Infamie und Geistesschwäche

Literatur Thomas Bernhard ist 20 Jahre tot. Vom angefeindeten Mitbürger ist er fast zum Nationalheiligen geworden. In seinen nachgelassenen Schriften tönt er in vertrauter Melodie

Der Zufall „runder“ Daten stellt gelegentlich Zusammenhänge her, die anders kaum zustande kämen. Am 12. Februar jährt sich zum 75. Mal der Bürgerkrieg, dessen Ausgang den Austrofaschismus endgültig etablierte. Am selben Tag jährt sich zum 20. Mal der Todestag Thomas Bernhards.

Einen unmittelbaren Kontext zwischen diesen beiden Ereignissen wird man nicht feststellen können. Es ist ja verblüffend, wie sich in den zwei Jahrzehnten seit Bernhards Tod das Bild dieses Schriftstellers gewandelt hat. Von einem angefeindeten Mitbürger wurde er fast zu einem Nationalheiligen. Und in dem seinerzeit politisch nicht für voll genommenen Grantler erkennt man zunehmend einen politisch hellsichtigen Beobachter, dessen angebliche Übertreibungen von der Wirklichkeit längst überholt wurden.

Das Politische an seinem Werk

Gewiss: politische Theorie war Bernhards Sache nicht. Seine gesellschaftskritischen Statements oder vielmehr die seiner Figuren waren stets literarisch verfremdet. Aber sie treffen doch Österreichs Situation wie kaum ein anderes literarisches Werk der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Thomas Bernhard war kein Sozialist. Was der 12. Februar für die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung bedeutet, hat ihn kaum berührt. Aber die Abscheu vor den katholischen und den sozialdemokratischen Nazis, die sein gesamtes Werk durchzieht, hat in den Ereignissen von 1934 einen entscheidenden Ursprung.

Es war die Erfahrung der gemeinsamen Inhaftierung mit illegalen Nationalsozialisten im Dollfuß-Regime, die manche Sozialdemokraten bis in die Nachkriegszeit hinein Nachsicht, ja eine gewisse Verbundenheit mit Nazis empfinden ließ.

Wie hätte sich Thomas Bernhard wohl zur sozialdemokratischen Spitzenpolitikerin Gabi Burgstaller geäußert, die dem toten Jörg Haider nachrief, trotz mancher Auffassungsunterschiede habe sie keinen Zeifel daran, dass für ihn stets der Mensch im Mittelpunkt des Handelns gestanden habe.

Sie habe einen politischen Kollegen verloren, tremolierte die Landeshauptfrau im Bundesland Salzburg, dessen gleichnamige Hauptstadt in Bernhards Leben und Werk eine zentrale und wenig schmeichelhafte Rolle spielt, über ihren Kärntner Kollegen. Haider, so Burgstaller, habe vor allem die Fähigkeit gehabt habe, nach vorne zu schauen: „Mit Landeshauptmann Jörg Haider verliert Österreich eines der größten politischen Talente der letzten Jahrzehnte“. Wen wundert es da noch, dass Gabi Burgstaller eine Koalition mit Heinz-Christian Straches FPÖ, die immer wieder dem Verdacht einer ideologischen Nähe zu den Nazis Nahrung gibt, nach der bevorstehenden Landtagswahl nicht ausschließt.

Oswald Wiener, der nur vier Jahre jüngere Landsmann und Kollege Thomas Bernhards, hat vor genau 30 Jahren ein schmales Buch veröffentlicht, das den schönen Titel Wir möchten auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren trägt. Es wäre doch mehr als verwunderlich, wenn die beiden konkurrierenden Verlage Thomas Bernhards nicht von dessen Todestag profitieren wollten.

Der Residenz-Verlag bringt die autobiographischen Schriften, die es in diesem Verlag bisher in einer Kassette mit fünf Einzelbänden gibt, in neuer Aufmachung heraus. Suhrkamp kann sogar mit einer veritablen Neuerscheinung aus dem Nachlass aufwarten: Meine Preise vereint neun Texte zu Ehrungen, die Thomas Bernhard entgegengenommen hat, drei Ansprachen zu solchen Anlässen und die Begründung für den Austritt aus der Akademie für Sprache und Dichtung.

