und die PT Road, sind ausgesprochen hässlich. Aber man kann es ihnen nachsehen, denn jeder einzelne Laden dort bietet Bio-Schokolade an. Schokolade! In Indien, wo man darunter normalerweise das versteht, was in einer Kit-Kat-Verpackung vor sich hinschmilzt. Und Augenblick mal – Bio? In diesem Land, in dem jeder seine Plastikflaschen einfach fallen lässt, wenn er sie nicht gleich auf offener Straße verbrennt? Wo Kinder im Müll spielen? Wo die Lebensmittelqualität mit viel Optimismus allenfalls als dürftig bezeichnet werden kann? Genau. Und Schokolade ist nicht das einzige, was Kodaikanal zu bieten hat. Bio ist hier allgegenwärtig.

Um das Phänomen wirklich zu verstehen, muss man die 30.000-Einwohner-Stadt verlassen und ein Stück in die Berge gehen. Das „Cloud-Street“-Café ist ein gutes Beispiel. Der Name ist nur zur Hälfte angemessen. Von einer Straße ist nichts zu sehen. Der zwei Kilometer lange Schotterweg, der zu diesem Juwel führt, ist steil und mit pinkfarbenen Blumen überwachsen.

„Der Name geht auf die Zeit zurück, als wir noch unten in der Stadt ein Café hatten“, sagt die Britin Tanya Levya, die mit ihrem Mann Sharath Michael das Café betreibt. Von der Terrasse aus sieht man Wolken, hinter denen sich Bergspitzen andeuten. Die Blumen und Bäume der Umgebung machen die Aussicht einzigartig. Abgesehen von ihrem Café besitzen die Levya-Michaels ein paar Öko-Bungalows für Touristen. Das Warmwasser kommt von Solarzellen. Gegen die Kälte der Berge wird hier ein Holzfeuer gemacht. Etwas weiter talwärts liegt ein kleiner Biobauernhof, der die Küche des Restaurants versorgt. Auf die Frage, weshalb sie sich dafür entschieden haben, alles öko zu machen, fällt Tanyas Antwort so einfach wie überzeugend aus: „Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Ich will diese Schönheit hier nicht zerstören. Und ich möchte, dass mein Sohn an einem guten Ort aufwächst.“

Wo man Ferien macht, soll es schön sein

Eine längere Geschichte hat Kishore Cariappa zu erzählen, der an demselben Hang Bio-Kaffee anbaut. Kodai, so der Name der Gegend, sei seit langem eine Ferienregion. Doch seit der Wohlstand in Indien zugenommen hat, investieren immer mehr Inder hier in Ferienwohnungen. Und plötzlich ist es ihnen nicht mehr egal, welche Pestizide und Fungizide ihre Nachbarn auf ihren Feldern versprühen.

Es geht ihnen um die Schönheit der Landschaft, sagt Kishore: „Die meisten Menschen, die hier herziehen, haben schon etwas von der Welt gesehen. Sie haben gesehen, wie man die Dinge andernorts angeht. Und sie haben mitangesehen, wie die benachbarte Bergregion Ooty verkommen ist.“ Deshalb wollen sie nun diese Landschaft erhalten. Der Anbau von Bio-Kaffee ist hier relativ einfach, denn die Pflanzen benötigen eigentlich nur Schatten. Den bietet der Wald freigiebig.

Für Kunstdünger gibt es Kredite, für Kuhdung nicht

Der Marktpreis für Bioprodukte liegt auch in Indien etwas über dem für herkömmlich hergestellte Produkte, insofern kann es sich lohnen, auf Chemie zu verzichten. Allerdings, sagt Cariappa, sei der Bio-Anbau auch teurer. Schuld sei nicht zuletzt die Politik der Regierung. „Für Kuhdung bekommt man keine Darlehen, wenn man Kunstdünger kaufen will, hingegen schon. Die Banken arbeiten mit den Chemiekonzernen zusammen.“ Und die Ernten fallen auf den Bio-Feldern kleiner aus. Die Regierung, die für den Fortschritt wirbt, subventioniert unterdessen den Kauf von Spritzgeräten für Pestizide. Viele Bauern sehen sich wegen fehlender Darlehen gezwungen, von Bio-Kaffee auf Gemüse-Anbau umzusteigen. Dann wird der Wald gerodet, damit das Gemüse Licht bekommt.

Cariappa ist – wie die meisten seiner Kollegen – kein offizieller Bio-Bauer. Die Registrierung würde einigen Papierkram erfordern und kostet bis zu 3.000 Euro im Jahr. Diese Ausgabe müsste er auf den Verkaufspreis aufschlagen, was seinem Wunsch widerspricht, Bioprodukte allen zugänglich zu machen. Und er ist mit dem Gedanken, der hinter der Zertifizierung steht, nicht einverstanden. „Ich möchte, dass die anderen bezahlen und sich registrieren lassen müssen, damit ihre Produkte mit einem Gift-Siegel gekennzeichnet werden.“

Lieber kein Zertifikat

Auch Tanya Levya hält nicht viel von der Zertifizierung. „Wir machen das auf unsere eigene Art“, sagt sie. Und während sie der Besucherin einen Brownie für den Weg in die Hand drückt, sagt sie noch: „Haben Sie unsere Wasserfälle gesehen? Wir haben zwei auf unserem Gelände.“

Vermutlich wäre es besser, die Stadt nicht zu verlassen und noch eine Weile den Wolken bei ihrem Spiel mit den Bergspitzen zuzusehen. Die einzige Sorge, die einen hier oben quält, ist die, dass ein Affe die Bio-Schokolade klauen könnte.

Übersetzung aus dem Englischen: Christine Käppeler
08:00 28.02.2010

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