Das Komische in seinem Werk

Thomas Bernhard hat das Manuskript Anfang der achtziger Jahre fertiggestellt und kurz vor seinem Tod zur Veröffentlichung vorbereitet. Nun also liegt sie vor, als Stimme aus dem Grab, sozusagen, und die tönt in vertrauter Melodie. Meine Preise enthält alle Qualitäten, die Thomas Bernhards Texten eignen, und bestätigt jene, die hinter der Pose der Misslaunigkeit stets das Komische in Bernhards Werk bemerkten.

Die Texte bedürfen nur eines minimalen Perspektivwechsels, nur einer kaum wahrnehmbaren Verzerrung, um Komik zu erzeugen. Sie liegt größtenteils in der Realität von Preisverleihungen selbst. Liest man Bernhards Darstellungen, muss man sich eher wundern, dass diese Rituale von irgendjemand ernst genommen werden. Und weil sie sogar für ein Buch von nur 140 Seiten zu wenig hergeben, kultiviert Bernhard auch hier seine Kunst der assoziativen Suada. Erweist sich Bernhard darin als „Arschloch“, fragt Gustav Seibt in der Süddeutschen und zitiert dabei Maxim Biller, dem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erlaubt hatte, was Seibt an Bernhard stört: das „abgestandene Geschimpfe“? Wir wollen gar nicht die handliche Entschuldigung der literarisierenden Übertreibung bemühen. Die Lemuren, die Bernhard beschimpft, haben es nicht anders verdient, mit seiner Befürchtung, dass nicht angenommenes Geld „einer Niete in den Rachen geworfen (wird), die nur Unheil anrichtet mit ihren Erzeugnissen und die Luft verpestet“, hat er wahrscheinlich Recht. Und das Motiv der Preisverleihung liefert, genau besehen, nur den Rahmen, der die Texte zusammenhält.

Dass Thomas Bernhard die Einrichtung „Preisverleihung“ durchschaute und eigentlich verabscheute, die Preise aber dennoch entgegennahm, begründet er damit, dass er das Geld benötigt hat. Das trifft gewiss zu. Darüber hinaus ist es aber die Erscheinungsform einer typischen Haltung Thomas Bernhards.

Das geliebte Österreich

Pascal Bruckner sprach zu Weihnachten in einem Essay, der auf deutsch zuerst im Perlentaucher erschien, im Zusammenhang mit der Familie von „Klaustrophobie versus Platzangst“. Diese Formel passt vorzüglich für den Widerspruch, der Bernhards Figuren plagt und wohl auch ihm zu schaffen gemacht hat. Die Sehnsucht nach Nähe und die Angst davor, die ja den meisten Menschen nicht unbekannt sind, nehmen bei Bernhard einen so prominenten Raum ein, dass sie von vielen Lesern als Übertreibung wahrgenommen werden. Das Wort „Lebensmensch“, das Bernhard für die zeitweilige Gefährtin Hedwig Stavianicek geprägt hat und das groteskerweise ausgerechnet der BZÖ-Jungpolitiker Stefan Petzner jüngst für den verstorbenen Jörg Haider benutzte, bringt den Wunsch nach Nähe auf den unübertrefflichen Begriff.

Das massive Leiden der Bernhardschen Protagonisten an ihren Mitmenschen ist Ausdruck ihres Bedürfnisses nach Distanz. Auch politisch kennzeichnet dieser Widerspruch Thomas Bernhard. Seine Beschimpfungen perpetuierten ex negativo eine Bindung an das Beschimpfte, an Österreich wie an eine Geliebte, mit der man nicht leben, von der man sich aber auch nicht lösen kann; das gesellschaftliche Engagement in einem Kollektiv hätte bei Bernhard unweigerlich klaustrophobische Reaktionen ausgelöst. Er musste der große, scheinbar misanthropische Einzelgänger bleiben, als den er sich darstellte.

„Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist“, sagte Thomas Bernhard in seiner Dankesrede für den Österreichischen Staatspreis. Am 12. Februar jährt sich zum 75. Mal der Bürgerkrieg in Österreich und zum 20. Mal der Todestag des großen österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard.

Meine Preise. Eine Bilanz. Erstausgabe aus dem Nachlass, Thomas Bernhard, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 144 S., 15, 80
Die Autobiographie Thomas Bernhard, Residenz, Salzburg 2009, 578 S., 20

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00:15 12.02.2009

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